Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Jean Paul: Dritte Abteilung Briefe. In: Jean Pauls Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. 3, Bd. 1. Berlin, 1956.

Bild:
<< vorherige Seite

meine erste Pflicht gegen Sie -- und diese wird nie in dem auslöschen,
der die Ere hat sich zu nennen

Ew. Hocherwürden
gehorsamster Diener

Leipzig den 27 Mai 1781 [Sonntag]. J. P. F. Richter5
9. An Aktuar Vogel in Schwarzenbach.
[Konzept]

Mit vielem Vergnügen empfieng' ich Ihren Brief, mit noch mererem
durchlas ich ihn. Ich statt' Ihnen dafür den wärmsten Dank ab; und
füge noch die Bitte hinzu, ...........10

Haben Sie etwan einmal Bücher hier nötig, die Sie entweder in
Hof gar nicht, oder we[nigstens nicht] um den genauen Preis bekommen
können -- so lassen Sie mir's Vergnügen, Ihnen meine Dankbarkeit
gegen Sie durch diese unbedeutende Dienste an den Tag legen zu
können. -- Nichts bedauer' ich mer, als daß die Sache mit dem15
Kammerrat Örtel nicht iezt schon so gegangen ist, wie ich's gewünscht
habe. Soviel kan ich Sie versichern, daß Sie Ihren Endzwek völlig
noch erreichen werden -- obgleich Sie ihn iezt noch nicht erreicht
haben. Vielleicht hat der alte Örtel die ganze Sache vergessen -- oder
er wil noch etlichemal erwarten, wie oft der Kling[s]or als Dumkopf20
und Nar handeln kan. Und wie schwer ist's alte Leute zur Ver-
änderung zu bewegen -- iede Neuerung ist ihnen verhast, sie legen un-
gern ein altes Kleid ab -- iede ihrer Ideen wurzelt doppelt fest in
ihrem dürren [?] Gehirne. Ich wil die Sache durch den iungen Örtel[12]
betreiben so viel ich kan. -- Ich vermutet' es voraus, daß der Klingsor25
Ihre Erwartung wird übertroffen haben -- versteht sich, durch elendes
Zeug. Aber obgleich Sie [ihm] auf alle Weise werden seine Schwäche
fülen lassen, und ihm die Lerheit seines Gehirns auf ieder Seite seiner
Arbeiten demonstriren -- so wird er demungeachtet sich noch für den
hochberümten S. Kling[s]or [halten], dazu ihn ein hoher Rat geprägt30
hat. Weil er alt ist, und Sie nicht, so wird er die Weisheit nach der
Farbe der Hare schäzzen -- und sich es nicht einfallen lassen, daß es
auch graue E --*) giebt. Ich bedauer' es nur, daß Sie Ihre Kräfte an

*) Der Hochmut wächst mit dem Alter und der Dumheit.

meine erſte Pflicht gegen Sie — und dieſe wird nie in dem auslöſchen,
der die Ere hat ſich zu nennen

Ew. Hocherwürden
gehorſamſter Diener

Leipzig den 27 Mai 1781 [Sonntag]. J. P. F. Richter5
9. An Aktuar Vogel in Schwarzenbach.
[Konzept]

Mit vielem Vergnügen empfieng’ ich Ihren Brief, mit noch mererem
durchlas ich ihn. Ich ſtatt’ Ihnen dafür den wärmſten Dank ab; und
füge noch die Bitte hinzu, ...........10

Haben Sie etwan einmal Bücher hier nötig, die Sie entweder in
Hof gar nicht, oder we[nigſtens nicht] um den genauen Preis bekommen
können — ſo laſſen Sie mir’s Vergnügen, Ihnen meine Dankbarkeit
gegen Sie durch dieſe unbedeutende Dienſte an den Tag legen zu
können. — Nichts bedauer’ ich mer, als daß die Sache mit dem15
Kammerrat Örtel nicht iezt ſchon ſo gegangen iſt, wie ich’s gewünſcht
habe. Soviel kan ich Sie verſichern, daß Sie Ihren Endzwek völlig
noch erreichen werden — obgleich Sie ihn iezt noch nicht erreicht
haben. Vielleicht hat der alte Örtel die ganze Sache vergeſſen — oder
er wil noch etlichemal erwarten, wie oft der Kling[s]or als Dumkopf20
und Nar handeln kan. Und wie ſchwer iſt’s alte Leute zur Ver-
änderung zu bewegen — iede Neuerung iſt ihnen verhaſt, ſie legen un-
gern ein altes Kleid ab — iede ihrer Ideen wurzelt doppelt feſt in
ihrem dürren [?] Gehirne. Ich wil die Sache durch den iungen Örtel[12]
betreiben ſo viel ich kan. — Ich vermutet’ es voraus, daß der Klingsor25
Ihre Erwartung wird übertroffen haben — verſteht ſich, durch elendes
Zeug. Aber obgleich Sie [ihm] auf alle Weiſe werden ſeine Schwäche
fülen laſſen, und ihm die Lerheit ſeines Gehirns auf ieder Seite ſeiner
Arbeiten demonſtriren — ſo wird er demungeachtet ſich noch für den
hochberümten S. Kling[s]or [halten], dazu ihn ein hoher Rat geprägt30
hat. Weil er alt iſt, und Sie nicht, ſo wird er die Weisheit nach der
Farbe der Hare ſchäzzen — und ſich es nicht einfallen laſſen, daß es
auch graue E —*) giebt. Ich bedauer’ es nur, daß Sie Ihre Kräfte an

*) Der Hochmut wächſt mit dem Alter und der Dumheit.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div type="letter" n="1">
        <p><pb facs="#f0033" n="11"/>
meine er&#x017F;te Pflicht gegen Sie &#x2014; und die&#x017F;e wird nie in dem auslö&#x017F;chen,<lb/>
der die Ere hat &#x017F;ich zu nennen</p><lb/>
        <closer>
          <salute> <hi rendition="#et">Ew. Hocherwürden<lb/>
gehor&#x017F;am&#x017F;ter Diener</hi><lb/>
            <date> <hi rendition="#left">Leipzig den 27 Mai 1781 <metamark>[</metamark>Sonntag<metamark>]</metamark>.</hi> </date> <hi rendition="#right">J. P. F. Richter</hi> <lb n="5"/>
          </salute>
        </closer>
      </div><lb/>
      <div type="letter" n="1">
        <head>9. An <hi rendition="#g">Aktuar Vogel in Schwarzenbach.</hi></head><lb/>
        <note type="editorial"><metamark>[</metamark>Konzept<metamark>]</metamark></note>
        <dateline> <hi rendition="#right"><metamark>[</metamark>Leipzig, 30. Juni 1781<metamark>]</metamark></hi> </dateline><lb/>
        <p>Mit vielem Vergnügen empfieng&#x2019; ich Ihren Brief, mit noch mererem<lb/>
durchlas ich ihn. Ich &#x017F;tatt&#x2019; Ihnen dafür den wärm&#x017F;ten Dank ab; und<lb/>
füge noch die Bitte hinzu, ...........<lb n="10"/>
</p>
        <p>Haben Sie etwan einmal Bücher hier nötig, die Sie entweder in<lb/>
Hof gar nicht, oder we<metamark>[</metamark>nig&#x017F;tens nicht<metamark>]</metamark> um den genauen Preis bekommen<lb/>
können &#x2014; &#x017F;o la&#x017F;&#x017F;en Sie mir&#x2019;s Vergnügen, Ihnen meine Dankbarkeit<lb/>
gegen Sie durch die&#x017F;e unbedeutende Dien&#x017F;te an den Tag legen zu<lb/>
können. &#x2014; Nichts bedauer&#x2019; ich mer, als daß die Sache mit dem<lb n="15"/>
Kammerrat Örtel nicht <hi rendition="#g">iezt</hi> &#x017F;chon &#x017F;o gegangen i&#x017F;t, wie ich&#x2019;s gewün&#x017F;cht<lb/>
habe. Soviel kan ich Sie ver&#x017F;ichern, daß Sie Ihren Endzwek völlig<lb/>
noch erreichen werden &#x2014; obgleich Sie ihn <hi rendition="#g">iezt</hi> noch nicht erreicht<lb/>
haben. Vielleicht hat der alte Örtel die ganze Sache verge&#x017F;&#x017F;en &#x2014; oder<lb/>
er wil noch etlichemal erwarten, wie oft der Kling<metamark>[</metamark>s<metamark>]</metamark>or als Dumkopf<lb n="20"/>
und Nar handeln kan. Und wie &#x017F;chwer i&#x017F;t&#x2019;s alte Leute zur Ver-<lb/>
änderung zu bewegen &#x2014; iede Neuerung i&#x017F;t ihnen verha&#x017F;t, &#x017F;ie legen un-<lb/>
gern ein altes Kleid ab &#x2014; iede ihrer Ideen wurzelt doppelt fe&#x017F;t in<lb/>
ihrem dürren <metamark>[?]</metamark> Gehirne. Ich wil die Sache durch den iungen Örtel<note place="right"><ref target="1922_Bd#_12">[12]</ref></note><lb/>
betreiben &#x017F;o viel ich kan. &#x2014; Ich vermutet&#x2019; es voraus, daß der Klingsor<lb n="25"/>
Ihre Erwartung wird übertroffen haben &#x2014; ver&#x017F;teht &#x017F;ich, durch elendes<lb/>
Zeug. Aber obgleich Sie <metamark>[</metamark>ihm<metamark>]</metamark> auf alle Wei&#x017F;e werden &#x017F;eine Schwäche<lb/>
fülen la&#x017F;&#x017F;en, und ihm die Lerheit &#x017F;eines Gehirns auf ieder Seite &#x017F;einer<lb/>
Arbeiten demon&#x017F;triren &#x2014; &#x017F;o wird er demungeachtet &#x017F;ich noch für den<lb/>
hochberümten S. Kling<metamark>[</metamark>s<metamark>]</metamark>or <metamark>[</metamark>halten<metamark>]</metamark>, dazu ihn ein hoher Rat geprägt<lb n="30"/>
hat. Weil er alt i&#x017F;t, und Sie nicht, &#x017F;o wird er die Weisheit nach der<lb/>
Farbe der Hare &#x017F;chäzzen &#x2014; und &#x017F;ich es nicht einfallen la&#x017F;&#x017F;en, daß es<lb/>
auch graue E &#x2014;<note place="foot" n="*)">Der Hochmut wäch&#x017F;t mit dem Alter und der Dumheit.</note> giebt. Ich bedauer&#x2019; es nur, daß Sie Ihre Kräfte an<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[11/0033] meine erſte Pflicht gegen Sie — und dieſe wird nie in dem auslöſchen, der die Ere hat ſich zu nennen Ew. Hocherwürden gehorſamſter Diener Leipzig den 27 Mai 1781 [Sonntag]. J. P. F. Richter 5 9. An Aktuar Vogel in Schwarzenbach. [Leipzig, 30. Juni 1781] Mit vielem Vergnügen empfieng’ ich Ihren Brief, mit noch mererem durchlas ich ihn. Ich ſtatt’ Ihnen dafür den wärmſten Dank ab; und füge noch die Bitte hinzu, ........... 10 Haben Sie etwan einmal Bücher hier nötig, die Sie entweder in Hof gar nicht, oder we[nigſtens nicht] um den genauen Preis bekommen können — ſo laſſen Sie mir’s Vergnügen, Ihnen meine Dankbarkeit gegen Sie durch dieſe unbedeutende Dienſte an den Tag legen zu können. — Nichts bedauer’ ich mer, als daß die Sache mit dem 15 Kammerrat Örtel nicht iezt ſchon ſo gegangen iſt, wie ich’s gewünſcht habe. Soviel kan ich Sie verſichern, daß Sie Ihren Endzwek völlig noch erreichen werden — obgleich Sie ihn iezt noch nicht erreicht haben. Vielleicht hat der alte Örtel die ganze Sache vergeſſen — oder er wil noch etlichemal erwarten, wie oft der Kling[s]or als Dumkopf 20 und Nar handeln kan. Und wie ſchwer iſt’s alte Leute zur Ver- änderung zu bewegen — iede Neuerung iſt ihnen verhaſt, ſie legen un- gern ein altes Kleid ab — iede ihrer Ideen wurzelt doppelt feſt in ihrem dürren [?] Gehirne. Ich wil die Sache durch den iungen Örtel betreiben ſo viel ich kan. — Ich vermutet’ es voraus, daß der Klingsor 25 Ihre Erwartung wird übertroffen haben — verſteht ſich, durch elendes Zeug. Aber obgleich Sie [ihm] auf alle Weiſe werden ſeine Schwäche fülen laſſen, und ihm die Lerheit ſeines Gehirns auf ieder Seite ſeiner Arbeiten demonſtriren — ſo wird er demungeachtet ſich noch für den hochberümten S. Kling[s]or [halten], dazu ihn ein hoher Rat geprägt 30 hat. Weil er alt iſt, und Sie nicht, ſo wird er die Weisheit nach der Farbe der Hare ſchäzzen — und ſich es nicht einfallen laſſen, daß es auch graue E — *) giebt. Ich bedauer’ es nur, daß Sie Ihre Kräfte an [12] *) Der Hochmut wächſt mit dem Alter und der Dumheit.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Historisch-kritische Ausgabe der Werke und Briefe von Jean Paul. Berlin-Brandenburgische Akademie zu Berlin: Bereitstellung der Texttranskription. (2016-11-22T14:52:17Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Markus Bernauer, Matthias Boenig: Bearbeitung der digitalen Edition. (2016-11-22T14:52:17Z)

Weitere Informationen:

Die digitale Edition der Briefe Jean Pauls im Deutschen Textarchiv basiert auf der von Eduard Berend herausgegebenen III. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe mit den Briefen Jean Pauls. Die Bände werden im Faksimile und in getreuer Umschrift ohne Korrekturen vollständig zugänglich gemacht. Nicht aufgenommen, da in der hier gewählten Präsentation kaum nutzbar, sind Berends umfangreiche Register über die III. Abteilung in Band III/9, die in das elektronische Gesamtregister über die Briefe von und an Jean Paul eingegangen sind. Das bedeutet: Aufbewahrungsorte von Handschriften sowie veraltete Literaturverweise blieben ebenso bestehen wie die Nummern der von Jean Paul beantworteten Briefe oder der an ihn gerichteten Antworten, Nummern, die sich auf die Regesten in den digitalisierten Bänden beziehen und nicht auf die neue IV. Abteilung mit den Briefen an Jean Paul (s. dort die Konkordanzen).

Eine andere, briefzentrierte digitale Edition der Briefe Jean Pauls ist derzeit als Gemeinschaftsprojekt der Jean-Paul-Edition und der Initiative TELOTA in Vorbereitung. Die Metadaten dieser Ausgabe sowie veraltete Verweise in den Erläuterungen werden dort so weit als möglich aktualisiert. Die Digitalisierung wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe01_1956
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe01_1956/33
Zitationshilfe: Jean Paul: Dritte Abteilung Briefe. In: Jean Pauls Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. 3, Bd. 1. Berlin, 1956, S. 11. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe01_1956/33>, abgerufen am 15.12.2019.