Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Jean Paul: Dritte Abteilung Briefe. In: Jean Pauls Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. 3, Bd. 1. Berlin, 1956.

Bild:
<< vorherige Seite
209. An?
[Kopie]

"Er treibt einen Kommissionshandel an Wochentagen mit dem
Vergeben der Sünden und am Sontag sperret er wie andre Kauf-
leute seinen Laden."5

210. An Hermann in Hof.
[Kopie]

Da dein Versprechen ein Dilemma ist -- (da ich nicht weis, ob ich
meinen Sabbatherweg mache) -- Die Juden haben 3 Vorzüge [1)]
eine edle Bildung, die Scharfsin weissagt 2) den geweissagten Scharfsin10
selbst 3) und die Seelenstärke mitten unter dem Geschrei der ganzen
Welt Selbstlauter zu sein, nicht Accidenzien an Substanz sondern
selbst Substanz zu sein, nicht Echo und Chamäleons etc.

Lieber Herman, wenn man die Wahl hat zwischen Nachahmen und
Nachgemachtwerden: was sol man da machen? Ich glaube, einen15
Juden sowol in als ausser dem Rathhaus. Ich bin ein blosser Christ
und dein Freund.

211. An Pfarrer Vogel in Rehau.

p. p.20
Lieber Herr Pfarrer

Sie versprachen mir zu schreiben, werden es aber nicht eher thun
als heute nachmittag. Ich versprach Ihnen eine Übersezung von
Rousseau's Abhandlung über den Selbstmord: heute kömt sie. Sie[249]
werden beim ersten Theil der Abhandlung bemerken, daß die Bered-25
samkeit und Wahrheit zwar die nächsten Nachbarn, aber nicht die
nächsten Freunde sind. Ich übersezte eilig und in kranken Erholungs-
stunden, da die Hypochondrie mich mit ihren Dornenkronen und
Zilizien sticht, damit ich aßetische Übungen habe.

Troz der Hypochondrie oder vielmehr eben ihrentwegen überlauf'30
ich Sie am 2ten Osterfeiertage. Da man sonst zu Ostern Christen
schuf und taufte: so ersuch' ich Sie, machen Sie mich zu Ostern auch
zu einem. Ich wil Sie zum Gegentheil umformen oder vielmehr

209. An?
[Kopie]

„Er treibt einen Kommiſſionshandel an Wochentagen mit dem
Vergeben der Sünden und am Sontag ſperret er wie andre Kauf-
leute ſeinen Laden.“5

210. An Hermann in Hof.
[Kopie]

Da dein Verſprechen ein Dilemma iſt — (da ich nicht weis, ob ich
meinen Sabbatherweg mache) — Die Juden haben 3 Vorzüge [1)]
eine edle Bildung, die Scharfſin weiſſagt 2) den geweiſſagten Scharfſin10
ſelbſt 3) und die Seelenſtärke mitten unter dem Geſchrei der ganzen
Welt Selbſtlauter zu ſein, nicht Accidenzien an Subſtanz ſondern
ſelbſt Subſtanz zu ſein, nicht Echo und Chamäleons ꝛc.

Lieber Herman, wenn man die Wahl hat zwiſchen Nachahmen und
Nachgemachtwerden: was ſol man da machen? Ich glaube, einen15
Juden ſowol in als auſſer dem Rathhaus. Ich bin ein bloſſer Chriſt
und dein Freund.

211. An Pfarrer Vogel in Rehau.

p. p.20
Lieber Herr Pfarrer

Sie verſprachen mir zu ſchreiben, werden es aber nicht eher thun
als heute nachmittag. Ich verſprach Ihnen eine Überſezung von
Rouſſeau’s Abhandlung über den Selbſtmord: heute kömt ſie. Sie[249]
werden beim erſten Theil der Abhandlung bemerken, daß die Bered-25
ſamkeit und Wahrheit zwar die nächſten Nachbarn, aber nicht die
nächſten Freunde ſind. Ich überſezte eilig und in kranken Erholungs-
ſtunden, da die Hypochondrie mich mit ihren Dornenkronen und
Zilizien ſticht, damit ich aſzetiſche Übungen habe.

Troz der Hypochondrie oder vielmehr eben ihrentwegen überlauf’30
ich Sie am 2ten Oſterfeiertage. Da man ſonſt zu Oſtern Chriſten
ſchuf und taufte: ſo erſuch’ ich Sie, machen Sie mich zu Oſtern auch
zu einem. Ich wil Sie zum Gegentheil umformen oder vielmehr

<TEI>
  <text>
    <body>
      <pb facs="#f0260" n="235"/>
      <div type="letter" n="1">
        <head>209. An?</head><lb/>
        <note type="editorial"><metamark>[</metamark>Kopie<metamark>]</metamark></note>
        <dateline> <hi rendition="#right"><metamark>[</metamark>Töpen, Anfang 1788<metamark>]</metamark></hi> </dateline><lb/>
        <p>&#x201E;Er treibt einen Kommi&#x017F;&#x017F;ionshandel an Wochentagen mit dem<lb/>
Vergeben der Sünden und am Sontag &#x017F;perret er wie andre Kauf-<lb/>
leute &#x017F;einen Laden.&#x201C;<lb n="5"/>
</p>
      </div><lb/>
      <div type="letter" n="1">
        <head>210. An <hi rendition="#g">Hermann in Hof.</hi></head><lb/>
        <note type="editorial"><metamark>[</metamark>Kopie<metamark>]</metamark></note>
        <dateline> <hi rendition="#right"><metamark>[</metamark>Töpen, 7. Febr. 1788. Donnerstag<metamark>]</metamark></hi> </dateline><lb/>
        <p>Da dein Ver&#x017F;prechen ein Dilemma i&#x017F;t &#x2014; (da ich nicht weis, ob ich<lb/>
meinen Sabbatherweg mache) &#x2014; Die Juden haben 3 Vorzüge <metamark>[</metamark>1)<metamark>]</metamark><lb/>
eine edle Bildung, die Scharf&#x017F;in wei&#x017F;&#x017F;agt 2) den gewei&#x017F;&#x017F;agten Scharf&#x017F;in<lb n="10"/>
&#x017F;elb&#x017F;t 3) und die Seelen&#x017F;tärke mitten unter dem Ge&#x017F;chrei der ganzen<lb/>
Welt Selb&#x017F;tlauter zu &#x017F;ein, nicht Accidenzien an Sub&#x017F;tanz &#x017F;ondern<lb/>
&#x017F;elb&#x017F;t Sub&#x017F;tanz zu &#x017F;ein, nicht Echo und Chamäleons &#xA75B;c.</p><lb/>
        <p>Lieber Herman, wenn man die Wahl hat zwi&#x017F;chen Nachahmen und<lb/>
Nachgemachtwerden: was &#x017F;ol man da machen? Ich glaube, einen<lb n="15"/>
Juden &#x017F;owol in als au&#x017F;&#x017F;er dem Rathhaus. Ich bin ein blo&#x017F;&#x017F;er Chri&#x017F;t<lb/>
und dein Freund.</p>
      </div><lb/>
      <div type="letter" n="1">
        <head>211. An <hi rendition="#g">Pfarrer Vogel in Rehau.</hi></head><lb/>
        <dateline> <hi rendition="#right">Hof den 2 März 88 <metamark>[</metamark>Sonntag<metamark>]</metamark>.</hi> </dateline><lb/>
        <opener>
          <salute> <hi rendition="#et"><hi rendition="#aq">p. p.</hi><lb n="20"/>
Lieber Herr Pfarrer</hi> </salute>
        </opener><lb/>
        <p>Sie ver&#x017F;prachen mir zu &#x017F;chreiben, werden es aber nicht eher thun<lb/>
als heute nachmittag. Ich ver&#x017F;prach Ihnen eine Über&#x017F;ezung von<lb/>
Rou&#x017F;&#x017F;eau&#x2019;s Abhandlung über den Selb&#x017F;tmord: heute kömt &#x017F;ie. Sie<note place="right"><ref target="1922_Bd#_249">[249]</ref></note><lb/>
werden beim er&#x017F;ten Theil der Abhandlung bemerken, daß die Bered-<lb n="25"/>
&#x017F;amkeit und Wahrheit zwar die näch&#x017F;ten Nachbarn, aber nicht die<lb/>
näch&#x017F;ten Freunde &#x017F;ind. Ich über&#x017F;ezte eilig und in kranken Erholungs-<lb/>
&#x017F;tunden, da die Hypochondrie mich mit ihren Dornenkronen und<lb/>
Zilizien &#x017F;ticht, damit ich a&#x017F;zeti&#x017F;che Übungen habe.</p><lb/>
        <p>Troz der Hypochondrie oder vielmehr eben ihrentwegen überlauf&#x2019;<lb n="30"/>
ich Sie am 2<hi rendition="#sup">ten</hi> O&#x017F;terfeiertage. Da man &#x017F;on&#x017F;t zu O&#x017F;tern Chri&#x017F;ten<lb/>
&#x017F;chuf und taufte: &#x017F;o er&#x017F;uch&#x2019; ich Sie, machen Sie mich zu O&#x017F;tern auch<lb/>
zu einem. Ich wil Sie zum Gegentheil umformen oder vielmehr<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[235/0260] 209. An? [Töpen, Anfang 1788] „Er treibt einen Kommiſſionshandel an Wochentagen mit dem Vergeben der Sünden und am Sontag ſperret er wie andre Kauf- leute ſeinen Laden.“ 5 210. An Hermann in Hof. [Töpen, 7. Febr. 1788. Donnerstag] Da dein Verſprechen ein Dilemma iſt — (da ich nicht weis, ob ich meinen Sabbatherweg mache) — Die Juden haben 3 Vorzüge [1)] eine edle Bildung, die Scharfſin weiſſagt 2) den geweiſſagten Scharfſin 10 ſelbſt 3) und die Seelenſtärke mitten unter dem Geſchrei der ganzen Welt Selbſtlauter zu ſein, nicht Accidenzien an Subſtanz ſondern ſelbſt Subſtanz zu ſein, nicht Echo und Chamäleons ꝛc. Lieber Herman, wenn man die Wahl hat zwiſchen Nachahmen und Nachgemachtwerden: was ſol man da machen? Ich glaube, einen 15 Juden ſowol in als auſſer dem Rathhaus. Ich bin ein bloſſer Chriſt und dein Freund. 211. An Pfarrer Vogel in Rehau. Hof den 2 März 88 [Sonntag]. p. p. 20 Lieber Herr Pfarrer Sie verſprachen mir zu ſchreiben, werden es aber nicht eher thun als heute nachmittag. Ich verſprach Ihnen eine Überſezung von Rouſſeau’s Abhandlung über den Selbſtmord: heute kömt ſie. Sie werden beim erſten Theil der Abhandlung bemerken, daß die Bered- 25 ſamkeit und Wahrheit zwar die nächſten Nachbarn, aber nicht die nächſten Freunde ſind. Ich überſezte eilig und in kranken Erholungs- ſtunden, da die Hypochondrie mich mit ihren Dornenkronen und Zilizien ſticht, damit ich aſzetiſche Übungen habe. [249] Troz der Hypochondrie oder vielmehr eben ihrentwegen überlauf’ 30 ich Sie am 2ten Oſterfeiertage. Da man ſonſt zu Oſtern Chriſten ſchuf und taufte: ſo erſuch’ ich Sie, machen Sie mich zu Oſtern auch zu einem. Ich wil Sie zum Gegentheil umformen oder vielmehr

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Historisch-kritische Ausgabe der Werke und Briefe von Jean Paul. Berlin-Brandenburgische Akademie zu Berlin: Bereitstellung der Texttranskription. (2016-11-22T14:52:17Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Markus Bernauer, Matthias Boenig: Bearbeitung der digitalen Edition. (2016-11-22T14:52:17Z)

Weitere Informationen:

Die digitale Edition der Briefe Jean Pauls im Deutschen Textarchiv basiert auf der von Eduard Berend herausgegebenen III. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe mit den Briefen Jean Pauls. Die Bände werden im Faksimile und in getreuer Umschrift ohne Korrekturen vollständig zugänglich gemacht. Nicht aufgenommen, da in der hier gewählten Präsentation kaum nutzbar, sind Berends umfangreiche Register über die III. Abteilung in Band III/9, die in das elektronische Gesamtregister über die Briefe von und an Jean Paul eingegangen sind. Das bedeutet: Aufbewahrungsorte von Handschriften sowie veraltete Literaturverweise blieben ebenso bestehen wie die Nummern der von Jean Paul beantworteten Briefe oder der an ihn gerichteten Antworten, Nummern, die sich auf die Regesten in den digitalisierten Bänden beziehen und nicht auf die neue IV. Abteilung mit den Briefen an Jean Paul (s. dort die Konkordanzen).

Eine andere, briefzentrierte digitale Edition der Briefe Jean Pauls ist derzeit als Gemeinschaftsprojekt der Jean-Paul-Edition und der Initiative TELOTA in Vorbereitung. Die Metadaten dieser Ausgabe sowie veraltete Verweise in den Erläuterungen werden dort so weit als möglich aktualisiert. Die Digitalisierung wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe01_1956
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe01_1956/260
Zitationshilfe: Jean Paul: Dritte Abteilung Briefe. In: Jean Pauls Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. 3, Bd. 1. Berlin, 1956, S. 235. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe01_1956/260>, abgerufen am 25.09.2020.