Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Jean Paul: Dritte Abteilung Briefe. In: Jean Pauls Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. 3, Bd. 1. Berlin, 1956.

Bild:
<< vorherige Seite

Am schlimsten ist dies, daß er Ihnen einmal einen Besuch von mir
gerade zu weissaget, welches ich vor Ihnen bisher mit so vieler Mühe
geheim zu halten gestrebet; denn man mus keinem Menschen eine
Widerwärtigkeit dadurch nur noch schwerer machen, daß man sie ihm
voraus verkündigt. So aber sehen Sie nun den ganzen Besuch zu5
Ihrem grössern Misvergnügen völlig voraus. Inzwischen können Sie
kek mit die Schuld auf drei gewisse vortrefliche Frauenzimmer
schieben, die ich gesprochen habe und daher öfter zu sprechen trachte.[218]
So ziehen sich einige Leute Wespen und Bienen in die Sommerstube,
wenn sie draussen vor dem Fenster gerade blühende und wolriechende10
Bäume stehen haben.

Verzeihen Sie mir den vielleicht zu scherzhaften Ton; ich bin dem-
ungeachtet mit ausnehmender Hochachtung

Euer Hochedelgeboren
gehors. Diener15
[Spaltenumbruch] Hof den 9 April 86 [Sonntag]. [Spaltenumbruch] J. P. F. Richter
162. An die Brüder Otto?
[Kopie]

Stekbrief im Schlafrok und ohne iuristische Dekorazion.

Der bekante Dieb, der den Spiznamen Hasus überal annimt,20
eigentlich aber -- man hat es herausgebracht -- Richter heisset,
ist .. eingebrochen und hat ausser einigen Würsten den Böhmeri etc. mit
fortgetragen -- Er ist eine wahre Welt im Kleinen, welches die Römer
nur durch Microcosmus auszudrükken wusten; er ist, wenn man ihn
durch ein Sonnenmikroskop beschaut, von grosser Statur, hat keine25
Binde, und wil also -- das beweiset sein Diebstahl -- lieber gehangen
als strangulirt sein -- und unterscheidet sich dadurch sehr von allen
Menschen, daß er fast gar keinen Verstand hat, wenn er gerade gegessen,
welches ein Aufsaz, den er gerade nach dem Frasse der gedachten
Würste gemacht, mehr als zu wol beweiset.30

163. An Carner.
[Kopie]

Wahrhaftig es hat allemal die schlimsten Folgen, wenn man gelobt
wird: der Teufel wil es so haben. Ich gäbe etwas darum, wenn ich Sie

Am ſchlimſten iſt dies, daß er Ihnen einmal einen Beſuch von mir
gerade zu weiſſaget, welches ich vor Ihnen bisher mit ſo vieler Mühe
geheim zu halten geſtrebet; denn man mus keinem Menſchen eine
Widerwärtigkeit dadurch nur noch ſchwerer machen, daß man ſie ihm
voraus verkündigt. So aber ſehen Sie nun den ganzen Beſuch zu5
Ihrem gröſſern Misvergnügen völlig voraus. Inzwiſchen können Sie
kek mit die Schuld auf drei gewiſſe vortrefliche Frauenzimmer
ſchieben, die ich geſprochen habe und daher öfter zu ſprechen trachte.[218]
So ziehen ſich einige Leute Weſpen und Bienen in die Sommerſtube,
wenn ſie drauſſen vor dem Fenſter gerade blühende und wolriechende10
Bäume ſtehen haben.

Verzeihen Sie mir den vielleicht zu ſcherzhaften Ton; ich bin dem-
ungeachtet mit ausnehmender Hochachtung

Euer Hochedelgeboren
gehorſ. Diener15
[Spaltenumbruch] Hof den 9 April 86 [Sonntag]. [Spaltenumbruch] J. P. F. Richter
162. An die Brüder Otto?
[Kopie]

Stekbrief im Schlafrok und ohne iuriſtiſche Dekorazion.

Der bekante Dieb, der den Spiznamen Haſus überal annimt,20
eigentlich aber — man hat es herausgebracht — Richter heiſſet,
iſt .. eingebrochen und hat auſſer einigen Würſten den Böhmeri ꝛc. mit
fortgetragen — Er iſt eine wahre Welt im Kleinen, welches die Römer
nur durch Microcosmus auszudrükken wuſten; er iſt, wenn man ihn
durch ein Sonnenmikroſkop beſchaut, von groſſer Statur, hat keine25
Binde, und wil alſo — das beweiſet ſein Diebſtahl — lieber gehangen
als ſtrangulirt ſein — und unterſcheidet ſich dadurch ſehr von allen
Menſchen, daß er faſt gar keinen Verſtand hat, wenn er gerade gegeſſen,
welches ein Aufſaz, den er gerade nach dem Fraſſe der gedachten
Würſte gemacht, mehr als zu wol beweiſet.30

163. An Carner.
[Kopie]

Wahrhaftig es hat allemal die ſchlimſten Folgen, wenn man gelobt
wird: der Teufel wil es ſo haben. Ich gäbe etwas darum, wenn ich Sie

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div type="letter" n="1">
        <pb facs="#f0232" n="207"/>
        <p>Am &#x017F;chlim&#x017F;ten i&#x017F;t dies, daß er Ihnen einmal einen Be&#x017F;uch von mir<lb/>
gerade zu wei&#x017F;&#x017F;aget, welches ich vor Ihnen bisher mit &#x017F;o vieler Mühe<lb/>
geheim zu halten ge&#x017F;trebet; denn man mus keinem Men&#x017F;chen eine<lb/>
Widerwärtigkeit dadurch nur noch &#x017F;chwerer machen, daß man &#x017F;ie ihm<lb/>
voraus verkündigt. So aber &#x017F;ehen Sie nun den ganzen Be&#x017F;uch zu<lb n="5"/>
Ihrem grö&#x017F;&#x017F;ern Misvergnügen völlig voraus. Inzwi&#x017F;chen können Sie<lb/>
kek mit die Schuld auf drei gewi&#x017F;&#x017F;e vortrefliche Frauenzimmer<lb/>
&#x017F;chieben, die ich ge&#x017F;prochen habe und daher öfter zu &#x017F;prechen trachte.<note place="right"><ref target="1922_Bd#_218">[218]</ref></note><lb/>
So ziehen &#x017F;ich einige Leute We&#x017F;pen und Bienen in die Sommer&#x017F;tube,<lb/>
wenn &#x017F;ie drau&#x017F;&#x017F;en vor dem Fen&#x017F;ter gerade blühende und wolriechende<lb n="10"/>
Bäume &#x017F;tehen haben.</p><lb/>
        <p>Verzeihen Sie mir den vielleicht zu &#x017F;cherzhaften Ton; ich bin dem-<lb/>
ungeachtet mit ausnehmender Hochachtung</p><lb/>
        <closer>
          <salute> <hi rendition="#et">Euer Hochedelgeboren<lb/>
gehor&#x017F;. Diener<lb n="15"/>
</hi> <cb/>
            <date> <hi rendition="#left">Hof den 9 April 86 <metamark>[</metamark>Sonntag<metamark>]</metamark>.</hi> </date>
            <cb/> <hi rendition="#right">J. P. F. Richter</hi> </salute>
        </closer>
      </div><lb/>
      <div type="letter" n="1">
        <head>162. An <hi rendition="#g">die Brüder Otto?</hi></head><lb/>
        <note type="editorial"><metamark>[</metamark>Kopie<metamark>]</metamark></note>
        <dateline> <hi rendition="#right"><metamark>[</metamark>Hof, April 1786<metamark>]</metamark></hi> </dateline><lb/>
        <p> <hi rendition="#g">Stekbrief im Schlafrok und ohne iuri&#x017F;ti&#x017F;che Dekorazion.</hi> </p><lb/>
        <p>Der bekante Dieb, der den Spiznamen Ha&#x017F;us überal annimt,<lb n="20"/>
eigentlich aber &#x2014; man hat es herausgebracht &#x2014; Richter hei&#x017F;&#x017F;et,<lb/>
i&#x017F;t .. eingebrochen und hat au&#x017F;&#x017F;er einigen Wür&#x017F;ten den <hi rendition="#aq">Böhmeri</hi> &#xA75B;c. mit<lb/>
fortgetragen &#x2014; Er i&#x017F;t eine wahre Welt im Kleinen, welches die Römer<lb/>
nur durch <hi rendition="#aq">Microcosmus</hi> auszudrükken wu&#x017F;ten; er i&#x017F;t, wenn man ihn<lb/>
durch ein Sonnenmikro&#x017F;kop be&#x017F;chaut, von gro&#x017F;&#x017F;er Statur, hat keine<lb n="25"/>
Binde, und wil al&#x017F;o &#x2014; das bewei&#x017F;et &#x017F;ein Dieb&#x017F;tahl &#x2014; lieber gehangen<lb/>
als &#x017F;trangulirt &#x017F;ein &#x2014; und unter&#x017F;cheidet &#x017F;ich dadurch &#x017F;ehr von allen<lb/>
Men&#x017F;chen, daß er fa&#x017F;t gar keinen Ver&#x017F;tand hat, wenn er gerade gege&#x017F;&#x017F;en,<lb/>
welches ein Auf&#x017F;az, den er gerade nach dem Fra&#x017F;&#x017F;e der gedachten<lb/>
Wür&#x017F;te gemacht, mehr als zu wol bewei&#x017F;et.<lb n="30"/>
</p>
      </div><lb/>
      <div type="letter" n="1">
        <head>163. An <hi rendition="#g">Carner.</hi></head><lb/>
        <note type="editorial"><metamark>[</metamark>Kopie<metamark>]</metamark></note>
        <dateline> <hi rendition="#right"><metamark>[</metamark>Hof, 14. April 1786<metamark>]</metamark></hi> </dateline><lb/>
        <p>Wahrhaftig es hat allemal die &#x017F;chlim&#x017F;ten Folgen, wenn man gelobt<lb/>
wird: der Teufel wil es &#x017F;o haben. Ich gäbe etwas darum, wenn ich Sie<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[207/0232] Am ſchlimſten iſt dies, daß er Ihnen einmal einen Beſuch von mir gerade zu weiſſaget, welches ich vor Ihnen bisher mit ſo vieler Mühe geheim zu halten geſtrebet; denn man mus keinem Menſchen eine Widerwärtigkeit dadurch nur noch ſchwerer machen, daß man ſie ihm voraus verkündigt. So aber ſehen Sie nun den ganzen Beſuch zu 5 Ihrem gröſſern Misvergnügen völlig voraus. Inzwiſchen können Sie kek mit die Schuld auf drei gewiſſe vortrefliche Frauenzimmer ſchieben, die ich geſprochen habe und daher öfter zu ſprechen trachte. So ziehen ſich einige Leute Weſpen und Bienen in die Sommerſtube, wenn ſie drauſſen vor dem Fenſter gerade blühende und wolriechende 10 Bäume ſtehen haben. [218] Verzeihen Sie mir den vielleicht zu ſcherzhaften Ton; ich bin dem- ungeachtet mit ausnehmender Hochachtung Euer Hochedelgeboren gehorſ. Diener 15 Hof den 9 April 86 [Sonntag]. J. P. F. Richter 162. An die Brüder Otto? [Hof, April 1786] Stekbrief im Schlafrok und ohne iuriſtiſche Dekorazion. Der bekante Dieb, der den Spiznamen Haſus überal annimt, 20 eigentlich aber — man hat es herausgebracht — Richter heiſſet, iſt .. eingebrochen und hat auſſer einigen Würſten den Böhmeri ꝛc. mit fortgetragen — Er iſt eine wahre Welt im Kleinen, welches die Römer nur durch Microcosmus auszudrükken wuſten; er iſt, wenn man ihn durch ein Sonnenmikroſkop beſchaut, von groſſer Statur, hat keine 25 Binde, und wil alſo — das beweiſet ſein Diebſtahl — lieber gehangen als ſtrangulirt ſein — und unterſcheidet ſich dadurch ſehr von allen Menſchen, daß er faſt gar keinen Verſtand hat, wenn er gerade gegeſſen, welches ein Aufſaz, den er gerade nach dem Fraſſe der gedachten Würſte gemacht, mehr als zu wol beweiſet. 30 163. An Carner. [Hof, 14. April 1786] Wahrhaftig es hat allemal die ſchlimſten Folgen, wenn man gelobt wird: der Teufel wil es ſo haben. Ich gäbe etwas darum, wenn ich Sie

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Historisch-kritische Ausgabe der Werke und Briefe von Jean Paul. Berlin-Brandenburgische Akademie zu Berlin: Bereitstellung der Texttranskription. (2016-11-22T14:52:17Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Markus Bernauer, Matthias Boenig: Bearbeitung der digitalen Edition. (2016-11-22T14:52:17Z)

Weitere Informationen:

Die digitale Edition der Briefe Jean Pauls im Deutschen Textarchiv basiert auf der von Eduard Berend herausgegebenen III. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe mit den Briefen Jean Pauls. Die Bände werden im Faksimile und in getreuer Umschrift ohne Korrekturen vollständig zugänglich gemacht. Nicht aufgenommen, da in der hier gewählten Präsentation kaum nutzbar, sind Berends umfangreiche Register über die III. Abteilung in Band III/9, die in das elektronische Gesamtregister über die Briefe von und an Jean Paul eingegangen sind. Das bedeutet: Aufbewahrungsorte von Handschriften sowie veraltete Literaturverweise blieben ebenso bestehen wie die Nummern der von Jean Paul beantworteten Briefe oder der an ihn gerichteten Antworten, Nummern, die sich auf die Regesten in den digitalisierten Bänden beziehen und nicht auf die neue IV. Abteilung mit den Briefen an Jean Paul (s. dort die Konkordanzen).

Eine andere, briefzentrierte digitale Edition der Briefe Jean Pauls ist derzeit als Gemeinschaftsprojekt der Jean-Paul-Edition und der Initiative TELOTA in Vorbereitung. Die Metadaten dieser Ausgabe sowie veraltete Verweise in den Erläuterungen werden dort so weit als möglich aktualisiert. Die Digitalisierung wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe01_1956
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe01_1956/232
Zitationshilfe: Jean Paul: Dritte Abteilung Briefe. In: Jean Pauls Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. 3, Bd. 1. Berlin, 1956, S. 207. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe01_1956/232>, abgerufen am 21.09.2020.