Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Jean Paul: Dritte Abteilung Briefe. In: Jean Pauls Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. 3, Bd. 1. Berlin, 1956.

Bild:
<< vorherige Seite

nächstens zu schreiben: und das hat mir freilich nicht gefallen: denn
wenn es nicht falsch ist (und es ist nur gar zu wahr), daß die Träume
gerade das Gegentheil ihres Inhalts weissagen: so prophezeiet dein
geträumtes Versprechen, mir zu schreiben, nur gar zu deutlich, daß
du mir sobald keinen Brief schikken wirst.5

Du wirst den Wiz meiner Erfindung sehr erheben. Auch dünkt mich
hast du nicht Unrecht. Überhaupt sezet der Traum unserm Geiste neue
Flügel an, auf die vielleicht die alten Künstler anspielten, wenn sie den
Schlaf mit Flügeln gestalten. Daher ist es ein fataler Fehler unserer
Poeten, daß sie so selten im Schlafe schreiben und noch in dem all-10
gemeinen Irthum stehen, ihren Versen sei durch den Schlaf des
Lesers weit besser als durch ihren eignen gerathen.



Diese Linie sol mein Scherz nicht überschreiten und ich bitte dich,
las deinen künftigen Brief einen Ablasbrief für die Schwachheits-
sünden sein, die ich [mir] in meiner Laune gegen die Freundschaft etwan15
zu Schulden kommen lassen.

Wenn ich und du mehr Ruhe erhalten: so wil ich dir etwas vor-
schlagen, das mich und dich in eine häufige Korrespondenz verwikkeln
wird. Eh' ich dich auf lange verlasse: mus ich noch für etwas sorgen,
das dich mich nicht so bald vergessen lässet.20

[172]Lebe tausendmal wol und werde gesünder, wenn du es nicht bist und
erinnere dich zuweilen an deinen Freund.

Hof den 21 April 1785.

102. An Oerthel in Töpen.
25
Lieber Örthel

Die erste Neuigkeit, die ich dir zu schreiben habe, ist, daß ich in
kurzer Zeit zwei unbeantwortete Briefe nebst zwei Couverten an dich
abgelassen habe, welche dir hoffentlich durch die Besorgung des
Hern Guldens zugestellet worden sind. -- Ich hoffe, daß du meinen30
Bruder mit etwas belästigest, das mich an dich erinnert; nur nicht mit
der Nachricht, daß die Zunahme deiner Krankheit dein bisheriges Stil-
schweigen veranlasset hat.

nächſtens zu ſchreiben: und das hat mir freilich nicht gefallen: denn
wenn es nicht falſch iſt (und es iſt nur gar zu wahr), daß die Träume
gerade das Gegentheil ihres Inhalts weiſſagen: ſo prophezeiet dein
geträumtes Verſprechen, mir zu ſchreiben, nur gar zu deutlich, daß
du mir ſobald keinen Brief ſchikken wirſt.5

Du wirſt den Wiz meiner Erfindung ſehr erheben. Auch dünkt mich
haſt du nicht Unrecht. Überhaupt ſezet der Traum unſerm Geiſte neue
Flügel an, auf die vielleicht die alten Künſtler anſpielten, wenn ſie den
Schlaf mit Flügeln geſtalten. Daher iſt es ein fataler Fehler unſerer
Poeten, daß ſie ſo ſelten im Schlafe ſchreiben und noch in dem all-10
gemeinen Irthum ſtehen, ihren Verſen ſei durch den Schlaf des
Leſers weit beſſer als durch ihren eignen gerathen.



Dieſe Linie ſol mein Scherz nicht überſchreiten und ich bitte dich,
las deinen künftigen Brief einen Ablasbrief für die Schwachheits-
ſünden ſein, die ich [mir] in meiner Laune gegen die Freundſchaft etwan15
zu Schulden kommen laſſen.

Wenn ich und du mehr Ruhe erhalten: ſo wil ich dir etwas vor-
ſchlagen, das mich und dich in eine häufige Korreſpondenz verwikkeln
wird. Eh’ ich dich auf lange verlaſſe: mus ich noch für etwas ſorgen,
das dich mich nicht ſo bald vergeſſen läſſet.20

[172]Lebe tauſendmal wol und werde geſünder, wenn du es nicht biſt und
erinnere dich zuweilen an deinen Freund.

Hof den 21 April 1785.

102. An Oerthel in Töpen.
25
Lieber Örthel

Die erſte Neuigkeit, die ich dir zu ſchreiben habe, iſt, daß ich in
kurzer Zeit zwei unbeantwortete Briefe nebſt zwei Couverten an dich
abgelaſſen habe, welche dir hoffentlich durch die Beſorgung des
Hern Guldens zugeſtellet worden ſind. — Ich hoffe, daß du meinen30
Bruder mit etwas beläſtigeſt, das mich an dich erinnert; nur nicht mit
der Nachricht, daß die Zunahme deiner Krankheit dein bisheriges Stil-
ſchweigen veranlaſſet hat.

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div type="letter" n="1">
        <p><pb facs="#f0187" n="162"/>
näch&#x017F;tens zu &#x017F;chreiben: und das hat mir freilich nicht gefallen: denn<lb/>
wenn es nicht fal&#x017F;ch i&#x017F;t (und es i&#x017F;t nur gar zu wahr), daß die Träume<lb/>
gerade das Gegentheil ihres Inhalts wei&#x017F;&#x017F;agen: &#x017F;o prophezeiet dein<lb/>
geträumtes Ver&#x017F;prechen, mir zu &#x017F;chreiben, nur gar zu deutlich, daß<lb/>
du mir &#x017F;obald keinen Brief &#x017F;chikken wir&#x017F;t.<lb n="5"/>
</p>
        <p>Du wir&#x017F;t den Wiz meiner Erfindung &#x017F;ehr erheben. Auch dünkt mich<lb/>
ha&#x017F;t du nicht Unrecht. Überhaupt &#x017F;ezet der Traum un&#x017F;erm Gei&#x017F;te neue<lb/>
Flügel an, auf die vielleicht die alten Kün&#x017F;tler an&#x017F;pielten, wenn &#x017F;ie den<lb/>
Schlaf mit Flügeln ge&#x017F;talten. Daher i&#x017F;t es ein fataler Fehler un&#x017F;erer<lb/>
Poeten, daß &#x017F;ie &#x017F;o &#x017F;elten im Schlafe &#x017F;chreiben und noch in dem all-<lb n="10"/>
gemeinen Irthum &#x017F;tehen, ihren Ver&#x017F;en &#x017F;ei durch den Schlaf des<lb/>
Le&#x017F;ers weit be&#x017F;&#x017F;er als durch ihren eignen gerathen.</p><lb/>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
        <p>Die&#x017F;e Linie &#x017F;ol mein Scherz nicht über&#x017F;chreiten und ich bitte dich,<lb/>
las deinen künftigen Brief einen <hi rendition="#g">Ablasbrief</hi> für die Schwachheits-<lb/>
&#x017F;ünden &#x017F;ein, die ich <metamark>[</metamark>mir<metamark>]</metamark> in meiner Laune gegen die Freund&#x017F;chaft etwan<lb n="15"/>
zu Schulden kommen la&#x017F;&#x017F;en.</p><lb/>
        <p>Wenn ich und du mehr Ruhe erhalten: &#x017F;o wil ich dir etwas vor-<lb/>
&#x017F;chlagen, das mich und dich in eine häufige Korre&#x017F;pondenz verwikkeln<lb/>
wird. Eh&#x2019; ich dich auf lange verla&#x017F;&#x017F;e: mus ich noch für etwas &#x017F;orgen,<lb/>
das dich mich nicht &#x017F;o bald verge&#x017F;&#x017F;en lä&#x017F;&#x017F;et.<lb n="20"/>
</p>
        <p><note place="left"><ref target="1922_Bd#_172">[172]</ref></note>Lebe tau&#x017F;endmal wol und werde ge&#x017F;ünder, wenn du es nicht bi&#x017F;t und<lb/>
erinnere dich zuweilen an deinen Freund.</p><lb/>
        <p>
          <date>Hof den 21 April 1785.</date>
        </p>
      </div><lb/>
      <div type="letter" n="1">
        <head>102. An <hi rendition="#g">Oerthel in Töpen.</hi></head><lb/>
        <dateline> <hi rendition="#right">Hof den 28 April 1785.</hi> </dateline>
        <lb n="25"/>
        <opener>
          <salute> <hi rendition="#et">Lieber Örthel</hi> </salute>
        </opener><lb/>
        <p>Die er&#x017F;te Neuigkeit, die ich dir zu &#x017F;chreiben habe, i&#x017F;t, daß ich in<lb/>
kurzer Zeit zwei unbeantwortete Briefe neb&#x017F;t zwei Couverten an dich<lb/>
abgela&#x017F;&#x017F;en habe, welche dir hoffentlich durch die Be&#x017F;orgung des<lb/>
Hern Guldens zuge&#x017F;tellet worden &#x017F;ind. &#x2014; Ich hoffe, daß du meinen<lb n="30"/>
Bruder mit etwas belä&#x017F;tige&#x017F;t, das mich an dich erinnert; nur nicht mit<lb/>
der Nachricht, daß die Zunahme deiner Krankheit dein bisheriges Stil-<lb/>
&#x017F;chweigen veranla&#x017F;&#x017F;et hat.</p><lb/>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[162/0187] nächſtens zu ſchreiben: und das hat mir freilich nicht gefallen: denn wenn es nicht falſch iſt (und es iſt nur gar zu wahr), daß die Träume gerade das Gegentheil ihres Inhalts weiſſagen: ſo prophezeiet dein geträumtes Verſprechen, mir zu ſchreiben, nur gar zu deutlich, daß du mir ſobald keinen Brief ſchikken wirſt. 5 Du wirſt den Wiz meiner Erfindung ſehr erheben. Auch dünkt mich haſt du nicht Unrecht. Überhaupt ſezet der Traum unſerm Geiſte neue Flügel an, auf die vielleicht die alten Künſtler anſpielten, wenn ſie den Schlaf mit Flügeln geſtalten. Daher iſt es ein fataler Fehler unſerer Poeten, daß ſie ſo ſelten im Schlafe ſchreiben und noch in dem all- 10 gemeinen Irthum ſtehen, ihren Verſen ſei durch den Schlaf des Leſers weit beſſer als durch ihren eignen gerathen. Dieſe Linie ſol mein Scherz nicht überſchreiten und ich bitte dich, las deinen künftigen Brief einen Ablasbrief für die Schwachheits- ſünden ſein, die ich [mir] in meiner Laune gegen die Freundſchaft etwan 15 zu Schulden kommen laſſen. Wenn ich und du mehr Ruhe erhalten: ſo wil ich dir etwas vor- ſchlagen, das mich und dich in eine häufige Korreſpondenz verwikkeln wird. Eh’ ich dich auf lange verlaſſe: mus ich noch für etwas ſorgen, das dich mich nicht ſo bald vergeſſen läſſet. 20 Lebe tauſendmal wol und werde geſünder, wenn du es nicht biſt und erinnere dich zuweilen an deinen Freund. [172] Hof den 21 April 1785. 102. An Oerthel in Töpen. Hof den 28 April 1785. 25 Lieber Örthel Die erſte Neuigkeit, die ich dir zu ſchreiben habe, iſt, daß ich in kurzer Zeit zwei unbeantwortete Briefe nebſt zwei Couverten an dich abgelaſſen habe, welche dir hoffentlich durch die Beſorgung des Hern Guldens zugeſtellet worden ſind. — Ich hoffe, daß du meinen 30 Bruder mit etwas beläſtigeſt, das mich an dich erinnert; nur nicht mit der Nachricht, daß die Zunahme deiner Krankheit dein bisheriges Stil- ſchweigen veranlaſſet hat.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Historisch-kritische Ausgabe der Werke und Briefe von Jean Paul. Berlin-Brandenburgische Akademie zu Berlin: Bereitstellung der Texttranskription. (2016-11-22T14:52:17Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Markus Bernauer, Matthias Boenig: Bearbeitung der digitalen Edition. (2016-11-22T14:52:17Z)

Weitere Informationen:

Die digitale Edition der Briefe Jean Pauls im Deutschen Textarchiv basiert auf der von Eduard Berend herausgegebenen III. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe mit den Briefen Jean Pauls. Die Bände werden im Faksimile und in getreuer Umschrift ohne Korrekturen vollständig zugänglich gemacht. Nicht aufgenommen, da in der hier gewählten Präsentation kaum nutzbar, sind Berends umfangreiche Register über die III. Abteilung in Band III/9, die in das elektronische Gesamtregister über die Briefe von und an Jean Paul eingegangen sind. Das bedeutet: Aufbewahrungsorte von Handschriften sowie veraltete Literaturverweise blieben ebenso bestehen wie die Nummern der von Jean Paul beantworteten Briefe oder der an ihn gerichteten Antworten, Nummern, die sich auf die Regesten in den digitalisierten Bänden beziehen und nicht auf die neue IV. Abteilung mit den Briefen an Jean Paul (s. dort die Konkordanzen).

Eine andere, briefzentrierte digitale Edition der Briefe Jean Pauls ist derzeit als Gemeinschaftsprojekt der Jean-Paul-Edition und der Initiative TELOTA in Vorbereitung. Die Metadaten dieser Ausgabe sowie veraltete Verweise in den Erläuterungen werden dort so weit als möglich aktualisiert. Die Digitalisierung wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe01_1956
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe01_1956/187
Zitationshilfe: Jean Paul: Dritte Abteilung Briefe. In: Jean Pauls Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. 3, Bd. 1. Berlin, 1956, S. 162. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe01_1956/187>, abgerufen am 17.01.2020.