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Jahn, Otto: Gottfried Herrmann. Eine Gedächnissrede. Leipzig, 1849.

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jugendlich strebenden Sinn nur erhöhte. Wie stark derselbe war, erkennen wir auch darin, dass ein grosser Theil der wissenschaftlichen Aufgaben, welche Hermann sich vorgesetzt hat, durch Reiz angeregt worden ist. Von der Metrik und Grammatik, den bedeutendsten Früchten der reizischen Disciplin zu schweigen, so wissen wir, dass er bei Reiz Vorlesungen über Aeschylus Agamemnon, Aristophanes Wolken, Aristoteles Poetik, Bion und Moschus, wie über Plautus Rudens hörte. So tief und nachhaltig übrigens der Einfluss war, den Reiz auf Hermann übte, so war doch seine eigenthümliche Anlage eine so bestimmte, er selbst hatte ein so sicheres Gefühl für das, wozu er berufen war, dass eine Einwirkung nur insoweit möglich war, als verwandte Elemente naturgemäss durch sie entwickelt wurden. Sowie Hermann in seinem Leben nie etwas versucht hat, das seinem innersten Wesen nicht gemäss gewesen wäre, und deshalb nie Zeit und Kraft nutzlos vergeudet hat, so ist er auch durch Reiz nicht zu den historisch-antiquarischen Studien geführt worden, die dieser mit Eifer betrieb, sondern nur auf dem Gebiet der alten Sprachen gab er sich ganz dem Einfluss des Lehrers hin, dem er aber an Frische und Tiefe der Empfindung für das geistige Leben und die Schönheit der Sprache und des Rhythmus, an genialer Freiheit und schöpferischer Kraft, an allem, was sich nicht erlernen lässt, weit überlegen war. Uebrigens war Reiz der einzige, welchen man in Wahrheit seinen Lehrer nennen kann, zwar hörte er noch andere Docenten, aber weder die beiden Ernesti, ziemlich mittelmässige Exegeten, noch Chr. Dan. Beck, an dessen philologischer Gesellschaft er Theil nahm, durch seine mehr auf mannigfaltige Kenntnisse als scharfe Methodik gerichteten Vorlesungen, konnten ihn wesentlich fördern. Eben so wenig Befriedigung fand sein Trieb nach philosophischer Ausbildung in den Vorlesungen bei Cäsar und Platner. Durch Ilgen und Reiz war er gewöhnt scharf zu denken, jeder Sache selbst auf den Grund zu gehen und keine Auctorität als solche gelten zu lassen, ja er war so zum Skepticismus geneigt, dass er eine Zeit lang jede Tradition als falsch betrachtete, und bei sich Alles aufbot das Gegentheil darzuthun, um auf diese Weise die Wahrheit frei von jedem Einfluss zu ermitteln. Platners mässiger Eklekticismus konnte ihm so wenig behagen, als der zierlich vornehme Vortrag, und doch besuchte er seine Vorlesungen und schrieb mit einem Eifer nach, der Platner selbst auffiel, dem er aus häuslichem Umgange wohl bekannt war. Da ergab denn eine

jugendlich strebenden Sinn nur erhöhte. Wie stark derselbe war, erkennen wir auch darin, dass ein grosser Theil der wissenschaftlichen Aufgaben, welche Hermann sich vorgesetzt hat, durch Reiz angeregt worden ist. Von der Metrik und Grammatik, den bedeutendsten Früchten der reizischen Disciplin zu schweigen, so wissen wir, dass er bei Reiz Vorlesungen über Aeschylus Agamemnon, Aristophanes Wolken, Aristoteles Poetik, Bion und Moschus, wie über Plautus Rudens hörte. So tief und nachhaltig übrigens der Einfluss war, den Reiz auf Hermann übte, so war doch seine eigenthümliche Anlage eine so bestimmte, er selbst hatte ein so sicheres Gefühl für das, wozu er berufen war, dass eine Einwirkung nur insoweit möglich war, als verwandte Elemente naturgemäss durch sie entwickelt wurden. Sowie Hermann in seinem Leben nie etwas versucht hat, das seinem innersten Wesen nicht gemäss gewesen wäre, und deshalb nie Zeit und Kraft nutzlos vergeudet hat, so ist er auch durch Reiz nicht zu den historisch-antiquarischen Studien geführt worden, die dieser mit Eifer betrieb, sondern nur auf dem Gebiet der alten Sprachen gab er sich ganz dem Einfluss des Lehrers hin, dem er aber an Frische und Tiefe der Empfindung für das geistige Leben und die Schönheit der Sprache und des Rhythmus, an genialer Freiheit und schöpferischer Kraft, an allem, was sich nicht erlernen lässt, weit überlegen war. Uebrigens war Reiz der einzige, welchen man in Wahrheit seinen Lehrer nennen kann, zwar hörte er noch andere Docenten, aber weder die beiden Ernesti, ziemlich mittelmässige Exegeten, noch Chr. Dan. Beck, an dessen philologischer Gesellschaft er Theil nahm, durch seine mehr auf mannigfaltige Kenntnisse als scharfe Methodik gerichteten Vorlesungen, konnten ihn wesentlich fördern. Eben so wenig Befriedigung fand sein Trieb nach philosophischer Ausbildung in den Vorlesungen bei Cäsar und Platner. Durch Ilgen und Reiz war er gewöhnt scharf zu denken, jeder Sache selbst auf den Grund zu gehen und keine Auctorität als solche gelten zu lassen, ja er war so zum Skepticismus geneigt, dass er eine Zeit lang jede Tradition als falsch betrachtete, und bei sich Alles aufbot das Gegentheil darzuthun, um auf diese Weise die Wahrheit frei von jedem Einfluss zu ermitteln. Platners mässiger Eklekticismus konnte ihm so wenig behagen, als der zierlich vornehme Vortrag, und doch besuchte er seine Vorlesungen und schrieb mit einem Eifer nach, der Platner selbst auffiel, dem er aus häuslichem Umgange wohl bekannt war. Da ergab denn eine

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jugendlich strebenden Sinn nur erhöhte. Wie stark derselbe war, erkennen wir auch darin, dass ein grosser Theil der wissenschaftlichen Aufgaben, welche Hermann sich vorgesetzt hat, durch Reiz angeregt worden ist. Von der Metrik und Grammatik, den bedeutendsten Früchten der reizischen Disciplin zu schweigen, so wissen wir, dass er bei Reiz Vorlesungen über <hi rendition="#i">Aeschylus Agamemnon, Aristophanes Wolken, Aristoteles Poetik, Bion</hi> und <hi rendition="#i">Moschus</hi>, wie über <hi rendition="#i">Plautus Rudens</hi> hörte. So tief und nachhaltig übrigens der Einfluss war, den Reiz auf Hermann übte, so war doch seine eigenthümliche Anlage eine so bestimmte, er selbst hatte ein so sicheres Gefühl für das, wozu er berufen war, dass eine Einwirkung nur insoweit möglich war, als verwandte Elemente naturgemäss durch sie entwickelt wurden. Sowie Hermann in seinem Leben nie etwas versucht hat, das seinem innersten Wesen nicht gemäss gewesen wäre, und deshalb nie Zeit und Kraft nutzlos vergeudet hat, so ist er auch durch Reiz nicht zu den historisch-antiquarischen Studien geführt worden, die dieser mit Eifer betrieb, sondern nur auf dem Gebiet der alten Sprachen gab er sich ganz dem Einfluss des Lehrers hin, dem er aber an Frische und Tiefe der Empfindung für das geistige Leben und die Schönheit der Sprache und des Rhythmus, an genialer Freiheit und schöpferischer Kraft, an allem, was sich nicht erlernen lässt, weit überlegen war. Uebrigens war Reiz der einzige, welchen man in Wahrheit seinen Lehrer nennen kann, zwar hörte er noch andere Docenten, aber weder die beiden Ernesti, ziemlich mittelmässige Exegeten, noch Chr. Dan. Beck, an dessen philologischer Gesellschaft er Theil nahm, durch seine mehr auf mannigfaltige Kenntnisse als scharfe Methodik gerichteten Vorlesungen, konnten ihn wesentlich fördern. Eben so wenig Befriedigung fand sein Trieb nach philosophischer Ausbildung in den Vorlesungen bei Cäsar und Platner. Durch Ilgen und Reiz war er gewöhnt scharf zu denken, jeder Sache selbst auf den Grund zu gehen und keine Auctorität als solche gelten zu lassen, ja er war so zum Skepticismus geneigt, dass er eine Zeit lang jede Tradition als falsch betrachtete, und bei sich Alles aufbot das Gegentheil darzuthun, um auf diese Weise die Wahrheit frei von jedem Einfluss zu ermitteln. Platners mässiger Eklekticismus konnte ihm so wenig behagen, als der zierlich vornehme Vortrag, und doch besuchte er seine Vorlesungen und schrieb mit einem Eifer nach, der Platner selbst auffiel, dem er aus häuslichem Umgange wohl bekannt war. Da ergab denn eine
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[8/0008] jugendlich strebenden Sinn nur erhöhte. Wie stark derselbe war, erkennen wir auch darin, dass ein grosser Theil der wissenschaftlichen Aufgaben, welche Hermann sich vorgesetzt hat, durch Reiz angeregt worden ist. Von der Metrik und Grammatik, den bedeutendsten Früchten der reizischen Disciplin zu schweigen, so wissen wir, dass er bei Reiz Vorlesungen über Aeschylus Agamemnon, Aristophanes Wolken, Aristoteles Poetik, Bion und Moschus, wie über Plautus Rudens hörte. So tief und nachhaltig übrigens der Einfluss war, den Reiz auf Hermann übte, so war doch seine eigenthümliche Anlage eine so bestimmte, er selbst hatte ein so sicheres Gefühl für das, wozu er berufen war, dass eine Einwirkung nur insoweit möglich war, als verwandte Elemente naturgemäss durch sie entwickelt wurden. Sowie Hermann in seinem Leben nie etwas versucht hat, das seinem innersten Wesen nicht gemäss gewesen wäre, und deshalb nie Zeit und Kraft nutzlos vergeudet hat, so ist er auch durch Reiz nicht zu den historisch-antiquarischen Studien geführt worden, die dieser mit Eifer betrieb, sondern nur auf dem Gebiet der alten Sprachen gab er sich ganz dem Einfluss des Lehrers hin, dem er aber an Frische und Tiefe der Empfindung für das geistige Leben und die Schönheit der Sprache und des Rhythmus, an genialer Freiheit und schöpferischer Kraft, an allem, was sich nicht erlernen lässt, weit überlegen war. Uebrigens war Reiz der einzige, welchen man in Wahrheit seinen Lehrer nennen kann, zwar hörte er noch andere Docenten, aber weder die beiden Ernesti, ziemlich mittelmässige Exegeten, noch Chr. Dan. Beck, an dessen philologischer Gesellschaft er Theil nahm, durch seine mehr auf mannigfaltige Kenntnisse als scharfe Methodik gerichteten Vorlesungen, konnten ihn wesentlich fördern. Eben so wenig Befriedigung fand sein Trieb nach philosophischer Ausbildung in den Vorlesungen bei Cäsar und Platner. Durch Ilgen und Reiz war er gewöhnt scharf zu denken, jeder Sache selbst auf den Grund zu gehen und keine Auctorität als solche gelten zu lassen, ja er war so zum Skepticismus geneigt, dass er eine Zeit lang jede Tradition als falsch betrachtete, und bei sich Alles aufbot das Gegentheil darzuthun, um auf diese Weise die Wahrheit frei von jedem Einfluss zu ermitteln. Platners mässiger Eklekticismus konnte ihm so wenig behagen, als der zierlich vornehme Vortrag, und doch besuchte er seine Vorlesungen und schrieb mit einem Eifer nach, der Platner selbst auffiel, dem er aus häuslichem Umgange wohl bekannt war. Da ergab denn eine

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Zitationshilfe: Jahn, Otto: Gottfried Herrmann. Eine Gedächnissrede. Leipzig, 1849, S. 8. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/jahn_rede_1849/8>, abgerufen am 19.08.2019.