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Jahn, Otto: Gottfried Herrmann. Eine Gedächnissrede. Leipzig, 1849.

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seinem Wesen begründet lag, zum festen Princip ausgebildet worden. Dahin gehört der scharfe Unterschied zwischen Denken und Fühlen, zwischen Wissen und Glauben, den er theoretisch und praktisch festhielt, indem er die Kunst des Nichtwissens pries, die sich stets klar mache, was man wissen könne und was nicht, und weshalb nicht. Das trat besonders in seinen theologischen Ansichten hervor, wo er als Philosoph wie als Philolog für die wissenschaftliche Forschung die volle Freiheit von jeder Auctorität in Anspruch nahm, und Unbefangenheit und Klarheit von ihr verlangte; aber weil er dem Glauben keinen Einfluss auf die Wissenschaft zugestand, so erkannte er ihm auf seinem Gebiet die vollste Berechtigung zu, und wusste das Heilige heilig zu halten. Auch auf seine sittliche Ausbildung dürfen wir unbedenklich der kantischen Philosophie eine bedeutende Wirkung zugestehen, wie sie dieselbe in ähnlicher Weise auf die edelsten Männer unseres Volks ausgeübt hat. An sich selbst die strengsten Anforderungen zu machen, sich der Pflicht mit vollkommener Selbstverleugnung unterzuordnen, das als Recht erkannte ohne Scheu zu bekennen und zu thun, war ihm zum sittlichen Grundsatz geworden; aber dieser Grundsatz ging aus seiner Natur hervor, darum übte er ihn ohne Zwang und Anstrengung und mit milder Schonung gegen Andere.

Obgleich Hermann mit dem angestrengtesten Eifer seinen wissenschaftlichen Studien oblag, die ihn ganz erfüllten, war er doch nichts weniger als ein Stubensitzer. Sein Behagen an tüchtiger Leibesübung fand in weiten Spaziergängen und Fussreisen und ganz besonders im Reiten Befriedigung, für welches er eine leidenschaftliche Vorliebe fasste. Seine Eltern hielten ihn für zu schwächlich, um ihm das Reiten zu gestatten, und hatten keinen geringen Schrecken, als er ihnen eines Tages zu einem Besuche bei seinem Grossvater in Püchau zu Pferde folgte; der aber belobte ihn mit den Worten: "das hast du recht gemacht, mein Söhnchen!" Diese Vorliebe für die Pferde hat ihn bis in sein hohes Alter nicht verlassen; einem schönen Thier zuzusehen wurde er so wenig müde als es zu loben, ja er entwarf charakteristische Zeichnungen von Pferden, während er sonst nie zeichnete, und zäumte mit eigener Hand die Pferde auf, welche er seinen Knaben zu Weihnachten bescheerte. Nicht zufrieden ein kühner und gewandter Reiter zu sein, machte er die ganze Schule durch und brachte es auch im Reiten zu vollkommener

seinem Wesen begründet lag, zum festen Princip ausgebildet worden. Dahin gehört der scharfe Unterschied zwischen Denken und Fühlen, zwischen Wissen und Glauben, den er theoretisch und praktisch festhielt, indem er die Kunst des Nichtwissens pries, die sich stets klar mache, was man wissen könne und was nicht, und weshalb nicht. Das trat besonders in seinen theologischen Ansichten hervor, wo er als Philosoph wie als Philolog für die wissenschaftliche Forschung die volle Freiheit von jeder Auctorität in Anspruch nahm, und Unbefangenheit und Klarheit von ihr verlangte; aber weil er dem Glauben keinen Einfluss auf die Wissenschaft zugestand, so erkannte er ihm auf seinem Gebiet die vollste Berechtigung zu, und wusste das Heilige heilig zu halten. Auch auf seine sittliche Ausbildung dürfen wir unbedenklich der kantischen Philosophie eine bedeutende Wirkung zugestehen, wie sie dieselbe in ähnlicher Weise auf die edelsten Männer unseres Volks ausgeübt hat. An sich selbst die strengsten Anforderungen zu machen, sich der Pflicht mit vollkommener Selbstverleugnung unterzuordnen, das als Recht erkannte ohne Scheu zu bekennen und zu thun, war ihm zum sittlichen Grundsatz geworden; aber dieser Grundsatz ging aus seiner Natur hervor, darum übte er ihn ohne Zwang und Anstrengung und mit milder Schonung gegen Andere.

Obgleich Hermann mit dem angestrengtesten Eifer seinen wissenschaftlichen Studien oblag, die ihn ganz erfüllten, war er doch nichts weniger als ein Stubensitzer. Sein Behagen an tüchtiger Leibesübung fand in weiten Spaziergängen und Fussreisen und ganz besonders im Reiten Befriedigung, für welches er eine leidenschaftliche Vorliebe fasste. Seine Eltern hielten ihn für zu schwächlich, um ihm das Reiten zu gestatten, und hatten keinen geringen Schrecken, als er ihnen eines Tages zu einem Besuche bei seinem Grossvater in Püchau zu Pferde folgte; der aber belobte ihn mit den Worten: «das hast du recht gemacht, mein Söhnchen!» Diese Vorliebe für die Pferde hat ihn bis in sein hohes Alter nicht verlassen; einem schönen Thier zuzusehen wurde er so wenig müde als es zu loben, ja er entwarf charakteristische Zeichnungen von Pferden, während er sonst nie zeichnete, und zäumte mit eigener Hand die Pferde auf, welche er seinen Knaben zu Weihnachten bescheerte. Nicht zufrieden ein kühner und gewandter Reiter zu sein, machte er die ganze Schule durch und brachte es auch im Reiten zu vollkommener

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seinem Wesen begründet lag, zum festen Princip ausgebildet worden. Dahin gehört der scharfe Unterschied zwischen Denken und Fühlen, zwischen Wissen und Glauben, den er theoretisch und praktisch festhielt, indem er die Kunst des Nichtwissens pries, die sich stets klar mache, was man wissen könne und was nicht, und weshalb nicht. Das trat besonders in seinen theologischen Ansichten hervor, wo er als Philosoph wie als Philolog für die wissenschaftliche Forschung die volle Freiheit von jeder Auctorität in Anspruch nahm, und Unbefangenheit und Klarheit von ihr verlangte; aber weil er dem Glauben keinen Einfluss auf die Wissenschaft zugestand, so erkannte er ihm auf seinem Gebiet die vollste Berechtigung zu, und wusste das Heilige heilig zu halten. Auch auf seine sittliche Ausbildung dürfen wir unbedenklich der kantischen Philosophie eine bedeutende Wirkung zugestehen, wie sie dieselbe in ähnlicher Weise auf die edelsten Männer unseres Volks ausgeübt hat. An sich selbst die strengsten Anforderungen zu machen, sich der Pflicht mit vollkommener Selbstverleugnung unterzuordnen, das als Recht erkannte ohne Scheu zu bekennen und zu thun, war ihm zum sittlichen Grundsatz geworden; aber dieser Grundsatz ging aus seiner Natur hervor, darum übte er ihn ohne Zwang und Anstrengung und mit milder Schonung gegen Andere.</p>
        <p>Obgleich Hermann mit dem angestrengtesten Eifer seinen wissenschaftlichen Studien oblag, die ihn ganz erfüllten, war er doch nichts weniger als ein Stubensitzer. Sein Behagen an tüchtiger Leibesübung fand in weiten Spaziergängen und Fussreisen und ganz besonders im Reiten Befriedigung, für welches er eine leidenschaftliche Vorliebe fasste. Seine Eltern hielten ihn für zu schwächlich, um ihm das Reiten zu gestatten, und hatten keinen geringen Schrecken, als er ihnen eines Tages zu einem Besuche bei seinem Grossvater in Püchau zu Pferde folgte; der aber belobte ihn mit den Worten: «das hast du recht gemacht, mein Söhnchen!» Diese Vorliebe für die Pferde hat ihn bis in sein hohes Alter nicht verlassen; einem schönen Thier zuzusehen wurde er so wenig müde als es zu loben, ja er entwarf charakteristische Zeichnungen von Pferden, während er sonst nie zeichnete, und zäumte mit eigener Hand die Pferde auf, welche er seinen Knaben zu Weihnachten bescheerte. Nicht zufrieden ein kühner und gewandter Reiter zu sein, machte er die ganze Schule durch und brachte es auch im Reiten zu vollkommener
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[10/0010] seinem Wesen begründet lag, zum festen Princip ausgebildet worden. Dahin gehört der scharfe Unterschied zwischen Denken und Fühlen, zwischen Wissen und Glauben, den er theoretisch und praktisch festhielt, indem er die Kunst des Nichtwissens pries, die sich stets klar mache, was man wissen könne und was nicht, und weshalb nicht. Das trat besonders in seinen theologischen Ansichten hervor, wo er als Philosoph wie als Philolog für die wissenschaftliche Forschung die volle Freiheit von jeder Auctorität in Anspruch nahm, und Unbefangenheit und Klarheit von ihr verlangte; aber weil er dem Glauben keinen Einfluss auf die Wissenschaft zugestand, so erkannte er ihm auf seinem Gebiet die vollste Berechtigung zu, und wusste das Heilige heilig zu halten. Auch auf seine sittliche Ausbildung dürfen wir unbedenklich der kantischen Philosophie eine bedeutende Wirkung zugestehen, wie sie dieselbe in ähnlicher Weise auf die edelsten Männer unseres Volks ausgeübt hat. An sich selbst die strengsten Anforderungen zu machen, sich der Pflicht mit vollkommener Selbstverleugnung unterzuordnen, das als Recht erkannte ohne Scheu zu bekennen und zu thun, war ihm zum sittlichen Grundsatz geworden; aber dieser Grundsatz ging aus seiner Natur hervor, darum übte er ihn ohne Zwang und Anstrengung und mit milder Schonung gegen Andere. Obgleich Hermann mit dem angestrengtesten Eifer seinen wissenschaftlichen Studien oblag, die ihn ganz erfüllten, war er doch nichts weniger als ein Stubensitzer. Sein Behagen an tüchtiger Leibesübung fand in weiten Spaziergängen und Fussreisen und ganz besonders im Reiten Befriedigung, für welches er eine leidenschaftliche Vorliebe fasste. Seine Eltern hielten ihn für zu schwächlich, um ihm das Reiten zu gestatten, und hatten keinen geringen Schrecken, als er ihnen eines Tages zu einem Besuche bei seinem Grossvater in Püchau zu Pferde folgte; der aber belobte ihn mit den Worten: «das hast du recht gemacht, mein Söhnchen!» Diese Vorliebe für die Pferde hat ihn bis in sein hohes Alter nicht verlassen; einem schönen Thier zuzusehen wurde er so wenig müde als es zu loben, ja er entwarf charakteristische Zeichnungen von Pferden, während er sonst nie zeichnete, und zäumte mit eigener Hand die Pferde auf, welche er seinen Knaben zu Weihnachten bescheerte. Nicht zufrieden ein kühner und gewandter Reiter zu sein, machte er die ganze Schule durch und brachte es auch im Reiten zu vollkommener

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Zitationshilfe: Jahn, Otto: Gottfried Herrmann. Eine Gedächnissrede. Leipzig, 1849, S. 10. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/jahn_rede_1849/10>, abgerufen am 20.08.2019.