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Humboldt, Alexander von: Reise in die Aequinoktial-Gegenden des neuen Kontinents. Bd. 3. Übers. v. Hermann Hauff. Stuttgart, 1860.

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Dieses Wohlergehen ist auch im Inneren Guyanas nicht allzu
häufig. Nur die Weißen, besonders die Soldaten im Fort
San Carlos, wissen sich reines Salz zu verschaffen, entweder
von der Küste von Caracas oder von Chita, am Ostabhange
der Kordilleren von Neugranada, auf dem Rio Meta. Hier,
wie in ganz Amerika, essen die Indianer wenig Fleisch und
verbrauchen fast kein Salz. Daher trägt auch die Salzsteuer
allerorten, wo die Zahl der Eingeborenen bedeutend vorschlägt,
wie in Mexiko und Guatemala, der Staatskasse wenig ein.
Der Chivi in Javita ist ein Gemenge von salzsaurem Kali
und salzsaurem Natron, Aetzkalk und verschiedenen erdigen
Salzen. Man löst ein ganz klein wenig davon in Wasser
auf, füllt mit der Auflösung ein dütenförmig aufgewickeltes
Helikonienblatt und läßt wie aus der Spitze eines Filtrums
ein paar Tropfen auf die Speisen fallen.

Am 5. Mai machten wir uns zu Fuß auf den Weg, um
unsere Piroge einzuholen, die endlich über den Trageplatz im
Canno Pimichin angelangt war. Wir mußten über eine Menge
Bäche waten, und es ist dabei wegen der Nattern, von denen
die Sümpfe wimmeln, einige Vorsicht nötig. Die Indianer
zeigten uns auf dem nassen Thon die Fährte der kleinen
schwarzen Bären, die am Temi so häufig vorkommen. Sie
unterscheiden sich wenigstens in der Größe vom Ursus ame-
ricanus;
die Missionäre nennen sie Oso carnicero zum
Unterschiede vom Oso palmero (Myrmecophaga jubata)
und dem Oso hormigero oder Tamandua-Ameisenfresser.
Diese Tiere sind nicht übel zu essen; die beiden erstgenannten
setzen sich zur Wehre und stellen sich dabei auf die Hinter-
beine. Buffons Tamanoir heißt bei den Indianern Uaraca;
er ist reizbar und beherzt, was bei einem zahnlosen Tiere
ziemlich auffallend erscheint. Im Weitergehen kamen wir auf
einige Lichtungen im Walde, der uns desto reicher erschien,
je zugänglicher er wurde. Wir fanden neue Arten von Coffea
(die amerikanische Gruppe mit Blüten in Rispen bildet wahr-
scheinlich eine Gattung für sich), die Galega piscatorum,
deren sowie der Jacquinia und einer Pflanze mit zusammen-
gesetzter Blüte vom Rio Temi1 die Indianer sich als Bar-
basco
bedienen, um die Fische zu betäuben, endlich die hier
Vejuco de Mavacure genannte Liane, von der das viel-

1 Bailliera Barbasco.

Dieſes Wohlergehen iſt auch im Inneren Guyanas nicht allzu
häufig. Nur die Weißen, beſonders die Soldaten im Fort
San Carlos, wiſſen ſich reines Salz zu verſchaffen, entweder
von der Küſte von Caracas oder von Chita, am Oſtabhange
der Kordilleren von Neugranada, auf dem Rio Meta. Hier,
wie in ganz Amerika, eſſen die Indianer wenig Fleiſch und
verbrauchen faſt kein Salz. Daher trägt auch die Salzſteuer
allerorten, wo die Zahl der Eingeborenen bedeutend vorſchlägt,
wie in Mexiko und Guatemala, der Staatskaſſe wenig ein.
Der Chivi in Javita iſt ein Gemenge von ſalzſaurem Kali
und ſalzſaurem Natron, Aetzkalk und verſchiedenen erdigen
Salzen. Man löſt ein ganz klein wenig davon in Waſſer
auf, füllt mit der Auflöſung ein dütenförmig aufgewickeltes
Helikonienblatt und läßt wie aus der Spitze eines Filtrums
ein paar Tropfen auf die Speiſen fallen.

Am 5. Mai machten wir uns zu Fuß auf den Weg, um
unſere Piroge einzuholen, die endlich über den Trageplatz im
Caño Pimichin angelangt war. Wir mußten über eine Menge
Bäche waten, und es iſt dabei wegen der Nattern, von denen
die Sümpfe wimmeln, einige Vorſicht nötig. Die Indianer
zeigten uns auf dem naſſen Thon die Fährte der kleinen
ſchwarzen Bären, die am Temi ſo häufig vorkommen. Sie
unterſcheiden ſich wenigſtens in der Größe vom Ursus ame-
ricanus;
die Miſſionäre nennen ſie Oso carnicero zum
Unterſchiede vom Oso palmero (Myrmecophaga jubata)
und dem Oso hormigero oder Tamandua-Ameiſenfreſſer.
Dieſe Tiere ſind nicht übel zu eſſen; die beiden erſtgenannten
ſetzen ſich zur Wehre und ſtellen ſich dabei auf die Hinter-
beine. Buffons Tamanoir heißt bei den Indianern Uaraca;
er iſt reizbar und beherzt, was bei einem zahnloſen Tiere
ziemlich auffallend erſcheint. Im Weitergehen kamen wir auf
einige Lichtungen im Walde, der uns deſto reicher erſchien,
je zugänglicher er wurde. Wir fanden neue Arten von Coffea
(die amerikaniſche Gruppe mit Blüten in Riſpen bildet wahr-
ſcheinlich eine Gattung für ſich), die Galega piscatorum,
deren ſowie der Jacquinia und einer Pflanze mit zuſammen-
geſetzter Blüte vom Rio Temi1 die Indianer ſich als Bar-
basco
bedienen, um die Fiſche zu betäuben, endlich die hier
Vejuco de Mavacure genannte Liane, von der das viel-

1 Bailliera Barbasco.
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[239/0247] Dieſes Wohlergehen iſt auch im Inneren Guyanas nicht allzu häufig. Nur die Weißen, beſonders die Soldaten im Fort San Carlos, wiſſen ſich reines Salz zu verſchaffen, entweder von der Küſte von Caracas oder von Chita, am Oſtabhange der Kordilleren von Neugranada, auf dem Rio Meta. Hier, wie in ganz Amerika, eſſen die Indianer wenig Fleiſch und verbrauchen faſt kein Salz. Daher trägt auch die Salzſteuer allerorten, wo die Zahl der Eingeborenen bedeutend vorſchlägt, wie in Mexiko und Guatemala, der Staatskaſſe wenig ein. Der Chivi in Javita iſt ein Gemenge von ſalzſaurem Kali und ſalzſaurem Natron, Aetzkalk und verſchiedenen erdigen Salzen. Man löſt ein ganz klein wenig davon in Waſſer auf, füllt mit der Auflöſung ein dütenförmig aufgewickeltes Helikonienblatt und läßt wie aus der Spitze eines Filtrums ein paar Tropfen auf die Speiſen fallen. Am 5. Mai machten wir uns zu Fuß auf den Weg, um unſere Piroge einzuholen, die endlich über den Trageplatz im Caño Pimichin angelangt war. Wir mußten über eine Menge Bäche waten, und es iſt dabei wegen der Nattern, von denen die Sümpfe wimmeln, einige Vorſicht nötig. Die Indianer zeigten uns auf dem naſſen Thon die Fährte der kleinen ſchwarzen Bären, die am Temi ſo häufig vorkommen. Sie unterſcheiden ſich wenigſtens in der Größe vom Ursus ame- ricanus; die Miſſionäre nennen ſie Oso carnicero zum Unterſchiede vom Oso palmero (Myrmecophaga jubata) und dem Oso hormigero oder Tamandua-Ameiſenfreſſer. Dieſe Tiere ſind nicht übel zu eſſen; die beiden erſtgenannten ſetzen ſich zur Wehre und ſtellen ſich dabei auf die Hinter- beine. Buffons Tamanoir heißt bei den Indianern Uaraca; er iſt reizbar und beherzt, was bei einem zahnloſen Tiere ziemlich auffallend erſcheint. Im Weitergehen kamen wir auf einige Lichtungen im Walde, der uns deſto reicher erſchien, je zugänglicher er wurde. Wir fanden neue Arten von Coffea (die amerikaniſche Gruppe mit Blüten in Riſpen bildet wahr- ſcheinlich eine Gattung für ſich), die Galega piscatorum, deren ſowie der Jacquinia und einer Pflanze mit zuſammen- geſetzter Blüte vom Rio Temi 1 die Indianer ſich als Bar- basco bedienen, um die Fiſche zu betäuben, endlich die hier Vejuco de Mavacure genannte Liane, von der das viel- 1 Bailliera Barbasco.

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Zitationshilfe: Humboldt, Alexander von: Reise in die Aequinoktial-Gegenden des neuen Kontinents. Bd. 3. Übers. v. Hermann Hauff. Stuttgart, 1860, S. 239. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/humboldt_aequinoktial03_1859/247>, abgerufen am 18.09.2019.