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Herder, Johann Gottfried von: Briefe zu Beförderung der Humanität. Bd. 6. Riga, 1795.

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sichtbargewordene Ideen vielleicht ein lee-
rer Hall, an den wir kein Bild heften
könnten; jetzt überzeugt uns das Auge von
der Wesenheit jener lieblichen Träume
und bestimmt sie uns in Bildern.

Das männliche Geschlecht ging in der
Kunst der Griechen dem weiblichen vor;
doch ward auch diesem sein reicher Antheil
an der Kunst nicht versaget. Nymphen,
Grazien, Horen, ja die Parcen, Fu-
rien und Medusa selbst empfingen ihr
Antheil an dieser Blüthe jungfräulicher Ju-
gendschönheit. Warum bist du von Her-
kules Knieen entrückt, du Göttin mit
der Schale ewiger Jugend, blühende
Hebe? Ihr Horen um Jupiters Haupt,
ihr Schwester-Grazien, die ihr, in
untrennbarer Liebe verschlungen, am Ke-
phisusstrom eure ewigen Tänze feiert;
warum erscheinet ihr uns in Nachbildern,

die

ſichtbargewordene Ideen vielleicht ein lee-
rer Hall, an den wir kein Bild heften
koͤnnten; jetzt uͤberzeugt uns das Auge von
der Weſenheit jener lieblichen Traͤume
und beſtimmt ſie uns in Bildern.

Das maͤnnliche Geſchlecht ging in der
Kunſt der Griechen dem weiblichen vor;
doch ward auch dieſem ſein reicher Antheil
an der Kunſt nicht verſaget. Nymphen,
Grazien, Horen, ja die Parcen, Fu-
rien und Meduſa ſelbſt empfingen ihr
Antheil an dieſer Bluͤthe jungfraͤulicher Ju-
gendſchoͤnheit. Warum biſt du von Her-
kules Knieen entruͤckt, du Goͤttin mit
der Schale ewiger Jugend, bluͤhende
Hebe? Ihr Horen um Jupiters Haupt,
ihr Schweſter-Grazien, die ihr, in
untrennbarer Liebe verſchlungen, am Ke-
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[16/0031] ſichtbargewordene Ideen vielleicht ein lee- rer Hall, an den wir kein Bild heften koͤnnten; jetzt uͤberzeugt uns das Auge von der Weſenheit jener lieblichen Traͤume und beſtimmt ſie uns in Bildern. Das maͤnnliche Geſchlecht ging in der Kunſt der Griechen dem weiblichen vor; doch ward auch dieſem ſein reicher Antheil an der Kunſt nicht verſaget. Nymphen, Grazien, Horen, ja die Parcen, Fu- rien und Meduſa ſelbſt empfingen ihr Antheil an dieſer Bluͤthe jungfraͤulicher Ju- gendſchoͤnheit. Warum biſt du von Her- kules Knieen entruͤckt, du Goͤttin mit der Schale ewiger Jugend, bluͤhende Hebe? Ihr Horen um Jupiters Haupt, ihr Schweſter-Grazien, die ihr, in untrennbarer Liebe verſchlungen, am Ke- phiſusſtrom eure ewigen Taͤnze feiert; warum erſcheinet ihr uns in Nachbildern, die

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Zitationshilfe: Herder, Johann Gottfried von: Briefe zu Beförderung der Humanität. Bd. 6. Riga, 1795, S. 16. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/herder_humanitaet06_1795/31>, abgerufen am 14.10.2019.