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Hauff, Wilhelm: Phantasien im Bremer Ratskeller. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 4. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 117–197. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.

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gen aber war ihnen ihr Wort heilig, und was sie Abends ausgemacht im Keller, das führten sie oben im Gerichtssaal aus.

Schöne alte Zeiten! rief Paulus; daher kömmt es auch, daß noch heut zu Tage Jeder vom Rath ein eigenes Trinkbüchlein, eine jährliche Weinrechnung hat. Den Herren, die alle Abende hier saßen und tranken, war es nicht genehm, allemal in die Tasche zu fahren und ihr Geldseckelein heraus zu kriegen. Aufs Kerbholz ließen sie es schreiben, und am Neujahr ward Abrechnung gehalten, und es giebt einige wackere Herren, die noch jetzt oft Gebrauch davon machen, aber es sind deren wenige.

Ja, ja, Kinder, sprach die alte Rose, sonst war es anders, so vor fünfzig, hundert, zweihundert Jahren. Da brachten sie Abends ihre Weiber und Mädchen mit in den Setter, und die schönen Bremerkinder tranken Rheinwein oder von unserem Nachbar Moseler, und waren weit und breit berühmt durch ihre blühenden Wangen, durch ihre purpurrothen Lippen, durch ihre herrlichen blitzenden Augen; jetzt trinken sie allerlei miserables Zeug, als Thee und dergleichen, was weit von hier bei den Chinesen wachsen soll, und was zu meiner Zeit die Frauen tranken, wenn sie ein Hüstlein oder sonstige Beschwer hatten. Rheinwein, ächten gerechten Rheinwein können sie gar nicht mehr vertragen; denkt euch ums Himmels Willen, sie gießen spanischen

gen aber war ihnen ihr Wort heilig, und was sie Abends ausgemacht im Keller, das führten sie oben im Gerichtssaal aus.

Schöne alte Zeiten! rief Paulus; daher kömmt es auch, daß noch heut zu Tage Jeder vom Rath ein eigenes Trinkbüchlein, eine jährliche Weinrechnung hat. Den Herren, die alle Abende hier saßen und tranken, war es nicht genehm, allemal in die Tasche zu fahren und ihr Geldseckelein heraus zu kriegen. Aufs Kerbholz ließen sie es schreiben, und am Neujahr ward Abrechnung gehalten, und es giebt einige wackere Herren, die noch jetzt oft Gebrauch davon machen, aber es sind deren wenige.

Ja, ja, Kinder, sprach die alte Rose, sonst war es anders, so vor fünfzig, hundert, zweihundert Jahren. Da brachten sie Abends ihre Weiber und Mädchen mit in den Setter, und die schönen Bremerkinder tranken Rheinwein oder von unserem Nachbar Moseler, und waren weit und breit berühmt durch ihre blühenden Wangen, durch ihre purpurrothen Lippen, durch ihre herrlichen blitzenden Augen; jetzt trinken sie allerlei miserables Zeug, als Thee und dergleichen, was weit von hier bei den Chinesen wachsen soll, und was zu meiner Zeit die Frauen tranken, wenn sie ein Hüstlein oder sonstige Beschwer hatten. Rheinwein, ächten gerechten Rheinwein können sie gar nicht mehr vertragen; denkt euch ums Himmels Willen, sie gießen spanischen

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[0047] gen aber war ihnen ihr Wort heilig, und was sie Abends ausgemacht im Keller, das führten sie oben im Gerichtssaal aus. Schöne alte Zeiten! rief Paulus; daher kömmt es auch, daß noch heut zu Tage Jeder vom Rath ein eigenes Trinkbüchlein, eine jährliche Weinrechnung hat. Den Herren, die alle Abende hier saßen und tranken, war es nicht genehm, allemal in die Tasche zu fahren und ihr Geldseckelein heraus zu kriegen. Aufs Kerbholz ließen sie es schreiben, und am Neujahr ward Abrechnung gehalten, und es giebt einige wackere Herren, die noch jetzt oft Gebrauch davon machen, aber es sind deren wenige. Ja, ja, Kinder, sprach die alte Rose, sonst war es anders, so vor fünfzig, hundert, zweihundert Jahren. Da brachten sie Abends ihre Weiber und Mädchen mit in den Setter, und die schönen Bremerkinder tranken Rheinwein oder von unserem Nachbar Moseler, und waren weit und breit berühmt durch ihre blühenden Wangen, durch ihre purpurrothen Lippen, durch ihre herrlichen blitzenden Augen; jetzt trinken sie allerlei miserables Zeug, als Thee und dergleichen, was weit von hier bei den Chinesen wachsen soll, und was zu meiner Zeit die Frauen tranken, wenn sie ein Hüstlein oder sonstige Beschwer hatten. Rheinwein, ächten gerechten Rheinwein können sie gar nicht mehr vertragen; denkt euch ums Himmels Willen, sie gießen spanischen

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Digital Humanities Cooperation Konstanz/Darmstadt: Bereitstellung der Texttranskription. (2017-03-15T11:05:53Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
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Zitationshilfe: Hauff, Wilhelm: Phantasien im Bremer Ratskeller. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 4. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 117–197. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016, S. . In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/hauff_ratskeller_1910/47>, abgerufen am 13.08.2020.