Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Hasak, Max: Die Predigtkirche im Mittelalter. Berlin, 1893.

Bild:
<< vorherige Seite

1343 nicht in 1344 zu verändern; die Uebereinstimmng aller drei Bauten erklärt sich, obgleich sie während der Zeit des Matthias wie des Peter Parler entstanden sind, ganz ungezwungen. Auch die alterthümlichen Details und die starken Mauern sind dann erklärlich: Matthias sowohl wie Peter waren im Stile fortgeschrittener und in ihren Constructionen kühner als der böhmische Baumeister. Uebrigens ermangelt es nicht an Vorgängerinnen für Emmaus, Theyn und die Glatzer Stadtpfarrkirche. Kurz vorher ist die S. Jacobskirche in Kuttenberg fertig geworden, ehe noch an Matthias zu denken war, und diese zeigt ganz ähnlich sichere Mauerstärken, ja sogar die Profile ähneln den drei beregten Kirchen mindestens ebenso sehr als etwa die des Unterbaues von Prag. Es kann auch unmöglich in Böhmen ganz an einheimischen Baumeistern gefehlt haben.

Von den gesamten Aufstellungen Gurlitts, welche die böhmische Kunst zur Zeit Karls IV. als durch die Albigenser beeinflußt erweisen sollten, hat somit keine einzige Stich gehalten. Die behaupteten überraschenden Aehnlichkeiten bestehen ebensowenig wie die dem Languedoc zugeschriebenen Eigenthümlichkeiten. Aber auch andere Behauptungen Gurlitts über das Mittelalter rufen Befremden hervor. Er liebt die Zeit nach 1200 wenig. Um das unleugbar Schöne aus dieser Zeit hinauszuschaffen, verwechselt er Jahrhunderte, oder er holt Juden und Mauren herzu, um ihnen das Schöne zuzuschreiben. Ueber die Bildhauerkunst der genannten Zeit urtheilt er Seite 322/23 wie folgt: "Während die deutschen Meister des 12. Jahrhunderts Werke geschaffen hatten, die an Tiefe der Auffassung und formaler Vollendung zu den glänzendsten Schöpfungen des Mittelalters gehörten, war die Bildnerei im Dienste der deutschen Gothik Schritt für Schritt zurückgegangen, die Steinmetzenarbeit handwerklicher geworden. Die Figuren hatten sich der Gestaltung ihres Aufstellungsortes, den schlanken Blendarcaden, den aufstrebenden Pfeilern einfügen müssen, hatten jene gesunde Naturwahrheit verloren, jene gedrungene Kraft, die ihnen in der romanischen Periode eigen gewesen waren. Das Bestreben, die menschliche Gestalt zu durchgeistigen, die religiös-schwärmerische

1343 nicht in 1344 zu verändern; die Uebereinstimmng aller drei Bauten erklärt sich, obgleich sie während der Zeit des Matthias wie des Peter Parler entstanden sind, ganz ungezwungen. Auch die alterthümlichen Details und die starken Mauern sind dann erklärlich: Matthias sowohl wie Peter waren im Stile fortgeschrittener und in ihren Constructionen kühner als der böhmische Baumeister. Uebrigens ermangelt es nicht an Vorgängerinnen für Emmaus, Theyn und die Glatzer Stadtpfarrkirche. Kurz vorher ist die S. Jacobskirche in Kuttenberg fertig geworden, ehe noch an Matthias zu denken war, und diese zeigt ganz ähnlich sichere Mauerstärken, ja sogar die Profile ähneln den drei beregten Kirchen mindestens ebenso sehr als etwa die des Unterbaues von Prag. Es kann auch unmöglich in Böhmen ganz an einheimischen Baumeistern gefehlt haben.

Von den gesamten Aufstellungen Gurlitts, welche die böhmische Kunst zur Zeit Karls IV. als durch die Albigenser beeinflußt erweisen sollten, hat somit keine einzige Stich gehalten. Die behaupteten überraschenden Aehnlichkeiten bestehen ebensowenig wie die dem Languedoc zugeschriebenen Eigenthümlichkeiten. Aber auch andere Behauptungen Gurlitts über das Mittelalter rufen Befremden hervor. Er liebt die Zeit nach 1200 wenig. Um das unleugbar Schöne aus dieser Zeit hinauszuschaffen, verwechselt er Jahrhunderte, oder er holt Juden und Mauren herzu, um ihnen das Schöne zuzuschreiben. Ueber die Bildhauerkunst der genannten Zeit urtheilt er Seite 322/23 wie folgt: „Während die deutschen Meister des 12. Jahrhunderts Werke geschaffen hatten, die an Tiefe der Auffassung und formaler Vollendung zu den glänzendsten Schöpfungen des Mittelalters gehörten, war die Bildnerei im Dienste der deutschen Gothik Schritt für Schritt zurückgegangen, die Steinmetzenarbeit handwerklicher geworden. Die Figuren hatten sich der Gestaltung ihres Aufstellungsortes, den schlanken Blendarcaden, den aufstrebenden Pfeilern einfügen müssen, hatten jene gesunde Naturwahrheit verloren, jene gedrungene Kraft, die ihnen in der romanischen Periode eigen gewesen waren. Das Bestreben, die menschliche Gestalt zu durchgeistigen, die religiös-schwärmerische

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0036" n="30"/>
1343 nicht in 1344 zu verändern; die Uebereinstimmng aller drei Bauten erklärt sich, obgleich sie während der Zeit des Matthias wie des Peter Parler entstanden sind, ganz ungezwungen. Auch die alterthümlichen Details und die starken Mauern sind dann erklärlich: Matthias sowohl wie Peter waren im Stile fortgeschrittener und in ihren Constructionen kühner als der böhmische Baumeister. Uebrigens ermangelt es nicht an Vorgängerinnen für Emmaus, Theyn und die Glatzer Stadtpfarrkirche. Kurz vorher ist die S. Jacobskirche in Kuttenberg fertig geworden, ehe noch an Matthias zu denken war, und diese zeigt ganz ähnlich sichere Mauerstärken, ja sogar die Profile ähneln den drei beregten Kirchen mindestens ebenso sehr als etwa die des Unterbaues von Prag. Es kann auch unmöglich in Böhmen ganz an einheimischen Baumeistern gefehlt haben.</p>
        <p>Von den gesamten Aufstellungen Gurlitts, welche die böhmische Kunst zur Zeit Karls IV. als durch die Albigenser beeinflußt erweisen sollten, hat somit keine einzige Stich gehalten. Die behaupteten überraschenden Aehnlichkeiten bestehen ebensowenig wie die dem Languedoc zugeschriebenen Eigenthümlichkeiten. Aber auch andere Behauptungen Gurlitts über das Mittelalter rufen Befremden hervor. Er liebt die Zeit nach 1200 wenig. Um das unleugbar Schöne aus dieser Zeit hinauszuschaffen, verwechselt er Jahrhunderte, oder er holt Juden und Mauren herzu, um ihnen das Schöne zuzuschreiben. Ueber die Bildhauerkunst der genannten Zeit urtheilt er Seite 322/23 wie folgt: &#x201E;Während die deutschen Meister des 12. Jahrhunderts Werke geschaffen hatten, die an Tiefe der Auffassung und formaler Vollendung zu den glänzendsten Schöpfungen des Mittelalters gehörten, war die Bildnerei im Dienste der deutschen Gothik Schritt für Schritt zurückgegangen, die Steinmetzenarbeit handwerklicher geworden. Die Figuren hatten sich der Gestaltung ihres Aufstellungsortes, den schlanken Blendarcaden, den aufstrebenden Pfeilern einfügen müssen, hatten jene gesunde Naturwahrheit verloren, jene gedrungene Kraft, die ihnen in der romanischen Periode eigen gewesen waren. Das Bestreben, die menschliche Gestalt zu durchgeistigen, die religiös-schwärmerische
</p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[30/0036] 1343 nicht in 1344 zu verändern; die Uebereinstimmng aller drei Bauten erklärt sich, obgleich sie während der Zeit des Matthias wie des Peter Parler entstanden sind, ganz ungezwungen. Auch die alterthümlichen Details und die starken Mauern sind dann erklärlich: Matthias sowohl wie Peter waren im Stile fortgeschrittener und in ihren Constructionen kühner als der böhmische Baumeister. Uebrigens ermangelt es nicht an Vorgängerinnen für Emmaus, Theyn und die Glatzer Stadtpfarrkirche. Kurz vorher ist die S. Jacobskirche in Kuttenberg fertig geworden, ehe noch an Matthias zu denken war, und diese zeigt ganz ähnlich sichere Mauerstärken, ja sogar die Profile ähneln den drei beregten Kirchen mindestens ebenso sehr als etwa die des Unterbaues von Prag. Es kann auch unmöglich in Böhmen ganz an einheimischen Baumeistern gefehlt haben. Von den gesamten Aufstellungen Gurlitts, welche die böhmische Kunst zur Zeit Karls IV. als durch die Albigenser beeinflußt erweisen sollten, hat somit keine einzige Stich gehalten. Die behaupteten überraschenden Aehnlichkeiten bestehen ebensowenig wie die dem Languedoc zugeschriebenen Eigenthümlichkeiten. Aber auch andere Behauptungen Gurlitts über das Mittelalter rufen Befremden hervor. Er liebt die Zeit nach 1200 wenig. Um das unleugbar Schöne aus dieser Zeit hinauszuschaffen, verwechselt er Jahrhunderte, oder er holt Juden und Mauren herzu, um ihnen das Schöne zuzuschreiben. Ueber die Bildhauerkunst der genannten Zeit urtheilt er Seite 322/23 wie folgt: „Während die deutschen Meister des 12. Jahrhunderts Werke geschaffen hatten, die an Tiefe der Auffassung und formaler Vollendung zu den glänzendsten Schöpfungen des Mittelalters gehörten, war die Bildnerei im Dienste der deutschen Gothik Schritt für Schritt zurückgegangen, die Steinmetzenarbeit handwerklicher geworden. Die Figuren hatten sich der Gestaltung ihres Aufstellungsortes, den schlanken Blendarcaden, den aufstrebenden Pfeilern einfügen müssen, hatten jene gesunde Naturwahrheit verloren, jene gedrungene Kraft, die ihnen in der romanischen Periode eigen gewesen waren. Das Bestreben, die menschliche Gestalt zu durchgeistigen, die religiös-schwärmerische

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Wikisource: Bereitstellung der Texttranskription und Auszeichnung in Wikisource-Syntax. (2012-10-26T10:30:31Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme aus Wikisource entsprechen muss.
Wikimedia Commons: Bereitstellung der Bilddigitalisate (2012-10-26T10:30:31Z)
Frank Wiegand: Konvertierung von Wikisource-Markup nach XML/TEI gemäß DTA-Basisformat. (2012-10-26T10:30:31Z)

Weitere Informationen:

Anmerkungen zur Transkription:

  • Als Grundlage dienen die Wikisource:Editionsrichtlinien.
  • „ſs“ (meist als „fs“ im unkorrigierten Text) wird durch „ß“ transkribiert.
  • „ſ“ (meist als „f“ im unkorrigierten Text) wird zu „s“ transkribiert.
  • Ligaturen wie z. B. „Æ“ und „Œ“, werden zu zwei getrennten Zeichen transkribiert, im Beispiel also zu „Ae“ und „Oe“.



Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/hasak_predigtkirche_1893
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/hasak_predigtkirche_1893/36
Zitationshilfe: Hasak, Max: Die Predigtkirche im Mittelalter. Berlin, 1893, S. 30. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/hasak_predigtkirche_1893/36>, abgerufen am 21.09.2019.