Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Hasak, Max: Die Predigtkirche im Mittelalter. Berlin, 1893.

Bild:
<< vorherige Seite

Aufriß zum Ausdruck gebracht. Diese künstlerische Lösung fehlt bei Alby. Wenn Gurlitt aber sagt, daß diese Chorschranken durch den Bischof von Alby nachträglich so gut und so schlecht es ging, hineingesetzt worden seien, so irrt er. Der Grundriß von Alby entstand, wie wir schon anführten, aus Sparsamkeit, dann auch aus Gründen der Ueberlieferung und, wie gleich erörtert werden soll, mit Rücksicht auf die Befestigung. Die Kathedrale sollte als Festung dienen. Den Thurm bildet ein riesiger Donjon ohne jede Oeffnung in seinen Untergeschossen. Ebenso unzugänglich ist das Schiff. Seine Fenster sind klein und schmal, ein innerer Umgang ist zur Vertheidigung angebracht. (Gurlitt schreibt irrthümlich, die Capellen gingen ohne Unterbrechung bis oben hinauf.) Nur ein Eingang, stark verwahrt, läßt die Andächtigen ein, und der vom bischöflichen Schlosse führt durch die befestigten Sacristeien. Kurz, wir haben es mit einem befestigten Gotteshause der stärksten Art zu thun. Hätte man da ein basilicales System verwandt, wie sonst bei den mit Strebebögen ausgestatteten Schwesterkathedralen, dann würde dem Feinde die Zerstörung eines solchen Bogens genügt haben, um den ganzen Bau zum Einsturz zu bringen. Den mittelalterlichen Baumeistern war der Schloß- und Festungsbau sehr geläufig, und sie waren sich über diesen schwachen Punkt des üblichen Kathedralquerschnittes vollkommen klar; der Baumeister von Alby wählte daher den sicheren Querschnitt, den er noch dazu aus alter Zeit vor Augen hatte. Aus ähnlichem Grunde wuchsen wohl auch später in jenen Ländern, die von den hussitischen Horden zu leiden hatten, so zahlreich Hallenkirchen aus der Asche der niedergebrannten Städte empor; denn die Basiliken hatten sich den Feuersbrünsten gegenüber als nicht sehr widerstandsfähig gezeigt. Die Strebesysteme gaben überdies, wenn man nicht über sehr wetterbeständigen Stein verfügte, fortwährend Anlaß zu Erneuerungen, und mit gleichem Kostenaufwande ließen sich stolzere und mächtigere Bauwerke erzielen. So erklärt sich alles abweichende und scheinbar befremdende an der Kathedrale von Alby ungezwungen und von selbst, wenn man sie nur mit Kenntniß des Kathedralprogramms, ohne vorgefaßte Ansichten und Vorurtheile betrachtet.

Aufriß zum Ausdruck gebracht. Diese künstlerische Lösung fehlt bei Alby. Wenn Gurlitt aber sagt, daß diese Chorschranken durch den Bischof von Alby nachträglich so gut und so schlecht es ging, hineingesetzt worden seien, so irrt er. Der Grundriß von Alby entstand, wie wir schon anführten, aus Sparsamkeit, dann auch aus Gründen der Ueberlieferung und, wie gleich erörtert werden soll, mit Rücksicht auf die Befestigung. Die Kathedrale sollte als Festung dienen. Den Thurm bildet ein riesiger Donjon ohne jede Oeffnung in seinen Untergeschossen. Ebenso unzugänglich ist das Schiff. Seine Fenster sind klein und schmal, ein innerer Umgang ist zur Vertheidigung angebracht. (Gurlitt schreibt irrthümlich, die Capellen gingen ohne Unterbrechung bis oben hinauf.) Nur ein Eingang, stark verwahrt, läßt die Andächtigen ein, und der vom bischöflichen Schlosse führt durch die befestigten Sacristeien. Kurz, wir haben es mit einem befestigten Gotteshause der stärksten Art zu thun. Hätte man da ein basilicales System verwandt, wie sonst bei den mit Strebebögen ausgestatteten Schwesterkathedralen, dann würde dem Feinde die Zerstörung eines solchen Bogens genügt haben, um den ganzen Bau zum Einsturz zu bringen. Den mittelalterlichen Baumeistern war der Schloß- und Festungsbau sehr geläufig, und sie waren sich über diesen schwachen Punkt des üblichen Kathedralquerschnittes vollkommen klar; der Baumeister von Alby wählte daher den sicheren Querschnitt, den er noch dazu aus alter Zeit vor Augen hatte. Aus ähnlichem Grunde wuchsen wohl auch später in jenen Ländern, die von den hussitischen Horden zu leiden hatten, so zahlreich Hallenkirchen aus der Asche der niedergebrannten Städte empor; denn die Basiliken hatten sich den Feuersbrünsten gegenüber als nicht sehr widerstandsfähig gezeigt. Die Strebesysteme gaben überdies, wenn man nicht über sehr wetterbeständigen Stein verfügte, fortwährend Anlaß zu Erneuerungen, und mit gleichem Kostenaufwande ließen sich stolzere und mächtigere Bauwerke erzielen. So erklärt sich alles abweichende und scheinbar befremdende an der Kathedrale von Alby ungezwungen und von selbst, wenn man sie nur mit Kenntniß des Kathedralprogramms, ohne vorgefaßte Ansichten und Vorurtheile betrachtet.

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0024" n="18"/>
Aufriß zum Ausdruck gebracht. Diese künstlerische Lösung fehlt bei Alby. Wenn Gurlitt aber sagt, daß diese Chorschranken durch den Bischof von Alby nachträglich so gut und so schlecht es ging, hineingesetzt worden seien, so irrt er. Der Grundriß von Alby entstand, wie wir schon anführten, aus Sparsamkeit, dann auch aus Gründen der Ueberlieferung und, wie gleich erörtert werden soll, mit Rücksicht auf die Befestigung. Die Kathedrale sollte als Festung dienen. Den Thurm bildet ein riesiger Donjon ohne jede Oeffnung in seinen Untergeschossen. Ebenso unzugänglich ist das Schiff. Seine Fenster sind klein und schmal, ein innerer Umgang ist zur Vertheidigung angebracht. (Gurlitt schreibt irrthümlich, die Capellen gingen ohne Unterbrechung bis oben hinauf.) Nur ein Eingang, stark verwahrt, läßt die Andächtigen ein, und der vom bischöflichen Schlosse führt durch die befestigten Sacristeien. Kurz, wir haben es mit einem befestigten Gotteshause der stärksten Art zu thun. Hätte man da ein basilicales System verwandt, wie sonst bei den mit Strebebögen ausgestatteten Schwesterkathedralen, dann würde dem Feinde die Zerstörung eines solchen Bogens genügt haben, um den ganzen Bau zum Einsturz zu bringen. Den mittelalterlichen Baumeistern war der Schloß- und Festungsbau sehr geläufig, und sie waren sich über diesen schwachen Punkt des üblichen Kathedralquerschnittes vollkommen klar; der Baumeister von Alby wählte daher den sicheren Querschnitt, den er noch dazu aus alter Zeit vor Augen hatte. Aus ähnlichem Grunde wuchsen wohl auch später in jenen Ländern, die von den hussitischen Horden zu leiden hatten, so zahlreich Hallenkirchen aus der Asche der niedergebrannten Städte empor; denn die Basiliken hatten sich den Feuersbrünsten gegenüber als nicht sehr widerstandsfähig gezeigt. Die Strebesysteme gaben überdies, wenn man nicht über sehr wetterbeständigen Stein verfügte, fortwährend Anlaß zu Erneuerungen, und mit gleichem Kostenaufwande ließen sich stolzere und mächtigere Bauwerke erzielen. So erklärt sich alles abweichende und scheinbar befremdende an der Kathedrale von Alby ungezwungen und von selbst, wenn man sie nur mit Kenntniß des Kathedralprogramms, ohne vorgefaßte Ansichten und Vorurtheile betrachtet.</p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[18/0024] Aufriß zum Ausdruck gebracht. Diese künstlerische Lösung fehlt bei Alby. Wenn Gurlitt aber sagt, daß diese Chorschranken durch den Bischof von Alby nachträglich so gut und so schlecht es ging, hineingesetzt worden seien, so irrt er. Der Grundriß von Alby entstand, wie wir schon anführten, aus Sparsamkeit, dann auch aus Gründen der Ueberlieferung und, wie gleich erörtert werden soll, mit Rücksicht auf die Befestigung. Die Kathedrale sollte als Festung dienen. Den Thurm bildet ein riesiger Donjon ohne jede Oeffnung in seinen Untergeschossen. Ebenso unzugänglich ist das Schiff. Seine Fenster sind klein und schmal, ein innerer Umgang ist zur Vertheidigung angebracht. (Gurlitt schreibt irrthümlich, die Capellen gingen ohne Unterbrechung bis oben hinauf.) Nur ein Eingang, stark verwahrt, läßt die Andächtigen ein, und der vom bischöflichen Schlosse führt durch die befestigten Sacristeien. Kurz, wir haben es mit einem befestigten Gotteshause der stärksten Art zu thun. Hätte man da ein basilicales System verwandt, wie sonst bei den mit Strebebögen ausgestatteten Schwesterkathedralen, dann würde dem Feinde die Zerstörung eines solchen Bogens genügt haben, um den ganzen Bau zum Einsturz zu bringen. Den mittelalterlichen Baumeistern war der Schloß- und Festungsbau sehr geläufig, und sie waren sich über diesen schwachen Punkt des üblichen Kathedralquerschnittes vollkommen klar; der Baumeister von Alby wählte daher den sicheren Querschnitt, den er noch dazu aus alter Zeit vor Augen hatte. Aus ähnlichem Grunde wuchsen wohl auch später in jenen Ländern, die von den hussitischen Horden zu leiden hatten, so zahlreich Hallenkirchen aus der Asche der niedergebrannten Städte empor; denn die Basiliken hatten sich den Feuersbrünsten gegenüber als nicht sehr widerstandsfähig gezeigt. Die Strebesysteme gaben überdies, wenn man nicht über sehr wetterbeständigen Stein verfügte, fortwährend Anlaß zu Erneuerungen, und mit gleichem Kostenaufwande ließen sich stolzere und mächtigere Bauwerke erzielen. So erklärt sich alles abweichende und scheinbar befremdende an der Kathedrale von Alby ungezwungen und von selbst, wenn man sie nur mit Kenntniß des Kathedralprogramms, ohne vorgefaßte Ansichten und Vorurtheile betrachtet.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Wikisource: Bereitstellung der Texttranskription und Auszeichnung in Wikisource-Syntax. (2012-10-26T10:30:31Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme aus Wikisource entsprechen muss.
Wikimedia Commons: Bereitstellung der Bilddigitalisate (2012-10-26T10:30:31Z)
Frank Wiegand: Konvertierung von Wikisource-Markup nach XML/TEI gemäß DTA-Basisformat. (2012-10-26T10:30:31Z)

Weitere Informationen:

Anmerkungen zur Transkription:

  • Als Grundlage dienen die Wikisource:Editionsrichtlinien.
  • „ſs“ (meist als „fs“ im unkorrigierten Text) wird durch „ß“ transkribiert.
  • „ſ“ (meist als „f“ im unkorrigierten Text) wird zu „s“ transkribiert.
  • Ligaturen wie z. B. „Æ“ und „Œ“, werden zu zwei getrennten Zeichen transkribiert, im Beispiel also zu „Ae“ und „Oe“.



Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/hasak_predigtkirche_1893
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/hasak_predigtkirche_1893/24
Zitationshilfe: Hasak, Max: Die Predigtkirche im Mittelalter. Berlin, 1893, S. 18. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/hasak_predigtkirche_1893/24>, abgerufen am 19.05.2019.