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Hasak, Max: Die Predigtkirche im Mittelalter. Berlin, 1893.

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In jeder größeren Pfarrkirche wird sonntäglich nicht bloß einmal, sondern zweimal, häufig dreimal gepredigt, und zwar schon in den frühesten Morgenstunden, um 6 Uhr womöglich, damit jedermann die Gelegenheit geboten ist, eine Predigt zu hören. Und diese Gelegenheit wird Sonntag für Sonntag eifrig benutzt. Man gehe doch hinein in die Kirchen und überzeuge sich, wenn man es durchaus nicht glauben will. Und so ist es in Deutschland wie in Italien und Oesterreich, in Frankreich und in Belgien wie in Spanien und in Holland. Mittelalterliche Pfarrkirchengrundrisse der geschilderten Art in mehr oder minder geschickter Anordnung finden sich daher auch überall. Würden die Inventare der preußischen Baudenkmäler Abbildungen dieser Kirchen enthalten, so würde man diese nur aufzuschlagen brauchen. Leider ist es nicht der Fall, man muß sich also anderweit umsehen. In Grueber "Böhmen" hätte Gurlitt, der selbst dieses Buch so häufig anführt, an hundert derartige Pfarrkirchengrundrisse finden können.

In der romanischen Zeit findet man viel einschiffige, kurze Kirchen, die bei kleineren Gemeinden sehr zweckmäßig für Messe und Predigt sind. Böhmen war damals noch sehr schwach bevölkert. Hätte Gurlitt diese Grundrisse nicht insgesamt übersehen -- sie sind ihm wohl "verkümmert" und zu unansehnlich vorgekommen --, so würde er gleich dabei gelesen haben (Band I Seite 38): "Einer ungleich höheren Durchbildung hat sich die einschiffige Halle zu erfreuen", die er, wie wir sehen werden, den Albigensern zuschreiben möchte. Ich führe nur St. Matthias in Bechin, St. Bartholomäus in Kondrac, St. Gallus in Poric, St. Jacob bei Kuttenberg an (die letztere Kirche ist datirt, im Jahre 1165 wurde ihr Hochaltar geweiht); ferner St. Wenzel in Jircan, St. Philipp und Jacob in Smichow, die Pfarrkirche in Kyje, St. Johann in Weißkirchen, St. Peter und Paul in Bohnitz. Bei allen diesen Kirchen ist von denjenigen Eigenschaften nichts zu finden, die Gurlitt Heiligencult, Processionen und alleinigen Meßdienst anzuzeigen scheinen.

Um weiteren mißverständlichen Einwürfen zuvorzukommen, sei gleich hier erörtert, warum nicht mehr romanische Pfarrkirchen übrig geblieben sind. In der früheren Zeit waren

In jeder größeren Pfarrkirche wird sonntäglich nicht bloß einmal, sondern zweimal, häufig dreimal gepredigt, und zwar schon in den frühesten Morgenstunden, um 6 Uhr womöglich, damit jedermann die Gelegenheit geboten ist, eine Predigt zu hören. Und diese Gelegenheit wird Sonntag für Sonntag eifrig benutzt. Man gehe doch hinein in die Kirchen und überzeuge sich, wenn man es durchaus nicht glauben will. Und so ist es in Deutschland wie in Italien und Oesterreich, in Frankreich und in Belgien wie in Spanien und in Holland. Mittelalterliche Pfarrkirchengrundrisse der geschilderten Art in mehr oder minder geschickter Anordnung finden sich daher auch überall. Würden die Inventare der preußischen Baudenkmäler Abbildungen dieser Kirchen enthalten, so würde man diese nur aufzuschlagen brauchen. Leider ist es nicht der Fall, man muß sich also anderweit umsehen. In Grueber „Böhmen“ hätte Gurlitt, der selbst dieses Buch so häufig anführt, an hundert derartige Pfarrkirchengrundrisse finden können.

In der romanischen Zeit findet man viel einschiffige, kurze Kirchen, die bei kleineren Gemeinden sehr zweckmäßig für Messe und Predigt sind. Böhmen war damals noch sehr schwach bevölkert. Hätte Gurlitt diese Grundrisse nicht insgesamt übersehen — sie sind ihm wohl „verkümmert“ und zu unansehnlich vorgekommen —, so würde er gleich dabei gelesen haben (Band I Seite 38): „Einer ungleich höheren Durchbildung hat sich die einschiffige Halle zu erfreuen“, die er, wie wir sehen werden, den Albigensern zuschreiben möchte. Ich führe nur St. Matthias in Bechin, St. Bartholomäus in Kondrac, St. Gallus in Poric, St. Jacob bei Kuttenberg an (die letztere Kirche ist datirt, im Jahre 1165 wurde ihr Hochaltar geweiht); ferner St. Wenzel in Jircan, St. Philipp und Jacob in Smichow, die Pfarrkirche in Kyje, St. Johann in Weißkirchen, St. Peter und Paul in Bohnitz. Bei allen diesen Kirchen ist von denjenigen Eigenschaften nichts zu finden, die Gurlitt Heiligencult, Processionen und alleinigen Meßdienst anzuzeigen scheinen.

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[8/0014] In jeder größeren Pfarrkirche wird sonntäglich nicht bloß einmal, sondern zweimal, häufig dreimal gepredigt, und zwar schon in den frühesten Morgenstunden, um 6 Uhr womöglich, damit jedermann die Gelegenheit geboten ist, eine Predigt zu hören. Und diese Gelegenheit wird Sonntag für Sonntag eifrig benutzt. Man gehe doch hinein in die Kirchen und überzeuge sich, wenn man es durchaus nicht glauben will. Und so ist es in Deutschland wie in Italien und Oesterreich, in Frankreich und in Belgien wie in Spanien und in Holland. Mittelalterliche Pfarrkirchengrundrisse der geschilderten Art in mehr oder minder geschickter Anordnung finden sich daher auch überall. Würden die Inventare der preußischen Baudenkmäler Abbildungen dieser Kirchen enthalten, so würde man diese nur aufzuschlagen brauchen. Leider ist es nicht der Fall, man muß sich also anderweit umsehen. In Grueber „Böhmen“ hätte Gurlitt, der selbst dieses Buch so häufig anführt, an hundert derartige Pfarrkirchengrundrisse finden können. In der romanischen Zeit findet man viel einschiffige, kurze Kirchen, die bei kleineren Gemeinden sehr zweckmäßig für Messe und Predigt sind. Böhmen war damals noch sehr schwach bevölkert. Hätte Gurlitt diese Grundrisse nicht insgesamt übersehen — sie sind ihm wohl „verkümmert“ und zu unansehnlich vorgekommen —, so würde er gleich dabei gelesen haben (Band I Seite 38): „Einer ungleich höheren Durchbildung hat sich die einschiffige Halle zu erfreuen“, die er, wie wir sehen werden, den Albigensern zuschreiben möchte. Ich führe nur St. Matthias in Bechin, St. Bartholomäus in Kondrac, St. Gallus in Poric, St. Jacob bei Kuttenberg an (die letztere Kirche ist datirt, im Jahre 1165 wurde ihr Hochaltar geweiht); ferner St. Wenzel in Jircan, St. Philipp und Jacob in Smichow, die Pfarrkirche in Kyje, St. Johann in Weißkirchen, St. Peter und Paul in Bohnitz. Bei allen diesen Kirchen ist von denjenigen Eigenschaften nichts zu finden, die Gurlitt Heiligencult, Processionen und alleinigen Meßdienst anzuzeigen scheinen. Um weiteren mißverständlichen Einwürfen zuvorzukommen, sei gleich hier erörtert, warum nicht mehr romanische Pfarrkirchen übrig geblieben sind. In der früheren Zeit waren

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Zitationshilfe: Hasak, Max: Die Predigtkirche im Mittelalter. Berlin, 1893, S. 8. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/hasak_predigtkirche_1893/14>, abgerufen am 19.10.2019.