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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Ludwig II. in Rom
wertvolles, ein Geschenk der Gemahlin Konstantins des Großen, das ein
Stück vom Kreuz von Golgatha enthalten sollte. Es wurde zertrümmert,
und das heilige Holz in den Kot getreten. Übrigens gehen so kostbare
Heiligtümer bekanntlich nie verloren; auch dieses wurde von einem Eng-
länder aufgelesen und zurückgegeben. Jm Volk war die Empörung über
den Vorfall natürlich groß. Nikolaus wartete derweilen im Lateran der
Dinge, die da kommen sollten, und als er erfuhr, der Kaiser rücke in die
Stadt, um ihn zu fangen, ergriff er die Flucht. Heimlich eilte er zum
Tiber hinab, bestieg einen Kahn und ließ sich nach Sankt Peter bringen,
wo er wußte, daß man ihn nicht antasten würde. Zwei Tage und zwei
Nächte verbrachte er hier ohne Speise und Trank, da trat die Wendung
ein, auf die er im stillen wohl gehofft hatte. Der Mann, der das heilige
Kreuz zerschlagen hatte, starb plötzlich, der Kaiser erkrankte -- Zeichen
des Himmels, daß er auf falschem Wege war. Auch wirklichere Dinge
werden ihn zur Besinnung gemahnt haben. Gegen die Erregung des
Volkes war er machtlos, die große Stadt zu beherrschen reichten seine
Truppen schwerlich aus, und gegen den Papst Gewalt zu brauchen durfte
er aus äußeren und inneren Gründen nicht wagen. Er beschloß einzu-
lenken und eröffnete Verhandlungen. Die Kaiserin, klüger und tat-
kräftiger als ihr Gemahl, nahm die Sache in die Hand und brachte einen
Vergleich zustande. Die abgesetzten Erzbischöfe wurden sich selbst über-
lassen, Nikolaus durfte in den Lateran zurückkehren, mußte aber für sein
weiteres Wohlverhalten Bürgschaft stellen. Sie bestand darin, daß er
sich in der Person des Arsenius von Orte einen "Apokrisiar", einen be-
vollmächtigten Vertreter, wir würden sagen einen Generalvikar, ge-
fallen ließ, neben dem ein toskanischer Bischof den Kaiser dauernd
vertrat. Damit war die Herrschaft der kaiserlichen Partei in Rom
wiederhergestellt, und nach zweimonatigem Aufenthalt, während
dessen seine Truppen es an Ausschreitungen aller Art nicht hatten
fehlen lassen, konnte Ludwig abziehen. Er hatte erreicht, worauf es
ihm ankam.

Die Kosten des Friedens hatten die Erzbischöfe von Köln und Trier
zu tragen. Sie fügten sich nicht in ihr Schicksal, erhoben Klage beim
Papst und ließen sie schriftlich mit Gewalt auf dem Grabe Sankt
Peters niederlegen, wobei einer der Wächter des Grabes erschlagen
wurde. Das Schriftstück ließ in der Form die einfachste Achtung ver-
missen. Es begann nach unpassender Anrede -- "Höre, Herr Papst

Ludwig II. in Rom
wertvolles, ein Geſchenk der Gemahlin Konſtantins des Großen, das ein
Stück vom Kreuz von Golgatha enthalten ſollte. Es wurde zertrümmert,
und das heilige Holz in den Kot getreten. Übrigens gehen ſo koſtbare
Heiligtümer bekanntlich nie verloren; auch dieſes wurde von einem Eng-
länder aufgeleſen und zurückgegeben. Jm Volk war die Empörung über
den Vorfall natürlich groß. Nikolaus wartete derweilen im Lateran der
Dinge, die da kommen ſollten, und als er erfuhr, der Kaiſer rücke in die
Stadt, um ihn zu fangen, ergriff er die Flucht. Heimlich eilte er zum
Tiber hinab, beſtieg einen Kahn und ließ ſich nach Sankt Peter bringen,
wo er wußte, daß man ihn nicht antaſten würde. Zwei Tage und zwei
Nächte verbrachte er hier ohne Speiſe und Trank, da trat die Wendung
ein, auf die er im ſtillen wohl gehofft hatte. Der Mann, der das heilige
Kreuz zerſchlagen hatte, ſtarb plötzlich, der Kaiſer erkrankte — Zeichen
des Himmels, daß er auf falſchem Wege war. Auch wirklichere Dinge
werden ihn zur Beſinnung gemahnt haben. Gegen die Erregung des
Volkes war er machtlos, die große Stadt zu beherrſchen reichten ſeine
Truppen ſchwerlich aus, und gegen den Papſt Gewalt zu brauchen durfte
er aus äußeren und inneren Gründen nicht wagen. Er beſchloß einzu-
lenken und eröffnete Verhandlungen. Die Kaiſerin, klüger und tat-
kräftiger als ihr Gemahl, nahm die Sache in die Hand und brachte einen
Vergleich zuſtande. Die abgeſetzten Erzbiſchöfe wurden ſich ſelbſt über-
laſſen, Nikolaus durfte in den Lateran zurückkehren, mußte aber für ſein
weiteres Wohlverhalten Bürgſchaft ſtellen. Sie beſtand darin, daß er
ſich in der Perſon des Arſenius von Orte einen „Apokriſiar“, einen be-
vollmächtigten Vertreter, wir würden ſagen einen Generalvikar, ge-
fallen ließ, neben dem ein toskaniſcher Biſchof den Kaiſer dauernd
vertrat. Damit war die Herrſchaft der kaiſerlichen Partei in Rom
wiederhergeſtellt, und nach zweimonatigem Aufenthalt, während
deſſen ſeine Truppen es an Ausſchreitungen aller Art nicht hatten
fehlen laſſen, konnte Ludwig abziehen. Er hatte erreicht, worauf es
ihm ankam.

Die Koſten des Friedens hatten die Erzbiſchöfe von Köln und Trier
zu tragen. Sie fügten ſich nicht in ihr Schickſal, erhoben Klage beim
Papſt und ließen ſie ſchriftlich mit Gewalt auf dem Grabe Sankt
Peters niederlegen, wobei einer der Wächter des Grabes erſchlagen
wurde. Das Schriftſtück ließ in der Form die einfachſte Achtung ver-
miſſen. Es begann nach unpaſſender Anrede — „Höre, Herr Papſt

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[90/0099] Ludwig II. in Rom wertvolles, ein Geſchenk der Gemahlin Konſtantins des Großen, das ein Stück vom Kreuz von Golgatha enthalten ſollte. Es wurde zertrümmert, und das heilige Holz in den Kot getreten. Übrigens gehen ſo koſtbare Heiligtümer bekanntlich nie verloren; auch dieſes wurde von einem Eng- länder aufgeleſen und zurückgegeben. Jm Volk war die Empörung über den Vorfall natürlich groß. Nikolaus wartete derweilen im Lateran der Dinge, die da kommen ſollten, und als er erfuhr, der Kaiſer rücke in die Stadt, um ihn zu fangen, ergriff er die Flucht. Heimlich eilte er zum Tiber hinab, beſtieg einen Kahn und ließ ſich nach Sankt Peter bringen, wo er wußte, daß man ihn nicht antaſten würde. Zwei Tage und zwei Nächte verbrachte er hier ohne Speiſe und Trank, da trat die Wendung ein, auf die er im ſtillen wohl gehofft hatte. Der Mann, der das heilige Kreuz zerſchlagen hatte, ſtarb plötzlich, der Kaiſer erkrankte — Zeichen des Himmels, daß er auf falſchem Wege war. Auch wirklichere Dinge werden ihn zur Beſinnung gemahnt haben. Gegen die Erregung des Volkes war er machtlos, die große Stadt zu beherrſchen reichten ſeine Truppen ſchwerlich aus, und gegen den Papſt Gewalt zu brauchen durfte er aus äußeren und inneren Gründen nicht wagen. Er beſchloß einzu- lenken und eröffnete Verhandlungen. Die Kaiſerin, klüger und tat- kräftiger als ihr Gemahl, nahm die Sache in die Hand und brachte einen Vergleich zuſtande. Die abgeſetzten Erzbiſchöfe wurden ſich ſelbſt über- laſſen, Nikolaus durfte in den Lateran zurückkehren, mußte aber für ſein weiteres Wohlverhalten Bürgſchaft ſtellen. Sie beſtand darin, daß er ſich in der Perſon des Arſenius von Orte einen „Apokriſiar“, einen be- vollmächtigten Vertreter, wir würden ſagen einen Generalvikar, ge- fallen ließ, neben dem ein toskaniſcher Biſchof den Kaiſer dauernd vertrat. Damit war die Herrſchaft der kaiſerlichen Partei in Rom wiederhergeſtellt, und nach zweimonatigem Aufenthalt, während deſſen ſeine Truppen es an Ausſchreitungen aller Art nicht hatten fehlen laſſen, konnte Ludwig abziehen. Er hatte erreicht, worauf es ihm ankam. Die Koſten des Friedens hatten die Erzbiſchöfe von Köln und Trier zu tragen. Sie fügten ſich nicht in ihr Schickſal, erhoben Klage beim Papſt und ließen ſie ſchriftlich mit Gewalt auf dem Grabe Sankt Peters niederlegen, wobei einer der Wächter des Grabes erſchlagen wurde. Das Schriftſtück ließ in der Form die einfachſte Achtung ver- miſſen. Es begann nach unpaſſender Anrede — „Höre, Herr Papſt

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 90. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/99>, abgerufen am 06.12.2019.