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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Feindschaft Ravennas. Ludwig II. in Rom
kommenste bestätigt und ergänzt, sie zeigten den Weg, auf dem man den
römischen Bischof zum unumschränkten Beherrscher der Kirche machen
konnte.

Die bestehende Kirchenverfassung umzustürzen und ein Papst nach den
Vorschriften Pseudoisidors zu sein, hat Nikolaus versucht. Damit ist
er gescheitert, aber der Versuch wie das Scheitern sind gleich bezeichnend
für seine Zeit.

Nikolaus wagte viel, als er sich von den Freunden des Kaisers in Rom
losmachte und offen gegen des Kaisers Bruder Partei ergriff. Zu allem
andern hatte er in Jtalien einen Feind, der auf Rache sann, im Erz-
bischof von Ravenna. Derselbe Johannes, der schon mit Leo IV. zu-
sammengestoßen war, hatte im Vertrauen auf den Kaiser, dessen be-
sondere Gunst er genoß, den Versuch erneuert, sich von Rom unab-
hängig zu machen, hatte Güter der römischen Kirche in Besitz genommen
und seine Bischöfe am Verkehr mit dem Papst gehindert. Er zog den
kürzeren, da der Kaiser ihn im Stiche ließ. Nikolaus schloß ihn aus der
Gemeinschaft aus, kam selbst nach Ravenna, um Ordnung zu schaffen,
und nötigte den Erzbischof zu vollständiger Unterwerfung: fortan durfte
er in seiner eigenen Provinz keinen Bischof ohne päpstliche Genehmigung
weihen. Daß der Gedemütigte auf den Tag der Vergeltung wartete,
kann man sich denken, und beim Kaiser vermochte er viel. Um diesen
sammelten sich nun alle Gekränkten und trieben ihn zum Vorgehen.

Jn der Umgebung des Papstes kannte man Ludwig. Oft genug und
erst jüngst im Falle Ravennas hatte er gezeigt, wie leicht er zum Weichen
zu bringen und einzuschüchtern sei. Trotzdem blieb es ein Wagnis, seinen
Zorn herauszufordern. Denn über andere Waffen als sein geistliches
Ansehen verfügte Nikolaus nicht, und zunächst sah es wirklich aus, als
wollte der Kaiser ihn seine Macht fühlen lassen. Von Benevent, wo er
gerade im Felde lag, erschien er in den ersten Tagen des Jahres 864
vor Rom, "fassungslos vor Zorn", wie Hinkmar in seinen Aufzeich-
nungen bemerkt. Bei der Kirche Sankt Peters, draußen vor der Stadt,
nahm er zunächst Quartier. Er verlangte, daß die Erzbischöfe von Köln
und Trier wiedereingesetzt würden. Nikolaus ordnete allgemeines Fasten
und einen Bittgang an, "damit Gott den Sinn des Kaisers bekehre". An
den Stufen der Peterskirche stieß der Zug auf Soldaten des Kaisers,
die auf die Leute einhieben, sie zu Boden warfen und auseinanderjagten
und ihre Fahnen und Kreuze zerbrachen. Darunter war ein besonders

Feindſchaft Ravennas. Ludwig II. in Rom
kommenſte beſtätigt und ergänzt, ſie zeigten den Weg, auf dem man den
römiſchen Biſchof zum unumſchränkten Beherrſcher der Kirche machen
konnte.

Die beſtehende Kirchenverfaſſung umzuſtürzen und ein Papſt nach den
Vorſchriften Pſeudoiſidors zu ſein, hat Nikolaus verſucht. Damit iſt
er geſcheitert, aber der Verſuch wie das Scheitern ſind gleich bezeichnend
für ſeine Zeit.

Nikolaus wagte viel, als er ſich von den Freunden des Kaiſers in Rom
losmachte und offen gegen des Kaiſers Bruder Partei ergriff. Zu allem
andern hatte er in Jtalien einen Feind, der auf Rache ſann, im Erz-
biſchof von Ravenna. Derſelbe Johannes, der ſchon mit Leo IV. zu-
ſammengeſtoßen war, hatte im Vertrauen auf den Kaiſer, deſſen be-
ſondere Gunſt er genoß, den Verſuch erneuert, ſich von Rom unab-
hängig zu machen, hatte Güter der römiſchen Kirche in Beſitz genommen
und ſeine Biſchöfe am Verkehr mit dem Papſt gehindert. Er zog den
kürzeren, da der Kaiſer ihn im Stiche ließ. Nikolaus ſchloß ihn aus der
Gemeinſchaft aus, kam ſelbſt nach Ravenna, um Ordnung zu ſchaffen,
und nötigte den Erzbiſchof zu vollſtändiger Unterwerfung: fortan durfte
er in ſeiner eigenen Provinz keinen Biſchof ohne päpſtliche Genehmigung
weihen. Daß der Gedemütigte auf den Tag der Vergeltung wartete,
kann man ſich denken, und beim Kaiſer vermochte er viel. Um dieſen
ſammelten ſich nun alle Gekränkten und trieben ihn zum Vorgehen.

Jn der Umgebung des Papſtes kannte man Ludwig. Oft genug und
erſt jüngſt im Falle Ravennas hatte er gezeigt, wie leicht er zum Weichen
zu bringen und einzuſchüchtern ſei. Trotzdem blieb es ein Wagnis, ſeinen
Zorn herauszufordern. Denn über andere Waffen als ſein geiſtliches
Anſehen verfügte Nikolaus nicht, und zunächſt ſah es wirklich aus, als
wollte der Kaiſer ihn ſeine Macht fühlen laſſen. Von Benevent, wo er
gerade im Felde lag, erſchien er in den erſten Tagen des Jahres 864
vor Rom, „faſſungslos vor Zorn“, wie Hinkmar in ſeinen Aufzeich-
nungen bemerkt. Bei der Kirche Sankt Peters, draußen vor der Stadt,
nahm er zunächſt Quartier. Er verlangte, daß die Erzbiſchöfe von Köln
und Trier wiedereingeſetzt würden. Nikolaus ordnete allgemeines Faſten
und einen Bittgang an, „damit Gott den Sinn des Kaiſers bekehre“. An
den Stufen der Peterskirche ſtieß der Zug auf Soldaten des Kaiſers,
die auf die Leute einhieben, ſie zu Boden warfen und auseinanderjagten
und ihre Fahnen und Kreuze zerbrachen. Darunter war ein beſonders

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[89/0098] Feindſchaft Ravennas. Ludwig II. in Rom kommenſte beſtätigt und ergänzt, ſie zeigten den Weg, auf dem man den römiſchen Biſchof zum unumſchränkten Beherrſcher der Kirche machen konnte. Die beſtehende Kirchenverfaſſung umzuſtürzen und ein Papſt nach den Vorſchriften Pſeudoiſidors zu ſein, hat Nikolaus verſucht. Damit iſt er geſcheitert, aber der Verſuch wie das Scheitern ſind gleich bezeichnend für ſeine Zeit. Nikolaus wagte viel, als er ſich von den Freunden des Kaiſers in Rom losmachte und offen gegen des Kaiſers Bruder Partei ergriff. Zu allem andern hatte er in Jtalien einen Feind, der auf Rache ſann, im Erz- biſchof von Ravenna. Derſelbe Johannes, der ſchon mit Leo IV. zu- ſammengeſtoßen war, hatte im Vertrauen auf den Kaiſer, deſſen be- ſondere Gunſt er genoß, den Verſuch erneuert, ſich von Rom unab- hängig zu machen, hatte Güter der römiſchen Kirche in Beſitz genommen und ſeine Biſchöfe am Verkehr mit dem Papſt gehindert. Er zog den kürzeren, da der Kaiſer ihn im Stiche ließ. Nikolaus ſchloß ihn aus der Gemeinſchaft aus, kam ſelbſt nach Ravenna, um Ordnung zu ſchaffen, und nötigte den Erzbiſchof zu vollſtändiger Unterwerfung: fortan durfte er in ſeiner eigenen Provinz keinen Biſchof ohne päpſtliche Genehmigung weihen. Daß der Gedemütigte auf den Tag der Vergeltung wartete, kann man ſich denken, und beim Kaiſer vermochte er viel. Um dieſen ſammelten ſich nun alle Gekränkten und trieben ihn zum Vorgehen. Jn der Umgebung des Papſtes kannte man Ludwig. Oft genug und erſt jüngſt im Falle Ravennas hatte er gezeigt, wie leicht er zum Weichen zu bringen und einzuſchüchtern ſei. Trotzdem blieb es ein Wagnis, ſeinen Zorn herauszufordern. Denn über andere Waffen als ſein geiſtliches Anſehen verfügte Nikolaus nicht, und zunächſt ſah es wirklich aus, als wollte der Kaiſer ihn ſeine Macht fühlen laſſen. Von Benevent, wo er gerade im Felde lag, erſchien er in den erſten Tagen des Jahres 864 vor Rom, „faſſungslos vor Zorn“, wie Hinkmar in ſeinen Aufzeich- nungen bemerkt. Bei der Kirche Sankt Peters, draußen vor der Stadt, nahm er zunächſt Quartier. Er verlangte, daß die Erzbiſchöfe von Köln und Trier wiedereingeſetzt würden. Nikolaus ordnete allgemeines Faſten und einen Bittgang an, „damit Gott den Sinn des Kaiſers bekehre“. An den Stufen der Peterskirche ſtieß der Zug auf Soldaten des Kaiſers, die auf die Leute einhieben, ſie zu Boden warfen und auseinanderjagten und ihre Fahnen und Kreuze zerbrachen. Darunter war ein beſonders

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 89. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/98>, abgerufen am 15.12.2019.