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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Päpstliche Eingriffe in die örtliche Kirchenverwaltung
keinen Rat wußte, in Rom gab es Gnade und Versöhnung für alle, auch
für einen, der seine drei Söhne, für einen andern, der einen Mönch und
Geistlichen erschlagen hatte, und sogar für einen Muttermörder. Jn
Rom war die Buße unter Umständen billiger. Einem Brudermörder,
der zum Verlust seines Eigentums und Trennung seiner Ehe verurteilt
war, gewährte Nikolaus, "weil er vorziehe, seine Schuld aus dem Trä-
nenquell abzuwaschen", die Rückgabe von Weib und Gut, damit ihn
die Armut nicht zu Schlimmerem treibe. Wenn unter Nikolaus die
urkundlichen Zeugnisse für den Anteil des Papstes an der Verwaltung
auswärtiger Kirchen häufiger werden, so kann das nicht Zufall der Über-
lieferung sein, von der Macht, die man ihm zuschrieb, hat er stärkeren
Gebrauch gemacht als seine Vorgänger. Man verlangte danach, man
bediente sich seiner, ja man fälschte auf seinen Namen. Es war keine
Redensart, wenn er wiederholt hat, den Gesandten, die man ihm schickte,
Zeit zu lassen, da er von allen Seiten überlaufen werde.

Seine Eingriffe gehen auch in der Sache tiefer, als man es bisher
gewohnt war. Über die herkömmliche Bestätigung von Privilegien, Ver-
leihung des Palliums, Errichtung von Bistümern, Ersetzung unfähiger
Bischöfe und Erteilung von Rechtsbelehrungen -- diese sind besonders
häufig und umfassend -- geht es schon hinaus, wenn dem neuen Erz-
bischof von Sens das erbetene Pallium nicht verweigert, aber die Wahl
des Mönchs gerügt wird: sie sei nicht gestattet und dürfe sich nicht wie-
derholen. Jn die Amtsbefugnis des Erzbischofs von Salzburg greift
Nikolaus ein mit der Weisung, den Bischof von Säben wegen an-
stößiger Lebensführung zur Verantwortung zu ziehen. Jn einem Prozeß
zwischen dem Bischof von Le Mans und den Mönchen von St. Calais
behält er sich die letzte Entscheidung vor, gibt aber zugleich dem Bischof
im voraus recht. Wiederholt kommt es vor, daß die Wiedereinsetzung
eines abgesetzten Priesters kurzweg befohlen, einmal, daß die Befreiung
eines zwangsweise ins Kloster Gesteckten angeordnet wird. Die Grenzen
des rein kirchlichen Gebiets sind mindestens gestreift, wenn dem Grafen
der Auvergne die sofortige Wiedereinsetzung eines vertriebenen Bischofs
in schärfstem Ton befohlen oder Kaiser Ludwig II. auf Befragen ver-
sichert wird, es sei keine Sünde, mit Ungläubigen Verträge zu schließen.
Überschritten ist sie durch die Mahnung an Adel und Volk von Aqui-
tanien, Kirchengüter, die der König zu Lehen gegeben hat, bei Gefahr
des Ausschlusses zurückzugeben. Was das bedeutet, versteht man, wenn

Päpſtliche Eingriffe in die örtliche Kirchenverwaltung
keinen Rat wußte, in Rom gab es Gnade und Verſöhnung für alle, auch
für einen, der ſeine drei Söhne, für einen andern, der einen Mönch und
Geiſtlichen erſchlagen hatte, und ſogar für einen Muttermörder. Jn
Rom war die Buße unter Umſtänden billiger. Einem Brudermörder,
der zum Verluſt ſeines Eigentums und Trennung ſeiner Ehe verurteilt
war, gewährte Nikolaus, „weil er vorziehe, ſeine Schuld aus dem Trä-
nenquell abzuwaſchen“, die Rückgabe von Weib und Gut, damit ihn
die Armut nicht zu Schlimmerem treibe. Wenn unter Nikolaus die
urkundlichen Zeugniſſe für den Anteil des Papſtes an der Verwaltung
auswärtiger Kirchen häufiger werden, ſo kann das nicht Zufall der Über-
lieferung ſein, von der Macht, die man ihm zuſchrieb, hat er ſtärkeren
Gebrauch gemacht als ſeine Vorgänger. Man verlangte danach, man
bediente ſich ſeiner, ja man fälſchte auf ſeinen Namen. Es war keine
Redensart, wenn er wiederholt hat, den Geſandten, die man ihm ſchickte,
Zeit zu laſſen, da er von allen Seiten überlaufen werde.

Seine Eingriffe gehen auch in der Sache tiefer, als man es bisher
gewohnt war. Über die herkömmliche Beſtätigung von Privilegien, Ver-
leihung des Palliums, Errichtung von Bistümern, Erſetzung unfähiger
Biſchöfe und Erteilung von Rechtsbelehrungen — dieſe ſind beſonders
häufig und umfaſſend — geht es ſchon hinaus, wenn dem neuen Erz-
biſchof von Sens das erbetene Pallium nicht verweigert, aber die Wahl
des Mönchs gerügt wird: ſie ſei nicht geſtattet und dürfe ſich nicht wie-
derholen. Jn die Amtsbefugnis des Erzbiſchofs von Salzburg greift
Nikolaus ein mit der Weiſung, den Biſchof von Säben wegen an-
ſtößiger Lebensführung zur Verantwortung zu ziehen. Jn einem Prozeß
zwiſchen dem Biſchof von Le Mans und den Mönchen von St. Calais
behält er ſich die letzte Entſcheidung vor, gibt aber zugleich dem Biſchof
im voraus recht. Wiederholt kommt es vor, daß die Wiedereinſetzung
eines abgeſetzten Prieſters kurzweg befohlen, einmal, daß die Befreiung
eines zwangsweiſe ins Kloſter Geſteckten angeordnet wird. Die Grenzen
des rein kirchlichen Gebiets ſind mindeſtens geſtreift, wenn dem Grafen
der Auvergne die ſofortige Wiedereinſetzung eines vertriebenen Biſchofs
in ſchärfſtem Ton befohlen oder Kaiſer Ludwig II. auf Befragen ver-
ſichert wird, es ſei keine Sünde, mit Ungläubigen Verträge zu ſchließen.
Überſchritten iſt ſie durch die Mahnung an Adel und Volk von Aqui-
tanien, Kirchengüter, die der König zu Lehen gegeben hat, bei Gefahr
des Ausſchluſſes zurückzugeben. Was das bedeutet, verſteht man, wenn

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[87/0096] Päpſtliche Eingriffe in die örtliche Kirchenverwaltung keinen Rat wußte, in Rom gab es Gnade und Verſöhnung für alle, auch für einen, der ſeine drei Söhne, für einen andern, der einen Mönch und Geiſtlichen erſchlagen hatte, und ſogar für einen Muttermörder. Jn Rom war die Buße unter Umſtänden billiger. Einem Brudermörder, der zum Verluſt ſeines Eigentums und Trennung ſeiner Ehe verurteilt war, gewährte Nikolaus, „weil er vorziehe, ſeine Schuld aus dem Trä- nenquell abzuwaſchen“, die Rückgabe von Weib und Gut, damit ihn die Armut nicht zu Schlimmerem treibe. Wenn unter Nikolaus die urkundlichen Zeugniſſe für den Anteil des Papſtes an der Verwaltung auswärtiger Kirchen häufiger werden, ſo kann das nicht Zufall der Über- lieferung ſein, von der Macht, die man ihm zuſchrieb, hat er ſtärkeren Gebrauch gemacht als ſeine Vorgänger. Man verlangte danach, man bediente ſich ſeiner, ja man fälſchte auf ſeinen Namen. Es war keine Redensart, wenn er wiederholt hat, den Geſandten, die man ihm ſchickte, Zeit zu laſſen, da er von allen Seiten überlaufen werde. Seine Eingriffe gehen auch in der Sache tiefer, als man es bisher gewohnt war. Über die herkömmliche Beſtätigung von Privilegien, Ver- leihung des Palliums, Errichtung von Bistümern, Erſetzung unfähiger Biſchöfe und Erteilung von Rechtsbelehrungen — dieſe ſind beſonders häufig und umfaſſend — geht es ſchon hinaus, wenn dem neuen Erz- biſchof von Sens das erbetene Pallium nicht verweigert, aber die Wahl des Mönchs gerügt wird: ſie ſei nicht geſtattet und dürfe ſich nicht wie- derholen. Jn die Amtsbefugnis des Erzbiſchofs von Salzburg greift Nikolaus ein mit der Weiſung, den Biſchof von Säben wegen an- ſtößiger Lebensführung zur Verantwortung zu ziehen. Jn einem Prozeß zwiſchen dem Biſchof von Le Mans und den Mönchen von St. Calais behält er ſich die letzte Entſcheidung vor, gibt aber zugleich dem Biſchof im voraus recht. Wiederholt kommt es vor, daß die Wiedereinſetzung eines abgeſetzten Prieſters kurzweg befohlen, einmal, daß die Befreiung eines zwangsweiſe ins Kloſter Geſteckten angeordnet wird. Die Grenzen des rein kirchlichen Gebiets ſind mindeſtens geſtreift, wenn dem Grafen der Auvergne die ſofortige Wiedereinſetzung eines vertriebenen Biſchofs in ſchärfſtem Ton befohlen oder Kaiſer Ludwig II. auf Befragen ver- ſichert wird, es ſei keine Sünde, mit Ungläubigen Verträge zu ſchließen. Überſchritten iſt ſie durch die Mahnung an Adel und Volk von Aqui- tanien, Kirchengüter, die der König zu Lehen gegeben hat, bei Gefahr des Ausſchluſſes zurückzugeben. Was das bedeutet, verſteht man, wenn

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 87. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/96>, abgerufen am 09.12.2019.