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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Glaube der Zeitgenossen
in der Geschichte, daß er in diesem Sinn nicht nur gesprochen und ge-
schrieben -- das hatten andere vor ihm getan -- daß er danach gehandelt
hat. Er hat Ernst gemacht mit der Vorstellung, daß der römische Bischof
unmittelbarer Vorgesetzter aller Bischöfe und Christen, Richter über
alle und in allen Fällen sei, an kein Recht gebunden, unumschränkter
Herr und Herrscher der ganzen Kirche und aller Gläubigen. Mit lapi-
darer Kürze tritt der Anspruch auf in dem vorhin erwähnten Beschluß
der römischen Synode von der unbedingten Verbindlichkeit aller Ver-
fügungen des römischen Stuhles für jedermann, handle es sich um
Glaubenslehre oder Sittenzucht. Die Sätze brauchen nur wenig in der
Fassung geändert zu werden, um sich mit dem Vatikanischen Dogma
von der Jrrtumslosigkeit des Papstes und Unumschränktheit seiner Re-
gierung zu decken. Um dieses Dogma zu verkünden, berief Pius IX. ein
Konzil aus der ganzen Welt, für Nikolaus I. genügte dazu die Synode
des römischen Sprengels.

Jhm kamen die Vorstellungen, der Glaube seiner Zeit ein gut Stück
Weges entgegen. Nach wie vor stand in der Sprache der Gläubigen
der Apostelfürst unmittelbar neben Gott. Ein schuldbewußter Bischof
sucht die Gnade des Papstes, indem er schreibt: "Dem allmächtigen
Gott und Sankt Peter und der unvergleichlichen Milde Eurer Hoheit
empfehle ich meine Wenigkeit, der Jhr Gottes Vertretung führt und
auf dem ehrwürdigsten Stuhl des höchsten Fürsten als wahrer Apostel
sitzt ... Eurem Befehl will ich in allen Stücken gehorchen wie Gott, an
dessen Statt und in dessen Namen Jhr alles verrichtet." Wo das
Christentum neuen Eingang fand, hielt auch Petrus seinen Einzug, in
seinem und seines Stellvertreters Namen wurde es den nordischen Völ-
kern gepredigt. Gott und Sankt Peter gelobt sich ein König von Däne-
mark, da er die Absicht hat, Christ zu werden. Welche übernatürliche
Macht man dem irdischen Stellvertreter des himmlischen Torwarts zu-
schrieb, hat uns schon der Aufruf Leos IV. an das Heer der Franken
gezeigt: geradezu das Himmelreich durfte er jedem versprechen, der im
Kampf gegen die Ungläubigen fallen würde. Mit berechtigtem Stolz,
wenn auch mit gewohnter rednerischer Übertreibung, konnte Nikolaus dem
griechischen Kaiser vorhalten, wie viele Tausende aus allen Teilen der
Welt täglich herbeieilten, um sich dem Schutz und der Fürbitte Sankt
Peters zu empfehlen und bis zum Lebensende an seiner Schwelle zu ver-
weilen. Dorthin wandte man sich in Fällen, für die der eigene Bischof

Glaube der Zeitgenoſſen
in der Geſchichte, daß er in dieſem Sinn nicht nur geſprochen und ge-
ſchrieben — das hatten andere vor ihm getan — daß er danach gehandelt
hat. Er hat Ernſt gemacht mit der Vorſtellung, daß der römiſche Biſchof
unmittelbarer Vorgeſetzter aller Biſchöfe und Chriſten, Richter über
alle und in allen Fällen ſei, an kein Recht gebunden, unumſchränkter
Herr und Herrſcher der ganzen Kirche und aller Gläubigen. Mit lapi-
darer Kürze tritt der Anſpruch auf in dem vorhin erwähnten Beſchluß
der römiſchen Synode von der unbedingten Verbindlichkeit aller Ver-
fügungen des römiſchen Stuhles für jedermann, handle es ſich um
Glaubenslehre oder Sittenzucht. Die Sätze brauchen nur wenig in der
Faſſung geändert zu werden, um ſich mit dem Vatikaniſchen Dogma
von der Jrrtumsloſigkeit des Papſtes und Unumſchränktheit ſeiner Re-
gierung zu decken. Um dieſes Dogma zu verkünden, berief Pius IX. ein
Konzil aus der ganzen Welt, für Nikolaus I. genügte dazu die Synode
des römiſchen Sprengels.

Jhm kamen die Vorſtellungen, der Glaube ſeiner Zeit ein gut Stück
Weges entgegen. Nach wie vor ſtand in der Sprache der Gläubigen
der Apoſtelfürſt unmittelbar neben Gott. Ein ſchuldbewußter Biſchof
ſucht die Gnade des Papſtes, indem er ſchreibt: „Dem allmächtigen
Gott und Sankt Peter und der unvergleichlichen Milde Eurer Hoheit
empfehle ich meine Wenigkeit, der Jhr Gottes Vertretung führt und
auf dem ehrwürdigſten Stuhl des höchſten Fürſten als wahrer Apoſtel
ſitzt ... Eurem Befehl will ich in allen Stücken gehorchen wie Gott, an
deſſen Statt und in deſſen Namen Jhr alles verrichtet.“ Wo das
Chriſtentum neuen Eingang fand, hielt auch Petrus ſeinen Einzug, in
ſeinem und ſeines Stellvertreters Namen wurde es den nordiſchen Völ-
kern gepredigt. Gott und Sankt Peter gelobt ſich ein König von Däne-
mark, da er die Abſicht hat, Chriſt zu werden. Welche übernatürliche
Macht man dem irdiſchen Stellvertreter des himmliſchen Torwarts zu-
ſchrieb, hat uns ſchon der Aufruf Leos IV. an das Heer der Franken
gezeigt: geradezu das Himmelreich durfte er jedem verſprechen, der im
Kampf gegen die Ungläubigen fallen würde. Mit berechtigtem Stolz,
wenn auch mit gewohnter redneriſcher Übertreibung, konnte Nikolaus dem
griechiſchen Kaiſer vorhalten, wie viele Tauſende aus allen Teilen der
Welt täglich herbeieilten, um ſich dem Schutz und der Fürbitte Sankt
Peters zu empfehlen und bis zum Lebensende an ſeiner Schwelle zu ver-
weilen. Dorthin wandte man ſich in Fällen, für die der eigene Biſchof

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[86/0095] Glaube der Zeitgenoſſen in der Geſchichte, daß er in dieſem Sinn nicht nur geſprochen und ge- ſchrieben — das hatten andere vor ihm getan — daß er danach gehandelt hat. Er hat Ernſt gemacht mit der Vorſtellung, daß der römiſche Biſchof unmittelbarer Vorgeſetzter aller Biſchöfe und Chriſten, Richter über alle und in allen Fällen ſei, an kein Recht gebunden, unumſchränkter Herr und Herrſcher der ganzen Kirche und aller Gläubigen. Mit lapi- darer Kürze tritt der Anſpruch auf in dem vorhin erwähnten Beſchluß der römiſchen Synode von der unbedingten Verbindlichkeit aller Ver- fügungen des römiſchen Stuhles für jedermann, handle es ſich um Glaubenslehre oder Sittenzucht. Die Sätze brauchen nur wenig in der Faſſung geändert zu werden, um ſich mit dem Vatikaniſchen Dogma von der Jrrtumsloſigkeit des Papſtes und Unumſchränktheit ſeiner Re- gierung zu decken. Um dieſes Dogma zu verkünden, berief Pius IX. ein Konzil aus der ganzen Welt, für Nikolaus I. genügte dazu die Synode des römiſchen Sprengels. Jhm kamen die Vorſtellungen, der Glaube ſeiner Zeit ein gut Stück Weges entgegen. Nach wie vor ſtand in der Sprache der Gläubigen der Apoſtelfürſt unmittelbar neben Gott. Ein ſchuldbewußter Biſchof ſucht die Gnade des Papſtes, indem er ſchreibt: „Dem allmächtigen Gott und Sankt Peter und der unvergleichlichen Milde Eurer Hoheit empfehle ich meine Wenigkeit, der Jhr Gottes Vertretung führt und auf dem ehrwürdigſten Stuhl des höchſten Fürſten als wahrer Apoſtel ſitzt ... Eurem Befehl will ich in allen Stücken gehorchen wie Gott, an deſſen Statt und in deſſen Namen Jhr alles verrichtet.“ Wo das Chriſtentum neuen Eingang fand, hielt auch Petrus ſeinen Einzug, in ſeinem und ſeines Stellvertreters Namen wurde es den nordiſchen Völ- kern gepredigt. Gott und Sankt Peter gelobt ſich ein König von Däne- mark, da er die Abſicht hat, Chriſt zu werden. Welche übernatürliche Macht man dem irdiſchen Stellvertreter des himmliſchen Torwarts zu- ſchrieb, hat uns ſchon der Aufruf Leos IV. an das Heer der Franken gezeigt: geradezu das Himmelreich durfte er jedem verſprechen, der im Kampf gegen die Ungläubigen fallen würde. Mit berechtigtem Stolz, wenn auch mit gewohnter redneriſcher Übertreibung, konnte Nikolaus dem griechiſchen Kaiſer vorhalten, wie viele Tauſende aus allen Teilen der Welt täglich herbeieilten, um ſich dem Schutz und der Fürbitte Sankt Peters zu empfehlen und bis zum Lebensende an ſeiner Schwelle zu ver- weilen. Dorthin wandte man ſich in Fällen, für die der eigene Biſchof

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 86. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/95>, abgerufen am 08.12.2019.