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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Nikolaus I. und Anastasius über das Papsttum
folgt, dem ist die Sonne schon am Mittag untergegangen, mit offenen
Augen sieht er nicht den rechten Weg und stürzt geblendet in den Ab-
grund. Sein Urteil gilt für alle: wen er verdammt, der ist verdammt,
wen er freispricht, der ist frei, in allen Streitfragen haben seine Ent-
scheidungen gesiegt und Geltung erlangt. Er richtet über Bischöfe, Erz-
bischöfe und sogar über Patriarchen, ja über die ganze Kirche. Aus aller
Welt kann er jeden vor seinen Stuhl laden, seine Urteile sind unwider-
sprechlich und unumstößlich, wenn er selbst sie nicht abändert, denn es
gibt keine Autorität, die höher wäre als die seine. Durch fremde Rechte
ist er nicht gebunden, Roms Vorrechte gehen jedem andern Rechte vor,
unvergänglich, weil von Gott selbst verliehen, das Heil der Kirche und
ihre Wehr gegen alles Böse.

Neu ist die Vorstellung, die sich in diesen Sätzen ausspricht, im Grunde
nicht. Schon die Päpste des fünften Jahrhunderts, Jnnozenz, Boni-
fatius und Coelestin, vollends Leo und Gelasius hatten ähnlich gesprochen,
auf sie beruft sich Nikolaus, ihre Worte eignet er sich an. Neu ist bei
ihm die fühlbare Steigerung im Ausdruck, neu die Zusammenfassung
der zerstreuten Aussprüche: was früher einzelne Töne gewesen waren,
erklingt hier zu mächtigem Akkord vereinigt, wie wenn alle Register
gezogen sind.

Jn der häufigen Berufung auf die Vorgänger verrät sich der gelehrte
Kenner des kirchlichen Altertums, der Anastasius war. Seine Vor-
stellung vom Papst, wie er sein soll, hat er aus der Geschichte geschöpft.
Freilich nicht aus der wirklichen Geschichte. Von den Päpsten der Vor-
zeit kannte er nur die Worte, in denen sie von sich und ihren Rechten
gesprochen hatten. Daß diese Worte niemals mehr gewesen waren als
Ansprüche, mit denen die Wirklichkeit sich nicht deckte, wußte er nicht,
wollte er nicht wissen. Die Auferstehung literarischer Bildung, deren
bester Vertreter Anastasius war, von der Kirche und zu kirchlichen
Zwecken hervorgerufen, hatte einen Römerstolz geweckt, der sich an dem
Bilde ehemaliger Größe des geistlichen Rom nährte, einem Bilde, das
mehr den Wünschen der Beschauer als den Tatsachen entsprach, My-
thus, nicht Geschichte. Jn den Staatsschriften, die Anastasius für Niko-
laus verfaßte, sehen wir es vor uns, dieses Trugbild historischer Romantik,
in dem das Papsttum erscheint, wie es gewesen sein sollte und doch nie
gewesen war. Das ideale Papsttum der Vergangenheit, in Nikolaus I.
sollte es als Wirklichkeit wiedererstehen. Darin liegt seine Bedeutung

Nikolaus I. und Anaſtaſius über das Papſttum
folgt, dem iſt die Sonne ſchon am Mittag untergegangen, mit offenen
Augen ſieht er nicht den rechten Weg und ſtürzt geblendet in den Ab-
grund. Sein Urteil gilt für alle: wen er verdammt, der iſt verdammt,
wen er freiſpricht, der iſt frei, in allen Streitfragen haben ſeine Ent-
ſcheidungen geſiegt und Geltung erlangt. Er richtet über Biſchöfe, Erz-
biſchöfe und ſogar über Patriarchen, ja über die ganze Kirche. Aus aller
Welt kann er jeden vor ſeinen Stuhl laden, ſeine Urteile ſind unwider-
ſprechlich und unumſtößlich, wenn er ſelbſt ſie nicht abändert, denn es
gibt keine Autorität, die höher wäre als die ſeine. Durch fremde Rechte
iſt er nicht gebunden, Roms Vorrechte gehen jedem andern Rechte vor,
unvergänglich, weil von Gott ſelbſt verliehen, das Heil der Kirche und
ihre Wehr gegen alles Böſe.

Neu iſt die Vorſtellung, die ſich in dieſen Sätzen ausſpricht, im Grunde
nicht. Schon die Päpſte des fünften Jahrhunderts, Jnnozenz, Boni-
fatius und Coeleſtin, vollends Leo und Gelaſius hatten ähnlich geſprochen,
auf ſie beruft ſich Nikolaus, ihre Worte eignet er ſich an. Neu iſt bei
ihm die fühlbare Steigerung im Ausdruck, neu die Zuſammenfaſſung
der zerſtreuten Ausſprüche: was früher einzelne Töne geweſen waren,
erklingt hier zu mächtigem Akkord vereinigt, wie wenn alle Regiſter
gezogen ſind.

Jn der häufigen Berufung auf die Vorgänger verrät ſich der gelehrte
Kenner des kirchlichen Altertums, der Anaſtaſius war. Seine Vor-
ſtellung vom Papſt, wie er ſein ſoll, hat er aus der Geſchichte geſchöpft.
Freilich nicht aus der wirklichen Geſchichte. Von den Päpſten der Vor-
zeit kannte er nur die Worte, in denen ſie von ſich und ihren Rechten
geſprochen hatten. Daß dieſe Worte niemals mehr geweſen waren als
Anſprüche, mit denen die Wirklichkeit ſich nicht deckte, wußte er nicht,
wollte er nicht wiſſen. Die Auferſtehung literariſcher Bildung, deren
beſter Vertreter Anaſtaſius war, von der Kirche und zu kirchlichen
Zwecken hervorgerufen, hatte einen Römerſtolz geweckt, der ſich an dem
Bilde ehemaliger Größe des geiſtlichen Rom nährte, einem Bilde, das
mehr den Wünſchen der Beſchauer als den Tatſachen entſprach, My-
thus, nicht Geſchichte. Jn den Staatsſchriften, die Anaſtaſius für Niko-
laus verfaßte, ſehen wir es vor uns, dieſes Trugbild hiſtoriſcher Romantik,
in dem das Papſttum erſcheint, wie es geweſen ſein ſollte und doch nie
geweſen war. Das ideale Papſttum der Vergangenheit, in Nikolaus I.
ſollte es als Wirklichkeit wiedererſtehen. Darin liegt ſeine Bedeutung

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[85/0094] Nikolaus I. und Anaſtaſius über das Papſttum folgt, dem iſt die Sonne ſchon am Mittag untergegangen, mit offenen Augen ſieht er nicht den rechten Weg und ſtürzt geblendet in den Ab- grund. Sein Urteil gilt für alle: wen er verdammt, der iſt verdammt, wen er freiſpricht, der iſt frei, in allen Streitfragen haben ſeine Ent- ſcheidungen geſiegt und Geltung erlangt. Er richtet über Biſchöfe, Erz- biſchöfe und ſogar über Patriarchen, ja über die ganze Kirche. Aus aller Welt kann er jeden vor ſeinen Stuhl laden, ſeine Urteile ſind unwider- ſprechlich und unumſtößlich, wenn er ſelbſt ſie nicht abändert, denn es gibt keine Autorität, die höher wäre als die ſeine. Durch fremde Rechte iſt er nicht gebunden, Roms Vorrechte gehen jedem andern Rechte vor, unvergänglich, weil von Gott ſelbſt verliehen, das Heil der Kirche und ihre Wehr gegen alles Böſe. Neu iſt die Vorſtellung, die ſich in dieſen Sätzen ausſpricht, im Grunde nicht. Schon die Päpſte des fünften Jahrhunderts, Jnnozenz, Boni- fatius und Coeleſtin, vollends Leo und Gelaſius hatten ähnlich geſprochen, auf ſie beruft ſich Nikolaus, ihre Worte eignet er ſich an. Neu iſt bei ihm die fühlbare Steigerung im Ausdruck, neu die Zuſammenfaſſung der zerſtreuten Ausſprüche: was früher einzelne Töne geweſen waren, erklingt hier zu mächtigem Akkord vereinigt, wie wenn alle Regiſter gezogen ſind. Jn der häufigen Berufung auf die Vorgänger verrät ſich der gelehrte Kenner des kirchlichen Altertums, der Anaſtaſius war. Seine Vor- ſtellung vom Papſt, wie er ſein ſoll, hat er aus der Geſchichte geſchöpft. Freilich nicht aus der wirklichen Geſchichte. Von den Päpſten der Vor- zeit kannte er nur die Worte, in denen ſie von ſich und ihren Rechten geſprochen hatten. Daß dieſe Worte niemals mehr geweſen waren als Anſprüche, mit denen die Wirklichkeit ſich nicht deckte, wußte er nicht, wollte er nicht wiſſen. Die Auferſtehung literariſcher Bildung, deren beſter Vertreter Anaſtaſius war, von der Kirche und zu kirchlichen Zwecken hervorgerufen, hatte einen Römerſtolz geweckt, der ſich an dem Bilde ehemaliger Größe des geiſtlichen Rom nährte, einem Bilde, das mehr den Wünſchen der Beſchauer als den Tatſachen entſprach, My- thus, nicht Geſchichte. Jn den Staatsſchriften, die Anaſtaſius für Niko- laus verfaßte, ſehen wir es vor uns, dieſes Trugbild hiſtoriſcher Romantik, in dem das Papſttum erſcheint, wie es geweſen ſein ſollte und doch nie geweſen war. Das ideale Papſttum der Vergangenheit, in Nikolaus I. ſollte es als Wirklichkeit wiedererſtehen. Darin liegt ſeine Bedeutung

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 85. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/94>, abgerufen am 05.12.2019.