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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Nikolaus I. und Anastasius über das Papsttum
kannt hatte, so hat auch daran Anastasius seinen Anteil. Es kann kein
Zufall sein, daß in den Äußerungen des Papstes diese Tonart herrscht --
zum erstenmal geschah es in der Antwort an die Griechen vom 25. März
862 -- seit Anastasius ihm zur Seite getreten ist. Er hat ihm nicht nur
seine Feder und seine Kenntnisse, er hat ihm auch seine Gedanken ge-
liehen. Wie er selbst über Stellung und Rechte des Papstes dachte, hat
er in der Widmung einer seiner Schriften an Nikolaus mit gehäuften
Worten zu erkennen gegeben. "Schlüsselwart des Himmels, Wagen-
lenker des geistlichen Jsrael, Allbischof, einziger Vater, Allrichter, der
du die Schlüssel der Erkenntnis empfangen hast und im Schrein deines
Busens die Gesetzestafeln des Bundes und das himmlisch süße Manna
bewahrst", so spricht er von seinem Herrn. "Was du bindest, löst nie-
mand, niemand bindet, was du lösest; du öffnest, und niemand schließt,
du schließest, und niemand öffnet, denn du führst auf Erden die Ver-
tretung Gottes." Wer den Papst so anredete, muß gewußt haben, daß
solche Sprache angebracht war. Auch andere Zeitgenossen haben ähn-
lich geschrieben, wenn sie Nikolaus zu gewinnen suchten. Es war offen-
bar das, was er hören wollte. Eben dadurch mag Anastasius den bevor-
zugten Platz an seiner Seite erobert haben, daß er ihm zeigte, was ein
Papst sei und dürfe, und sich ihm dafür als Werkzeug darbot. Seitdem
hört man aus den Äußerungen Nikolaus' I., sooft sich Gelegenheit
bietet, stets die gleiche stolze Sprache; aus seinem Munde schallt die
Stimme des Anastasius.

Was immer frühere Päpste von der Würde und den Vorrechten ihres
Amtes ausgesagt hatten, kehrt bei Nikolaus in häufiger Wiederholung
wieder. Rom ist Haupt, Mutter, Ursprung und Lehrmeisterin der
Kirchen. Seinen Vorrang hat es von Gott selbst durch Christi Wort
empfangen, der die göttliche Macht des bischöflichen Amtes auf Petrus
und die Festigkeit seines Glaubens gründete. Darum liegt auf dem
Bischof von Rom die Fürsorge für die ganze Kirche und alle Einzelnen.
Darum ist es seine Hirtenpflicht, die Kirche makellos zu erhalten, die
Lasten aller zu tragen, den Bedrängten zu helfen, Gestürzte aufzurichten,
Gefesselte zu befreien, Zuflucht aller zu sein wie ein Eckstein, an dem die
schwellenden Fluten der Feinde sich brechen. An den Überlieferungen der
Väter hält er immerdar fest, zeigt den andern die Richtschnur des Glau-
bens und führt die Jrrenden auf den rechten Weg. Als das große Licht
am Himmel seiner Kirche hat der Gottessohn ihn gesetzt; wer ihm nicht

Nikolaus I. und Anaſtaſius über das Papſttum
kannt hatte, ſo hat auch daran Anaſtaſius ſeinen Anteil. Es kann kein
Zufall ſein, daß in den Äußerungen des Papſtes dieſe Tonart herrſcht —
zum erſtenmal geſchah es in der Antwort an die Griechen vom 25. März
862 — ſeit Anaſtaſius ihm zur Seite getreten iſt. Er hat ihm nicht nur
ſeine Feder und ſeine Kenntniſſe, er hat ihm auch ſeine Gedanken ge-
liehen. Wie er ſelbſt über Stellung und Rechte des Papſtes dachte, hat
er in der Widmung einer ſeiner Schriften an Nikolaus mit gehäuften
Worten zu erkennen gegeben. „Schlüſſelwart des Himmels, Wagen-
lenker des geiſtlichen Jſrael, Allbiſchof, einziger Vater, Allrichter, der
du die Schlüſſel der Erkenntnis empfangen haſt und im Schrein deines
Buſens die Geſetzestafeln des Bundes und das himmliſch ſüße Manna
bewahrſt“, ſo ſpricht er von ſeinem Herrn. „Was du bindeſt, löſt nie-
mand, niemand bindet, was du löſeſt; du öffneſt, und niemand ſchließt,
du ſchließeſt, und niemand öffnet, denn du führſt auf Erden die Ver-
tretung Gottes.“ Wer den Papſt ſo anredete, muß gewußt haben, daß
ſolche Sprache angebracht war. Auch andere Zeitgenoſſen haben ähn-
lich geſchrieben, wenn ſie Nikolaus zu gewinnen ſuchten. Es war offen-
bar das, was er hören wollte. Eben dadurch mag Anaſtaſius den bevor-
zugten Platz an ſeiner Seite erobert haben, daß er ihm zeigte, was ein
Papſt ſei und dürfe, und ſich ihm dafür als Werkzeug darbot. Seitdem
hört man aus den Äußerungen Nikolaus' I., ſooft ſich Gelegenheit
bietet, ſtets die gleiche ſtolze Sprache; aus ſeinem Munde ſchallt die
Stimme des Anaſtaſius.

Was immer frühere Päpſte von der Würde und den Vorrechten ihres
Amtes ausgeſagt hatten, kehrt bei Nikolaus in häufiger Wiederholung
wieder. Rom iſt Haupt, Mutter, Urſprung und Lehrmeiſterin der
Kirchen. Seinen Vorrang hat es von Gott ſelbſt durch Chriſti Wort
empfangen, der die göttliche Macht des biſchöflichen Amtes auf Petrus
und die Feſtigkeit ſeines Glaubens gründete. Darum liegt auf dem
Biſchof von Rom die Fürſorge für die ganze Kirche und alle Einzelnen.
Darum iſt es ſeine Hirtenpflicht, die Kirche makellos zu erhalten, die
Laſten aller zu tragen, den Bedrängten zu helfen, Geſtürzte aufzurichten,
Gefeſſelte zu befreien, Zuflucht aller zu ſein wie ein Eckſtein, an dem die
ſchwellenden Fluten der Feinde ſich brechen. An den Überlieferungen der
Väter hält er immerdar feſt, zeigt den andern die Richtſchnur des Glau-
bens und führt die Jrrenden auf den rechten Weg. Als das große Licht
am Himmel ſeiner Kirche hat der Gottesſohn ihn geſetzt; wer ihm nicht

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[84/0093] Nikolaus I. und Anaſtaſius über das Papſttum kannt hatte, ſo hat auch daran Anaſtaſius ſeinen Anteil. Es kann kein Zufall ſein, daß in den Äußerungen des Papſtes dieſe Tonart herrſcht — zum erſtenmal geſchah es in der Antwort an die Griechen vom 25. März 862 — ſeit Anaſtaſius ihm zur Seite getreten iſt. Er hat ihm nicht nur ſeine Feder und ſeine Kenntniſſe, er hat ihm auch ſeine Gedanken ge- liehen. Wie er ſelbſt über Stellung und Rechte des Papſtes dachte, hat er in der Widmung einer ſeiner Schriften an Nikolaus mit gehäuften Worten zu erkennen gegeben. „Schlüſſelwart des Himmels, Wagen- lenker des geiſtlichen Jſrael, Allbiſchof, einziger Vater, Allrichter, der du die Schlüſſel der Erkenntnis empfangen haſt und im Schrein deines Buſens die Geſetzestafeln des Bundes und das himmliſch ſüße Manna bewahrſt“, ſo ſpricht er von ſeinem Herrn. „Was du bindeſt, löſt nie- mand, niemand bindet, was du löſeſt; du öffneſt, und niemand ſchließt, du ſchließeſt, und niemand öffnet, denn du führſt auf Erden die Ver- tretung Gottes.“ Wer den Papſt ſo anredete, muß gewußt haben, daß ſolche Sprache angebracht war. Auch andere Zeitgenoſſen haben ähn- lich geſchrieben, wenn ſie Nikolaus zu gewinnen ſuchten. Es war offen- bar das, was er hören wollte. Eben dadurch mag Anaſtaſius den bevor- zugten Platz an ſeiner Seite erobert haben, daß er ihm zeigte, was ein Papſt ſei und dürfe, und ſich ihm dafür als Werkzeug darbot. Seitdem hört man aus den Äußerungen Nikolaus' I., ſooft ſich Gelegenheit bietet, ſtets die gleiche ſtolze Sprache; aus ſeinem Munde ſchallt die Stimme des Anaſtaſius. Was immer frühere Päpſte von der Würde und den Vorrechten ihres Amtes ausgeſagt hatten, kehrt bei Nikolaus in häufiger Wiederholung wieder. Rom iſt Haupt, Mutter, Urſprung und Lehrmeiſterin der Kirchen. Seinen Vorrang hat es von Gott ſelbſt durch Chriſti Wort empfangen, der die göttliche Macht des biſchöflichen Amtes auf Petrus und die Feſtigkeit ſeines Glaubens gründete. Darum liegt auf dem Biſchof von Rom die Fürſorge für die ganze Kirche und alle Einzelnen. Darum iſt es ſeine Hirtenpflicht, die Kirche makellos zu erhalten, die Laſten aller zu tragen, den Bedrängten zu helfen, Geſtürzte aufzurichten, Gefeſſelte zu befreien, Zuflucht aller zu ſein wie ein Eckſtein, an dem die ſchwellenden Fluten der Feinde ſich brechen. An den Überlieferungen der Väter hält er immerdar feſt, zeigt den andern die Richtſchnur des Glau- bens und führt die Jrrenden auf den rechten Weg. Als das große Licht am Himmel ſeiner Kirche hat der Gottesſohn ihn geſetzt; wer ihm nicht

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 84. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/93>, abgerufen am 13.12.2019.