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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Wendung zu Karl dem Kahlen. Nikolaus I. und Anastasius
darf ihn auch nicht preisen als uneigennützigen Wahrer des Rechts.
Denn auch jetzt war sein Verhalten Politik. Wenn er für Dietburg
eintrat, so begünstigte er offenbar die Pläne Karls des Kahlen auf die
Erbschaft des Neffen, ja noch mehr, er zeigte Karl die Möglichkeit,
unter Umständen schon bei Lothars Lebzeiten die Hand auf sein Reich
zu legen. Jn einer der päpstlichen Erklärungen wurde Lothar nur noch
mit Vorbehalt der Königstitel gegeben -- "König, wenn so jemand noch
König zu heißen verdient" -- und die Zeitgenossen werden gewußt haben,
welche Schlüsse daraus zu ziehen seien. Wenn Lothar sich nicht fügte,
konnte man im Namen der Kirche seine Untertanen zum Abfall bringen
und ihn vertreiben. Die späteren Ereignisse machen es kaum zweifelhaft,
daß darauf in der Tat die Berechnungen Karls und seiner Leute zielten.
Solchen Absichten leistete Nikolaus Vorschub, und er wird gewußt
haben, was er tat. Unter den eifersüchtig einander beobachtenden Linien
des Königshauses hatte er bisher zur ältesten gehalten, nun ging er zur
jüngsten über; in die Sprache späterer Zeiten übersetzt: aus einem kaiser-
lichen Papst wurde er ein französischer Papst.

Daß Leute, denen die Unabhängigkeit Roms am Herzen lag, Laien
so gut wie Geistliche, die Zwistigkeiten der Könige benutzten, um beim
entfernteren Anlehnung gegen den benachbarten zu suchen, bedarf keiner
Erklärung. Jnsofern war die Wendung von Ludwig II. zu Karl dem
Kahlen nur eine abgeschwächte Wiederholung dessen, was frühere
Päpste getan hatten, als sie gegen den König der Langobarden den Fran-
ken herbeiriefen. Aber der Vorgang bedeutet mehr durch die Persönlich-
keit dessen, der beim Sturz der Kaisertreuen die einflußreichste Stelle
errang. Bei der Absetzung der Lotharischen Erzbischöfe hatte Anastasius,
neben dem Thron des Papstes stehend, diesem das Blatt gereicht, von
dem Nikolaus das Urteil ablas. Eine Szene von sinnbildlicher Bedeu-
tung: Nikolaus spricht aus, was Anastasius ersonnen hat. Schon die
ersten Schreiben an die Griechen hatte er verfaßt, von jetzt an sind alle
wichtigen Äußerungen des Papstes aus seiner Feder geflossen. Sein
Verdienst sind die Gelehrsamkeit und üppige Beredsamkeit, mit denen
die Briefe Nikolaus I., nicht selten zu kleinen Büchern anschwellend,
auf Zeit und Nachwelt so starken Eindruck gemacht haben. Und mehr
als das. Wenn in diesen Schriftstücken ein Selbstbewußtsein, ein Stolz
zum Ausdruck kommen, die alles Frühere hinter sich lassen, wenn An-
sprüche von einer Kühnheit erhoben werden, wie man sie noch nicht ge-

Wendung zu Karl dem Kahlen. Nikolaus I. und Anaſtaſius
darf ihn auch nicht preiſen als uneigennützigen Wahrer des Rechts.
Denn auch jetzt war ſein Verhalten Politik. Wenn er für Dietburg
eintrat, ſo begünſtigte er offenbar die Pläne Karls des Kahlen auf die
Erbſchaft des Neffen, ja noch mehr, er zeigte Karl die Möglichkeit,
unter Umſtänden ſchon bei Lothars Lebzeiten die Hand auf ſein Reich
zu legen. Jn einer der päpſtlichen Erklärungen wurde Lothar nur noch
mit Vorbehalt der Königstitel gegeben — „König, wenn ſo jemand noch
König zu heißen verdient“ — und die Zeitgenoſſen werden gewußt haben,
welche Schlüſſe daraus zu ziehen ſeien. Wenn Lothar ſich nicht fügte,
konnte man im Namen der Kirche ſeine Untertanen zum Abfall bringen
und ihn vertreiben. Die ſpäteren Ereigniſſe machen es kaum zweifelhaft,
daß darauf in der Tat die Berechnungen Karls und ſeiner Leute zielten.
Solchen Abſichten leiſtete Nikolaus Vorſchub, und er wird gewußt
haben, was er tat. Unter den eiferſüchtig einander beobachtenden Linien
des Königshauſes hatte er bisher zur älteſten gehalten, nun ging er zur
jüngſten über; in die Sprache ſpäterer Zeiten überſetzt: aus einem kaiſer-
lichen Papſt wurde er ein franzöſiſcher Papſt.

Daß Leute, denen die Unabhängigkeit Roms am Herzen lag, Laien
ſo gut wie Geiſtliche, die Zwiſtigkeiten der Könige benutzten, um beim
entfernteren Anlehnung gegen den benachbarten zu ſuchen, bedarf keiner
Erklärung. Jnſofern war die Wendung von Ludwig II. zu Karl dem
Kahlen nur eine abgeſchwächte Wiederholung deſſen, was frühere
Päpſte getan hatten, als ſie gegen den König der Langobarden den Fran-
ken herbeiriefen. Aber der Vorgang bedeutet mehr durch die Perſönlich-
keit deſſen, der beim Sturz der Kaiſertreuen die einflußreichſte Stelle
errang. Bei der Abſetzung der Lothariſchen Erzbiſchöfe hatte Anaſtaſius,
neben dem Thron des Papſtes ſtehend, dieſem das Blatt gereicht, von
dem Nikolaus das Urteil ablas. Eine Szene von ſinnbildlicher Bedeu-
tung: Nikolaus ſpricht aus, was Anaſtaſius erſonnen hat. Schon die
erſten Schreiben an die Griechen hatte er verfaßt, von jetzt an ſind alle
wichtigen Äußerungen des Papſtes aus ſeiner Feder gefloſſen. Sein
Verdienſt ſind die Gelehrſamkeit und üppige Beredſamkeit, mit denen
die Briefe Nikolaus I., nicht ſelten zu kleinen Büchern anſchwellend,
auf Zeit und Nachwelt ſo ſtarken Eindruck gemacht haben. Und mehr
als das. Wenn in dieſen Schriftſtücken ein Selbſtbewußtſein, ein Stolz
zum Ausdruck kommen, die alles Frühere hinter ſich laſſen, wenn An-
ſprüche von einer Kühnheit erhoben werden, wie man ſie noch nicht ge-

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[83/0092] Wendung zu Karl dem Kahlen. Nikolaus I. und Anaſtaſius darf ihn auch nicht preiſen als uneigennützigen Wahrer des Rechts. Denn auch jetzt war ſein Verhalten Politik. Wenn er für Dietburg eintrat, ſo begünſtigte er offenbar die Pläne Karls des Kahlen auf die Erbſchaft des Neffen, ja noch mehr, er zeigte Karl die Möglichkeit, unter Umſtänden ſchon bei Lothars Lebzeiten die Hand auf ſein Reich zu legen. Jn einer der päpſtlichen Erklärungen wurde Lothar nur noch mit Vorbehalt der Königstitel gegeben — „König, wenn ſo jemand noch König zu heißen verdient“ — und die Zeitgenoſſen werden gewußt haben, welche Schlüſſe daraus zu ziehen ſeien. Wenn Lothar ſich nicht fügte, konnte man im Namen der Kirche ſeine Untertanen zum Abfall bringen und ihn vertreiben. Die ſpäteren Ereigniſſe machen es kaum zweifelhaft, daß darauf in der Tat die Berechnungen Karls und ſeiner Leute zielten. Solchen Abſichten leiſtete Nikolaus Vorſchub, und er wird gewußt haben, was er tat. Unter den eiferſüchtig einander beobachtenden Linien des Königshauſes hatte er bisher zur älteſten gehalten, nun ging er zur jüngſten über; in die Sprache ſpäterer Zeiten überſetzt: aus einem kaiſer- lichen Papſt wurde er ein franzöſiſcher Papſt. Daß Leute, denen die Unabhängigkeit Roms am Herzen lag, Laien ſo gut wie Geiſtliche, die Zwiſtigkeiten der Könige benutzten, um beim entfernteren Anlehnung gegen den benachbarten zu ſuchen, bedarf keiner Erklärung. Jnſofern war die Wendung von Ludwig II. zu Karl dem Kahlen nur eine abgeſchwächte Wiederholung deſſen, was frühere Päpſte getan hatten, als ſie gegen den König der Langobarden den Fran- ken herbeiriefen. Aber der Vorgang bedeutet mehr durch die Perſönlich- keit deſſen, der beim Sturz der Kaiſertreuen die einflußreichſte Stelle errang. Bei der Abſetzung der Lothariſchen Erzbiſchöfe hatte Anaſtaſius, neben dem Thron des Papſtes ſtehend, dieſem das Blatt gereicht, von dem Nikolaus das Urteil ablas. Eine Szene von ſinnbildlicher Bedeu- tung: Nikolaus ſpricht aus, was Anaſtaſius erſonnen hat. Schon die erſten Schreiben an die Griechen hatte er verfaßt, von jetzt an ſind alle wichtigen Äußerungen des Papſtes aus ſeiner Feder gefloſſen. Sein Verdienſt ſind die Gelehrſamkeit und üppige Beredſamkeit, mit denen die Briefe Nikolaus I., nicht ſelten zu kleinen Büchern anſchwellend, auf Zeit und Nachwelt ſo ſtarken Eindruck gemacht haben. Und mehr als das. Wenn in dieſen Schriftſtücken ein Selbſtbewußtſein, ein Stolz zum Ausdruck kommen, die alles Frühere hinter ſich laſſen, wenn An- ſprüche von einer Kühnheit erhoben werden, wie man ſie noch nicht ge-

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 83. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/92>, abgerufen am 09.12.2019.