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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Absetzung der Erzbischöfe von Köln und Trier
dann wurden sie eines Tages -- es war um den 1. November 863 --
vor die Synode geladen, um aus seinem Munde ihr Urteil zu er-
fahren: sie waren abgesetzt. Sie verließen Rom und wandten sich dort-
hin, von wo sie Hilfe erwarten konnten, und wohin Radwald ihnen vor-
ausgegangen war, zu Kaiser Ludwig. Nikolaus aber erließ in stolzer
Sprache ein Rundschreiben an die Bischöfe aller fränkischen Reiche und
Jtaliens, teilte ihnen die Absetzung Günthers und Dietgauds mit, weil
sie erwiesenermaßen Lothar bei seinem sündigen Gehaben Vorschub
geleistet hätten, und machte die Beschlüsse der römischen Synode be-
kannt. Sie besagten: die Metzer Synode ist ungültig und der Räuber-
synode von Ephesus gleichzuachten. Die beiden Erzbischöfe sind ab-
gesetzt und verlieren die Aussicht, wieder eingesetzt zu werden, wenn sie
sich nicht unterwerfen. Jhre Mitschuldigen verfallen derselben Strafe.
Den Schluß macht der Satz: "Verflucht ist, wer Lehren, Befehle,
Verbote, Anordnungen oder Beschlüsse des apostolischen Stuhles in
Sachen des Glaubens, der Kirchenordnung, der Zucht der Gläubigen,
der Bestrafung von Verbrechern oder Verhütung gegenwärtigen und
künftigen Unheils mißachtet." An Lothar erging ein strafendes Schreiben
mit dem Verbot, in Köln und Trier eine Neubesetzung ohne Wissen des
Papstes vorzunehmen.

Jndem Nikolaus in dieser Weise gegen Lothar und seine knechtischen
Bischöfe einschritt, trat er auf die Seite, wo Recht und Wahrheit
waren. Die Art, wie der König von seiner Gemahlin sich zu befreien
gewußt hatte, war empörend, und der Mißbrauch, der dabei mit den
Formen des Rechts getrieben wurde, war es nicht weniger. Für Bischöfe
wie Günther von Köln, denen das Beichtgeheimnis nicht zu heilig war,
um die schimpflichste Lüge darauf zu gründen, die das Gericht der Kirche
zum dienstwilligen Werkzeug fürstlicher Wünsche herabwürdigten und
in der Maske des Richters schamlosem Betrug zum Siege verhalfen,
für solche Bischöfe konnte die bloße Absetzung als gelinde Strafe er-
scheinen. Nikolaus war sehr nachsichtig, als er ihnen sogar die Rückkehr
ins Amt offenhielt. Aber es fragt sich, ob Recht und Wahrheit allein
ihn veranlaßt haben würden, so zu reden und zu handeln. Warum hat
er nicht früher gesprochen und gehandelt? Sein Schweigen hatte gute
Gründe gehabt; er durfte nicht vergessen, daß die Ehe Lothars eine hoch-
politische Angelegenheit war, die Gefahren in sich barg und mit Vor-
sicht behandelt sein wollte. Darin muß man ihm beipflichten, aber man

Abſetzung der Erzbiſchöfe von Köln und Trier
dann wurden ſie eines Tages — es war um den 1. November 863 —
vor die Synode geladen, um aus ſeinem Munde ihr Urteil zu er-
fahren: ſie waren abgeſetzt. Sie verließen Rom und wandten ſich dort-
hin, von wo ſie Hilfe erwarten konnten, und wohin Radwald ihnen vor-
ausgegangen war, zu Kaiſer Ludwig. Nikolaus aber erließ in ſtolzer
Sprache ein Rundſchreiben an die Biſchöfe aller fränkiſchen Reiche und
Jtaliens, teilte ihnen die Abſetzung Günthers und Dietgauds mit, weil
ſie erwieſenermaßen Lothar bei ſeinem ſündigen Gehaben Vorſchub
geleiſtet hätten, und machte die Beſchlüſſe der römiſchen Synode be-
kannt. Sie beſagten: die Metzer Synode iſt ungültig und der Räuber-
ſynode von Epheſus gleichzuachten. Die beiden Erzbiſchöfe ſind ab-
geſetzt und verlieren die Ausſicht, wieder eingeſetzt zu werden, wenn ſie
ſich nicht unterwerfen. Jhre Mitſchuldigen verfallen derſelben Strafe.
Den Schluß macht der Satz: „Verflucht iſt, wer Lehren, Befehle,
Verbote, Anordnungen oder Beſchlüſſe des apoſtoliſchen Stuhles in
Sachen des Glaubens, der Kirchenordnung, der Zucht der Gläubigen,
der Beſtrafung von Verbrechern oder Verhütung gegenwärtigen und
künftigen Unheils mißachtet.“ An Lothar erging ein ſtrafendes Schreiben
mit dem Verbot, in Köln und Trier eine Neubeſetzung ohne Wiſſen des
Papſtes vorzunehmen.

Jndem Nikolaus in dieſer Weiſe gegen Lothar und ſeine knechtiſchen
Biſchöfe einſchritt, trat er auf die Seite, wo Recht und Wahrheit
waren. Die Art, wie der König von ſeiner Gemahlin ſich zu befreien
gewußt hatte, war empörend, und der Mißbrauch, der dabei mit den
Formen des Rechts getrieben wurde, war es nicht weniger. Für Biſchöfe
wie Günther von Köln, denen das Beichtgeheimnis nicht zu heilig war,
um die ſchimpflichſte Lüge darauf zu gründen, die das Gericht der Kirche
zum dienſtwilligen Werkzeug fürſtlicher Wünſche herabwürdigten und
in der Maske des Richters ſchamloſem Betrug zum Siege verhalfen,
für ſolche Biſchöfe konnte die bloße Abſetzung als gelinde Strafe er-
ſcheinen. Nikolaus war ſehr nachſichtig, als er ihnen ſogar die Rückkehr
ins Amt offenhielt. Aber es fragt ſich, ob Recht und Wahrheit allein
ihn veranlaßt haben würden, ſo zu reden und zu handeln. Warum hat
er nicht früher geſprochen und gehandelt? Sein Schweigen hatte gute
Gründe gehabt; er durfte nicht vergeſſen, daß die Ehe Lothars eine hoch-
politiſche Angelegenheit war, die Gefahren in ſich barg und mit Vor-
ſicht behandelt ſein wollte. Darin muß man ihm beipflichten, aber man

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[82/0091] Abſetzung der Erzbiſchöfe von Köln und Trier dann wurden ſie eines Tages — es war um den 1. November 863 — vor die Synode geladen, um aus ſeinem Munde ihr Urteil zu er- fahren: ſie waren abgeſetzt. Sie verließen Rom und wandten ſich dort- hin, von wo ſie Hilfe erwarten konnten, und wohin Radwald ihnen vor- ausgegangen war, zu Kaiſer Ludwig. Nikolaus aber erließ in ſtolzer Sprache ein Rundſchreiben an die Biſchöfe aller fränkiſchen Reiche und Jtaliens, teilte ihnen die Abſetzung Günthers und Dietgauds mit, weil ſie erwieſenermaßen Lothar bei ſeinem ſündigen Gehaben Vorſchub geleiſtet hätten, und machte die Beſchlüſſe der römiſchen Synode be- kannt. Sie beſagten: die Metzer Synode iſt ungültig und der Räuber- ſynode von Epheſus gleichzuachten. Die beiden Erzbiſchöfe ſind ab- geſetzt und verlieren die Ausſicht, wieder eingeſetzt zu werden, wenn ſie ſich nicht unterwerfen. Jhre Mitſchuldigen verfallen derſelben Strafe. Den Schluß macht der Satz: „Verflucht iſt, wer Lehren, Befehle, Verbote, Anordnungen oder Beſchlüſſe des apoſtoliſchen Stuhles in Sachen des Glaubens, der Kirchenordnung, der Zucht der Gläubigen, der Beſtrafung von Verbrechern oder Verhütung gegenwärtigen und künftigen Unheils mißachtet.“ An Lothar erging ein ſtrafendes Schreiben mit dem Verbot, in Köln und Trier eine Neubeſetzung ohne Wiſſen des Papſtes vorzunehmen. Jndem Nikolaus in dieſer Weiſe gegen Lothar und ſeine knechtiſchen Biſchöfe einſchritt, trat er auf die Seite, wo Recht und Wahrheit waren. Die Art, wie der König von ſeiner Gemahlin ſich zu befreien gewußt hatte, war empörend, und der Mißbrauch, der dabei mit den Formen des Rechts getrieben wurde, war es nicht weniger. Für Biſchöfe wie Günther von Köln, denen das Beichtgeheimnis nicht zu heilig war, um die ſchimpflichſte Lüge darauf zu gründen, die das Gericht der Kirche zum dienſtwilligen Werkzeug fürſtlicher Wünſche herabwürdigten und in der Maske des Richters ſchamloſem Betrug zum Siege verhalfen, für ſolche Biſchöfe konnte die bloße Abſetzung als gelinde Strafe er- ſcheinen. Nikolaus war ſehr nachſichtig, als er ihnen ſogar die Rückkehr ins Amt offenhielt. Aber es fragt ſich, ob Recht und Wahrheit allein ihn veranlaßt haben würden, ſo zu reden und zu handeln. Warum hat er nicht früher geſprochen und gehandelt? Sein Schweigen hatte gute Gründe gehabt; er durfte nicht vergeſſen, daß die Ehe Lothars eine hoch- politiſche Angelegenheit war, die Gefahren in ſich barg und mit Vor- ſicht behandelt ſein wollte. Darin muß man ihm beipflichten, aber man

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 82. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/91>, abgerufen am 09.12.2019.