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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Bruch mit Konstantinopel
worden sein und Photios als Patriarchen anerkannt haben. Beides war
falsch, aber es diente dem Zweck und wurde für Tatsache ausgegeben.
Radwald selbst war noch nicht erreichbar, aber sein damaliger Genosse,
Zacharias von Anagni, wurde -- im Hochsommer 863 -- vor eine Synode
gestellt, zum Geständnis gezwungen, abgesetzt und ausgeschlossen. Dann
ging es gegen Photios. Unter Aufzählung seiner Missetaten wurde er der
angemaßten Bischofswürde entkleidet und, falls er nach Empfang dieses
Spruches sein Amt auszuüben fortführe, mit Ausschluß und Fluch be-
droht. Sein Schicksal teilten Gregor von Syrakus, der ihn geweiht, und
alle Bischöfe, die von ihm die Weihe empfangen hatten. Jgnatios da-
gegen wurde kraft der Vollmacht, die dem heiligen Petrus durch Gottes
Wort verliehen, von allen Strafen befreit und in seine Würde wieder
eingesetzt, desgleichen alle Bischöfe und Geistlichen, die als seine An-
hänger abgesetzt und verbannt waren.

Der Bruch mit Konstantinopel war vollzogen. Jm März hatte
Nikolaus diesen äußersten Schritt nicht getan, inzwischen aber war
nichts vorgefallen, was ihn notwendig gemacht hätte. Es fällt auch auf,
wie milde der verurteilte Zacharias von Anagni behandelt worden ist:
er erhielt Verwaltung und Einkünfte des angesehenen Klosters Sankt
Gregor, sein Bistum blieb unbesetzt, er hat es später wieder eingenom-
men. Die Strenge des Rechtsverfahrens war also Schein, sie sollte
einen politischen Entschluß decken: der Papst hatte sich von seinem
hauptsächlichsten Berater losgesagt und dessen Politik verlassen. Um
diese Wendung zu erklären, mußte das Verschulden so schwer wie
möglich dargestellt werden, eine Eigenmächtigkeit, die sich rechtfertigen
ließ, wurde zum Verbrechen des Ungehorsams und der Bestechlichkeit
gestempelt. Radwald hat sich dem Gericht, das auf ihn wartete, nicht
gestellt, ist später in Abwesenheit verurteilt worden und nicht mehr her-
vorgetreten. Sein Sturz war gelungen. Das traf die ganze Partei, die
zum Kaiser hielt. Statt ihrer führten jetzt andere Männer das Wort
im Rate des Papstes und gaben seiner Politik eine andere Richtung.
Nikolaus I., das Geschöpf des Kaisers, wagte es, Wege einzuschlagen,
die denen des Kaisers zuwiderliefen.

Das bekamen alsbald die beiden Erzbischöfe, Günther von Köln und
Dietgaud von Trier, zu fühlen, als sie, offenbar noch in Unkenntnis der
eingetretenen Wendung, in Rom eintrafen, um sich die Bestätigung der
Metzer Synode zu holen. Nikolaus ließ sie erst drei Wochen warten,

Haller, Das Papsttum II1 6

Bruch mit Konſtantinopel
worden ſein und Photios als Patriarchen anerkannt haben. Beides war
falſch, aber es diente dem Zweck und wurde für Tatſache ausgegeben.
Radwald ſelbſt war noch nicht erreichbar, aber ſein damaliger Genoſſe,
Zacharias von Anagni, wurde — im Hochſommer 863 — vor eine Synode
geſtellt, zum Geſtändnis gezwungen, abgeſetzt und ausgeſchloſſen. Dann
ging es gegen Photios. Unter Aufzählung ſeiner Miſſetaten wurde er der
angemaßten Biſchofswürde entkleidet und, falls er nach Empfang dieſes
Spruches ſein Amt auszuüben fortführe, mit Ausſchluß und Fluch be-
droht. Sein Schickſal teilten Gregor von Syrakus, der ihn geweiht, und
alle Biſchöfe, die von ihm die Weihe empfangen hatten. Jgnatios da-
gegen wurde kraft der Vollmacht, die dem heiligen Petrus durch Gottes
Wort verliehen, von allen Strafen befreit und in ſeine Würde wieder
eingeſetzt, desgleichen alle Biſchöfe und Geiſtlichen, die als ſeine An-
hänger abgeſetzt und verbannt waren.

Der Bruch mit Konſtantinopel war vollzogen. Jm März hatte
Nikolaus dieſen äußerſten Schritt nicht getan, inzwiſchen aber war
nichts vorgefallen, was ihn notwendig gemacht hätte. Es fällt auch auf,
wie milde der verurteilte Zacharias von Anagni behandelt worden iſt:
er erhielt Verwaltung und Einkünfte des angeſehenen Kloſters Sankt
Gregor, ſein Bistum blieb unbeſetzt, er hat es ſpäter wieder eingenom-
men. Die Strenge des Rechtsverfahrens war alſo Schein, ſie ſollte
einen politiſchen Entſchluß decken: der Papſt hatte ſich von ſeinem
hauptſächlichſten Berater losgeſagt und deſſen Politik verlaſſen. Um
dieſe Wendung zu erklären, mußte das Verſchulden ſo ſchwer wie
möglich dargeſtellt werden, eine Eigenmächtigkeit, die ſich rechtfertigen
ließ, wurde zum Verbrechen des Ungehorſams und der Beſtechlichkeit
geſtempelt. Radwald hat ſich dem Gericht, das auf ihn wartete, nicht
geſtellt, iſt ſpäter in Abweſenheit verurteilt worden und nicht mehr her-
vorgetreten. Sein Sturz war gelungen. Das traf die ganze Partei, die
zum Kaiſer hielt. Statt ihrer führten jetzt andere Männer das Wort
im Rate des Papſtes und gaben ſeiner Politik eine andere Richtung.
Nikolaus I., das Geſchöpf des Kaiſers, wagte es, Wege einzuſchlagen,
die denen des Kaiſers zuwiderliefen.

Das bekamen alsbald die beiden Erzbiſchöfe, Günther von Köln und
Dietgaud von Trier, zu fühlen, als ſie, offenbar noch in Unkenntnis der
eingetretenen Wendung, in Rom eintrafen, um ſich die Beſtätigung der
Metzer Synode zu holen. Nikolaus ließ ſie erſt drei Wochen warten,

Haller, Das Papſttum II1 6
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[81/0090] Bruch mit Konſtantinopel worden ſein und Photios als Patriarchen anerkannt haben. Beides war falſch, aber es diente dem Zweck und wurde für Tatſache ausgegeben. Radwald ſelbſt war noch nicht erreichbar, aber ſein damaliger Genoſſe, Zacharias von Anagni, wurde — im Hochſommer 863 — vor eine Synode geſtellt, zum Geſtändnis gezwungen, abgeſetzt und ausgeſchloſſen. Dann ging es gegen Photios. Unter Aufzählung ſeiner Miſſetaten wurde er der angemaßten Biſchofswürde entkleidet und, falls er nach Empfang dieſes Spruches ſein Amt auszuüben fortführe, mit Ausſchluß und Fluch be- droht. Sein Schickſal teilten Gregor von Syrakus, der ihn geweiht, und alle Biſchöfe, die von ihm die Weihe empfangen hatten. Jgnatios da- gegen wurde kraft der Vollmacht, die dem heiligen Petrus durch Gottes Wort verliehen, von allen Strafen befreit und in ſeine Würde wieder eingeſetzt, desgleichen alle Biſchöfe und Geiſtlichen, die als ſeine An- hänger abgeſetzt und verbannt waren. Der Bruch mit Konſtantinopel war vollzogen. Jm März hatte Nikolaus dieſen äußerſten Schritt nicht getan, inzwiſchen aber war nichts vorgefallen, was ihn notwendig gemacht hätte. Es fällt auch auf, wie milde der verurteilte Zacharias von Anagni behandelt worden iſt: er erhielt Verwaltung und Einkünfte des angeſehenen Kloſters Sankt Gregor, ſein Bistum blieb unbeſetzt, er hat es ſpäter wieder eingenom- men. Die Strenge des Rechtsverfahrens war alſo Schein, ſie ſollte einen politiſchen Entſchluß decken: der Papſt hatte ſich von ſeinem hauptſächlichſten Berater losgeſagt und deſſen Politik verlaſſen. Um dieſe Wendung zu erklären, mußte das Verſchulden ſo ſchwer wie möglich dargeſtellt werden, eine Eigenmächtigkeit, die ſich rechtfertigen ließ, wurde zum Verbrechen des Ungehorſams und der Beſtechlichkeit geſtempelt. Radwald hat ſich dem Gericht, das auf ihn wartete, nicht geſtellt, iſt ſpäter in Abweſenheit verurteilt worden und nicht mehr her- vorgetreten. Sein Sturz war gelungen. Das traf die ganze Partei, die zum Kaiſer hielt. Statt ihrer führten jetzt andere Männer das Wort im Rate des Papſtes und gaben ſeiner Politik eine andere Richtung. Nikolaus I., das Geſchöpf des Kaiſers, wagte es, Wege einzuſchlagen, die denen des Kaiſers zuwiderliefen. Das bekamen alsbald die beiden Erzbiſchöfe, Günther von Köln und Dietgaud von Trier, zu fühlen, als ſie, offenbar noch in Unkenntnis der eingetretenen Wendung, in Rom eintrafen, um ſich die Beſtätigung der Metzer Synode zu holen. Nikolaus ließ ſie erſt drei Wochen warten, Haller, Das Papſttum II1 6

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 81. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/90>, abgerufen am 13.12.2019.