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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Synode in Metz 863
so geschah es. Durch Zeugenaussagen wurde festgestellt, er sei mit
Waldrad rechtskräftig vermählt gewesen, ehe er Dietburg heiratete,
und diese habe ungezwungen und freiwillig ihre Schuld gestanden.
Daraufhin wurde ihre Ehe einstimmig für nichtig erklärt.

Was hat die Legaten zu diesem Verfahren bewogen, das mit einem
wirklichen Gericht nicht einmal die Formen gemein hatte? Denn zu
allem andern war Dietburg nicht erschienen und nicht gehört worden.
Die Gegner sind sogleich mit dem Vorwurf der Bestechung bei der Hand
gewesen; aber das reicht zur Erklärung nicht aus. Jn Wahrheit werden
sie den Fall als politischen angesehen und behandelt haben, was er ja
auch war, und da sie selbst zur kaiserlichen Partei gehörten und es für
sie das gegebene war, daß der Papst kaiserliche Politik mache, so trafen
sie eine Entscheidung, die des Kaisers Beifall finden mußte. Das Gegen-
teil, eine Synode, auf der die westfränkischen Bischöfe mitredeten, hätte
unabsehbare Verwicklungen heraufbeschworen, darum war es besser, den
Fall in einem Scheinverfahren zu ersticken. Dem Papst ersparte man
damit eine mindestens unbequeme Lage. War es denn nicht genug an
der Ehre, daß er zum erstenmal, seit es eine Kirche gab, über einen König
hatte richten lassen und -- auch das war noch nicht vorgekommen --
fränkische Bischöfe zu einer Synode hatte befehlen dürfen? Das letzte
Wort blieb ihm immer noch vorbehalten, denn die Synode beschloß,
obwohl Nikolaus das nicht gefordert hatte, für ihr Urteil seine Bestä-
tigung einzuholen. Zu diesem Zweck ließen die Legaten auf ihrer Rück-
reise nach Rom sich von den Erzbischöfen von Köln und Trier begleiten.
Sie wußten nichts von dem Umschwung, der soeben am päpstlichen Hof
eingetreten war, dem sie selbst zum Opfer gefallen waren. Den Ver-
lauf kann man nur vermuten. Radwalds lange Abwesenheit hatte seinen
Gegnern wohl die Möglichkeit geboten, seine Stellung zu untergraben.
Die Nachrichten über die erneute Eigenmächtigkeit, die er soeben sich
erlaubt hatte, mögen dazu beigetragen, ein Gesandter Karls des Kahlen
Öl ins Feuer gegossen haben -- Nikolaus wurde bewogen, Radwald zu
opfern und seiner Politik eine vollständige Wendung zu geben.

Um dies nach außen zu rechtfertigen, bedurfte es starker Mittel.
Nikolaus griff also auf die Vorgänge in Konstantinopel zurück und er-
öffnete gegen seine eigenen Legaten ein Strafverfahren wegen Unge-
horsams und Untreue. Den Stoff zur Anklage lieferten die Erzählungen
der griechischen Flüchtlinge: Radwald und sein Genosse sollten bestochen

Synode in Metz 863
ſo geſchah es. Durch Zeugenausſagen wurde feſtgeſtellt, er ſei mit
Waldrad rechtskräftig vermählt geweſen, ehe er Dietburg heiratete,
und dieſe habe ungezwungen und freiwillig ihre Schuld geſtanden.
Daraufhin wurde ihre Ehe einſtimmig für nichtig erklärt.

Was hat die Legaten zu dieſem Verfahren bewogen, das mit einem
wirklichen Gericht nicht einmal die Formen gemein hatte? Denn zu
allem andern war Dietburg nicht erſchienen und nicht gehört worden.
Die Gegner ſind ſogleich mit dem Vorwurf der Beſtechung bei der Hand
geweſen; aber das reicht zur Erklärung nicht aus. Jn Wahrheit werden
ſie den Fall als politiſchen angeſehen und behandelt haben, was er ja
auch war, und da ſie ſelbſt zur kaiſerlichen Partei gehörten und es für
ſie das gegebene war, daß der Papſt kaiſerliche Politik mache, ſo trafen
ſie eine Entſcheidung, die des Kaiſers Beifall finden mußte. Das Gegen-
teil, eine Synode, auf der die weſtfränkiſchen Biſchöfe mitredeten, hätte
unabſehbare Verwicklungen heraufbeſchworen, darum war es beſſer, den
Fall in einem Scheinverfahren zu erſticken. Dem Papſt erſparte man
damit eine mindeſtens unbequeme Lage. War es denn nicht genug an
der Ehre, daß er zum erſtenmal, ſeit es eine Kirche gab, über einen König
hatte richten laſſen und — auch das war noch nicht vorgekommen —
fränkiſche Biſchöfe zu einer Synode hatte befehlen dürfen? Das letzte
Wort blieb ihm immer noch vorbehalten, denn die Synode beſchloß,
obwohl Nikolaus das nicht gefordert hatte, für ihr Urteil ſeine Beſtä-
tigung einzuholen. Zu dieſem Zweck ließen die Legaten auf ihrer Rück-
reiſe nach Rom ſich von den Erzbiſchöfen von Köln und Trier begleiten.
Sie wußten nichts von dem Umſchwung, der ſoeben am päpſtlichen Hof
eingetreten war, dem ſie ſelbſt zum Opfer gefallen waren. Den Ver-
lauf kann man nur vermuten. Radwalds lange Abweſenheit hatte ſeinen
Gegnern wohl die Möglichkeit geboten, ſeine Stellung zu untergraben.
Die Nachrichten über die erneute Eigenmächtigkeit, die er ſoeben ſich
erlaubt hatte, mögen dazu beigetragen, ein Geſandter Karls des Kahlen
Öl ins Feuer gegoſſen haben — Nikolaus wurde bewogen, Radwald zu
opfern und ſeiner Politik eine vollſtändige Wendung zu geben.

Um dies nach außen zu rechtfertigen, bedurfte es ſtarker Mittel.
Nikolaus griff alſo auf die Vorgänge in Konſtantinopel zurück und er-
öffnete gegen ſeine eigenen Legaten ein Strafverfahren wegen Unge-
horſams und Untreue. Den Stoff zur Anklage lieferten die Erzählungen
der griechiſchen Flüchtlinge: Radwald und ſein Genoſſe ſollten beſtochen

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[80/0089] Synode in Metz 863 ſo geſchah es. Durch Zeugenausſagen wurde feſtgeſtellt, er ſei mit Waldrad rechtskräftig vermählt geweſen, ehe er Dietburg heiratete, und dieſe habe ungezwungen und freiwillig ihre Schuld geſtanden. Daraufhin wurde ihre Ehe einſtimmig für nichtig erklärt. Was hat die Legaten zu dieſem Verfahren bewogen, das mit einem wirklichen Gericht nicht einmal die Formen gemein hatte? Denn zu allem andern war Dietburg nicht erſchienen und nicht gehört worden. Die Gegner ſind ſogleich mit dem Vorwurf der Beſtechung bei der Hand geweſen; aber das reicht zur Erklärung nicht aus. Jn Wahrheit werden ſie den Fall als politiſchen angeſehen und behandelt haben, was er ja auch war, und da ſie ſelbſt zur kaiſerlichen Partei gehörten und es für ſie das gegebene war, daß der Papſt kaiſerliche Politik mache, ſo trafen ſie eine Entſcheidung, die des Kaiſers Beifall finden mußte. Das Gegen- teil, eine Synode, auf der die weſtfränkiſchen Biſchöfe mitredeten, hätte unabſehbare Verwicklungen heraufbeſchworen, darum war es beſſer, den Fall in einem Scheinverfahren zu erſticken. Dem Papſt erſparte man damit eine mindeſtens unbequeme Lage. War es denn nicht genug an der Ehre, daß er zum erſtenmal, ſeit es eine Kirche gab, über einen König hatte richten laſſen und — auch das war noch nicht vorgekommen — fränkiſche Biſchöfe zu einer Synode hatte befehlen dürfen? Das letzte Wort blieb ihm immer noch vorbehalten, denn die Synode beſchloß, obwohl Nikolaus das nicht gefordert hatte, für ihr Urteil ſeine Beſtä- tigung einzuholen. Zu dieſem Zweck ließen die Legaten auf ihrer Rück- reiſe nach Rom ſich von den Erzbiſchöfen von Köln und Trier begleiten. Sie wußten nichts von dem Umſchwung, der ſoeben am päpſtlichen Hof eingetreten war, dem ſie ſelbſt zum Opfer gefallen waren. Den Ver- lauf kann man nur vermuten. Radwalds lange Abweſenheit hatte ſeinen Gegnern wohl die Möglichkeit geboten, ſeine Stellung zu untergraben. Die Nachrichten über die erneute Eigenmächtigkeit, die er ſoeben ſich erlaubt hatte, mögen dazu beigetragen, ein Geſandter Karls des Kahlen Öl ins Feuer gegoſſen haben — Nikolaus wurde bewogen, Radwald zu opfern und ſeiner Politik eine vollſtändige Wendung zu geben. Um dies nach außen zu rechtfertigen, bedurfte es ſtarker Mittel. Nikolaus griff alſo auf die Vorgänge in Konſtantinopel zurück und er- öffnete gegen ſeine eigenen Legaten ein Strafverfahren wegen Unge- horſams und Untreue. Den Stoff zur Anklage lieferten die Erzählungen der griechiſchen Flüchtlinge: Radwald und ſein Genoſſe ſollten beſtochen

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 80. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/89>, abgerufen am 09.12.2019.