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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Jgnatios klagt in Rom
in den Weg, und jenseits des Schwarzen Meeres, im Reich der Warä-
ger von Kijew, begannen sie ein Werk, das Größtes hoffen ließ. Überall
breitete das Griechentum seine Arme aus, um mit der Herrschaft seiner
Kirche den bestimmenden geistigen und politischen Einfluß sich zu sichern,
es konnte am wenigsten seine nächsten und gefährlichsten Nachbarn frem-
der Führung überlassen. Der ausbrechende Streit zwischen Rom und
Konstantinopel, dem Anschein nach eine kirchenpolitische Rechts- und
Personenfrage, war im letzten Grunde ein Kampf zwischen Ost und West
um das Missionsgebiet am Balkan. So ist er von Nikolaus eröffnet
worden, und wer will bestreiten, daß der Preis den Aufwand lohnte? Ein
römischer Sieg würde das Antlitz Europas anders gestaltet haben.

Der Entschluß des Papstes wäre vielleicht nicht so ausgefallen, wäre
der Hauptbeteiligte zugegen gewesen. Radwald von Porto, den Nikolaus
verleugnete, seit Ende November 862 auf einer wichtigen Sendung im
fränkischen Reich abwesend, hat sein Werk nicht verteidigen können.
Dafür wirkten in den folgenden Monaten Einflüsse, die den Papst noch
weiter in die entgegengesetzte Richtung drängten. Jgnatios, der noch
eben den Römern so stolz entgegengetreten war und ihr Urteil als be-
fangen abgelehnt hatte, warf sich Nikolaus in die Arme. Aus seiner
Haft fand er Mittel und Wege, einen Vertreter nach Rom zu
schicken, der dem Papst seine Klage übergab. Gleichzeitig sammelten sich
hier Flüchtlinge aus dem Osten, die die Ereignisse auf ihre Art dar-
stellten: Jgnatios war das bejammernswerte Opfer ruchloser Ver-
folgung, und die Legaten des Papstes hatten sich von Photios bestechen
lassen, dazu die Hand zu bieten. Ob diese Erzählungen allein bewirkt
haben würden, was jetzt geschah, darf man bezweifeln. Aber am Hof des
Papstes gab es Leute, denen der Einfluß des Bischofs von Porto im
Wege war. Sie benützten die Anklagen der Griechen, um den Papst
gegen einen seiner ersten Berater einzunehmen. Schließlich lieferte dieser
selbst ihnen die Waffe, mit der sie ihn stürzen konnten.

Jn den Jahren, da Nikolaus die römische Kirche regierte, war das
fränkische Reich von einer schleichenden Krise bedroht, die jeden Augen-
blick offen ausbrechen und den Frieden zerstören konnte. Es handelte sich
um die Erbschaft der ältesten Linie des Königshauses. Lothar I. war im
September 855 gestorben, nachdem er gerade noch Zeit gehabt, sein
Reich unter drei Söhne zu teilen. Der älteste, Ludwig II., war schon

Jgnatios klagt in Rom
in den Weg, und jenſeits des Schwarzen Meeres, im Reich der Warä-
ger von Kijew, begannen ſie ein Werk, das Größtes hoffen ließ. Überall
breitete das Griechentum ſeine Arme aus, um mit der Herrſchaft ſeiner
Kirche den beſtimmenden geiſtigen und politiſchen Einfluß ſich zu ſichern,
es konnte am wenigſten ſeine nächſten und gefährlichſten Nachbarn frem-
der Führung überlaſſen. Der ausbrechende Streit zwiſchen Rom und
Konſtantinopel, dem Anſchein nach eine kirchenpolitiſche Rechts- und
Perſonenfrage, war im letzten Grunde ein Kampf zwiſchen Oſt und Weſt
um das Miſſionsgebiet am Balkan. So iſt er von Nikolaus eröffnet
worden, und wer will beſtreiten, daß der Preis den Aufwand lohnte? Ein
römiſcher Sieg würde das Antlitz Europas anders geſtaltet haben.

Der Entſchluß des Papſtes wäre vielleicht nicht ſo ausgefallen, wäre
der Hauptbeteiligte zugegen geweſen. Radwald von Porto, den Nikolaus
verleugnete, ſeit Ende November 862 auf einer wichtigen Sendung im
fränkiſchen Reich abweſend, hat ſein Werk nicht verteidigen können.
Dafür wirkten in den folgenden Monaten Einflüſſe, die den Papſt noch
weiter in die entgegengeſetzte Richtung drängten. Jgnatios, der noch
eben den Römern ſo ſtolz entgegengetreten war und ihr Urteil als be-
fangen abgelehnt hatte, warf ſich Nikolaus in die Arme. Aus ſeiner
Haft fand er Mittel und Wege, einen Vertreter nach Rom zu
ſchicken, der dem Papſt ſeine Klage übergab. Gleichzeitig ſammelten ſich
hier Flüchtlinge aus dem Oſten, die die Ereigniſſe auf ihre Art dar-
ſtellten: Jgnatios war das bejammernswerte Opfer ruchloſer Ver-
folgung, und die Legaten des Papſtes hatten ſich von Photios beſtechen
laſſen, dazu die Hand zu bieten. Ob dieſe Erzählungen allein bewirkt
haben würden, was jetzt geſchah, darf man bezweifeln. Aber am Hof des
Papſtes gab es Leute, denen der Einfluß des Biſchofs von Porto im
Wege war. Sie benützten die Anklagen der Griechen, um den Papſt
gegen einen ſeiner erſten Berater einzunehmen. Schließlich lieferte dieſer
ſelbſt ihnen die Waffe, mit der ſie ihn ſtürzen konnten.

Jn den Jahren, da Nikolaus die römiſche Kirche regierte, war das
fränkiſche Reich von einer ſchleichenden Kriſe bedroht, die jeden Augen-
blick offen ausbrechen und den Frieden zerſtören konnte. Es handelte ſich
um die Erbſchaft der älteſten Linie des Königshauſes. Lothar I. war im
September 855 geſtorben, nachdem er gerade noch Zeit gehabt, ſein
Reich unter drei Söhne zu teilen. Der älteſte, Ludwig II., war ſchon

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[74/0083] Jgnatios klagt in Rom in den Weg, und jenſeits des Schwarzen Meeres, im Reich der Warä- ger von Kijew, begannen ſie ein Werk, das Größtes hoffen ließ. Überall breitete das Griechentum ſeine Arme aus, um mit der Herrſchaft ſeiner Kirche den beſtimmenden geiſtigen und politiſchen Einfluß ſich zu ſichern, es konnte am wenigſten ſeine nächſten und gefährlichſten Nachbarn frem- der Führung überlaſſen. Der ausbrechende Streit zwiſchen Rom und Konſtantinopel, dem Anſchein nach eine kirchenpolitiſche Rechts- und Perſonenfrage, war im letzten Grunde ein Kampf zwiſchen Oſt und Weſt um das Miſſionsgebiet am Balkan. So iſt er von Nikolaus eröffnet worden, und wer will beſtreiten, daß der Preis den Aufwand lohnte? Ein römiſcher Sieg würde das Antlitz Europas anders geſtaltet haben. Der Entſchluß des Papſtes wäre vielleicht nicht ſo ausgefallen, wäre der Hauptbeteiligte zugegen geweſen. Radwald von Porto, den Nikolaus verleugnete, ſeit Ende November 862 auf einer wichtigen Sendung im fränkiſchen Reich abweſend, hat ſein Werk nicht verteidigen können. Dafür wirkten in den folgenden Monaten Einflüſſe, die den Papſt noch weiter in die entgegengeſetzte Richtung drängten. Jgnatios, der noch eben den Römern ſo ſtolz entgegengetreten war und ihr Urteil als be- fangen abgelehnt hatte, warf ſich Nikolaus in die Arme. Aus ſeiner Haft fand er Mittel und Wege, einen Vertreter nach Rom zu ſchicken, der dem Papſt ſeine Klage übergab. Gleichzeitig ſammelten ſich hier Flüchtlinge aus dem Oſten, die die Ereigniſſe auf ihre Art dar- ſtellten: Jgnatios war das bejammernswerte Opfer ruchloſer Ver- folgung, und die Legaten des Papſtes hatten ſich von Photios beſtechen laſſen, dazu die Hand zu bieten. Ob dieſe Erzählungen allein bewirkt haben würden, was jetzt geſchah, darf man bezweifeln. Aber am Hof des Papſtes gab es Leute, denen der Einfluß des Biſchofs von Porto im Wege war. Sie benützten die Anklagen der Griechen, um den Papſt gegen einen ſeiner erſten Berater einzunehmen. Schließlich lieferte dieſer ſelbſt ihnen die Waffe, mit der ſie ihn ſtürzen konnten. Jn den Jahren, da Nikolaus die römiſche Kirche regierte, war das fränkiſche Reich von einer ſchleichenden Kriſe bedroht, die jeden Augen- blick offen ausbrechen und den Frieden zerſtören konnte. Es handelte ſich um die Erbſchaft der älteſten Linie des Königshauſes. Lothar I. war im September 855 geſtorben, nachdem er gerade noch Zeit gehabt, ſein Reich unter drei Söhne zu teilen. Der älteſte, Ludwig II., war ſchon

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 74. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/83>, abgerufen am 12.12.2019.