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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Bulgarien
war. Rom hat sie alle anerkannt, und so gut wie Hadrian über den
Mangel bei Tarasios hinweggesehen hatte, konnte Nikolaus es bei
Photios tun, dessen hohe persönliche Würdigkeit im übrigen unbestritten
war. Anderweitige Gründe, den Bruch zu rechtfertigen, gab es nicht,
in der einzigen Frage, die die Gemüter noch hätte erregen können, der
Bilderfrage, waren Rom und Konstantinopel einig wie nur je und wurde
ihre Einigkeit bei eben dieser Gelegenheit entschieden betont. Die all-
gemeine Geistesrichtung endlich, die Photios vertrat, sprach für ihn, sie
war dieselbe, die in Rom herrschte, Photios und Anastasius sind ver-
wandte Erscheinungen. So ließen sich Gründe genug für Duldung der
vollendeten Tatsachen anführen, und ein Gewährenlassen, eine Bekräf-
tigung des Geschehenen, wenn dafür der Vorrang, die Oberhoheit Roms
in unzweideutiger Form anerkannt wurde, konnte recht wohl als weise
Zweckmäßigkeit gelten, wie die Päpste sie oft genug zu üben gewußt
haben.

Ein politischer Beweggrund war es, dem Nikolaus folgte. Er hat
geglaubt, bei dieser Gelegenheit alte, seit mehr als hundert Jahren ver-
lorene, aber nie aufgegebene Rechte wiedererlangen zu können und durch
seinen Einspruch gegen den Wechsel im Patriarchat den Kaiser zum
Nachgeben zu bringen. Die unteritalischen Güter waren zwar angesichts
der fortschreitenden arabischen Eroberung von zweifelhaftem Wert.
Um so mehr bedeutete gerade damals die Möglichkeit, die Balkanhalb-
insel wieder der kirchlichen Oberhoheit Roms zu unterwerfen. Dort hatte
das Reich der Bulgaren, in siegreichen Kämpfen gegen die Griechen seit
Anfang des Jahrhunderts emporgekommen, seine blutige Gründungs-
zeit hinter sich und begann, sich der Gesittung zu öffnen. Noch war es
heidnisch, aber sein Übertritt zum Christentum, die Voraussetzung für
alle weitere Entwicklung, war nur eine Frage der Zeit. Welch ein Er-
folg, wenn es gelang, dieses neue Volk für die römische Kirche zu gewin-
nen! Unmöglich war es nicht. Jm ganzen Südosten, bei Böhmen und
Mähren, Kroaten und Serben, hatte die fränkische Mission bereits
Fuß gefaßt, und Bulgarien war der Verbündete des deutschen Königs
gegenüber dem gemeinsamen Nachbarn und Gegner, dem großmähri-
schen Reich. Aber auch in Konstantinopel streckte man die Hände aus.
Auch dort war mit dem allgemeinen Aufschwung des Reiches die kirch-
liche Mission in großem Zuge aufgelebt; bei den benachbarten Slawen
wirkten griechische Prediger, im mährischen Reich traten sie den Franken

Bulgarien
war. Rom hat ſie alle anerkannt, und ſo gut wie Hadrian über den
Mangel bei Taraſios hinweggeſehen hatte, konnte Nikolaus es bei
Photios tun, deſſen hohe perſönliche Würdigkeit im übrigen unbeſtritten
war. Anderweitige Gründe, den Bruch zu rechtfertigen, gab es nicht,
in der einzigen Frage, die die Gemüter noch hätte erregen können, der
Bilderfrage, waren Rom und Konſtantinopel einig wie nur je und wurde
ihre Einigkeit bei eben dieſer Gelegenheit entſchieden betont. Die all-
gemeine Geiſtesrichtung endlich, die Photios vertrat, ſprach für ihn, ſie
war dieſelbe, die in Rom herrſchte, Photios und Anaſtaſius ſind ver-
wandte Erſcheinungen. So ließen ſich Gründe genug für Duldung der
vollendeten Tatſachen anführen, und ein Gewährenlaſſen, eine Bekräf-
tigung des Geſchehenen, wenn dafür der Vorrang, die Oberhoheit Roms
in unzweideutiger Form anerkannt wurde, konnte recht wohl als weiſe
Zweckmäßigkeit gelten, wie die Päpſte ſie oft genug zu üben gewußt
haben.

Ein politiſcher Beweggrund war es, dem Nikolaus folgte. Er hat
geglaubt, bei dieſer Gelegenheit alte, ſeit mehr als hundert Jahren ver-
lorene, aber nie aufgegebene Rechte wiedererlangen zu können und durch
ſeinen Einſpruch gegen den Wechſel im Patriarchat den Kaiſer zum
Nachgeben zu bringen. Die unteritaliſchen Güter waren zwar angeſichts
der fortſchreitenden arabiſchen Eroberung von zweifelhaftem Wert.
Um ſo mehr bedeutete gerade damals die Möglichkeit, die Balkanhalb-
inſel wieder der kirchlichen Oberhoheit Roms zu unterwerfen. Dort hatte
das Reich der Bulgaren, in ſiegreichen Kämpfen gegen die Griechen ſeit
Anfang des Jahrhunderts emporgekommen, ſeine blutige Gründungs-
zeit hinter ſich und begann, ſich der Geſittung zu öffnen. Noch war es
heidniſch, aber ſein Übertritt zum Chriſtentum, die Vorausſetzung für
alle weitere Entwicklung, war nur eine Frage der Zeit. Welch ein Er-
folg, wenn es gelang, dieſes neue Volk für die römiſche Kirche zu gewin-
nen! Unmöglich war es nicht. Jm ganzen Südoſten, bei Böhmen und
Mähren, Kroaten und Serben, hatte die fränkiſche Miſſion bereits
Fuß gefaßt, und Bulgarien war der Verbündete des deutſchen Königs
gegenüber dem gemeinſamen Nachbarn und Gegner, dem großmähri-
ſchen Reich. Aber auch in Konſtantinopel ſtreckte man die Hände aus.
Auch dort war mit dem allgemeinen Aufſchwung des Reiches die kirch-
liche Miſſion in großem Zuge aufgelebt; bei den benachbarten Slawen
wirkten griechiſche Prediger, im mähriſchen Reich traten ſie den Franken

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[73/0082] Bulgarien war. Rom hat ſie alle anerkannt, und ſo gut wie Hadrian über den Mangel bei Taraſios hinweggeſehen hatte, konnte Nikolaus es bei Photios tun, deſſen hohe perſönliche Würdigkeit im übrigen unbeſtritten war. Anderweitige Gründe, den Bruch zu rechtfertigen, gab es nicht, in der einzigen Frage, die die Gemüter noch hätte erregen können, der Bilderfrage, waren Rom und Konſtantinopel einig wie nur je und wurde ihre Einigkeit bei eben dieſer Gelegenheit entſchieden betont. Die all- gemeine Geiſtesrichtung endlich, die Photios vertrat, ſprach für ihn, ſie war dieſelbe, die in Rom herrſchte, Photios und Anaſtaſius ſind ver- wandte Erſcheinungen. So ließen ſich Gründe genug für Duldung der vollendeten Tatſachen anführen, und ein Gewährenlaſſen, eine Bekräf- tigung des Geſchehenen, wenn dafür der Vorrang, die Oberhoheit Roms in unzweideutiger Form anerkannt wurde, konnte recht wohl als weiſe Zweckmäßigkeit gelten, wie die Päpſte ſie oft genug zu üben gewußt haben. Ein politiſcher Beweggrund war es, dem Nikolaus folgte. Er hat geglaubt, bei dieſer Gelegenheit alte, ſeit mehr als hundert Jahren ver- lorene, aber nie aufgegebene Rechte wiedererlangen zu können und durch ſeinen Einſpruch gegen den Wechſel im Patriarchat den Kaiſer zum Nachgeben zu bringen. Die unteritaliſchen Güter waren zwar angeſichts der fortſchreitenden arabiſchen Eroberung von zweifelhaftem Wert. Um ſo mehr bedeutete gerade damals die Möglichkeit, die Balkanhalb- inſel wieder der kirchlichen Oberhoheit Roms zu unterwerfen. Dort hatte das Reich der Bulgaren, in ſiegreichen Kämpfen gegen die Griechen ſeit Anfang des Jahrhunderts emporgekommen, ſeine blutige Gründungs- zeit hinter ſich und begann, ſich der Geſittung zu öffnen. Noch war es heidniſch, aber ſein Übertritt zum Chriſtentum, die Vorausſetzung für alle weitere Entwicklung, war nur eine Frage der Zeit. Welch ein Er- folg, wenn es gelang, dieſes neue Volk für die römiſche Kirche zu gewin- nen! Unmöglich war es nicht. Jm ganzen Südoſten, bei Böhmen und Mähren, Kroaten und Serben, hatte die fränkiſche Miſſion bereits Fuß gefaßt, und Bulgarien war der Verbündete des deutſchen Königs gegenüber dem gemeinſamen Nachbarn und Gegner, dem großmähri- ſchen Reich. Aber auch in Konſtantinopel ſtreckte man die Hände aus. Auch dort war mit dem allgemeinen Aufſchwung des Reiches die kirch- liche Miſſion in großem Zuge aufgelebt; bei den benachbarten Slawen wirkten griechiſche Prediger, im mähriſchen Reich traten ſie den Franken

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 73. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/82>, abgerufen am 05.12.2019.