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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Nikolaus' Beweggründe
den zwei letzten Päpsten und bis dahin auch bei Nikolaus als Angeklagter
gegolten hatte, hielt ihn nicht ab, sein Lob in allen Tönen zu singen. Den
seit langem schwebenden Prozeß wegen widerrechtlicher Absetzung von
drei Bischöfen schob er stillschweigend beiseite, und die wiederholten
früheren Fälle, wo Laien zu Bischöfen erhoben waren, Fälle, die laut
zugunsten des Photios sprachen, ließ er nicht gelten. Seine Entscheidung
teilte er sogleich außer dem Kaiser und Photios auch den Kirchen von
Alexandria, Antiochia und Jerusalem in einem Rundschreiben mit, das
freilich kaum seine Bestimmung erreicht haben dürfte.

Es war klar, der päpstliche Stuhl hatte in der orientalischen Frage
die Partei gewechselt. Damit war ein Streit entfesselt, dem, ungeachtet
seiner kurzen Dauer, eine außerordentliche Bedeutung in der Geschichte
von Kirche und Papsttum zukommt. Welches waren die Beweg-
gründe, die Nikolaus dazu trieben? Daß er nach der Richtschnur
des Rechts zu verfahren behauptete, versteht sich von selbst. Zu allen
Zeiten haben Herrscher und Staatsmänner das Bedürfnis gefühlt, der
Welt zu beweisen, daß sie im Namen des Rechts handelten, wo sie
Politik trieben. Nikolaus I. macht davon keine Ausnahme. Gewiß
standen ihm in diesem Fall Rechtsgründe zur Verfügung; wann haben
sie je gefehlt? Aber ob sie stark genug waren, einen Entschluß von solcher
Tragweite zu rechtfertigen? Jedem der Sätze, auf die er sich berief,
stand ein Bedenken gegenüber, das mindestens ebenso schwer wog. Die
Verdrängung des Jgnatios war eine Tat der Willkür, von politischen
und persönlichen Beweggründen eingegeben. Aber wie oft war der-
gleichen in der Kirche des Ostens vorgekommen, ohne daß Rom einen
Kriegsfall daraus gemacht hätte! Auf die Art seiner Erhebung zurück-
zukommen, nachdem er zwölf Jahre unangefochten regiert hatte, war
in jedem Fall bedenklich, auch wenn die Zeugenaussagen darüber nicht
zu Zweifeln Anlaß gäben. Jgnatios war nicht vorwurfsfrei, und ob das
Verfahren, das gegen ihn in Rom anhängig gemacht war, seine Ab-
setzung nicht rechtfertigte, wäre noch zu entscheiden gewesen. Daß
Photios als Laie erhoben war, bedeutete ohne Zweifel einen Fehler.
Aber auch das war nichts Neues, einige der bedeutendsten Kirchenfürsten
des Ostens und Westens, Nektarios, der Begründer des Patriarchates
von Konstantinopel, Tarasios, der Wiederhersteller der Bilder, und
seine beiden Nachfolger, waren im gleichen Fall, von Ambrosius von
Mailand zu schweigen, der bei seiner Wahl noch nicht einmal getauft

Nikolaus' Beweggründe
den zwei letzten Päpſten und bis dahin auch bei Nikolaus als Angeklagter
gegolten hatte, hielt ihn nicht ab, ſein Lob in allen Tönen zu ſingen. Den
ſeit langem ſchwebenden Prozeß wegen widerrechtlicher Abſetzung von
drei Biſchöfen ſchob er ſtillſchweigend beiſeite, und die wiederholten
früheren Fälle, wo Laien zu Biſchöfen erhoben waren, Fälle, die laut
zugunſten des Photios ſprachen, ließ er nicht gelten. Seine Entſcheidung
teilte er ſogleich außer dem Kaiſer und Photios auch den Kirchen von
Alexandria, Antiochia und Jeruſalem in einem Rundſchreiben mit, das
freilich kaum ſeine Beſtimmung erreicht haben dürfte.

Es war klar, der päpſtliche Stuhl hatte in der orientaliſchen Frage
die Partei gewechſelt. Damit war ein Streit entfeſſelt, dem, ungeachtet
ſeiner kurzen Dauer, eine außerordentliche Bedeutung in der Geſchichte
von Kirche und Papſttum zukommt. Welches waren die Beweg-
gründe, die Nikolaus dazu trieben? Daß er nach der Richtſchnur
des Rechts zu verfahren behauptete, verſteht ſich von ſelbſt. Zu allen
Zeiten haben Herrſcher und Staatsmänner das Bedürfnis gefühlt, der
Welt zu beweiſen, daß ſie im Namen des Rechts handelten, wo ſie
Politik trieben. Nikolaus I. macht davon keine Ausnahme. Gewiß
ſtanden ihm in dieſem Fall Rechtsgründe zur Verfügung; wann haben
ſie je gefehlt? Aber ob ſie ſtark genug waren, einen Entſchluß von ſolcher
Tragweite zu rechtfertigen? Jedem der Sätze, auf die er ſich berief,
ſtand ein Bedenken gegenüber, das mindeſtens ebenſo ſchwer wog. Die
Verdrängung des Jgnatios war eine Tat der Willkür, von politiſchen
und perſönlichen Beweggründen eingegeben. Aber wie oft war der-
gleichen in der Kirche des Oſtens vorgekommen, ohne daß Rom einen
Kriegsfall daraus gemacht hätte! Auf die Art ſeiner Erhebung zurück-
zukommen, nachdem er zwölf Jahre unangefochten regiert hatte, war
in jedem Fall bedenklich, auch wenn die Zeugenausſagen darüber nicht
zu Zweifeln Anlaß gäben. Jgnatios war nicht vorwurfsfrei, und ob das
Verfahren, das gegen ihn in Rom anhängig gemacht war, ſeine Ab-
ſetzung nicht rechtfertigte, wäre noch zu entſcheiden geweſen. Daß
Photios als Laie erhoben war, bedeutete ohne Zweifel einen Fehler.
Aber auch das war nichts Neues, einige der bedeutendſten Kirchenfürſten
des Oſtens und Weſtens, Nektarios, der Begründer des Patriarchates
von Konſtantinopel, Taraſios, der Wiederherſteller der Bilder, und
ſeine beiden Nachfolger, waren im gleichen Fall, von Ambroſius von
Mailand zu ſchweigen, der bei ſeiner Wahl noch nicht einmal getauft

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[72/0081] Nikolaus' Beweggründe den zwei letzten Päpſten und bis dahin auch bei Nikolaus als Angeklagter gegolten hatte, hielt ihn nicht ab, ſein Lob in allen Tönen zu ſingen. Den ſeit langem ſchwebenden Prozeß wegen widerrechtlicher Abſetzung von drei Biſchöfen ſchob er ſtillſchweigend beiſeite, und die wiederholten früheren Fälle, wo Laien zu Biſchöfen erhoben waren, Fälle, die laut zugunſten des Photios ſprachen, ließ er nicht gelten. Seine Entſcheidung teilte er ſogleich außer dem Kaiſer und Photios auch den Kirchen von Alexandria, Antiochia und Jeruſalem in einem Rundſchreiben mit, das freilich kaum ſeine Beſtimmung erreicht haben dürfte. Es war klar, der päpſtliche Stuhl hatte in der orientaliſchen Frage die Partei gewechſelt. Damit war ein Streit entfeſſelt, dem, ungeachtet ſeiner kurzen Dauer, eine außerordentliche Bedeutung in der Geſchichte von Kirche und Papſttum zukommt. Welches waren die Beweg- gründe, die Nikolaus dazu trieben? Daß er nach der Richtſchnur des Rechts zu verfahren behauptete, verſteht ſich von ſelbſt. Zu allen Zeiten haben Herrſcher und Staatsmänner das Bedürfnis gefühlt, der Welt zu beweiſen, daß ſie im Namen des Rechts handelten, wo ſie Politik trieben. Nikolaus I. macht davon keine Ausnahme. Gewiß ſtanden ihm in dieſem Fall Rechtsgründe zur Verfügung; wann haben ſie je gefehlt? Aber ob ſie ſtark genug waren, einen Entſchluß von ſolcher Tragweite zu rechtfertigen? Jedem der Sätze, auf die er ſich berief, ſtand ein Bedenken gegenüber, das mindeſtens ebenſo ſchwer wog. Die Verdrängung des Jgnatios war eine Tat der Willkür, von politiſchen und perſönlichen Beweggründen eingegeben. Aber wie oft war der- gleichen in der Kirche des Oſtens vorgekommen, ohne daß Rom einen Kriegsfall daraus gemacht hätte! Auf die Art ſeiner Erhebung zurück- zukommen, nachdem er zwölf Jahre unangefochten regiert hatte, war in jedem Fall bedenklich, auch wenn die Zeugenausſagen darüber nicht zu Zweifeln Anlaß gäben. Jgnatios war nicht vorwurfsfrei, und ob das Verfahren, das gegen ihn in Rom anhängig gemacht war, ſeine Ab- ſetzung nicht rechtfertigte, wäre noch zu entſcheiden geweſen. Daß Photios als Laie erhoben war, bedeutete ohne Zweifel einen Fehler. Aber auch das war nichts Neues, einige der bedeutendſten Kirchenfürſten des Oſtens und Weſtens, Nektarios, der Begründer des Patriarchates von Konſtantinopel, Taraſios, der Wiederherſteller der Bilder, und ſeine beiden Nachfolger, waren im gleichen Fall, von Ambroſius von Mailand zu ſchweigen, der bei ſeiner Wahl noch nicht einmal getauft

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 72. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/81>, abgerufen am 08.12.2019.