Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

Bild:
<< vorherige Seite

Nikolaus gegen Photios und für Jgnatios
Legaten hätten, wie später behauptet wurde, sich täuschen und zu Schrit-
ten zwingen lassen, die sie nicht verstanden. Aber sie waren allerdings
weiter gegangen, als ihr Auftrag lautete. Sie sollten -- so hatte Niko-
laus dem Kaiser geschrieben -- die Absetzung des Jgnatios nachprüfen,
damit der Papst entscheiden könne. Statt dessen hatten sie die Absetzung
selbst vollzogen. Um der Synode diese Eigenmächtigkeit zu verbergen,
war in ihrem Beglaubigungsschreiben der diesbezügliche Satz verfälscht
worden. Was die Legaten selbst betrifft, so wird man annehmen dürfen,
sie seien überzeugt gewesen, im Sinne ihres Gebieters zu handeln, in-
dem sie seinen Triumph über Konstantinopel durch eine Überschreitung
ihrer Befugnisse erkauften. Vollends ein Mann wie Radwald, selbst
zu den Maßgebenden der päpstlichen Regierung gehörend, mag geglaubt
haben, diese eigenmächtige Erweiterung seines Auftrags sich erlauben
zu dürfen, ebensogut, ja viel eher noch als einst die Gesandten Hadrians
auf der Bildersynode zu Nikäa*). Die letzte Folgerung hatte er übrigens
nicht gezogen, die Anerkennung des Photios nicht ausgesprochen -- das
Protokoll hätte das sicher nicht verschwiegen -- und damit blieb der Ab-
schluß des Geschäfts, an dem der Regierung am meisten liegen mußte,
immer noch dem Papst vorbehalten.

Den zurückkehrenden Legaten folgte auf dem Fuße ein kaiserlicher
Geheimer Rat, der ihren mündlichen Bericht durch die Akten ergänzte.
Zugleich bemühte sich Photios in einem sehr langen, sehr geschickt ab-
gefaßten und sehr verbindlich gehaltenen Schreiben um seine Anerken-
nung. Dahinter aber stand etwas anderes. So wie man in Konstanti-
nopel auf die Entscheidung des Papstes wartete, so wartete Nikolaus auf
Erfüllung dessen, was er gefordert hatte: Wiederherstellung des römi-
schen Patriarchates und Rückgabe der entzogenen Güter. Wie es damit
werden sollte, mußte zwischen ihm und dem Gesandten des Kaisers
geklärt werden. Die Verhandlung zog sich hin und war noch nicht abge-
schlossen, als die schlechte Jahreszeit den Schiffsverkehr unterbrach und
den Griechen nötigte, in Rom zu überwintern. Der Bescheid, den er
endlich am 18. März 862 erhielt, wird ihn nicht erfreut und manchen
überrascht haben. Nikolaus weigerte sich, Photios anzuerkennen. Er
ging weiter, verleugnete, was seine Vertreter im Widerspruch zu ihrer
Weisung, wie er sagte, getan hätten, verwarf die Absetzung des Jgna-
tios und erklärte ihn für den rechtmäßigen Patriarchen. Daß dieser bei

*) Oben S. 6 f.

Nikolaus gegen Photios und für Jgnatios
Legaten hätten, wie ſpäter behauptet wurde, ſich täuſchen und zu Schrit-
ten zwingen laſſen, die ſie nicht verſtanden. Aber ſie waren allerdings
weiter gegangen, als ihr Auftrag lautete. Sie ſollten — ſo hatte Niko-
laus dem Kaiſer geſchrieben — die Abſetzung des Jgnatios nachprüfen,
damit der Papſt entſcheiden könne. Statt deſſen hatten ſie die Abſetzung
ſelbſt vollzogen. Um der Synode dieſe Eigenmächtigkeit zu verbergen,
war in ihrem Beglaubigungsſchreiben der diesbezügliche Satz verfälſcht
worden. Was die Legaten ſelbſt betrifft, ſo wird man annehmen dürfen,
ſie ſeien überzeugt geweſen, im Sinne ihres Gebieters zu handeln, in-
dem ſie ſeinen Triumph über Konſtantinopel durch eine Überſchreitung
ihrer Befugniſſe erkauften. Vollends ein Mann wie Radwald, ſelbſt
zu den Maßgebenden der päpſtlichen Regierung gehörend, mag geglaubt
haben, dieſe eigenmächtige Erweiterung ſeines Auftrags ſich erlauben
zu dürfen, ebenſogut, ja viel eher noch als einſt die Geſandten Hadrians
auf der Bilderſynode zu Nikäa*). Die letzte Folgerung hatte er übrigens
nicht gezogen, die Anerkennung des Photios nicht ausgeſprochen — das
Protokoll hätte das ſicher nicht verſchwiegen — und damit blieb der Ab-
ſchluß des Geſchäfts, an dem der Regierung am meiſten liegen mußte,
immer noch dem Papſt vorbehalten.

Den zurückkehrenden Legaten folgte auf dem Fuße ein kaiſerlicher
Geheimer Rat, der ihren mündlichen Bericht durch die Akten ergänzte.
Zugleich bemühte ſich Photios in einem ſehr langen, ſehr geſchickt ab-
gefaßten und ſehr verbindlich gehaltenen Schreiben um ſeine Anerken-
nung. Dahinter aber ſtand etwas anderes. So wie man in Konſtanti-
nopel auf die Entſcheidung des Papſtes wartete, ſo wartete Nikolaus auf
Erfüllung deſſen, was er gefordert hatte: Wiederherſtellung des römi-
ſchen Patriarchates und Rückgabe der entzogenen Güter. Wie es damit
werden ſollte, mußte zwiſchen ihm und dem Geſandten des Kaiſers
geklärt werden. Die Verhandlung zog ſich hin und war noch nicht abge-
ſchloſſen, als die ſchlechte Jahreszeit den Schiffsverkehr unterbrach und
den Griechen nötigte, in Rom zu überwintern. Der Beſcheid, den er
endlich am 18. März 862 erhielt, wird ihn nicht erfreut und manchen
überraſcht haben. Nikolaus weigerte ſich, Photios anzuerkennen. Er
ging weiter, verleugnete, was ſeine Vertreter im Widerſpruch zu ihrer
Weiſung, wie er ſagte, getan hätten, verwarf die Abſetzung des Jgna-
tios und erklärte ihn für den rechtmäßigen Patriarchen. Daß dieſer bei

*) Oben S. 6 f.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0080" n="71"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#g">Nikolaus gegen Photios und für Jgnatios</hi></fw><lb/>
Legaten hätten, wie &#x017F;päter behauptet wurde, &#x017F;ich täu&#x017F;chen und zu Schrit-<lb/>
ten zwingen la&#x017F;&#x017F;en, die &#x017F;ie nicht ver&#x017F;tanden. Aber &#x017F;ie waren allerdings<lb/>
weiter gegangen, als ihr Auftrag lautete. Sie &#x017F;ollten &#x2014; &#x017F;o hatte Niko-<lb/>
laus dem Kai&#x017F;er ge&#x017F;chrieben &#x2014; die Ab&#x017F;etzung des Jgnatios nachprüfen,<lb/>
damit der Pap&#x017F;t ent&#x017F;cheiden könne. Statt de&#x017F;&#x017F;en hatten &#x017F;ie die Ab&#x017F;etzung<lb/>
&#x017F;elb&#x017F;t vollzogen. Um der Synode die&#x017F;e Eigenmächtigkeit zu verbergen,<lb/>
war in ihrem Beglaubigungs&#x017F;chreiben der diesbezügliche Satz verfäl&#x017F;cht<lb/>
worden. Was die Legaten &#x017F;elb&#x017F;t betrifft, &#x017F;o wird man annehmen dürfen,<lb/>
&#x017F;ie &#x017F;eien überzeugt gewe&#x017F;en, im Sinne ihres Gebieters zu handeln, in-<lb/>
dem &#x017F;ie &#x017F;einen Triumph über Kon&#x017F;tantinopel durch eine Über&#x017F;chreitung<lb/>
ihrer Befugni&#x017F;&#x017F;e erkauften. Vollends ein Mann wie Radwald, &#x017F;elb&#x017F;t<lb/>
zu den Maßgebenden der päp&#x017F;tlichen Regierung gehörend, mag geglaubt<lb/>
haben, die&#x017F;e eigenmächtige Erweiterung &#x017F;eines Auftrags &#x017F;ich erlauben<lb/>
zu dürfen, eben&#x017F;ogut, ja viel eher noch als ein&#x017F;t die Ge&#x017F;andten Hadrians<lb/>
auf der Bilder&#x017F;ynode zu Nikäa<note place="foot" n="*)">Oben S. 6 f.</note>. Die letzte Folgerung hatte er übrigens<lb/>
nicht gezogen, die Anerkennung des Photios nicht ausge&#x017F;prochen &#x2014; das<lb/>
Protokoll hätte das &#x017F;icher nicht ver&#x017F;chwiegen &#x2014; und damit blieb der Ab-<lb/>
&#x017F;chluß des Ge&#x017F;chäfts, an dem der Regierung am mei&#x017F;ten liegen mußte,<lb/>
immer noch dem Pap&#x017F;t vorbehalten.</p><lb/>
          <p>Den zurückkehrenden Legaten folgte auf dem Fuße ein kai&#x017F;erlicher<lb/>
Geheimer Rat, der ihren mündlichen Bericht durch die Akten ergänzte.<lb/>
Zugleich bemühte &#x017F;ich Photios in einem &#x017F;ehr langen, &#x017F;ehr ge&#x017F;chickt ab-<lb/>
gefaßten und &#x017F;ehr verbindlich gehaltenen Schreiben um &#x017F;eine Anerken-<lb/>
nung. Dahinter aber &#x017F;tand etwas anderes. So wie man in Kon&#x017F;tanti-<lb/>
nopel auf die Ent&#x017F;cheidung des Pap&#x017F;tes wartete, &#x017F;o wartete Nikolaus auf<lb/>
Erfüllung de&#x017F;&#x017F;en, was er gefordert hatte: Wiederher&#x017F;tellung des römi-<lb/>
&#x017F;chen Patriarchates und Rückgabe der entzogenen Güter. Wie es damit<lb/>
werden &#x017F;ollte, mußte zwi&#x017F;chen ihm und dem Ge&#x017F;andten des Kai&#x017F;ers<lb/>
geklärt werden. Die Verhandlung zog &#x017F;ich hin und war noch nicht abge-<lb/>
&#x017F;chlo&#x017F;&#x017F;en, als die &#x017F;chlechte Jahreszeit den Schiffsverkehr unterbrach und<lb/>
den Griechen nötigte, in Rom zu überwintern. Der Be&#x017F;cheid, den er<lb/>
endlich am 18. März 862 erhielt, wird ihn nicht erfreut und manchen<lb/>
überra&#x017F;cht haben. Nikolaus weigerte &#x017F;ich, Photios anzuerkennen. Er<lb/>
ging weiter, verleugnete, was &#x017F;eine Vertreter im Wider&#x017F;pruch zu ihrer<lb/>
Wei&#x017F;ung, wie er &#x017F;agte, getan hätten, verwarf die Ab&#x017F;etzung des Jgna-<lb/>
tios und erklärte ihn für den rechtmäßigen Patriarchen. Daß die&#x017F;er bei<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[71/0080] Nikolaus gegen Photios und für Jgnatios Legaten hätten, wie ſpäter behauptet wurde, ſich täuſchen und zu Schrit- ten zwingen laſſen, die ſie nicht verſtanden. Aber ſie waren allerdings weiter gegangen, als ihr Auftrag lautete. Sie ſollten — ſo hatte Niko- laus dem Kaiſer geſchrieben — die Abſetzung des Jgnatios nachprüfen, damit der Papſt entſcheiden könne. Statt deſſen hatten ſie die Abſetzung ſelbſt vollzogen. Um der Synode dieſe Eigenmächtigkeit zu verbergen, war in ihrem Beglaubigungsſchreiben der diesbezügliche Satz verfälſcht worden. Was die Legaten ſelbſt betrifft, ſo wird man annehmen dürfen, ſie ſeien überzeugt geweſen, im Sinne ihres Gebieters zu handeln, in- dem ſie ſeinen Triumph über Konſtantinopel durch eine Überſchreitung ihrer Befugniſſe erkauften. Vollends ein Mann wie Radwald, ſelbſt zu den Maßgebenden der päpſtlichen Regierung gehörend, mag geglaubt haben, dieſe eigenmächtige Erweiterung ſeines Auftrags ſich erlauben zu dürfen, ebenſogut, ja viel eher noch als einſt die Geſandten Hadrians auf der Bilderſynode zu Nikäa *). Die letzte Folgerung hatte er übrigens nicht gezogen, die Anerkennung des Photios nicht ausgeſprochen — das Protokoll hätte das ſicher nicht verſchwiegen — und damit blieb der Ab- ſchluß des Geſchäfts, an dem der Regierung am meiſten liegen mußte, immer noch dem Papſt vorbehalten. Den zurückkehrenden Legaten folgte auf dem Fuße ein kaiſerlicher Geheimer Rat, der ihren mündlichen Bericht durch die Akten ergänzte. Zugleich bemühte ſich Photios in einem ſehr langen, ſehr geſchickt ab- gefaßten und ſehr verbindlich gehaltenen Schreiben um ſeine Anerken- nung. Dahinter aber ſtand etwas anderes. So wie man in Konſtanti- nopel auf die Entſcheidung des Papſtes wartete, ſo wartete Nikolaus auf Erfüllung deſſen, was er gefordert hatte: Wiederherſtellung des römi- ſchen Patriarchates und Rückgabe der entzogenen Güter. Wie es damit werden ſollte, mußte zwiſchen ihm und dem Geſandten des Kaiſers geklärt werden. Die Verhandlung zog ſich hin und war noch nicht abge- ſchloſſen, als die ſchlechte Jahreszeit den Schiffsverkehr unterbrach und den Griechen nötigte, in Rom zu überwintern. Der Beſcheid, den er endlich am 18. März 862 erhielt, wird ihn nicht erfreut und manchen überraſcht haben. Nikolaus weigerte ſich, Photios anzuerkennen. Er ging weiter, verleugnete, was ſeine Vertreter im Widerſpruch zu ihrer Weiſung, wie er ſagte, getan hätten, verwarf die Abſetzung des Jgna- tios und erklärte ihn für den rechtmäßigen Patriarchen. Daß dieſer bei *) Oben S. 6 f.

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/80
Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 71. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/80>, abgerufen am 06.12.2019.