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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Jgnatios durch römische Legaten abgesetzt
rechtskräftig würde, wenn es von Rom geprüft und bestätigt wäre.
Man tat ihnen den Willen, erkannte die päpstlichen Legaten ausdrück-
lich als Richter im Namen Sankt Peters an und gestattete ihnen sogar,
nach römischem Recht zu verfahren. Jgnatios wurde vorgeführt und
trat sehr selbstbewußt, ja trotzig auf. Gegenüber den Römern, die sich
auf Sankt Peter beriefen, spielte er die Apostel Johannes und Andreas
den Erstberufenen aus, deren Nachfolger er sei. Um scharfe Erwide-
rungen war er nicht verlegen, warf den Legaten vor, sie hätten ihn schon
im voraus verurteilt, weigerte sich, sie als Richter anzuerkennen, und
erschien in der Schlußsitzung erst auf die dritte Ladung und gezwungen.
Das Protokoll, nur unvollständig erhalten, läßt den Gang der Verhand-
lung nicht genau verfolgen, doch erkennt man, daß dem Angeklagten
zwei Vergehen vorgeworfen wurden: einmal widerrechtliche Absetzung
Gregors von Syrakus und seiner Genossen, sodann seine eigene unregel-
mäßige Erhebung unter dem Zwang der Staatsgewalt. Das zweite
wurde durch eidliches Zeugnis von zweiundsiebzig Patriziern und Sena-
toren erwiesen. So hatten es die römischen Legaten verlangt mit Be-
rufung auf die unechten Akten des Papstes Silvester*), in denen diese
Zeugenzahl für die Verurteilung gefordert war. Man hatte ihnen auch
hierin nachgegeben, obwohl das Recht der Kirche des Ostens diese Be-
stimmung nicht kannte. Der Kaiser hatte sogar befohlen, daß die Pa-
tritier, die sonst nicht zu schwören pflegten, "zu Ehren des Papstes
Nikolaus" den Eid leisteten. Darauf sprachen die Legaten das Urteil,
Jgnatios verdiene abgesetzt zu werden, und in ihrem Auftrag wurde er
seiner Abzeichen entkleidet und ausgestoßen. Mit den üblichen Heilrufen
für Nikolaus, Photios und die Legaten ging die Synode auseinander.

Wie am Schluß, so hatten von Anfang an die Römer die Verhand-
lung geführt, nur zuweilen durch Bemerkungen des Kaisers, eines
Bischofs oder eines weltlichen Würdenträgers unterbrochen. Es war
eine kaiserliche Reichssynode gewesen, abgehalten in der griechischen
Hauptstadt von Vertretern des römischen Papstes, die das Urteil einer
vorausgegangenen griechischen Synode nachprüften und einen griechi-
schen Patriarchen im Namen des Papstes absetzten. Noch nie hatte man
in Konstantinopel den römischen Ansprüchen, auch in den Formen, so
weit nachgegeben, ein Zeichen, wieviel der Regierung daran lag, Rom
auf ihrer Seite zu haben. Es kann also nicht davon die Rede sein, die

*) Siehe oben S. 40 und Bd. 1, S. 223.

Jgnatios durch römiſche Legaten abgeſetzt
rechtskräftig würde, wenn es von Rom geprüft und beſtätigt wäre.
Man tat ihnen den Willen, erkannte die päpſtlichen Legaten ausdrück-
lich als Richter im Namen Sankt Peters an und geſtattete ihnen ſogar,
nach römiſchem Recht zu verfahren. Jgnatios wurde vorgeführt und
trat ſehr ſelbſtbewußt, ja trotzig auf. Gegenüber den Römern, die ſich
auf Sankt Peter beriefen, ſpielte er die Apoſtel Johannes und Andreas
den Erſtberufenen aus, deren Nachfolger er ſei. Um ſcharfe Erwide-
rungen war er nicht verlegen, warf den Legaten vor, ſie hätten ihn ſchon
im voraus verurteilt, weigerte ſich, ſie als Richter anzuerkennen, und
erſchien in der Schlußſitzung erſt auf die dritte Ladung und gezwungen.
Das Protokoll, nur unvollſtändig erhalten, läßt den Gang der Verhand-
lung nicht genau verfolgen, doch erkennt man, daß dem Angeklagten
zwei Vergehen vorgeworfen wurden: einmal widerrechtliche Abſetzung
Gregors von Syrakus und ſeiner Genoſſen, ſodann ſeine eigene unregel-
mäßige Erhebung unter dem Zwang der Staatsgewalt. Das zweite
wurde durch eidliches Zeugnis von zweiundſiebzig Patriziern und Sena-
toren erwieſen. So hatten es die römiſchen Legaten verlangt mit Be-
rufung auf die unechten Akten des Papſtes Silveſter*), in denen dieſe
Zeugenzahl für die Verurteilung gefordert war. Man hatte ihnen auch
hierin nachgegeben, obwohl das Recht der Kirche des Oſtens dieſe Be-
ſtimmung nicht kannte. Der Kaiſer hatte ſogar befohlen, daß die Pa-
tritier, die ſonſt nicht zu ſchwören pflegten, „zu Ehren des Papſtes
Nikolaus“ den Eid leiſteten. Darauf ſprachen die Legaten das Urteil,
Jgnatios verdiene abgeſetzt zu werden, und in ihrem Auftrag wurde er
ſeiner Abzeichen entkleidet und ausgeſtoßen. Mit den üblichen Heilrufen
für Nikolaus, Photios und die Legaten ging die Synode auseinander.

Wie am Schluß, ſo hatten von Anfang an die Römer die Verhand-
lung geführt, nur zuweilen durch Bemerkungen des Kaiſers, eines
Biſchofs oder eines weltlichen Würdenträgers unterbrochen. Es war
eine kaiſerliche Reichsſynode geweſen, abgehalten in der griechiſchen
Hauptſtadt von Vertretern des römiſchen Papſtes, die das Urteil einer
vorausgegangenen griechiſchen Synode nachprüften und einen griechi-
ſchen Patriarchen im Namen des Papſtes abſetzten. Noch nie hatte man
in Konſtantinopel den römiſchen Anſprüchen, auch in den Formen, ſo
weit nachgegeben, ein Zeichen, wieviel der Regierung daran lag, Rom
auf ihrer Seite zu haben. Es kann alſo nicht davon die Rede ſein, die

*) Siehe oben S. 40 und Bd. 1, S. 223.
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[70/0079] Jgnatios durch römiſche Legaten abgeſetzt rechtskräftig würde, wenn es von Rom geprüft und beſtätigt wäre. Man tat ihnen den Willen, erkannte die päpſtlichen Legaten ausdrück- lich als Richter im Namen Sankt Peters an und geſtattete ihnen ſogar, nach römiſchem Recht zu verfahren. Jgnatios wurde vorgeführt und trat ſehr ſelbſtbewußt, ja trotzig auf. Gegenüber den Römern, die ſich auf Sankt Peter beriefen, ſpielte er die Apoſtel Johannes und Andreas den Erſtberufenen aus, deren Nachfolger er ſei. Um ſcharfe Erwide- rungen war er nicht verlegen, warf den Legaten vor, ſie hätten ihn ſchon im voraus verurteilt, weigerte ſich, ſie als Richter anzuerkennen, und erſchien in der Schlußſitzung erſt auf die dritte Ladung und gezwungen. Das Protokoll, nur unvollſtändig erhalten, läßt den Gang der Verhand- lung nicht genau verfolgen, doch erkennt man, daß dem Angeklagten zwei Vergehen vorgeworfen wurden: einmal widerrechtliche Abſetzung Gregors von Syrakus und ſeiner Genoſſen, ſodann ſeine eigene unregel- mäßige Erhebung unter dem Zwang der Staatsgewalt. Das zweite wurde durch eidliches Zeugnis von zweiundſiebzig Patriziern und Sena- toren erwieſen. So hatten es die römiſchen Legaten verlangt mit Be- rufung auf die unechten Akten des Papſtes Silveſter *), in denen dieſe Zeugenzahl für die Verurteilung gefordert war. Man hatte ihnen auch hierin nachgegeben, obwohl das Recht der Kirche des Oſtens dieſe Be- ſtimmung nicht kannte. Der Kaiſer hatte ſogar befohlen, daß die Pa- tritier, die ſonſt nicht zu ſchwören pflegten, „zu Ehren des Papſtes Nikolaus“ den Eid leiſteten. Darauf ſprachen die Legaten das Urteil, Jgnatios verdiene abgeſetzt zu werden, und in ihrem Auftrag wurde er ſeiner Abzeichen entkleidet und ausgeſtoßen. Mit den üblichen Heilrufen für Nikolaus, Photios und die Legaten ging die Synode auseinander. Wie am Schluß, ſo hatten von Anfang an die Römer die Verhand- lung geführt, nur zuweilen durch Bemerkungen des Kaiſers, eines Biſchofs oder eines weltlichen Würdenträgers unterbrochen. Es war eine kaiſerliche Reichsſynode geweſen, abgehalten in der griechiſchen Hauptſtadt von Vertretern des römiſchen Papſtes, die das Urteil einer vorausgegangenen griechiſchen Synode nachprüften und einen griechi- ſchen Patriarchen im Namen des Papſtes abſetzten. Noch nie hatte man in Konſtantinopel den römiſchen Anſprüchen, auch in den Formen, ſo weit nachgegeben, ein Zeichen, wieviel der Regierung daran lag, Rom auf ihrer Seite zu haben. Es kann alſo nicht davon die Rede ſein, die *) Siehe oben S. 40 und Bd. 1, S. 223.

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 70. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/79>, abgerufen am 09.12.2019.