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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Jgnatios und Photios
auch seinerseits den Papst zu gewinnen. Jndem er um Bestätigung
seines Urteils bat, bot er -- ein noch nicht dagewesener Fall -- dem
Römer das Pallium an. Leo IV. antwortete auf beides ablehnend: der
Bischof von Rom als Haupt aller Kirchen könne das Pallium wohl
jedem verleihen, aber es von keinem andern annehmen. Die Absetzung
von Bischöfen ohne Mitwirkung Roms sei ungültig und ein Verstoß
gegen ältesten Brauch. Denn seit die Kirche bestehe, hätten die Pa-
triarchen alle auftauchenden Streitfälle nach Rom gemeldet und nur
mit Rat und Einverständnis der Päpste gehandelt. Gestützt auf diese
kühne Behauptung, für die der geschichtliche Nachweis schwer zu führen
war, erhob Leo die Forderung, beide Parteien sollten in Rom erscheinen,
um ihr Urteil in Empfang zu nehmen. Benedikt III. ging noch weiter,
er setzte Jgnatios eine Frist, bis zu der er seine Vertreter nach Rom zu
schicken hätte. Der Antwort sah sich Jgnatios überhoben, denn kaum daß
er das römische Schreiben erhalten hatte, wurde er gestürzt. Bardas,
der Bruder und Mitregent der Kaiserin Theodora, hatte die Schwester
verdrängt, als Cäsar führte er höchst selbständig die Regierung im
Namen des Jünglings Michael III., dessen geschichtlicher Beiname
"der Trinker" über seinen Wert als Herrscher genug aussagt. Als
Gönner und Förderer wissenschaftlicher Bildung, der er war -- die
Hochschule in der Hauptstadt, in deren Hörsälen man ihn öfters sah, war
seine Schöpfung -- war Bardas kein Freund der Mönche, die ihm
dafür mit ihrem Haß zahlten. Jgnatios soll überdies durch verweigerte
Unterstützung und Anwendung kirchlicher Strafe seinen Zorn gereizt
haben. Bald zwang ihn der nun allmächtige Cäsar, vom Patriarchen-
stuhl zu weichen, und erhob auf seinen Platz Photios, den berühmtesten
der damals lebenden Gelehrten, den vielseitigsten und verdientesten unter
allen, die das Griechentum des frühen Mittelalters hervorgebracht hat.
Das geschah im gleichen Jahr 858, in dem Nikolaus Papst wurde.

Photios war noch Laie. Aus vornehmster Familie, dem Kaiserhaus
verwandt, hatte er bisher als Staatssekretär mit dem Rang eines Garde-
generals am Hofe gedient. Die Wahl eines Laien zum Bischof, obwohl
mehrfach vorgekommen, war strenggenommen unzulässig. Auch sonst
bot seine Erhebung Blößen. Die Weihe hatte er von dem abgesetzten
Gregor von Syrakus empfangen. Erst nachträglich besann man sich auf
die Formen, ließ eine Synode zusammentreten und Jgnatios absetzen.
Aber so viel der Mängel waren, man hoffte den Kritikern den Mund

Jgnatios und Photios
auch ſeinerſeits den Papſt zu gewinnen. Jndem er um Beſtätigung
ſeines Urteils bat, bot er — ein noch nicht dageweſener Fall — dem
Römer das Pallium an. Leo IV. antwortete auf beides ablehnend: der
Biſchof von Rom als Haupt aller Kirchen könne das Pallium wohl
jedem verleihen, aber es von keinem andern annehmen. Die Abſetzung
von Biſchöfen ohne Mitwirkung Roms ſei ungültig und ein Verſtoß
gegen älteſten Brauch. Denn ſeit die Kirche beſtehe, hätten die Pa-
triarchen alle auftauchenden Streitfälle nach Rom gemeldet und nur
mit Rat und Einverſtändnis der Päpſte gehandelt. Geſtützt auf dieſe
kühne Behauptung, für die der geſchichtliche Nachweis ſchwer zu führen
war, erhob Leo die Forderung, beide Parteien ſollten in Rom erſcheinen,
um ihr Urteil in Empfang zu nehmen. Benedikt III. ging noch weiter,
er ſetzte Jgnatios eine Friſt, bis zu der er ſeine Vertreter nach Rom zu
ſchicken hätte. Der Antwort ſah ſich Jgnatios überhoben, denn kaum daß
er das römiſche Schreiben erhalten hatte, wurde er geſtürzt. Bardas,
der Bruder und Mitregent der Kaiſerin Theodora, hatte die Schweſter
verdrängt, als Cäſar führte er höchſt ſelbſtändig die Regierung im
Namen des Jünglings Michael III., deſſen geſchichtlicher Beiname
„der Trinker“ über ſeinen Wert als Herrſcher genug ausſagt. Als
Gönner und Förderer wiſſenſchaftlicher Bildung, der er war — die
Hochſchule in der Hauptſtadt, in deren Hörſälen man ihn öfters ſah, war
ſeine Schöpfung — war Bardas kein Freund der Mönche, die ihm
dafür mit ihrem Haß zahlten. Jgnatios ſoll überdies durch verweigerte
Unterſtützung und Anwendung kirchlicher Strafe ſeinen Zorn gereizt
haben. Bald zwang ihn der nun allmächtige Cäſar, vom Patriarchen-
ſtuhl zu weichen, und erhob auf ſeinen Platz Photios, den berühmteſten
der damals lebenden Gelehrten, den vielſeitigſten und verdienteſten unter
allen, die das Griechentum des frühen Mittelalters hervorgebracht hat.
Das geſchah im gleichen Jahr 858, in dem Nikolaus Papſt wurde.

Photios war noch Laie. Aus vornehmſter Familie, dem Kaiſerhaus
verwandt, hatte er bisher als Staatsſekretär mit dem Rang eines Garde-
generals am Hofe gedient. Die Wahl eines Laien zum Biſchof, obwohl
mehrfach vorgekommen, war ſtrenggenommen unzuläſſig. Auch ſonſt
bot ſeine Erhebung Blößen. Die Weihe hatte er von dem abgeſetzten
Gregor von Syrakus empfangen. Erſt nachträglich beſann man ſich auf
die Formen, ließ eine Synode zuſammentreten und Jgnatios abſetzen.
Aber ſo viel der Mängel waren, man hoffte den Kritikern den Mund

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[68/0077] Jgnatios und Photios auch ſeinerſeits den Papſt zu gewinnen. Jndem er um Beſtätigung ſeines Urteils bat, bot er — ein noch nicht dageweſener Fall — dem Römer das Pallium an. Leo IV. antwortete auf beides ablehnend: der Biſchof von Rom als Haupt aller Kirchen könne das Pallium wohl jedem verleihen, aber es von keinem andern annehmen. Die Abſetzung von Biſchöfen ohne Mitwirkung Roms ſei ungültig und ein Verſtoß gegen älteſten Brauch. Denn ſeit die Kirche beſtehe, hätten die Pa- triarchen alle auftauchenden Streitfälle nach Rom gemeldet und nur mit Rat und Einverſtändnis der Päpſte gehandelt. Geſtützt auf dieſe kühne Behauptung, für die der geſchichtliche Nachweis ſchwer zu führen war, erhob Leo die Forderung, beide Parteien ſollten in Rom erſcheinen, um ihr Urteil in Empfang zu nehmen. Benedikt III. ging noch weiter, er ſetzte Jgnatios eine Friſt, bis zu der er ſeine Vertreter nach Rom zu ſchicken hätte. Der Antwort ſah ſich Jgnatios überhoben, denn kaum daß er das römiſche Schreiben erhalten hatte, wurde er geſtürzt. Bardas, der Bruder und Mitregent der Kaiſerin Theodora, hatte die Schweſter verdrängt, als Cäſar führte er höchſt ſelbſtändig die Regierung im Namen des Jünglings Michael III., deſſen geſchichtlicher Beiname „der Trinker“ über ſeinen Wert als Herrſcher genug ausſagt. Als Gönner und Förderer wiſſenſchaftlicher Bildung, der er war — die Hochſchule in der Hauptſtadt, in deren Hörſälen man ihn öfters ſah, war ſeine Schöpfung — war Bardas kein Freund der Mönche, die ihm dafür mit ihrem Haß zahlten. Jgnatios ſoll überdies durch verweigerte Unterſtützung und Anwendung kirchlicher Strafe ſeinen Zorn gereizt haben. Bald zwang ihn der nun allmächtige Cäſar, vom Patriarchen- ſtuhl zu weichen, und erhob auf ſeinen Platz Photios, den berühmteſten der damals lebenden Gelehrten, den vielſeitigſten und verdienteſten unter allen, die das Griechentum des frühen Mittelalters hervorgebracht hat. Das geſchah im gleichen Jahr 858, in dem Nikolaus Papſt wurde. Photios war noch Laie. Aus vornehmſter Familie, dem Kaiſerhaus verwandt, hatte er bisher als Staatsſekretär mit dem Rang eines Garde- generals am Hofe gedient. Die Wahl eines Laien zum Biſchof, obwohl mehrfach vorgekommen, war ſtrenggenommen unzuläſſig. Auch ſonſt bot ſeine Erhebung Blößen. Die Weihe hatte er von dem abgeſetzten Gregor von Syrakus empfangen. Erſt nachträglich beſann man ſich auf die Formen, ließ eine Synode zuſammentreten und Jgnatios abſetzen. Aber ſo viel der Mängel waren, man hoffte den Kritikern den Mund

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 68. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/77>, abgerufen am 06.12.2019.