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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Anfänge des Streits mit Konstantinopel
erraten läßt, sind seine Handlungen. Dies freilich nicht sogleich. Erst
mit der Zeit hat er sich von seiner Umgebung unabhängig zu machen
und eine persönliche Regierung zu führen vermocht. Auch mag er dabei
dem starken Einfluß eines Beraters Raum gegeben haben, doch war es
einer, der mit ihm innerlich übereinstimmte. Seine Anfänge zeigen ihn
als den Vertreter der Partei, die ihn erhoben hat. Am meisten tritt dabei
der Bischof Radwald von Porto hervor, der schon in der zwiespältigen
Papstwahl 855 eine Rolle gespielt hatte. Die Art, wie er von Nikolaus
in den wichtigsten Geschäften verwendet wird, erlaubt uns, in ihm einen
der maßgebenden Männer der neuen Regierung zu sehen. Das währt
etwa fünf Jahre, dann tritt ein völliger Umschwung ein: Radwald
wird gestürzt und verschwindet von der Bühne, an seine Stelle tritt
Anastasius als Wortführer und Berater. Dieser Wechsel der Personen
gibt der gesamten Regierung des Papstes einen veränderten Charakter.
War sie bis dahin in gewohnten Bahnen verlaufen, ohne Geräusch und
Aufsehen zu erregen, so gerät sie jetzt in einen Strudel dramatischer
Verwicklungen, die sie von den vorausgegangenen aufs schärfste unter-
scheiden. Neue, hohe Ziele werden verfolgt, unerhörte Ansprüche er-
hoben, beides mit einem Maß von Selbstgefühl und einer heraus-
fordernden Kampflust, die man an den Bischöfen Roms noch nicht ge-
kannt hatte.

Einen Streit mit Konstantinopel fand Nikolaus bei seiner Thron-
besteigung vor. Er schwebte schon seit Jahren und schleppte sich zunächst
noch einige Jahre hin, bis ihm Nikolaus die Wendung gab, die ihm
seine besondere Bedeutung in der Kirchengeschichte verliehen hat.

Jn der griechischen Kirche war der Bilderstreit bereits im Jahr 843
zum zweitenmal und für immer beendet worden, wieder, wie unter
Jrene, durch eine Frau. Theodora, durch den Tod des Kaisers Theo-
philos (+ 842) Regentin für den erst dreijährigen Michael III. gewor-
den, vollzog im Lauf eines Jahres die Wendung. Der bisherige Pa-
triarch mußte weichen, und eine Synode faßte im März 843 den er-
forderlichen Beschluß, daß die Bilder, wie in Nikäa 787 verkündet war,
zu verehren seien. Der neue Patriarch Methodios, ein Sizilianer, hatte
die letzten Jahre als Flüchtling in Rom gelebt und hegte besondere
Verehrung für den heiligen Petrus, dem er, wie man erzählte, wunder-
bare Heilung von fleischlicher Brunst zu verdanken glaubte. Nikolaus I.

Anfänge des Streits mit Konſtantinopel
erraten läßt, ſind ſeine Handlungen. Dies freilich nicht ſogleich. Erſt
mit der Zeit hat er ſich von ſeiner Umgebung unabhängig zu machen
und eine perſönliche Regierung zu führen vermocht. Auch mag er dabei
dem ſtarken Einfluß eines Beraters Raum gegeben haben, doch war es
einer, der mit ihm innerlich übereinſtimmte. Seine Anfänge zeigen ihn
als den Vertreter der Partei, die ihn erhoben hat. Am meiſten tritt dabei
der Biſchof Radwald von Porto hervor, der ſchon in der zwieſpältigen
Papſtwahl 855 eine Rolle geſpielt hatte. Die Art, wie er von Nikolaus
in den wichtigſten Geſchäften verwendet wird, erlaubt uns, in ihm einen
der maßgebenden Männer der neuen Regierung zu ſehen. Das währt
etwa fünf Jahre, dann tritt ein völliger Umſchwung ein: Radwald
wird geſtürzt und verſchwindet von der Bühne, an ſeine Stelle tritt
Anaſtaſius als Wortführer und Berater. Dieſer Wechſel der Perſonen
gibt der geſamten Regierung des Papſtes einen veränderten Charakter.
War ſie bis dahin in gewohnten Bahnen verlaufen, ohne Geräuſch und
Aufſehen zu erregen, ſo gerät ſie jetzt in einen Strudel dramatiſcher
Verwicklungen, die ſie von den vorausgegangenen aufs ſchärfſte unter-
ſcheiden. Neue, hohe Ziele werden verfolgt, unerhörte Anſprüche er-
hoben, beides mit einem Maß von Selbſtgefühl und einer heraus-
fordernden Kampfluſt, die man an den Biſchöfen Roms noch nicht ge-
kannt hatte.

Einen Streit mit Konſtantinopel fand Nikolaus bei ſeiner Thron-
beſteigung vor. Er ſchwebte ſchon ſeit Jahren und ſchleppte ſich zunächſt
noch einige Jahre hin, bis ihm Nikolaus die Wendung gab, die ihm
ſeine beſondere Bedeutung in der Kirchengeſchichte verliehen hat.

Jn der griechiſchen Kirche war der Bilderſtreit bereits im Jahr 843
zum zweitenmal und für immer beendet worden, wieder, wie unter
Jrene, durch eine Frau. Theodora, durch den Tod des Kaiſers Theo-
philos († 842) Regentin für den erſt dreijährigen Michael III. gewor-
den, vollzog im Lauf eines Jahres die Wendung. Der bisherige Pa-
triarch mußte weichen, und eine Synode faßte im März 843 den er-
forderlichen Beſchluß, daß die Bilder, wie in Nikäa 787 verkündet war,
zu verehren ſeien. Der neue Patriarch Methodios, ein Sizilianer, hatte
die letzten Jahre als Flüchtling in Rom gelebt und hegte beſondere
Verehrung für den heiligen Petrus, dem er, wie man erzählte, wunder-
bare Heilung von fleiſchlicher Brunſt zu verdanken glaubte. Nikolaus I.

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[66/0075] Anfänge des Streits mit Konſtantinopel erraten läßt, ſind ſeine Handlungen. Dies freilich nicht ſogleich. Erſt mit der Zeit hat er ſich von ſeiner Umgebung unabhängig zu machen und eine perſönliche Regierung zu führen vermocht. Auch mag er dabei dem ſtarken Einfluß eines Beraters Raum gegeben haben, doch war es einer, der mit ihm innerlich übereinſtimmte. Seine Anfänge zeigen ihn als den Vertreter der Partei, die ihn erhoben hat. Am meiſten tritt dabei der Biſchof Radwald von Porto hervor, der ſchon in der zwieſpältigen Papſtwahl 855 eine Rolle geſpielt hatte. Die Art, wie er von Nikolaus in den wichtigſten Geſchäften verwendet wird, erlaubt uns, in ihm einen der maßgebenden Männer der neuen Regierung zu ſehen. Das währt etwa fünf Jahre, dann tritt ein völliger Umſchwung ein: Radwald wird geſtürzt und verſchwindet von der Bühne, an ſeine Stelle tritt Anaſtaſius als Wortführer und Berater. Dieſer Wechſel der Perſonen gibt der geſamten Regierung des Papſtes einen veränderten Charakter. War ſie bis dahin in gewohnten Bahnen verlaufen, ohne Geräuſch und Aufſehen zu erregen, ſo gerät ſie jetzt in einen Strudel dramatiſcher Verwicklungen, die ſie von den vorausgegangenen aufs ſchärfſte unter- ſcheiden. Neue, hohe Ziele werden verfolgt, unerhörte Anſprüche er- hoben, beides mit einem Maß von Selbſtgefühl und einer heraus- fordernden Kampfluſt, die man an den Biſchöfen Roms noch nicht ge- kannt hatte. Einen Streit mit Konſtantinopel fand Nikolaus bei ſeiner Thron- beſteigung vor. Er ſchwebte ſchon ſeit Jahren und ſchleppte ſich zunächſt noch einige Jahre hin, bis ihm Nikolaus die Wendung gab, die ihm ſeine beſondere Bedeutung in der Kirchengeſchichte verliehen hat. Jn der griechiſchen Kirche war der Bilderſtreit bereits im Jahr 843 zum zweitenmal und für immer beendet worden, wieder, wie unter Jrene, durch eine Frau. Theodora, durch den Tod des Kaiſers Theo- philos († 842) Regentin für den erſt dreijährigen Michael III. gewor- den, vollzog im Lauf eines Jahres die Wendung. Der bisherige Pa- triarch mußte weichen, und eine Synode faßte im März 843 den er- forderlichen Beſchluß, daß die Bilder, wie in Nikäa 787 verkündet war, zu verehren ſeien. Der neue Patriarch Methodios, ein Sizilianer, hatte die letzten Jahre als Flüchtling in Rom gelebt und hegte beſondere Verehrung für den heiligen Petrus, dem er, wie man erzählte, wunder- bare Heilung von fleiſchlicher Brunſt zu verdanken glaubte. Nikolaus I.

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 66. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/75>, abgerufen am 15.12.2019.