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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Nikolaus I.
daß er die Stadt verlassen hatte. Sogleich machte er kehrt, um die
Wahl persönlich zu leiten. Sie fiel, "mehr infolge der Anwesenheit und
Gunst des Kaisers und seines Hofes als durch die Stimmen der Geist-
lichkeit", wie die fränkischen Annalen sagen, auf den Diakon Nikolaus.
Der war der Sohn eines städtischen Bezirksvorstehers, also schwerlich
selbst Mitglied der herrschenden Aristokratie, soll aber schon unter Bene-
dikt den größten Einfluß, mehr sogar als die Verwandten des Papstes,
besessen haben. Seine Regierung durfte als Fortsetzung der vorigen und
er selbst als Geschöpf des Kaisers gelten. Jhr Verlauf freilich hat dieser
Annahme nicht entsprochen.

Man hat in Nikolaus I. meist eine stolze, selbstbewußte Persönlichkeit
gesehen, die erste große Herrscherfigur auf Petri Stuhl seit Jahrhunder-
ten und die letzte für Jahrhunderte, einen Papst, der, ganz erfüllt von der
einzigartigen Höhe seines Amtes, in der Vertretung dessen, was er sein
Recht nannte, furchtlos und rücksichtslos jeden Kampf mit anderen
Mächten aufgenommen und der Welt zum erstenmal gezeigt habe, was
ein römischer Papst sei. So sehr sticht seine Regierung ab von der seiner
Vorgänger, daß es nicht an Stimmen fehlt, die ihn geradezu den ersten
Papst nennen. Die Väter der protestantischen Kirchengeschichte im
sechzehnten Jahrhundert, die Verfasser der "Magdeburger Centurien",
haben dieses Urteil nach der Denkweise ihrer Zeit in die Formel ge-
kleidet, zu seiner Zeit habe der Antichrist die lang vorbereitete Herrschaft
über die Kirche ergriffen. Andererseits hat es in neuerer Zeit Forscher
gegeben, die Nikolaus jede persönliche Bedeutung absprechen und in ihm
nur das Werkzeug, ja die Puppe in den Händen seiner Umgebung, vor
allem des Anastasius, sehen wollten. Die Entscheidung ist nicht leicht.
Zwar der Eindruck, den seine Regierung schon auf die Zeitgenossen ge-
macht hat, ist auch beim späteren Betrachter stark. Fragt man aber
nach dem persönlichen Anteil des Papstes an dem, was unter ihm und
in seinem Namen geschah, so bleibt man auf Vermutungen angewiesen.

Eine Null ist Nikolaus I. keinesfalls gewesen. Dagegen sprechen
nicht so sehr die über das übliche Maß hinausgehenden Verherr-
lichungen, die ihm gleich nach seinem Tod und noch mehr im nächsten
Menschenalter gespendet worden sind. Sie würden allein nicht viel be-
weisen; literarischer Weihrauch für die Regierenden war und ist zu
allen Zeiten billig. Was in Nikolaus die ungewöhnliche Persönlichkeit

Haller, Das Papsttum II1 5

Nikolaus I.
daß er die Stadt verlaſſen hatte. Sogleich machte er kehrt, um die
Wahl perſönlich zu leiten. Sie fiel, „mehr infolge der Anweſenheit und
Gunſt des Kaiſers und ſeines Hofes als durch die Stimmen der Geiſt-
lichkeit“, wie die fränkiſchen Annalen ſagen, auf den Diakon Nikolaus.
Der war der Sohn eines ſtädtiſchen Bezirksvorſtehers, alſo ſchwerlich
ſelbſt Mitglied der herrſchenden Ariſtokratie, ſoll aber ſchon unter Bene-
dikt den größten Einfluß, mehr ſogar als die Verwandten des Papſtes,
beſeſſen haben. Seine Regierung durfte als Fortſetzung der vorigen und
er ſelbſt als Geſchöpf des Kaiſers gelten. Jhr Verlauf freilich hat dieſer
Annahme nicht entſprochen.

Man hat in Nikolaus I. meiſt eine ſtolze, ſelbſtbewußte Perſönlichkeit
geſehen, die erſte große Herrſcherfigur auf Petri Stuhl ſeit Jahrhunder-
ten und die letzte für Jahrhunderte, einen Papſt, der, ganz erfüllt von der
einzigartigen Höhe ſeines Amtes, in der Vertretung deſſen, was er ſein
Recht nannte, furchtlos und rückſichtslos jeden Kampf mit anderen
Mächten aufgenommen und der Welt zum erſtenmal gezeigt habe, was
ein römiſcher Papſt ſei. So ſehr ſticht ſeine Regierung ab von der ſeiner
Vorgänger, daß es nicht an Stimmen fehlt, die ihn geradezu den erſten
Papſt nennen. Die Väter der proteſtantiſchen Kirchengeſchichte im
ſechzehnten Jahrhundert, die Verfaſſer der „Magdeburger Centurien“,
haben dieſes Urteil nach der Denkweiſe ihrer Zeit in die Formel ge-
kleidet, zu ſeiner Zeit habe der Antichriſt die lang vorbereitete Herrſchaft
über die Kirche ergriffen. Andererſeits hat es in neuerer Zeit Forſcher
gegeben, die Nikolaus jede perſönliche Bedeutung abſprechen und in ihm
nur das Werkzeug, ja die Puppe in den Händen ſeiner Umgebung, vor
allem des Anaſtaſius, ſehen wollten. Die Entſcheidung iſt nicht leicht.
Zwar der Eindruck, den ſeine Regierung ſchon auf die Zeitgenoſſen ge-
macht hat, iſt auch beim ſpäteren Betrachter ſtark. Fragt man aber
nach dem perſönlichen Anteil des Papſtes an dem, was unter ihm und
in ſeinem Namen geſchah, ſo bleibt man auf Vermutungen angewieſen.

Eine Null iſt Nikolaus I. keinesfalls geweſen. Dagegen ſprechen
nicht ſo ſehr die über das übliche Maß hinausgehenden Verherr-
lichungen, die ihm gleich nach ſeinem Tod und noch mehr im nächſten
Menſchenalter geſpendet worden ſind. Sie würden allein nicht viel be-
weiſen; literariſcher Weihrauch für die Regierenden war und iſt zu
allen Zeiten billig. Was in Nikolaus die ungewöhnliche Perſönlichkeit

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[65/0074] Nikolaus I. daß er die Stadt verlaſſen hatte. Sogleich machte er kehrt, um die Wahl perſönlich zu leiten. Sie fiel, „mehr infolge der Anweſenheit und Gunſt des Kaiſers und ſeines Hofes als durch die Stimmen der Geiſt- lichkeit“, wie die fränkiſchen Annalen ſagen, auf den Diakon Nikolaus. Der war der Sohn eines ſtädtiſchen Bezirksvorſtehers, alſo ſchwerlich ſelbſt Mitglied der herrſchenden Ariſtokratie, ſoll aber ſchon unter Bene- dikt den größten Einfluß, mehr ſogar als die Verwandten des Papſtes, beſeſſen haben. Seine Regierung durfte als Fortſetzung der vorigen und er ſelbſt als Geſchöpf des Kaiſers gelten. Jhr Verlauf freilich hat dieſer Annahme nicht entſprochen. Man hat in Nikolaus I. meiſt eine ſtolze, ſelbſtbewußte Perſönlichkeit geſehen, die erſte große Herrſcherfigur auf Petri Stuhl ſeit Jahrhunder- ten und die letzte für Jahrhunderte, einen Papſt, der, ganz erfüllt von der einzigartigen Höhe ſeines Amtes, in der Vertretung deſſen, was er ſein Recht nannte, furchtlos und rückſichtslos jeden Kampf mit anderen Mächten aufgenommen und der Welt zum erſtenmal gezeigt habe, was ein römiſcher Papſt ſei. So ſehr ſticht ſeine Regierung ab von der ſeiner Vorgänger, daß es nicht an Stimmen fehlt, die ihn geradezu den erſten Papſt nennen. Die Väter der proteſtantiſchen Kirchengeſchichte im ſechzehnten Jahrhundert, die Verfaſſer der „Magdeburger Centurien“, haben dieſes Urteil nach der Denkweiſe ihrer Zeit in die Formel ge- kleidet, zu ſeiner Zeit habe der Antichriſt die lang vorbereitete Herrſchaft über die Kirche ergriffen. Andererſeits hat es in neuerer Zeit Forſcher gegeben, die Nikolaus jede perſönliche Bedeutung abſprechen und in ihm nur das Werkzeug, ja die Puppe in den Händen ſeiner Umgebung, vor allem des Anaſtaſius, ſehen wollten. Die Entſcheidung iſt nicht leicht. Zwar der Eindruck, den ſeine Regierung ſchon auf die Zeitgenoſſen ge- macht hat, iſt auch beim ſpäteren Betrachter ſtark. Fragt man aber nach dem perſönlichen Anteil des Papſtes an dem, was unter ihm und in ſeinem Namen geſchah, ſo bleibt man auf Vermutungen angewieſen. Eine Null iſt Nikolaus I. keinesfalls geweſen. Dagegen ſprechen nicht ſo ſehr die über das übliche Maß hinausgehenden Verherr- lichungen, die ihm gleich nach ſeinem Tod und noch mehr im nächſten Menſchenalter geſpendet worden ſind. Sie würden allein nicht viel be- weiſen; literariſcher Weihrauch für die Regierenden war und iſt zu allen Zeiten billig. Was in Nikolaus die ungewöhnliche Perſönlichkeit Haller, Das Papſttum II1 5

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 65. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/74>, abgerufen am 14.12.2019.