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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Anastasius
fränkischen Bericht glauben dürfen -- um ein Haar zur Einnahme der
arabischen Hauptstadt Bari geführt hätte, aber wieder ohne dauernden
Erfolg blieb, kam ihm Leo mit geistlichen Waffen zu Hilfe. Er erließ
einen Aufruf "an das fränkische Heer" zum Kampf gegen die Feinde des
Glaubens und verhieß jedem, der dabei den Tod finden würde, Aufnahme
ins Himmelreich. "Denn der Allmächtige weiß, wenn einer von euch
umkommen sollte, daß er für die Wahrheit des Glaubens, die Erlösung
seiner Seele und für die Verteidigung des christlichen Landes gefallen
ist. Darum wird er den erwähnten Lohn erhalten."

Unter den Geschlechtern der römischen Aristokratie, die an der Regie-
rung von Kirche und Kirchenstaat teilhatten, war eines, das man nach
dem Namen seiner Angehörigen für ursprünglich griechisch halten
möchte, das sich aber durchaus als römisch fühlte. Das Familienhaupt
war Arsenius, Bischof in dem Städtchen Orte, wo der Kirchenstaat
an das Herzogtum Toskana grenzte. Sein Sohn Eleutherius -- die
Bischöfe dieser Zeit waren öfters verheiratet und durften es sein, wenn
sie nach Empfang der höheren Weihen die Ehe nicht fortsetzten -- ist
erst später in unrühmlichster Weise hervorgetreten. Um so mehr be-
deutete von jeher der Neffe Anastasius. Jn der römischen Gesellschaft
war die seit langem verlorengegangene wissenschaftliche Bildung wieder
zu Ehren gekommen, seit im Jahr 826 eine Synode in Nachahmung
des Beispiels, das Karl der Große in seinem Reich gegeben, neben an-
deren Vorschriften über kirchliche Zucht und Ordnung die Forderung
aufgestellt hatte, daß die Bischöfe selbst unterrichtet sein und für die
Bildung ihrer Geistlichen mit Strenge sorgen sollten. An allen Kirchen
sollten dementsprechend Lehrer für weltlichen und kirchlichen Unterricht
angestellt werden. Die Wirkung dieser Maßregel ist nicht ausgeblieben.
Um die Mitte des Jahrhunderts ist die sprachliche Roheit aus den Brie-
fen der Päpste und ihrer amtlichen Geschichtschreibung verschwunden,
wo sie seit dem Ende des siebenten Jahrhunderts geherrscht hatte. Damit
zugleich waren auch Selbstbewußtsein und Stolz auf die eigene Ver-
gangenheit erwacht, man lebte wieder in Erinnerungen an die Vorzeit
und fühlte sich als Erben einstiger Größe. Der glänzendste Vertreter
dieser neuen Strömung war Anastasius. Die Geschichte der Kirche
kannte er wie kein zweiter, wobei ihm die Beherrschung der griechischen
Sprache zustatten kam. Sie zu erlernen, war im Rom des neunten Jahr-

Anaſtaſius
fränkiſchen Bericht glauben dürfen — um ein Haar zur Einnahme der
arabiſchen Hauptſtadt Bari geführt hätte, aber wieder ohne dauernden
Erfolg blieb, kam ihm Leo mit geiſtlichen Waffen zu Hilfe. Er erließ
einen Aufruf „an das fränkiſche Heer“ zum Kampf gegen die Feinde des
Glaubens und verhieß jedem, der dabei den Tod finden würde, Aufnahme
ins Himmelreich. „Denn der Allmächtige weiß, wenn einer von euch
umkommen ſollte, daß er für die Wahrheit des Glaubens, die Erlöſung
ſeiner Seele und für die Verteidigung des chriſtlichen Landes gefallen
iſt. Darum wird er den erwähnten Lohn erhalten.“

Unter den Geſchlechtern der römiſchen Ariſtokratie, die an der Regie-
rung von Kirche und Kirchenſtaat teilhatten, war eines, das man nach
dem Namen ſeiner Angehörigen für urſprünglich griechiſch halten
möchte, das ſich aber durchaus als römiſch fühlte. Das Familienhaupt
war Arſenius, Biſchof in dem Städtchen Orte, wo der Kirchenſtaat
an das Herzogtum Toskana grenzte. Sein Sohn Eleutherius — die
Biſchöfe dieſer Zeit waren öfters verheiratet und durften es ſein, wenn
ſie nach Empfang der höheren Weihen die Ehe nicht fortſetzten — iſt
erſt ſpäter in unrühmlichſter Weiſe hervorgetreten. Um ſo mehr be-
deutete von jeher der Neffe Anaſtaſius. Jn der römiſchen Geſellſchaft
war die ſeit langem verlorengegangene wiſſenſchaftliche Bildung wieder
zu Ehren gekommen, ſeit im Jahr 826 eine Synode in Nachahmung
des Beiſpiels, das Karl der Große in ſeinem Reich gegeben, neben an-
deren Vorſchriften über kirchliche Zucht und Ordnung die Forderung
aufgeſtellt hatte, daß die Biſchöfe ſelbſt unterrichtet ſein und für die
Bildung ihrer Geiſtlichen mit Strenge ſorgen ſollten. An allen Kirchen
ſollten dementſprechend Lehrer für weltlichen und kirchlichen Unterricht
angeſtellt werden. Die Wirkung dieſer Maßregel iſt nicht ausgeblieben.
Um die Mitte des Jahrhunderts iſt die ſprachliche Roheit aus den Brie-
fen der Päpſte und ihrer amtlichen Geſchichtſchreibung verſchwunden,
wo ſie ſeit dem Ende des ſiebenten Jahrhunderts geherrſcht hatte. Damit
zugleich waren auch Selbſtbewußtſein und Stolz auf die eigene Ver-
gangenheit erwacht, man lebte wieder in Erinnerungen an die Vorzeit
und fühlte ſich als Erben einſtiger Größe. Der glänzendſte Vertreter
dieſer neuen Strömung war Anaſtaſius. Die Geſchichte der Kirche
kannte er wie kein zweiter, wobei ihm die Beherrſchung der griechiſchen
Sprache zuſtatten kam. Sie zu erlernen, war im Rom des neunten Jahr-

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[62/0071] Anaſtaſius fränkiſchen Bericht glauben dürfen — um ein Haar zur Einnahme der arabiſchen Hauptſtadt Bari geführt hätte, aber wieder ohne dauernden Erfolg blieb, kam ihm Leo mit geiſtlichen Waffen zu Hilfe. Er erließ einen Aufruf „an das fränkiſche Heer“ zum Kampf gegen die Feinde des Glaubens und verhieß jedem, der dabei den Tod finden würde, Aufnahme ins Himmelreich. „Denn der Allmächtige weiß, wenn einer von euch umkommen ſollte, daß er für die Wahrheit des Glaubens, die Erlöſung ſeiner Seele und für die Verteidigung des chriſtlichen Landes gefallen iſt. Darum wird er den erwähnten Lohn erhalten.“ Unter den Geſchlechtern der römiſchen Ariſtokratie, die an der Regie- rung von Kirche und Kirchenſtaat teilhatten, war eines, das man nach dem Namen ſeiner Angehörigen für urſprünglich griechiſch halten möchte, das ſich aber durchaus als römiſch fühlte. Das Familienhaupt war Arſenius, Biſchof in dem Städtchen Orte, wo der Kirchenſtaat an das Herzogtum Toskana grenzte. Sein Sohn Eleutherius — die Biſchöfe dieſer Zeit waren öfters verheiratet und durften es ſein, wenn ſie nach Empfang der höheren Weihen die Ehe nicht fortſetzten — iſt erſt ſpäter in unrühmlichſter Weiſe hervorgetreten. Um ſo mehr be- deutete von jeher der Neffe Anaſtaſius. Jn der römiſchen Geſellſchaft war die ſeit langem verlorengegangene wiſſenſchaftliche Bildung wieder zu Ehren gekommen, ſeit im Jahr 826 eine Synode in Nachahmung des Beiſpiels, das Karl der Große in ſeinem Reich gegeben, neben an- deren Vorſchriften über kirchliche Zucht und Ordnung die Forderung aufgeſtellt hatte, daß die Biſchöfe ſelbſt unterrichtet ſein und für die Bildung ihrer Geiſtlichen mit Strenge ſorgen ſollten. An allen Kirchen ſollten dementſprechend Lehrer für weltlichen und kirchlichen Unterricht angeſtellt werden. Die Wirkung dieſer Maßregel iſt nicht ausgeblieben. Um die Mitte des Jahrhunderts iſt die ſprachliche Roheit aus den Brie- fen der Päpſte und ihrer amtlichen Geſchichtſchreibung verſchwunden, wo ſie ſeit dem Ende des ſiebenten Jahrhunderts geherrſcht hatte. Damit zugleich waren auch Selbſtbewußtſein und Stolz auf die eigene Ver- gangenheit erwacht, man lebte wieder in Erinnerungen an die Vorzeit und fühlte ſich als Erben einſtiger Größe. Der glänzendſte Vertreter dieſer neuen Strömung war Anaſtaſius. Die Geſchichte der Kirche kannte er wie kein zweiter, wobei ihm die Beherrſchung der griechiſchen Sprache zuſtatten kam. Sie zu erlernen, war im Rom des neunten Jahr-

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 62. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/71>, abgerufen am 14.12.2019.