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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Papst und Kaiser nach 850
erlauben kaum, den wahren Sachverhalt zu erraten. Zwei kaiserliche
Sendboten hatte Leo sich dringend verbeten, weil er bei ihnen seines
Lebens nicht sicher sei. Sie waren der Ermordung eines päpstlichen
Gesandten beschuldigt, auch zum Tode verurteilt worden, aber unbestraft
geblieben. Bitter beschwerte sich der Papst, daß dabei das römische Recht
verletzt worden sei. Dann scheint ihm einer seiner vornehmsten Beamten,
der Oberhofmeister, Rat und Milizführer Gratian, zu mächtig geworden
zu sein. Um ihn loszuwerden, verklagte er ihn auf Anzeige eines anderen
Milizführers bei Ludwig, er sei Gegner des fränkischen Kaisertums und
wolle es mit Hilfe der Griechen stürzen. Ludwig eilte unangemeldet her-
bei und hielt persönlich Gericht. Die Anklage erwies sich als falsch, der
Anzeiger gestand ihre Unwahrheit und wurde -- wiederum nach fränki-
schem Recht -- dem Beschuldigten ausgeliefert, der ihm auf Verwen-
dung des Kaisers das Leben schenken mußte. Welche Rolle der eigent-
liche Verurteilte, der Papst mit seiner falschen Anklage, gespielt hat,
verschweigt die Überlieferung. Jm Vertrauen des Kaisers ist er keines-
falls befestigt aus der Sache hervorgegangen, hat sich sogar veranlaßt
gesehen, einen Antrag auf Untersuchung gegen sich selbst zu stellen. Ob
dem stattgegeben worden, und mit welchem Erfolg, wissen wir nicht.

Dies ist die Farbe, die damals die Beziehungen zwischen Papst und
Kaiser trugen. Dennoch wußte man in Rom, daß man auf den Kaiser
angewiesen war. Da war zum Beispiel der Erzbischof von Ravenna mit
seinen alten, wiederholt gescheiterten, aber nie aufgegebenen Wünschen
nach Unabhängigkeit von der päpstlichen Oberhoheit. Mit ihm hatte
es schon unter Leo III. Streit gegeben, Klagen waren zu Kaiser Karl
gedrungen, auch Ludwig I. hatte vermitteln müssen. Schwieriger wurden
die Beziehungen wieder, als um die Mitte des Jahrhunderts ein
Johannes den Stuhl in Ravenna bestieg, dem sein Bruder Georgius als
weltliches Haupt (dux) des Gebietes zur Seite stand. Über ihn beklagte
sich Leo IV. bei Ludwig II., anscheinend mit Erfolg, da wir bald darauf
den Papst in Anwesenheit des Kaisers in Ravenna eine Synode halten
sehen. Hätte der Kaiser die Partei der Ravennaten ergriffen, die päpst-
liche Oberherrlichkeit in diesem Teil des Kirchenstaats wäre bald er-
loschen. Vor allem andern aber war es doch die arabische Gefahr, die
den Papst an die Seite des Kaisers drängte, ohne dessen tatkräftige Hilfe
Rom keinen Tag sicher war. Als Ludwig II. im Jahr 852 wieder einen
Feldzug gegen die Sarazenen unternahm, der auch -- wenn wir dem

Papſt und Kaiſer nach 850
erlauben kaum, den wahren Sachverhalt zu erraten. Zwei kaiſerliche
Sendboten hatte Leo ſich dringend verbeten, weil er bei ihnen ſeines
Lebens nicht ſicher ſei. Sie waren der Ermordung eines päpſtlichen
Geſandten beſchuldigt, auch zum Tode verurteilt worden, aber unbeſtraft
geblieben. Bitter beſchwerte ſich der Papſt, daß dabei das römiſche Recht
verletzt worden ſei. Dann ſcheint ihm einer ſeiner vornehmſten Beamten,
der Oberhofmeiſter, Rat und Milizführer Gratian, zu mächtig geworden
zu ſein. Um ihn loszuwerden, verklagte er ihn auf Anzeige eines anderen
Milizführers bei Ludwig, er ſei Gegner des fränkiſchen Kaiſertums und
wolle es mit Hilfe der Griechen ſtürzen. Ludwig eilte unangemeldet her-
bei und hielt perſönlich Gericht. Die Anklage erwies ſich als falſch, der
Anzeiger geſtand ihre Unwahrheit und wurde — wiederum nach fränki-
ſchem Recht — dem Beſchuldigten ausgeliefert, der ihm auf Verwen-
dung des Kaiſers das Leben ſchenken mußte. Welche Rolle der eigent-
liche Verurteilte, der Papſt mit ſeiner falſchen Anklage, geſpielt hat,
verſchweigt die Überlieferung. Jm Vertrauen des Kaiſers iſt er keines-
falls befeſtigt aus der Sache hervorgegangen, hat ſich ſogar veranlaßt
geſehen, einen Antrag auf Unterſuchung gegen ſich ſelbſt zu ſtellen. Ob
dem ſtattgegeben worden, und mit welchem Erfolg, wiſſen wir nicht.

Dies iſt die Farbe, die damals die Beziehungen zwiſchen Papſt und
Kaiſer trugen. Dennoch wußte man in Rom, daß man auf den Kaiſer
angewieſen war. Da war zum Beiſpiel der Erzbiſchof von Ravenna mit
ſeinen alten, wiederholt geſcheiterten, aber nie aufgegebenen Wünſchen
nach Unabhängigkeit von der päpſtlichen Oberhoheit. Mit ihm hatte
es ſchon unter Leo III. Streit gegeben, Klagen waren zu Kaiſer Karl
gedrungen, auch Ludwig I. hatte vermitteln müſſen. Schwieriger wurden
die Beziehungen wieder, als um die Mitte des Jahrhunderts ein
Johannes den Stuhl in Ravenna beſtieg, dem ſein Bruder Georgius als
weltliches Haupt (dux) des Gebietes zur Seite ſtand. Über ihn beklagte
ſich Leo IV. bei Ludwig II., anſcheinend mit Erfolg, da wir bald darauf
den Papſt in Anweſenheit des Kaiſers in Ravenna eine Synode halten
ſehen. Hätte der Kaiſer die Partei der Ravennaten ergriffen, die päpſt-
liche Oberherrlichkeit in dieſem Teil des Kirchenſtaats wäre bald er-
loſchen. Vor allem andern aber war es doch die arabiſche Gefahr, die
den Papſt an die Seite des Kaiſers drängte, ohne deſſen tatkräftige Hilfe
Rom keinen Tag ſicher war. Als Ludwig II. im Jahr 852 wieder einen
Feldzug gegen die Sarazenen unternahm, der auch — wenn wir dem

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[61/0070] Papſt und Kaiſer nach 850 erlauben kaum, den wahren Sachverhalt zu erraten. Zwei kaiſerliche Sendboten hatte Leo ſich dringend verbeten, weil er bei ihnen ſeines Lebens nicht ſicher ſei. Sie waren der Ermordung eines päpſtlichen Geſandten beſchuldigt, auch zum Tode verurteilt worden, aber unbeſtraft geblieben. Bitter beſchwerte ſich der Papſt, daß dabei das römiſche Recht verletzt worden ſei. Dann ſcheint ihm einer ſeiner vornehmſten Beamten, der Oberhofmeiſter, Rat und Milizführer Gratian, zu mächtig geworden zu ſein. Um ihn loszuwerden, verklagte er ihn auf Anzeige eines anderen Milizführers bei Ludwig, er ſei Gegner des fränkiſchen Kaiſertums und wolle es mit Hilfe der Griechen ſtürzen. Ludwig eilte unangemeldet her- bei und hielt perſönlich Gericht. Die Anklage erwies ſich als falſch, der Anzeiger geſtand ihre Unwahrheit und wurde — wiederum nach fränki- ſchem Recht — dem Beſchuldigten ausgeliefert, der ihm auf Verwen- dung des Kaiſers das Leben ſchenken mußte. Welche Rolle der eigent- liche Verurteilte, der Papſt mit ſeiner falſchen Anklage, geſpielt hat, verſchweigt die Überlieferung. Jm Vertrauen des Kaiſers iſt er keines- falls befeſtigt aus der Sache hervorgegangen, hat ſich ſogar veranlaßt geſehen, einen Antrag auf Unterſuchung gegen ſich ſelbſt zu ſtellen. Ob dem ſtattgegeben worden, und mit welchem Erfolg, wiſſen wir nicht. Dies iſt die Farbe, die damals die Beziehungen zwiſchen Papſt und Kaiſer trugen. Dennoch wußte man in Rom, daß man auf den Kaiſer angewieſen war. Da war zum Beiſpiel der Erzbiſchof von Ravenna mit ſeinen alten, wiederholt geſcheiterten, aber nie aufgegebenen Wünſchen nach Unabhängigkeit von der päpſtlichen Oberhoheit. Mit ihm hatte es ſchon unter Leo III. Streit gegeben, Klagen waren zu Kaiſer Karl gedrungen, auch Ludwig I. hatte vermitteln müſſen. Schwieriger wurden die Beziehungen wieder, als um die Mitte des Jahrhunderts ein Johannes den Stuhl in Ravenna beſtieg, dem ſein Bruder Georgius als weltliches Haupt (dux) des Gebietes zur Seite ſtand. Über ihn beklagte ſich Leo IV. bei Ludwig II., anſcheinend mit Erfolg, da wir bald darauf den Papſt in Anweſenheit des Kaiſers in Ravenna eine Synode halten ſehen. Hätte der Kaiſer die Partei der Ravennaten ergriffen, die päpſt- liche Oberherrlichkeit in dieſem Teil des Kirchenſtaats wäre bald er- loſchen. Vor allem andern aber war es doch die arabiſche Gefahr, die den Papſt an die Seite des Kaiſers drängte, ohne deſſen tatkräftige Hilfe Rom keinen Tag ſicher war. Als Ludwig II. im Jahr 852 wieder einen Feldzug gegen die Sarazenen unternahm, der auch — wenn wir dem

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 61. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/70>, abgerufen am 15.12.2019.