Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

Bild:
<< vorherige Seite
3
Höchste Ziele

Seit 850 hatte Rom einen Kaiser mit ständigem Sitz in Jtalien.
Ludwig II., längst schon König und Regent des langobardischen Reichs,
vom Vater zum Mitkaiser erhoben und nunmehr in Rom gekrönt wie
sein Urgroßvater, der große Karl, hielt Hof zu Pavia und übte von
dorther die Oberhoheit über Stadt und Staat Sankt Peters. Seine
Erhebung zum regierenden Kaiser hatte den Zweck, die Kräfte Jtaliens
besser als bisher zusammenzufassen zur Lösung der Aufgabe, deren Dring-
lichkeit die Erfahrungen der letzten Jahre erwiesen hatten. Entschlossene
Abwehr der Araber war nicht länger aufzuschieben, nachdem ein Feld-
zug im Jahr 848, trotz Zuzugs aus dem Rheinland und Burgund, wohl
zu einem Sieg, aber zu keinem dauernden Erfolg geführt hatte. Nun
aber war gerade das Verhältnis eingetreten, dem die Päpste hundert
Jahre früher hatten entgehen wollen, als sie ihre Zuflucht zu den Franken
nahmen: der König des langobardischen Jtalien übte als Kaiser die Herr-
schaft über Rom. Was Liutprand, Aistulf, Desiderius erstrebt, Pippin und
Karl verhindert hatten, war unter Ludwig II. Tatsache geworden. Wie
viel blieb da noch von der Selbständigkeit übrig, die der Papst als
Landesherr dank der weiten Entfernung des Kaiserhofs bisher genossen
hatte? Bei der Krönung Ludwigs II. (850) war sein Verhältnis zum
Kaiser gemäß früheren Verträgen und dem Gesetz von 824 neu geregelt
und schriftlich festgesetzt worden. Ludwig bestätigte ihm seine Rechte und
Besitzungen unter Vorbehalt seiner eigenen Rechte bei der Papstwahl.
Der Treueid, den Leo IV. bei seiner Erhebung schuldig geblieben war,
wurde nachgeholt; in Zukunft sollte jeder Papst ihn vor der Weihe
leisten. Wieder sollte, wie 824 angeordnet war, ein ständiger Vertreter
des Kaisers die Verwaltung in Rom beaufsichtigen und der Kaiser
selbst, wo nötig, eingreifen.

Was sich daraus ergeben konnte, lag auf der Hand und ist bald ein-
getreten. Reibungen hatte es schon vorher gegeben, jetzt erreichten sie
einen gefährlichen Grad. Die spärlichen Bruchstücke der Überlieferung

3
Höchſte Ziele

Seit 850 hatte Rom einen Kaiſer mit ſtändigem Sitz in Jtalien.
Ludwig II., längſt ſchon König und Regent des langobardiſchen Reichs,
vom Vater zum Mitkaiſer erhoben und nunmehr in Rom gekrönt wie
ſein Urgroßvater, der große Karl, hielt Hof zu Pavia und übte von
dorther die Oberhoheit über Stadt und Staat Sankt Peters. Seine
Erhebung zum regierenden Kaiſer hatte den Zweck, die Kräfte Jtaliens
beſſer als bisher zuſammenzufaſſen zur Löſung der Aufgabe, deren Dring-
lichkeit die Erfahrungen der letzten Jahre erwieſen hatten. Entſchloſſene
Abwehr der Araber war nicht länger aufzuſchieben, nachdem ein Feld-
zug im Jahr 848, trotz Zuzugs aus dem Rheinland und Burgund, wohl
zu einem Sieg, aber zu keinem dauernden Erfolg geführt hatte. Nun
aber war gerade das Verhältnis eingetreten, dem die Päpſte hundert
Jahre früher hatten entgehen wollen, als ſie ihre Zuflucht zu den Franken
nahmen: der König des langobardiſchen Jtalien übte als Kaiſer die Herr-
ſchaft über Rom. Was Liutprand, Aiſtulf, Deſiderius erſtrebt, Pippin und
Karl verhindert hatten, war unter Ludwig II. Tatſache geworden. Wie
viel blieb da noch von der Selbſtändigkeit übrig, die der Papſt als
Landesherr dank der weiten Entfernung des Kaiſerhofs bisher genoſſen
hatte? Bei der Krönung Ludwigs II. (850) war ſein Verhältnis zum
Kaiſer gemäß früheren Verträgen und dem Geſetz von 824 neu geregelt
und ſchriftlich feſtgeſetzt worden. Ludwig beſtätigte ihm ſeine Rechte und
Beſitzungen unter Vorbehalt ſeiner eigenen Rechte bei der Papſtwahl.
Der Treueid, den Leo IV. bei ſeiner Erhebung ſchuldig geblieben war,
wurde nachgeholt; in Zukunft ſollte jeder Papſt ihn vor der Weihe
leiſten. Wieder ſollte, wie 824 angeordnet war, ein ſtändiger Vertreter
des Kaiſers die Verwaltung in Rom beaufſichtigen und der Kaiſer
ſelbſt, wo nötig, eingreifen.

Was ſich daraus ergeben konnte, lag auf der Hand und iſt bald ein-
getreten. Reibungen hatte es ſchon vorher gegeben, jetzt erreichten ſie
einen gefährlichen Grad. Die ſpärlichen Bruchſtücke der Überlieferung

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0069" n="[60]"/>
        <div n="2">
          <head>3<lb/>
Höch&#x017F;te Ziele</head><lb/>
          <p>Seit 850 hatte Rom einen Kai&#x017F;er mit &#x017F;tändigem Sitz in Jtalien.<lb/>
Ludwig <hi rendition="#aq">II</hi>., läng&#x017F;t &#x017F;chon König und Regent des langobardi&#x017F;chen Reichs,<lb/>
vom Vater zum Mitkai&#x017F;er erhoben und nunmehr in Rom gekrönt wie<lb/>
&#x017F;ein Urgroßvater, der große Karl, hielt Hof zu Pavia und übte von<lb/>
dorther die Oberhoheit über Stadt und Staat Sankt Peters. Seine<lb/>
Erhebung zum regierenden Kai&#x017F;er hatte den Zweck, die Kräfte Jtaliens<lb/>
be&#x017F;&#x017F;er als bisher zu&#x017F;ammenzufa&#x017F;&#x017F;en zur Lö&#x017F;ung der Aufgabe, deren Dring-<lb/>
lichkeit die Erfahrungen der letzten Jahre erwie&#x017F;en hatten. Ent&#x017F;chlo&#x017F;&#x017F;ene<lb/>
Abwehr der Araber war nicht länger aufzu&#x017F;chieben, nachdem ein Feld-<lb/>
zug im Jahr 848, trotz Zuzugs aus dem Rheinland und Burgund, wohl<lb/>
zu einem Sieg, aber zu keinem dauernden Erfolg geführt hatte. Nun<lb/>
aber war gerade das Verhältnis eingetreten, dem die Päp&#x017F;te hundert<lb/>
Jahre früher hatten entgehen wollen, als &#x017F;ie ihre Zuflucht zu den Franken<lb/>
nahmen: der König des langobardi&#x017F;chen Jtalien übte als Kai&#x017F;er die Herr-<lb/>
&#x017F;chaft über Rom. Was Liutprand, Ai&#x017F;tulf, De&#x017F;iderius er&#x017F;trebt, Pippin und<lb/>
Karl verhindert hatten, war unter Ludwig <hi rendition="#aq">II</hi>. Tat&#x017F;ache geworden. Wie<lb/>
viel blieb da noch von der Selb&#x017F;tändigkeit übrig, die der Pap&#x017F;t als<lb/>
Landesherr dank der weiten Entfernung des Kai&#x017F;erhofs bisher geno&#x017F;&#x017F;en<lb/>
hatte? Bei der Krönung Ludwigs <hi rendition="#aq">II</hi>. (850) war &#x017F;ein Verhältnis zum<lb/>
Kai&#x017F;er gemäß früheren Verträgen und dem Ge&#x017F;etz von 824 neu geregelt<lb/>
und &#x017F;chriftlich fe&#x017F;tge&#x017F;etzt worden. Ludwig be&#x017F;tätigte ihm &#x017F;eine Rechte und<lb/>
Be&#x017F;itzungen unter Vorbehalt &#x017F;einer eigenen Rechte bei der Pap&#x017F;twahl.<lb/>
Der Treueid, den Leo <hi rendition="#aq">IV</hi>. bei &#x017F;einer Erhebung &#x017F;chuldig geblieben war,<lb/>
wurde nachgeholt; in Zukunft &#x017F;ollte jeder Pap&#x017F;t ihn vor der Weihe<lb/>
lei&#x017F;ten. Wieder &#x017F;ollte, wie 824 angeordnet war, ein &#x017F;tändiger Vertreter<lb/>
des Kai&#x017F;ers die Verwaltung in Rom beauf&#x017F;ichtigen und der Kai&#x017F;er<lb/>
&#x017F;elb&#x017F;t, wo nötig, eingreifen.</p><lb/>
          <p>Was &#x017F;ich daraus ergeben konnte, lag auf der Hand und i&#x017F;t bald ein-<lb/>
getreten. Reibungen hatte es &#x017F;chon vorher gegeben, jetzt erreichten &#x017F;ie<lb/>
einen gefährlichen Grad. Die &#x017F;pärlichen Bruch&#x017F;tücke der Überlieferung<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[[60]/0069] 3 Höchſte Ziele Seit 850 hatte Rom einen Kaiſer mit ſtändigem Sitz in Jtalien. Ludwig II., längſt ſchon König und Regent des langobardiſchen Reichs, vom Vater zum Mitkaiſer erhoben und nunmehr in Rom gekrönt wie ſein Urgroßvater, der große Karl, hielt Hof zu Pavia und übte von dorther die Oberhoheit über Stadt und Staat Sankt Peters. Seine Erhebung zum regierenden Kaiſer hatte den Zweck, die Kräfte Jtaliens beſſer als bisher zuſammenzufaſſen zur Löſung der Aufgabe, deren Dring- lichkeit die Erfahrungen der letzten Jahre erwieſen hatten. Entſchloſſene Abwehr der Araber war nicht länger aufzuſchieben, nachdem ein Feld- zug im Jahr 848, trotz Zuzugs aus dem Rheinland und Burgund, wohl zu einem Sieg, aber zu keinem dauernden Erfolg geführt hatte. Nun aber war gerade das Verhältnis eingetreten, dem die Päpſte hundert Jahre früher hatten entgehen wollen, als ſie ihre Zuflucht zu den Franken nahmen: der König des langobardiſchen Jtalien übte als Kaiſer die Herr- ſchaft über Rom. Was Liutprand, Aiſtulf, Deſiderius erſtrebt, Pippin und Karl verhindert hatten, war unter Ludwig II. Tatſache geworden. Wie viel blieb da noch von der Selbſtändigkeit übrig, die der Papſt als Landesherr dank der weiten Entfernung des Kaiſerhofs bisher genoſſen hatte? Bei der Krönung Ludwigs II. (850) war ſein Verhältnis zum Kaiſer gemäß früheren Verträgen und dem Geſetz von 824 neu geregelt und ſchriftlich feſtgeſetzt worden. Ludwig beſtätigte ihm ſeine Rechte und Beſitzungen unter Vorbehalt ſeiner eigenen Rechte bei der Papſtwahl. Der Treueid, den Leo IV. bei ſeiner Erhebung ſchuldig geblieben war, wurde nachgeholt; in Zukunft ſollte jeder Papſt ihn vor der Weihe leiſten. Wieder ſollte, wie 824 angeordnet war, ein ſtändiger Vertreter des Kaiſers die Verwaltung in Rom beaufſichtigen und der Kaiſer ſelbſt, wo nötig, eingreifen. Was ſich daraus ergeben konnte, lag auf der Hand und iſt bald ein- getreten. Reibungen hatte es ſchon vorher gegeben, jetzt erreichten ſie einen gefährlichen Grad. Die ſpärlichen Bruchſtücke der Überlieferung

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/69
Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. [60]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/69>, abgerufen am 15.12.2019.