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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Charakter und Bedeutung der Fälschung
vorgeführt worden. Endlich die Hauptsache: Absetzung eines Bischofs
ist Vorrecht des Papstes; kein Papst war in Diedenhofen vertreten
gewesen, keiner hatte das Urteil formell bestätigt.

Pseudoisidor war ein sehr gelehrter Mann, an Kenntnis der altkirch-
lichen Literatur dem gelehrtesten der Zeitgenossen, Hinkmar, kaum nach-
stehend. War es Ebo selbst, der mit diesen Beweismitteln seine Wieder-
einsetzung zu erreichen gedachte? Er müßte dann, da die Fälschungen erst
nach seinem Tode bekannt wurden, vor dem Abschluß der Arbeit gestorben
sein, und ein Begleiter und Gehilfe, vielleicht einer der Geistlichen, die
er geweiht und sein Nachfolger abgesetzt hatte, würde das Werk beendet
und nach seiner Rückkehr verbreitet haben. Wie er hieß, wer er war,
fragen wir vergeblich. Den Reimser Domherrn Wulfhad, der uns noch
beschäftigen wird, hat man zu Unrecht in Verdacht genommen, die
gründliche Verschiedenheit seiner Schreibweise von der Pseudoisidors
spricht ihn frei. Wir werden uns wohl damit bescheiden müssen, daß
Pseudoisidor der große Unbekannte ist und bleibt, der er schon für die
Zeitgenossen war.

Man hat oft behauptet, Pseudoisidor habe nur in die Form uralter
päpstlicher Erlasse gekleidet, was seine Zeit ohnehin für recht hielt.
Man ist daraufhin so weit gegangen, ihn vom Vorwurf eigentlicher
Fälschung freizusprechen und sein Werk als Dichtung zu bezeichnen, die
die Wahrheit sage. Das ist grundfalsch. Selbst wenn man den Ver-
fasser für den Verkünder von Überzeugungen seiner Zeit halten dürfte,
so wäre seine Schuld gegenüber späteren Geschlechtern nicht geringer,
die an den Glauben des neunten Jahrhunderts nicht gebunden waren.
Als Bekenntnis dieses Zeitglaubens hätte seine "Dichtung" keine bin-
dende Kraft für Nachlebende gehabt; erst indem er sie für älteste Wahr-
heit ausgab, erhob er sie zur Richtschnur für jeden, der sich nicht dem Vor-
wurf aussetzen wollte, von der echten Überlieferung der Kirche abgefallen
zu sein. Eben dies ist das Gefährliche an seinem Machwerk und hat ihm
so verhängnisvolle Wirkung verschafft, daß es mit dem Glorienschein
der Kirche der Märtyrer und Heiligen auftritt. Es ist aber auch keines-
wegs richtig, daß man zu seiner Zeit schon für wahr gehalten habe, was
Pseudoisidor lehrte, so daß er gleichsam nur das Siegel der Geschichte --
ein gefälschtes Siegel -- unter den Glauben seiner Zeit gedrückt haben
würde. Wir wissen, daß noch im vorausgehenden Menschenalter ganz
andere Meinungen über das Papsttum in der fränkischen Kirche laut-

Charakter und Bedeutung der Fälſchung
vorgeführt worden. Endlich die Hauptſache: Abſetzung eines Biſchofs
iſt Vorrecht des Papſtes; kein Papſt war in Diedenhofen vertreten
geweſen, keiner hatte das Urteil formell beſtätigt.

Pſeudoiſidor war ein ſehr gelehrter Mann, an Kenntnis der altkirch-
lichen Literatur dem gelehrteſten der Zeitgenoſſen, Hinkmar, kaum nach-
ſtehend. War es Ebo ſelbſt, der mit dieſen Beweismitteln ſeine Wieder-
einſetzung zu erreichen gedachte? Er müßte dann, da die Fälſchungen erſt
nach ſeinem Tode bekannt wurden, vor dem Abſchluß der Arbeit geſtorben
ſein, und ein Begleiter und Gehilfe, vielleicht einer der Geiſtlichen, die
er geweiht und ſein Nachfolger abgeſetzt hatte, würde das Werk beendet
und nach ſeiner Rückkehr verbreitet haben. Wie er hieß, wer er war,
fragen wir vergeblich. Den Reimſer Domherrn Wulfhad, der uns noch
beſchäftigen wird, hat man zu Unrecht in Verdacht genommen, die
gründliche Verſchiedenheit ſeiner Schreibweiſe von der Pſeudoiſidors
ſpricht ihn frei. Wir werden uns wohl damit beſcheiden müſſen, daß
Pſeudoiſidor der große Unbekannte iſt und bleibt, der er ſchon für die
Zeitgenoſſen war.

Man hat oft behauptet, Pſeudoiſidor habe nur in die Form uralter
päpſtlicher Erlaſſe gekleidet, was ſeine Zeit ohnehin für recht hielt.
Man iſt daraufhin ſo weit gegangen, ihn vom Vorwurf eigentlicher
Fälſchung freizuſprechen und ſein Werk als Dichtung zu bezeichnen, die
die Wahrheit ſage. Das iſt grundfalſch. Selbſt wenn man den Ver-
faſſer für den Verkünder von Überzeugungen ſeiner Zeit halten dürfte,
ſo wäre ſeine Schuld gegenüber ſpäteren Geſchlechtern nicht geringer,
die an den Glauben des neunten Jahrhunderts nicht gebunden waren.
Als Bekenntnis dieſes Zeitglaubens hätte ſeine „Dichtung“ keine bin-
dende Kraft für Nachlebende gehabt; erſt indem er ſie für älteſte Wahr-
heit ausgab, erhob er ſie zur Richtſchnur für jeden, der ſich nicht dem Vor-
wurf ausſetzen wollte, von der echten Überlieferung der Kirche abgefallen
zu ſein. Eben dies iſt das Gefährliche an ſeinem Machwerk und hat ihm
ſo verhängnisvolle Wirkung verſchafft, daß es mit dem Glorienſchein
der Kirche der Märtyrer und Heiligen auftritt. Es iſt aber auch keines-
wegs richtig, daß man zu ſeiner Zeit ſchon für wahr gehalten habe, was
Pſeudoiſidor lehrte, ſo daß er gleichſam nur das Siegel der Geſchichte —
ein gefälſchtes Siegel — unter den Glauben ſeiner Zeit gedrückt haben
würde. Wir wiſſen, daß noch im vorausgehenden Menſchenalter ganz
andere Meinungen über das Papſttum in der fränkiſchen Kirche laut-

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[57/0066] Charakter und Bedeutung der Fälſchung vorgeführt worden. Endlich die Hauptſache: Abſetzung eines Biſchofs iſt Vorrecht des Papſtes; kein Papſt war in Diedenhofen vertreten geweſen, keiner hatte das Urteil formell beſtätigt. Pſeudoiſidor war ein ſehr gelehrter Mann, an Kenntnis der altkirch- lichen Literatur dem gelehrteſten der Zeitgenoſſen, Hinkmar, kaum nach- ſtehend. War es Ebo ſelbſt, der mit dieſen Beweismitteln ſeine Wieder- einſetzung zu erreichen gedachte? Er müßte dann, da die Fälſchungen erſt nach ſeinem Tode bekannt wurden, vor dem Abſchluß der Arbeit geſtorben ſein, und ein Begleiter und Gehilfe, vielleicht einer der Geiſtlichen, die er geweiht und ſein Nachfolger abgeſetzt hatte, würde das Werk beendet und nach ſeiner Rückkehr verbreitet haben. Wie er hieß, wer er war, fragen wir vergeblich. Den Reimſer Domherrn Wulfhad, der uns noch beſchäftigen wird, hat man zu Unrecht in Verdacht genommen, die gründliche Verſchiedenheit ſeiner Schreibweiſe von der Pſeudoiſidors ſpricht ihn frei. Wir werden uns wohl damit beſcheiden müſſen, daß Pſeudoiſidor der große Unbekannte iſt und bleibt, der er ſchon für die Zeitgenoſſen war. Man hat oft behauptet, Pſeudoiſidor habe nur in die Form uralter päpſtlicher Erlaſſe gekleidet, was ſeine Zeit ohnehin für recht hielt. Man iſt daraufhin ſo weit gegangen, ihn vom Vorwurf eigentlicher Fälſchung freizuſprechen und ſein Werk als Dichtung zu bezeichnen, die die Wahrheit ſage. Das iſt grundfalſch. Selbſt wenn man den Ver- faſſer für den Verkünder von Überzeugungen ſeiner Zeit halten dürfte, ſo wäre ſeine Schuld gegenüber ſpäteren Geſchlechtern nicht geringer, die an den Glauben des neunten Jahrhunderts nicht gebunden waren. Als Bekenntnis dieſes Zeitglaubens hätte ſeine „Dichtung“ keine bin- dende Kraft für Nachlebende gehabt; erſt indem er ſie für älteſte Wahr- heit ausgab, erhob er ſie zur Richtſchnur für jeden, der ſich nicht dem Vor- wurf ausſetzen wollte, von der echten Überlieferung der Kirche abgefallen zu ſein. Eben dies iſt das Gefährliche an ſeinem Machwerk und hat ihm ſo verhängnisvolle Wirkung verſchafft, daß es mit dem Glorienſchein der Kirche der Märtyrer und Heiligen auftritt. Es iſt aber auch keines- wegs richtig, daß man zu ſeiner Zeit ſchon für wahr gehalten habe, was Pſeudoiſidor lehrte, ſo daß er gleichſam nur das Siegel der Geſchichte — ein gefälſchtes Siegel — unter den Glauben ſeiner Zeit gedrückt haben würde. Wir wiſſen, daß noch im vorausgehenden Menſchenalter ganz andere Meinungen über das Papſttum in der fränkiſchen Kirche laut-

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 57. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/66>, abgerufen am 10.12.2019.