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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Die Person des Fälschers
sich bemüht hatten, ist zwar nicht aufgelöst, aber ihrer Bedeutung
entkleidet.

Wer war der Mann, der den Mut hatte, dies zu verlangen? Wer
ist der Verfasser der Fälschung? Jn einer Pfarrordnung für seinen
Sprengel führt Hinkmar von Reims spätestens 855, vielleicht schon 852
einige Stellen aus Pseudoisidor an; Stücke aus ihm und seinem Vor-
läufer, dem Leviten Benedikt, tauchen im Anschluß an Beschlüsse eines
Reichstags zu Anfang 857 auf. Gleichzeitig schöpft der Geschichts-
schreiber des Bistums Le Mans aus dem unechten Vorrat. Jm folgen-
den Jahr erkundigt sich die Provinzsynode von Sens in Rom nach dem
echten Text einer angeblichen Dekretale. Dann ist es wiederum Hink-
mar, der im Jahr 860 dreimal seine Schriften mit unechten päpstlichen
Aussprüchen schmückt. Seit Mitte der sechziger Jahre häufen sich die
Erwähnungen, und bald nach 870 konnte Hinkmar schreiben, die Samm-
lung sei überall verbreitet. Jn den fünfziger Jahren also muß sie all-
mählich bekannt geworden sein, ob zunächst nur teilweise und in einzelnen
Stücken oder von Anfang an als Ganzes, ist nicht zu erkennen. Der Ver-
fasser aber hat seine Spur so gut verdeckt, daß seine Person trotz eifriger
und scharfsinniger Nachforschung bis heute nicht festgestellt werden
konnte. Jmmerhin ist es möglich, seinen Standort zu bestimmen, wenn
man auf den Zweck achtet, den er verfolgt. Es ist nicht der Umsturz der
bestehenden Kirchenverfassung und Aufrichtung einer neuen: beides ist
ihm nur Mittel zu einem viel beschränkteren Zweck, dem Nachweis,
daß die Verdrängung Ebos von Reims unrechtmäßig, ihre Folgen un-
gültig sind. Was er im einzelnen über die Bedingungen eines Bischofs-
prozesses sagt, paßt auf die Umstände von Ebos Vertreibung so genau,
daß die Absicht unverkennbar ist. Die Ankläger, heißt es, müssen in jeder
Hinsicht unbescholten sein und persönlich auftreten; im Prozeß Ebos liegt
darüber ein Schleier. Niemand darf vor ein auswärtiges Gericht gestellt
werden, kein Laie Richter über den Bischof sein; Ebos Prozeß war
außerhalb seiner Provinz vor auswärtigen Bischöfen und zum Teil in
Gegenwart des Kaisers geführt worden. Erzwungene Selbstverurteilung
ist ungültig; bei Ebo lag sie vor. Versetzung eines Bischofs ist nicht er-
laubt, außer er sei aus seiner Kirche vertrieben und es geschehe zum all-
gemeinen Nutzen -- genau Ebos Fall. Eine Bestimmung, die häufig
wiederkehrt: soll über einen Bischof verhandelt werden, so muß er im
Besitz seines Amtes sein; Ebo war als Gefangener und Vertriebener

Die Perſon des Fälſchers
ſich bemüht hatten, iſt zwar nicht aufgelöſt, aber ihrer Bedeutung
entkleidet.

Wer war der Mann, der den Mut hatte, dies zu verlangen? Wer
iſt der Verfaſſer der Fälſchung? Jn einer Pfarrordnung für ſeinen
Sprengel führt Hinkmar von Reims ſpäteſtens 855, vielleicht ſchon 852
einige Stellen aus Pſeudoiſidor an; Stücke aus ihm und ſeinem Vor-
läufer, dem Leviten Benedikt, tauchen im Anſchluß an Beſchlüſſe eines
Reichstags zu Anfang 857 auf. Gleichzeitig ſchöpft der Geſchichts-
ſchreiber des Bistums Le Mans aus dem unechten Vorrat. Jm folgen-
den Jahr erkundigt ſich die Provinzſynode von Sens in Rom nach dem
echten Text einer angeblichen Dekretale. Dann iſt es wiederum Hink-
mar, der im Jahr 860 dreimal ſeine Schriften mit unechten päpſtlichen
Ausſprüchen ſchmückt. Seit Mitte der ſechziger Jahre häufen ſich die
Erwähnungen, und bald nach 870 konnte Hinkmar ſchreiben, die Samm-
lung ſei überall verbreitet. Jn den fünfziger Jahren alſo muß ſie all-
mählich bekannt geworden ſein, ob zunächſt nur teilweiſe und in einzelnen
Stücken oder von Anfang an als Ganzes, iſt nicht zu erkennen. Der Ver-
faſſer aber hat ſeine Spur ſo gut verdeckt, daß ſeine Perſon trotz eifriger
und ſcharfſinniger Nachforſchung bis heute nicht feſtgeſtellt werden
konnte. Jmmerhin iſt es möglich, ſeinen Standort zu beſtimmen, wenn
man auf den Zweck achtet, den er verfolgt. Es iſt nicht der Umſturz der
beſtehenden Kirchenverfaſſung und Aufrichtung einer neuen: beides iſt
ihm nur Mittel zu einem viel beſchränkteren Zweck, dem Nachweis,
daß die Verdrängung Ebos von Reims unrechtmäßig, ihre Folgen un-
gültig ſind. Was er im einzelnen über die Bedingungen eines Biſchofs-
prozeſſes ſagt, paßt auf die Umſtände von Ebos Vertreibung ſo genau,
daß die Abſicht unverkennbar iſt. Die Ankläger, heißt es, müſſen in jeder
Hinſicht unbeſcholten ſein und perſönlich auftreten; im Prozeß Ebos liegt
darüber ein Schleier. Niemand darf vor ein auswärtiges Gericht geſtellt
werden, kein Laie Richter über den Biſchof ſein; Ebos Prozeß war
außerhalb ſeiner Provinz vor auswärtigen Biſchöfen und zum Teil in
Gegenwart des Kaiſers geführt worden. Erzwungene Selbſtverurteilung
iſt ungültig; bei Ebo lag ſie vor. Verſetzung eines Biſchofs iſt nicht er-
laubt, außer er ſei aus ſeiner Kirche vertrieben und es geſchehe zum all-
gemeinen Nutzen — genau Ebos Fall. Eine Beſtimmung, die häufig
wiederkehrt: ſoll über einen Biſchof verhandelt werden, ſo muß er im
Beſitz ſeines Amtes ſein; Ebo war als Gefangener und Vertriebener

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[56/0065] Die Perſon des Fälſchers ſich bemüht hatten, iſt zwar nicht aufgelöſt, aber ihrer Bedeutung entkleidet. Wer war der Mann, der den Mut hatte, dies zu verlangen? Wer iſt der Verfaſſer der Fälſchung? Jn einer Pfarrordnung für ſeinen Sprengel führt Hinkmar von Reims ſpäteſtens 855, vielleicht ſchon 852 einige Stellen aus Pſeudoiſidor an; Stücke aus ihm und ſeinem Vor- läufer, dem Leviten Benedikt, tauchen im Anſchluß an Beſchlüſſe eines Reichstags zu Anfang 857 auf. Gleichzeitig ſchöpft der Geſchichts- ſchreiber des Bistums Le Mans aus dem unechten Vorrat. Jm folgen- den Jahr erkundigt ſich die Provinzſynode von Sens in Rom nach dem echten Text einer angeblichen Dekretale. Dann iſt es wiederum Hink- mar, der im Jahr 860 dreimal ſeine Schriften mit unechten päpſtlichen Ausſprüchen ſchmückt. Seit Mitte der ſechziger Jahre häufen ſich die Erwähnungen, und bald nach 870 konnte Hinkmar ſchreiben, die Samm- lung ſei überall verbreitet. Jn den fünfziger Jahren alſo muß ſie all- mählich bekannt geworden ſein, ob zunächſt nur teilweiſe und in einzelnen Stücken oder von Anfang an als Ganzes, iſt nicht zu erkennen. Der Ver- faſſer aber hat ſeine Spur ſo gut verdeckt, daß ſeine Perſon trotz eifriger und ſcharfſinniger Nachforſchung bis heute nicht feſtgeſtellt werden konnte. Jmmerhin iſt es möglich, ſeinen Standort zu beſtimmen, wenn man auf den Zweck achtet, den er verfolgt. Es iſt nicht der Umſturz der beſtehenden Kirchenverfaſſung und Aufrichtung einer neuen: beides iſt ihm nur Mittel zu einem viel beſchränkteren Zweck, dem Nachweis, daß die Verdrängung Ebos von Reims unrechtmäßig, ihre Folgen un- gültig ſind. Was er im einzelnen über die Bedingungen eines Biſchofs- prozeſſes ſagt, paßt auf die Umſtände von Ebos Vertreibung ſo genau, daß die Abſicht unverkennbar iſt. Die Ankläger, heißt es, müſſen in jeder Hinſicht unbeſcholten ſein und perſönlich auftreten; im Prozeß Ebos liegt darüber ein Schleier. Niemand darf vor ein auswärtiges Gericht geſtellt werden, kein Laie Richter über den Biſchof ſein; Ebos Prozeß war außerhalb ſeiner Provinz vor auswärtigen Biſchöfen und zum Teil in Gegenwart des Kaiſers geführt worden. Erzwungene Selbſtverurteilung iſt ungültig; bei Ebo lag ſie vor. Verſetzung eines Biſchofs iſt nicht er- laubt, außer er ſei aus ſeiner Kirche vertrieben und es geſchehe zum all- gemeinen Nutzen — genau Ebos Fall. Eine Beſtimmung, die häufig wiederkehrt: ſoll über einen Biſchof verhandelt werden, ſo muß er im Beſitz ſeines Amtes ſein; Ebo war als Gefangener und Vertriebener

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 56. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/65>, abgerufen am 27.01.2020.