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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Pseudoisidor
von größerem Umfang und anderem Jnhalt als der gebräuchliche Dio-
nys. So war alles geschehen, um einer unwissenden, aber um so glaubens-
freudigeren Zeit die Vorstellung beizubringen, sie habe es mit einer neu
entdeckten echten Quelle kirchlichen Rechts zu tun, ungleich reichhaltiger
als die, die man bisher gekannt hatte, und wertvoller, weil älter als sie.

Jn dieser Vorstellung wurde man bestärkt durch die bunte Mannig-
faltigkeit des Jnhalts. Vor sich hatte man das Bild der Kirche, wie man
im neunten Jahrhundert meinen konnte, daß sie einst in ihrer besten Zeit
gewesen sein müsse, ein Jdealbild von Glauben und Sitten, Verfassung
und Recht, das sich für ursprüngliche Wirklichkeit ausgab. Da las man
neben erbaulichen Ergüssen dogmatische Abhandlungen über Fragen, die
das neunte Jahrhundert beschäftigten; neben Anweisungen für Gottes-
dienst und Leben standen Verordnungen zum Schutz des Kirchenguts.
Den breitesten Raum aber nahmen Recht und Verfassung ein. Der
falsche Jsidor bemüht sich um ein geschlossenes System geistlicher Rang-
ordnung von Bischöfen, Erzbischöfen, Primaten und Patriarchen bis
hinauf zur einheitlichen Spitze, dem römischen Papst. Dabei laufen ihm
Widersprüche und Unklarheiten unter, weil er manche außer Gebrauch
gekommene Ausdrücke seiner Quellen nicht mehr versteht. Jn den Mit-
telpunkt stellt er den Bischof, über allem Volk und allen Fürsten der Erde
stehend, unantastbar, nur von Gott zu richten. Jhn gegen jeden Angriff,
von wo er auch komme, zu schützen, seine Entfernung aus dem Amt, sei
es Absetzung oder Versetzung, so gut wie unmöglich zu machen, ist sein
vornehmster Zweck. Man wüßte es, auch wenn nicht das Vorwort sich
ausdrücklich dazu bekennte, denn die Bestimmungen hierüber wieder-
holen sich beständig. Schon die Anklage gegen einen Bischof ist auf jede
denkbare Art erschwert. Soll sie verfolgt werden, so muß der Angeklagte
vor allen Dingen frei und im vollen Besitz seiner Würde sein. Als seine
Richter kommen nur die sämtlichen Amtsbrüder der eigenen Provinz
in Frage, aber von ihrem Gericht darf er nicht nur jederzeit, auch schon
vor dem Urteil, nach Rom Berufung einlegen, ihr Spruch ist in keinem
Fall endgültig, er unterliegt immer der Bestätigung durch den Papst.
Ja -- hier tritt der Satz, von dem wir ausgingen, in mehrfacher Wie-
derholung auf -- die Synode der Bischöfe bedarf selbst der päpstlichen
Ermächtigung, ohne diese ist sie zu handeln nicht befugt.

Eine doppelte Aufgabe war in diesem System dem Papste zugedacht.
Unter seiner Autorität stand das Ganze, es beruhte auf der Befugnis des

Pſeudoiſidor
von größerem Umfang und anderem Jnhalt als der gebräuchliche Dio-
nys. So war alles geſchehen, um einer unwiſſenden, aber um ſo glaubens-
freudigeren Zeit die Vorſtellung beizubringen, ſie habe es mit einer neu
entdeckten echten Quelle kirchlichen Rechts zu tun, ungleich reichhaltiger
als die, die man bisher gekannt hatte, und wertvoller, weil älter als ſie.

Jn dieſer Vorſtellung wurde man beſtärkt durch die bunte Mannig-
faltigkeit des Jnhalts. Vor ſich hatte man das Bild der Kirche, wie man
im neunten Jahrhundert meinen konnte, daß ſie einſt in ihrer beſten Zeit
geweſen ſein müſſe, ein Jdealbild von Glauben und Sitten, Verfaſſung
und Recht, das ſich für urſprüngliche Wirklichkeit ausgab. Da las man
neben erbaulichen Ergüſſen dogmatiſche Abhandlungen über Fragen, die
das neunte Jahrhundert beſchäftigten; neben Anweiſungen für Gottes-
dienſt und Leben ſtanden Verordnungen zum Schutz des Kirchenguts.
Den breiteſten Raum aber nahmen Recht und Verfaſſung ein. Der
falſche Jſidor bemüht ſich um ein geſchloſſenes Syſtem geiſtlicher Rang-
ordnung von Biſchöfen, Erzbiſchöfen, Primaten und Patriarchen bis
hinauf zur einheitlichen Spitze, dem römiſchen Papſt. Dabei laufen ihm
Widerſprüche und Unklarheiten unter, weil er manche außer Gebrauch
gekommene Ausdrücke ſeiner Quellen nicht mehr verſteht. Jn den Mit-
telpunkt ſtellt er den Biſchof, über allem Volk und allen Fürſten der Erde
ſtehend, unantaſtbar, nur von Gott zu richten. Jhn gegen jeden Angriff,
von wo er auch komme, zu ſchützen, ſeine Entfernung aus dem Amt, ſei
es Abſetzung oder Verſetzung, ſo gut wie unmöglich zu machen, iſt ſein
vornehmſter Zweck. Man wüßte es, auch wenn nicht das Vorwort ſich
ausdrücklich dazu bekennte, denn die Beſtimmungen hierüber wieder-
holen ſich beſtändig. Schon die Anklage gegen einen Biſchof iſt auf jede
denkbare Art erſchwert. Soll ſie verfolgt werden, ſo muß der Angeklagte
vor allen Dingen frei und im vollen Beſitz ſeiner Würde ſein. Als ſeine
Richter kommen nur die ſämtlichen Amtsbrüder der eigenen Provinz
in Frage, aber von ihrem Gericht darf er nicht nur jederzeit, auch ſchon
vor dem Urteil, nach Rom Berufung einlegen, ihr Spruch iſt in keinem
Fall endgültig, er unterliegt immer der Beſtätigung durch den Papſt.
Ja — hier tritt der Satz, von dem wir ausgingen, in mehrfacher Wie-
derholung auf — die Synode der Biſchöfe bedarf ſelbſt der päpſtlichen
Ermächtigung, ohne dieſe iſt ſie zu handeln nicht befugt.

Eine doppelte Aufgabe war in dieſem Syſtem dem Papſte zugedacht.
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[53/0062] Pſeudoiſidor von größerem Umfang und anderem Jnhalt als der gebräuchliche Dio- nys. So war alles geſchehen, um einer unwiſſenden, aber um ſo glaubens- freudigeren Zeit die Vorſtellung beizubringen, ſie habe es mit einer neu entdeckten echten Quelle kirchlichen Rechts zu tun, ungleich reichhaltiger als die, die man bisher gekannt hatte, und wertvoller, weil älter als ſie. Jn dieſer Vorſtellung wurde man beſtärkt durch die bunte Mannig- faltigkeit des Jnhalts. Vor ſich hatte man das Bild der Kirche, wie man im neunten Jahrhundert meinen konnte, daß ſie einſt in ihrer beſten Zeit geweſen ſein müſſe, ein Jdealbild von Glauben und Sitten, Verfaſſung und Recht, das ſich für urſprüngliche Wirklichkeit ausgab. Da las man neben erbaulichen Ergüſſen dogmatiſche Abhandlungen über Fragen, die das neunte Jahrhundert beſchäftigten; neben Anweiſungen für Gottes- dienſt und Leben ſtanden Verordnungen zum Schutz des Kirchenguts. Den breiteſten Raum aber nahmen Recht und Verfaſſung ein. Der falſche Jſidor bemüht ſich um ein geſchloſſenes Syſtem geiſtlicher Rang- ordnung von Biſchöfen, Erzbiſchöfen, Primaten und Patriarchen bis hinauf zur einheitlichen Spitze, dem römiſchen Papſt. Dabei laufen ihm Widerſprüche und Unklarheiten unter, weil er manche außer Gebrauch gekommene Ausdrücke ſeiner Quellen nicht mehr verſteht. Jn den Mit- telpunkt ſtellt er den Biſchof, über allem Volk und allen Fürſten der Erde ſtehend, unantaſtbar, nur von Gott zu richten. Jhn gegen jeden Angriff, von wo er auch komme, zu ſchützen, ſeine Entfernung aus dem Amt, ſei es Abſetzung oder Verſetzung, ſo gut wie unmöglich zu machen, iſt ſein vornehmſter Zweck. Man wüßte es, auch wenn nicht das Vorwort ſich ausdrücklich dazu bekennte, denn die Beſtimmungen hierüber wieder- holen ſich beſtändig. Schon die Anklage gegen einen Biſchof iſt auf jede denkbare Art erſchwert. Soll ſie verfolgt werden, ſo muß der Angeklagte vor allen Dingen frei und im vollen Beſitz ſeiner Würde ſein. Als ſeine Richter kommen nur die ſämtlichen Amtsbrüder der eigenen Provinz in Frage, aber von ihrem Gericht darf er nicht nur jederzeit, auch ſchon vor dem Urteil, nach Rom Berufung einlegen, ihr Spruch iſt in keinem Fall endgültig, er unterliegt immer der Beſtätigung durch den Papſt. Ja — hier tritt der Satz, von dem wir ausgingen, in mehrfacher Wie- derholung auf — die Synode der Biſchöfe bedarf ſelbſt der päpſtlichen Ermächtigung, ohne dieſe iſt ſie zu handeln nicht befugt. Eine doppelte Aufgabe war in dieſem Syſtem dem Papſte zugedacht. Unter ſeiner Autorität ſtand das Ganze, es beruhte auf der Befugnis des

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 53. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/62>, abgerufen am 05.12.2019.