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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Pseudoisidor
hätte, und der Gewohnheit entsprach es so wenig, daß man um mehr als
vierhundert Jahre zurückgehen muß, um in der Einmischung des Zosimus
in Angelegenheiten der afrikanischen Kirche einen Vorgang zu finden,
der zudem in seinem Verlauf nichts weniger als zugunsten des Papstes
sprach*). Man konnte zwar einwenden, in Soissons habe es sich eigent-
lich nicht um die Sache der Reimser Geistlichen, sondern um die Ab-
setzung eines Erzbischofs, Ebos, gehandelt. Aber ein Satz in der Be-
gründung, die Leo seiner Antwort gab, fordert doch die Aufmerksamkeit
heraus. Er bestritt die Rechtmäßigkeit der Synode, weil kein päpstlicher
Vertreter an ihr teilgenommen hatte. Das war schlechthin neu, ebenso
neu wie der Vorbehalt, daß auch nach wiederholter Untersuchung an ihn
sollte appelliert werden dürfen. Niemals früher hatte Rom den Anspruch
erhoben, daß nur seine eigene Teilnahme den Beschlüssen der Provinz-
synoden Rechtskraft gebe. Niemals hatte es sich das letzte Urteil gegen-
über einer Synode vorbehalten. Neun Jahre war es erst her, daß
Sergius II. abgelehnt hatte, die Absetzung Ebos rückgängig zu machen.
Daß er ein Recht dazu habe, weil der päpstliche Stuhl auf der Synode
in Diedenhofen nicht vertreten gewesen war, hat er offenbar nicht ge-
wußt, und als er später nochmalige Untersuchung des Falles anordnete,
hat er von der Möglichkeit einer Berufung nach Rom nicht gesprochen.

Den fränkischen Bischöfen, mochten sie auch überrascht sein, daß ein
Papst sie sich aneignete, waren solche Gedanken seit kurzem vielleicht
nicht mehr fremd. Eben in jenen Jahren, als man in Reims um die
Rechtmäßigkeit der Vertreibung Ebos und die Gültigkeit seiner Weihen
stritt, wurden drei Bücher verfaßt, deren gemeinsames Ziel eine gründ-
liche Umwälzung der bestehenden Kirchenverfassung war. Jn allen
dreien fand sich mit andern Neuerungen auch der eben erwähnte Satz,
daß über einen Bischof nur mit päpstlicher Ermächtigung gerichtet
werden könne, in häufiger Wiederholung. Das erste, kürzeste der Bücher
behauptete eine Sammlung von Rechtssätzen aus päpstlichen und kaiser-
lichen Verfügungen zu sein, die Papst Hadrian dem Bischof Engelram
von Metz am 14. September 786 übergeben habe. Das zweite gab
sich für eine Sammlung von Gesetzen Karls des Großen und Ludwigs I.
aus, verfaßt im Auftrag des 847 verstorbenen Otgar von Mainz von
dessen "Leviten" d. h. Diakon Benedikt. Das dritte, umfangreichste

*) Siehe Bd. 1, S. 116 f.

Pſeudoiſidor
hätte, und der Gewohnheit entſprach es ſo wenig, daß man um mehr als
vierhundert Jahre zurückgehen muß, um in der Einmiſchung des Zoſimus
in Angelegenheiten der afrikaniſchen Kirche einen Vorgang zu finden,
der zudem in ſeinem Verlauf nichts weniger als zugunſten des Papſtes
ſprach*). Man konnte zwar einwenden, in Soiſſons habe es ſich eigent-
lich nicht um die Sache der Reimſer Geiſtlichen, ſondern um die Ab-
ſetzung eines Erzbiſchofs, Ebos, gehandelt. Aber ein Satz in der Be-
gründung, die Leo ſeiner Antwort gab, fordert doch die Aufmerkſamkeit
heraus. Er beſtritt die Rechtmäßigkeit der Synode, weil kein päpſtlicher
Vertreter an ihr teilgenommen hatte. Das war ſchlechthin neu, ebenſo
neu wie der Vorbehalt, daß auch nach wiederholter Unterſuchung an ihn
ſollte appelliert werden dürfen. Niemals früher hatte Rom den Anſpruch
erhoben, daß nur ſeine eigene Teilnahme den Beſchlüſſen der Provinz-
ſynoden Rechtskraft gebe. Niemals hatte es ſich das letzte Urteil gegen-
über einer Synode vorbehalten. Neun Jahre war es erſt her, daß
Sergius II. abgelehnt hatte, die Abſetzung Ebos rückgängig zu machen.
Daß er ein Recht dazu habe, weil der päpſtliche Stuhl auf der Synode
in Diedenhofen nicht vertreten geweſen war, hat er offenbar nicht ge-
wußt, und als er ſpäter nochmalige Unterſuchung des Falles anordnete,
hat er von der Möglichkeit einer Berufung nach Rom nicht geſprochen.

Den fränkiſchen Biſchöfen, mochten ſie auch überraſcht ſein, daß ein
Papſt ſie ſich aneignete, waren ſolche Gedanken ſeit kurzem vielleicht
nicht mehr fremd. Eben in jenen Jahren, als man in Reims um die
Rechtmäßigkeit der Vertreibung Ebos und die Gültigkeit ſeiner Weihen
ſtritt, wurden drei Bücher verfaßt, deren gemeinſames Ziel eine gründ-
liche Umwälzung der beſtehenden Kirchenverfaſſung war. Jn allen
dreien fand ſich mit andern Neuerungen auch der eben erwähnte Satz,
daß über einen Biſchof nur mit päpſtlicher Ermächtigung gerichtet
werden könne, in häufiger Wiederholung. Das erſte, kürzeſte der Bücher
behauptete eine Sammlung von Rechtsſätzen aus päpſtlichen und kaiſer-
lichen Verfügungen zu ſein, die Papſt Hadrian dem Biſchof Engelram
von Metz am 14. September 786 übergeben habe. Das zweite gab
ſich für eine Sammlung von Geſetzen Karls des Großen und Ludwigs I.
aus, verfaßt im Auftrag des 847 verſtorbenen Otgar von Mainz von
deſſen „Leviten“ d. h. Diakon Benedikt. Das dritte, umfangreichſte

*) Siehe Bd. 1, S. 116 f.
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[51/0060] Pſeudoiſidor hätte, und der Gewohnheit entſprach es ſo wenig, daß man um mehr als vierhundert Jahre zurückgehen muß, um in der Einmiſchung des Zoſimus in Angelegenheiten der afrikaniſchen Kirche einen Vorgang zu finden, der zudem in ſeinem Verlauf nichts weniger als zugunſten des Papſtes ſprach *). Man konnte zwar einwenden, in Soiſſons habe es ſich eigent- lich nicht um die Sache der Reimſer Geiſtlichen, ſondern um die Ab- ſetzung eines Erzbiſchofs, Ebos, gehandelt. Aber ein Satz in der Be- gründung, die Leo ſeiner Antwort gab, fordert doch die Aufmerkſamkeit heraus. Er beſtritt die Rechtmäßigkeit der Synode, weil kein päpſtlicher Vertreter an ihr teilgenommen hatte. Das war ſchlechthin neu, ebenſo neu wie der Vorbehalt, daß auch nach wiederholter Unterſuchung an ihn ſollte appelliert werden dürfen. Niemals früher hatte Rom den Anſpruch erhoben, daß nur ſeine eigene Teilnahme den Beſchlüſſen der Provinz- ſynoden Rechtskraft gebe. Niemals hatte es ſich das letzte Urteil gegen- über einer Synode vorbehalten. Neun Jahre war es erſt her, daß Sergius II. abgelehnt hatte, die Abſetzung Ebos rückgängig zu machen. Daß er ein Recht dazu habe, weil der päpſtliche Stuhl auf der Synode in Diedenhofen nicht vertreten geweſen war, hat er offenbar nicht ge- wußt, und als er ſpäter nochmalige Unterſuchung des Falles anordnete, hat er von der Möglichkeit einer Berufung nach Rom nicht geſprochen. Den fränkiſchen Biſchöfen, mochten ſie auch überraſcht ſein, daß ein Papſt ſie ſich aneignete, waren ſolche Gedanken ſeit kurzem vielleicht nicht mehr fremd. Eben in jenen Jahren, als man in Reims um die Rechtmäßigkeit der Vertreibung Ebos und die Gültigkeit ſeiner Weihen ſtritt, wurden drei Bücher verfaßt, deren gemeinſames Ziel eine gründ- liche Umwälzung der beſtehenden Kirchenverfaſſung war. Jn allen dreien fand ſich mit andern Neuerungen auch der eben erwähnte Satz, daß über einen Biſchof nur mit päpſtlicher Ermächtigung gerichtet werden könne, in häufiger Wiederholung. Das erſte, kürzeſte der Bücher behauptete eine Sammlung von Rechtsſätzen aus päpſtlichen und kaiſer- lichen Verfügungen zu ſein, die Papſt Hadrian dem Biſchof Engelram von Metz am 14. September 786 übergeben habe. Das zweite gab ſich für eine Sammlung von Geſetzen Karls des Großen und Ludwigs I. aus, verfaßt im Auftrag des 847 verſtorbenen Otgar von Mainz von deſſen „Leviten“ d. h. Diakon Benedikt. Das dritte, umfangreichſte *) Siehe Bd. 1, S. 116 f.

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 51. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/60>, abgerufen am 11.12.2019.