Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

Bild:
<< vorherige Seite

Synode zu Soissons 853
geweiht, Priester und Diakone, und darunter einige Domherren, Hink-
mar aber hatte diese Weihen nicht anerkannt und die Geistlichen, vier-
zehn an Zahl, ihrer Stellen enthoben. Nach dem Tode Ebos beantragten
sie ihre Wiedereinsetzung. Sie hätte auf dem Wege der Begnadigung
erfolgen können, Hinkmar aber zog es vor -- warum, wissen wir nicht --
das Recht walten zu lassen. Er zwang die Antragsteller, eine förmliche
Klage gegen ihn einzureichen, und ließ eine Reichssynode in Soissons
in Gegenwart des Königs das Urteil fällen (April 853). Ebos Absetzung
wurde für rechtskräftig, seine Wiedereinsetzung und demgemäß auch die
von ihm nachher erteilten Weihen für ungültig, Hinkmars Einsetzung
für ordnungsgemäß erklärt. Die Kläger hatten ihre Sache vollends ver-
dorben, indem sie sie mit unwahren Angaben, die sofort widerlegt werden
konnten, sogar mit einer gefälschten Urkunde zu vertreten suchten.

Der Fall hätte erledigt sein müssen, die Verurteilten jedoch beruhigten
sich nicht bei dem Spruch. Entgegen allem Recht und Herkommen
wandten sie sich nach Rom und suchten dort ihr Recht. War es die Ant-
wort hierauf, oder war es ein Zeichen, daß man sich nicht ganz sicher
fühlte, die Synode beschritt den gleichen Weg: sie bemühte sich beim
Papst um Bestätigung ihrer Beschlüsse. Leo IV. lehnte ab. Dem Gesuch
fehle die kaiserliche Empfehlung, die Akten seien ihm nicht vorgelegt,
und die Verurteilten hätten Berufung eingelegt. Er focht überdies die
Rechtmäßigkeit des Urteils an, befahl nochmalige Untersuchung durch
eine Synode, zu der er einen Legaten entsandte, und stellte von deren
Urteil die Berufung nach Rom frei. Kein Zweifel, daß er damit dem
Wunsche Lothars nachkam, der inzwischen wieder Hinkmar feind ge-
worden war und, aus persönlichem Anlaß selbst aufgebracht, auch den
Papst aufzubringen gewußt hatte, so daß dieser an die westfränkischen
Bischöfe ein Schreiben erließ, in dem er Hinkmar "hochmütig", "un-
gehorsam", "Vater der Überheblichkeit" und "Erstling der Anmaßung"
nannte, ihn des Bruches seines Mönchsgelübdes zieh und ihm sogar
rechtswidrige Besteigung des Stuhles von Reims vorwarf. Jndessen,
es gelang, Lothar umzustimmen, und in Begleitung kaiserlicher Ge-
sandten machten sich Hinkmars Boten auf nach Rom, um die Zurück-
nahme der früheren Anordnungen zu erwirken. Sie fanden Leo nicht
mehr am Leben, und sein Nachfolger, Benedikt III., machte keine
Schwierigkeiten. Er hatte -- warum, werden wir später sehen -- allen
Grund, den Wünschen des Kaisers entgegenzukommen. Der Berufung

Haller, Das Papsttum II1 4

Synode zu Soiſſons 853
geweiht, Prieſter und Diakone, und darunter einige Domherren, Hink-
mar aber hatte dieſe Weihen nicht anerkannt und die Geiſtlichen, vier-
zehn an Zahl, ihrer Stellen enthoben. Nach dem Tode Ebos beantragten
ſie ihre Wiedereinſetzung. Sie hätte auf dem Wege der Begnadigung
erfolgen können, Hinkmar aber zog es vor — warum, wiſſen wir nicht —
das Recht walten zu laſſen. Er zwang die Antragſteller, eine förmliche
Klage gegen ihn einzureichen, und ließ eine Reichsſynode in Soiſſons
in Gegenwart des Königs das Urteil fällen (April 853). Ebos Abſetzung
wurde für rechtskräftig, ſeine Wiedereinſetzung und demgemäß auch die
von ihm nachher erteilten Weihen für ungültig, Hinkmars Einſetzung
für ordnungsgemäß erklärt. Die Kläger hatten ihre Sache vollends ver-
dorben, indem ſie ſie mit unwahren Angaben, die ſofort widerlegt werden
konnten, ſogar mit einer gefälſchten Urkunde zu vertreten ſuchten.

Der Fall hätte erledigt ſein müſſen, die Verurteilten jedoch beruhigten
ſich nicht bei dem Spruch. Entgegen allem Recht und Herkommen
wandten ſie ſich nach Rom und ſuchten dort ihr Recht. War es die Ant-
wort hierauf, oder war es ein Zeichen, daß man ſich nicht ganz ſicher
fühlte, die Synode beſchritt den gleichen Weg: ſie bemühte ſich beim
Papſt um Beſtätigung ihrer Beſchlüſſe. Leo IV. lehnte ab. Dem Geſuch
fehle die kaiſerliche Empfehlung, die Akten ſeien ihm nicht vorgelegt,
und die Verurteilten hätten Berufung eingelegt. Er focht überdies die
Rechtmäßigkeit des Urteils an, befahl nochmalige Unterſuchung durch
eine Synode, zu der er einen Legaten entſandte, und ſtellte von deren
Urteil die Berufung nach Rom frei. Kein Zweifel, daß er damit dem
Wunſche Lothars nachkam, der inzwiſchen wieder Hinkmar feind ge-
worden war und, aus perſönlichem Anlaß ſelbſt aufgebracht, auch den
Papſt aufzubringen gewußt hatte, ſo daß dieſer an die weſtfränkiſchen
Biſchöfe ein Schreiben erließ, in dem er Hinkmar „hochmütig“, „un-
gehorſam“, „Vater der Überheblichkeit“ und „Erſtling der Anmaßung“
nannte, ihn des Bruches ſeines Mönchsgelübdes zieh und ihm ſogar
rechtswidrige Beſteigung des Stuhles von Reims vorwarf. Jndeſſen,
es gelang, Lothar umzuſtimmen, und in Begleitung kaiſerlicher Ge-
ſandten machten ſich Hinkmars Boten auf nach Rom, um die Zurück-
nahme der früheren Anordnungen zu erwirken. Sie fanden Leo nicht
mehr am Leben, und ſein Nachfolger, Benedikt III., machte keine
Schwierigkeiten. Er hatte — warum, werden wir ſpäter ſehen — allen
Grund, den Wünſchen des Kaiſers entgegenzukommen. Der Berufung

Haller, Das Papſttum II1 4
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0058" n="49"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#g">Synode zu Soi&#x017F;&#x017F;ons 853</hi></fw><lb/>
geweiht, Prie&#x017F;ter und Diakone, und darunter einige Domherren, Hink-<lb/>
mar aber hatte die&#x017F;e Weihen nicht anerkannt und die Gei&#x017F;tlichen, vier-<lb/>
zehn an Zahl, ihrer Stellen enthoben. Nach dem Tode Ebos beantragten<lb/>
&#x017F;ie ihre Wiederein&#x017F;etzung. Sie hätte auf dem Wege der Begnadigung<lb/>
erfolgen können, Hinkmar aber zog es vor &#x2014; warum, wi&#x017F;&#x017F;en wir nicht &#x2014;<lb/>
das Recht walten zu la&#x017F;&#x017F;en. Er zwang die Antrag&#x017F;teller, eine förmliche<lb/>
Klage gegen ihn einzureichen, und ließ eine Reichs&#x017F;ynode in Soi&#x017F;&#x017F;ons<lb/>
in Gegenwart des Königs das Urteil fällen (April 853). Ebos Ab&#x017F;etzung<lb/>
wurde für rechtskräftig, &#x017F;eine Wiederein&#x017F;etzung und demgemäß auch die<lb/>
von ihm nachher erteilten Weihen für ungültig, Hinkmars Ein&#x017F;etzung<lb/>
für ordnungsgemäß erklärt. Die Kläger hatten ihre Sache vollends ver-<lb/>
dorben, indem &#x017F;ie &#x017F;ie mit unwahren Angaben, die &#x017F;ofort widerlegt werden<lb/>
konnten, &#x017F;ogar mit einer gefäl&#x017F;chten Urkunde zu vertreten &#x017F;uchten.</p><lb/>
          <p>Der Fall hätte erledigt &#x017F;ein mü&#x017F;&#x017F;en, die Verurteilten jedoch beruhigten<lb/>
&#x017F;ich nicht bei dem Spruch. Entgegen allem Recht und Herkommen<lb/>
wandten &#x017F;ie &#x017F;ich nach Rom und &#x017F;uchten dort ihr Recht. War es die Ant-<lb/>
wort hierauf, oder war es ein Zeichen, daß man &#x017F;ich nicht ganz &#x017F;icher<lb/>
fühlte, die Synode be&#x017F;chritt den gleichen Weg: &#x017F;ie bemühte &#x017F;ich beim<lb/>
Pap&#x017F;t um Be&#x017F;tätigung ihrer Be&#x017F;chlü&#x017F;&#x017F;e. Leo <hi rendition="#aq">IV</hi>. lehnte ab. Dem Ge&#x017F;uch<lb/>
fehle die kai&#x017F;erliche Empfehlung, die Akten &#x017F;eien ihm nicht vorgelegt,<lb/>
und die Verurteilten hätten Berufung eingelegt. Er focht überdies die<lb/>
Rechtmäßigkeit des Urteils an, befahl nochmalige Unter&#x017F;uchung durch<lb/>
eine Synode, zu der er einen Legaten ent&#x017F;andte, und &#x017F;tellte von deren<lb/>
Urteil die Berufung nach Rom frei. Kein Zweifel, daß er damit dem<lb/>
Wun&#x017F;che Lothars nachkam, der inzwi&#x017F;chen wieder Hinkmar feind ge-<lb/>
worden war und, aus per&#x017F;önlichem Anlaß &#x017F;elb&#x017F;t aufgebracht, auch den<lb/>
Pap&#x017F;t aufzubringen gewußt hatte, &#x017F;o daß die&#x017F;er an die we&#x017F;tfränki&#x017F;chen<lb/>
Bi&#x017F;chöfe ein Schreiben erließ, in dem er Hinkmar &#x201E;hochmütig&#x201C;, &#x201E;un-<lb/>
gehor&#x017F;am&#x201C;, &#x201E;Vater der Überheblichkeit&#x201C; und &#x201E;Er&#x017F;tling der Anmaßung&#x201C;<lb/>
nannte, ihn des Bruches &#x017F;eines Mönchsgelübdes zieh und ihm &#x017F;ogar<lb/>
rechtswidrige Be&#x017F;teigung des Stuhles von Reims vorwarf. Jnde&#x017F;&#x017F;en,<lb/>
es gelang, Lothar umzu&#x017F;timmen, und in Begleitung kai&#x017F;erlicher Ge-<lb/>
&#x017F;andten machten &#x017F;ich Hinkmars Boten auf nach Rom, um die Zurück-<lb/>
nahme der früheren Anordnungen zu erwirken. Sie fanden Leo nicht<lb/>
mehr am Leben, und &#x017F;ein Nachfolger, Benedikt <hi rendition="#aq">III</hi>., machte keine<lb/>
Schwierigkeiten. Er hatte &#x2014; warum, werden wir &#x017F;päter &#x017F;ehen &#x2014; allen<lb/>
Grund, den Wün&#x017F;chen des Kai&#x017F;ers entgegenzukommen. Der Berufung<lb/>
<fw place="bottom" type="sig"><hi rendition="#g">Haller</hi>, Das Pap&#x017F;ttum <hi rendition="#aq">II</hi><hi rendition="#sup">1</hi> 4</fw><lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[49/0058] Synode zu Soiſſons 853 geweiht, Prieſter und Diakone, und darunter einige Domherren, Hink- mar aber hatte dieſe Weihen nicht anerkannt und die Geiſtlichen, vier- zehn an Zahl, ihrer Stellen enthoben. Nach dem Tode Ebos beantragten ſie ihre Wiedereinſetzung. Sie hätte auf dem Wege der Begnadigung erfolgen können, Hinkmar aber zog es vor — warum, wiſſen wir nicht — das Recht walten zu laſſen. Er zwang die Antragſteller, eine förmliche Klage gegen ihn einzureichen, und ließ eine Reichsſynode in Soiſſons in Gegenwart des Königs das Urteil fällen (April 853). Ebos Abſetzung wurde für rechtskräftig, ſeine Wiedereinſetzung und demgemäß auch die von ihm nachher erteilten Weihen für ungültig, Hinkmars Einſetzung für ordnungsgemäß erklärt. Die Kläger hatten ihre Sache vollends ver- dorben, indem ſie ſie mit unwahren Angaben, die ſofort widerlegt werden konnten, ſogar mit einer gefälſchten Urkunde zu vertreten ſuchten. Der Fall hätte erledigt ſein müſſen, die Verurteilten jedoch beruhigten ſich nicht bei dem Spruch. Entgegen allem Recht und Herkommen wandten ſie ſich nach Rom und ſuchten dort ihr Recht. War es die Ant- wort hierauf, oder war es ein Zeichen, daß man ſich nicht ganz ſicher fühlte, die Synode beſchritt den gleichen Weg: ſie bemühte ſich beim Papſt um Beſtätigung ihrer Beſchlüſſe. Leo IV. lehnte ab. Dem Geſuch fehle die kaiſerliche Empfehlung, die Akten ſeien ihm nicht vorgelegt, und die Verurteilten hätten Berufung eingelegt. Er focht überdies die Rechtmäßigkeit des Urteils an, befahl nochmalige Unterſuchung durch eine Synode, zu der er einen Legaten entſandte, und ſtellte von deren Urteil die Berufung nach Rom frei. Kein Zweifel, daß er damit dem Wunſche Lothars nachkam, der inzwiſchen wieder Hinkmar feind ge- worden war und, aus perſönlichem Anlaß ſelbſt aufgebracht, auch den Papſt aufzubringen gewußt hatte, ſo daß dieſer an die weſtfränkiſchen Biſchöfe ein Schreiben erließ, in dem er Hinkmar „hochmütig“, „un- gehorſam“, „Vater der Überheblichkeit“ und „Erſtling der Anmaßung“ nannte, ihn des Bruches ſeines Mönchsgelübdes zieh und ihm ſogar rechtswidrige Beſteigung des Stuhles von Reims vorwarf. Jndeſſen, es gelang, Lothar umzuſtimmen, und in Begleitung kaiſerlicher Ge- ſandten machten ſich Hinkmars Boten auf nach Rom, um die Zurück- nahme der früheren Anordnungen zu erwirken. Sie fanden Leo nicht mehr am Leben, und ſein Nachfolger, Benedikt III., machte keine Schwierigkeiten. Er hatte — warum, werden wir ſpäter ſehen — allen Grund, den Wünſchen des Kaiſers entgegenzukommen. Der Berufung Haller, Das Papſttum II1 4

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/58
Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 49. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/58>, abgerufen am 27.01.2020.