Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

Bild:
<< vorherige Seite
Hinkmar von Reims

Manchen bedeutenden Kopf zählte die Geistlichkeit des Westreichs
in ihren Reihen, manchen Gelehrten und Schriftsteller von Rang. An
ihrer Spitze stand als erster Erzbischof Hinkmar von Reims. An Wissen
nahm er es mit jedem der Zeitgenossen auf und zeigte es gern in seinen
Schriften, in denen er die Belegstellen mit vollen Händen auszuschütten
liebte. Eigene, selbständige Gedanken darf man bei ihm nicht suchen, die
Gabe anmutiger Form ging ihm ab. Dafür ragte er hervor durch Kraft
und Geschicklichkeit, ruhige Sicherheit und Geschmeidigkeit im Handeln
und eine persönliche Uneigennützigkeit, die in dieser Zeit vereinzelt da-
steht. Hervorgegangen aus dem Kloster St. Denis, war er früh an den
Hof gekommen und schon von Ludwig I. ins Vertrauen gezogen worden,
Karl dem Kahlen hat er ebenso treu und selbstlos wie erfolgreich gedient.
Sein Verdienst war es, daß der Versuch Ludwigs des Deutschen, das
Westreich mit Unterstützung des Laienadels zu erobern (858/859), an
der Treue der Bischöfe scheiterte, die mit einer einzigen Ausnahme ge-
schlossen unter Hinkmars Führung an Karl festhielten. Auch als dieser
ihm mit Undank gelohnt, ihn einem Gegner preisgegeben und auf seinen
Sturz hingearbeitet hatte, hat Hinkmar nicht mit gleicher Münze ge-
zahlt, ist dem König nicht untreu geworden und hat noch dessen Nach-
folgern wertvolle Dienste geleistet. Gegenüber Rom war er zunächst von
der gleichen Gesinnung erfüllt, die seit einem Jahrhundert bei den Fran-
ken vorherrschte. Jm Nachfolger Petri sah er den Regenten der Kirche
und Richter der Bischöfe, dessen Wort zu gehorchen ihm Pflicht war.
Und doch ist gerade er dazu geführt worden, nach wiederholter Beugung
unter den Willen eines herrschlustigen Papstes, schließlich auf das Recht
des Widerstands gegen unbegründete Ansprüche sich zu besinnen, und
gegenüber Versuchen, die Verfassung der Kirche gemäß der neuen Lehre
von der Allgewalt Petri und seiner Nachfolger umzuwälzen, hat er die
alte Ordnung und das geltende Recht mit Nachdruck und Erfolg ver-
teidigt, der erste, der die Verehrung für die päpstliche Würde mit Selb-
ständigkeit der Bischöfe in den Grenzen ihres Amtes zu vereinigen suchte.

Seiner Erhebung auf den Stuhl von Reims waren Kämpfe voraus-
gegangen, unter deren Nachwirkung er durch länger als zwei Jahrzehnte
hat leiden müssen. Sie hingen zusammen mit den Bürgerkriegen, die
zwischen 833 und 843 das fränkische Reich erschüttert hatten. An dem
Sturz und der Selbstdemütigung Ludwigs I. (833) hatte Erzbischof
Ebo von Reims mit wenigen anderen Bischöfen in hervorragender Weise

Hinkmar von Reims

Manchen bedeutenden Kopf zählte die Geiſtlichkeit des Weſtreichs
in ihren Reihen, manchen Gelehrten und Schriftſteller von Rang. An
ihrer Spitze ſtand als erſter Erzbiſchof Hinkmar von Reims. An Wiſſen
nahm er es mit jedem der Zeitgenoſſen auf und zeigte es gern in ſeinen
Schriften, in denen er die Belegſtellen mit vollen Händen auszuſchütten
liebte. Eigene, ſelbſtändige Gedanken darf man bei ihm nicht ſuchen, die
Gabe anmutiger Form ging ihm ab. Dafür ragte er hervor durch Kraft
und Geſchicklichkeit, ruhige Sicherheit und Geſchmeidigkeit im Handeln
und eine perſönliche Uneigennützigkeit, die in dieſer Zeit vereinzelt da-
ſteht. Hervorgegangen aus dem Kloſter St. Denis, war er früh an den
Hof gekommen und ſchon von Ludwig I. ins Vertrauen gezogen worden,
Karl dem Kahlen hat er ebenſo treu und ſelbſtlos wie erfolgreich gedient.
Sein Verdienſt war es, daß der Verſuch Ludwigs des Deutſchen, das
Weſtreich mit Unterſtützung des Laienadels zu erobern (858/859), an
der Treue der Biſchöfe ſcheiterte, die mit einer einzigen Ausnahme ge-
ſchloſſen unter Hinkmars Führung an Karl feſthielten. Auch als dieſer
ihm mit Undank gelohnt, ihn einem Gegner preisgegeben und auf ſeinen
Sturz hingearbeitet hatte, hat Hinkmar nicht mit gleicher Münze ge-
zahlt, iſt dem König nicht untreu geworden und hat noch deſſen Nach-
folgern wertvolle Dienſte geleiſtet. Gegenüber Rom war er zunächſt von
der gleichen Geſinnung erfüllt, die ſeit einem Jahrhundert bei den Fran-
ken vorherrſchte. Jm Nachfolger Petri ſah er den Regenten der Kirche
und Richter der Biſchöfe, deſſen Wort zu gehorchen ihm Pflicht war.
Und doch iſt gerade er dazu geführt worden, nach wiederholter Beugung
unter den Willen eines herrſchluſtigen Papſtes, ſchließlich auf das Recht
des Widerſtands gegen unbegründete Anſprüche ſich zu beſinnen, und
gegenüber Verſuchen, die Verfaſſung der Kirche gemäß der neuen Lehre
von der Allgewalt Petri und ſeiner Nachfolger umzuwälzen, hat er die
alte Ordnung und das geltende Recht mit Nachdruck und Erfolg ver-
teidigt, der erſte, der die Verehrung für die päpſtliche Würde mit Selb-
ſtändigkeit der Biſchöfe in den Grenzen ihres Amtes zu vereinigen ſuchte.

Seiner Erhebung auf den Stuhl von Reims waren Kämpfe voraus-
gegangen, unter deren Nachwirkung er durch länger als zwei Jahrzehnte
hat leiden müſſen. Sie hingen zuſammen mit den Bürgerkriegen, die
zwiſchen 833 und 843 das fränkiſche Reich erſchüttert hatten. An dem
Sturz und der Selbſtdemütigung Ludwigs I. (833) hatte Erzbiſchof
Ebo von Reims mit wenigen anderen Biſchöfen in hervorragender Weiſe

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0056" n="47"/>
          <fw place="top" type="header"> <hi rendition="#g">Hinkmar von Reims</hi> </fw><lb/>
          <p>Manchen bedeutenden Kopf zählte die Gei&#x017F;tlichkeit des We&#x017F;treichs<lb/>
in ihren Reihen, manchen Gelehrten und Schrift&#x017F;teller von Rang. An<lb/>
ihrer Spitze &#x017F;tand als er&#x017F;ter Erzbi&#x017F;chof Hinkmar von Reims. An Wi&#x017F;&#x017F;en<lb/>
nahm er es mit jedem der Zeitgeno&#x017F;&#x017F;en auf und zeigte es gern in &#x017F;einen<lb/>
Schriften, in denen er die Beleg&#x017F;tellen mit vollen Händen auszu&#x017F;chütten<lb/>
liebte. Eigene, &#x017F;elb&#x017F;tändige Gedanken darf man bei ihm nicht &#x017F;uchen, die<lb/>
Gabe anmutiger Form ging ihm ab. Dafür ragte er hervor durch Kraft<lb/>
und Ge&#x017F;chicklichkeit, ruhige Sicherheit und Ge&#x017F;chmeidigkeit im Handeln<lb/>
und eine per&#x017F;önliche Uneigennützigkeit, die in die&#x017F;er Zeit vereinzelt da-<lb/>
&#x017F;teht. Hervorgegangen aus dem Klo&#x017F;ter St. Denis, war er früh an den<lb/>
Hof gekommen und &#x017F;chon von Ludwig <hi rendition="#aq">I</hi>. ins Vertrauen gezogen worden,<lb/>
Karl dem Kahlen hat er eben&#x017F;o treu und &#x017F;elb&#x017F;tlos wie erfolgreich gedient.<lb/>
Sein Verdien&#x017F;t war es, daß der Ver&#x017F;uch Ludwigs des Deut&#x017F;chen, das<lb/>
We&#x017F;treich mit Unter&#x017F;tützung des Laienadels zu erobern (858/859), an<lb/>
der Treue der Bi&#x017F;chöfe &#x017F;cheiterte, die mit einer einzigen Ausnahme ge-<lb/>
&#x017F;chlo&#x017F;&#x017F;en unter Hinkmars Führung an Karl fe&#x017F;thielten. Auch als die&#x017F;er<lb/>
ihm mit Undank gelohnt, ihn einem Gegner preisgegeben und auf &#x017F;einen<lb/>
Sturz hingearbeitet hatte, hat Hinkmar nicht mit gleicher Münze ge-<lb/>
zahlt, i&#x017F;t dem König nicht untreu geworden und hat noch de&#x017F;&#x017F;en Nach-<lb/>
folgern wertvolle Dien&#x017F;te gelei&#x017F;tet. Gegenüber Rom war er zunäch&#x017F;t von<lb/>
der gleichen Ge&#x017F;innung erfüllt, die &#x017F;eit einem Jahrhundert bei den Fran-<lb/>
ken vorherr&#x017F;chte. Jm Nachfolger Petri &#x017F;ah er den Regenten der Kirche<lb/>
und Richter der Bi&#x017F;chöfe, de&#x017F;&#x017F;en Wort zu gehorchen ihm Pflicht war.<lb/>
Und doch i&#x017F;t gerade er dazu geführt worden, nach wiederholter Beugung<lb/>
unter den Willen eines herr&#x017F;chlu&#x017F;tigen Pap&#x017F;tes, &#x017F;chließlich auf das Recht<lb/>
des Wider&#x017F;tands gegen unbegründete An&#x017F;prüche &#x017F;ich zu be&#x017F;innen, und<lb/>
gegenüber Ver&#x017F;uchen, die Verfa&#x017F;&#x017F;ung der Kirche gemäß der neuen Lehre<lb/>
von der Allgewalt Petri und &#x017F;einer Nachfolger umzuwälzen, hat er die<lb/>
alte Ordnung und das geltende Recht mit Nachdruck und Erfolg ver-<lb/>
teidigt, der er&#x017F;te, der die Verehrung für die päp&#x017F;tliche Würde mit Selb-<lb/>
&#x017F;tändigkeit der Bi&#x017F;chöfe in den Grenzen ihres Amtes zu vereinigen &#x017F;uchte.</p><lb/>
          <p>Seiner Erhebung auf den Stuhl von Reims waren Kämpfe voraus-<lb/>
gegangen, unter deren Nachwirkung er durch länger als zwei Jahrzehnte<lb/>
hat leiden mü&#x017F;&#x017F;en. Sie hingen zu&#x017F;ammen mit den Bürgerkriegen, die<lb/>
zwi&#x017F;chen 833 und 843 das fränki&#x017F;che Reich er&#x017F;chüttert hatten. An dem<lb/>
Sturz und der Selb&#x017F;tdemütigung Ludwigs <hi rendition="#aq">I</hi>. (833) hatte Erzbi&#x017F;chof<lb/>
Ebo von Reims mit wenigen anderen Bi&#x017F;chöfen in hervorragender Wei&#x017F;e<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[47/0056] Hinkmar von Reims Manchen bedeutenden Kopf zählte die Geiſtlichkeit des Weſtreichs in ihren Reihen, manchen Gelehrten und Schriftſteller von Rang. An ihrer Spitze ſtand als erſter Erzbiſchof Hinkmar von Reims. An Wiſſen nahm er es mit jedem der Zeitgenoſſen auf und zeigte es gern in ſeinen Schriften, in denen er die Belegſtellen mit vollen Händen auszuſchütten liebte. Eigene, ſelbſtändige Gedanken darf man bei ihm nicht ſuchen, die Gabe anmutiger Form ging ihm ab. Dafür ragte er hervor durch Kraft und Geſchicklichkeit, ruhige Sicherheit und Geſchmeidigkeit im Handeln und eine perſönliche Uneigennützigkeit, die in dieſer Zeit vereinzelt da- ſteht. Hervorgegangen aus dem Kloſter St. Denis, war er früh an den Hof gekommen und ſchon von Ludwig I. ins Vertrauen gezogen worden, Karl dem Kahlen hat er ebenſo treu und ſelbſtlos wie erfolgreich gedient. Sein Verdienſt war es, daß der Verſuch Ludwigs des Deutſchen, das Weſtreich mit Unterſtützung des Laienadels zu erobern (858/859), an der Treue der Biſchöfe ſcheiterte, die mit einer einzigen Ausnahme ge- ſchloſſen unter Hinkmars Führung an Karl feſthielten. Auch als dieſer ihm mit Undank gelohnt, ihn einem Gegner preisgegeben und auf ſeinen Sturz hingearbeitet hatte, hat Hinkmar nicht mit gleicher Münze ge- zahlt, iſt dem König nicht untreu geworden und hat noch deſſen Nach- folgern wertvolle Dienſte geleiſtet. Gegenüber Rom war er zunächſt von der gleichen Geſinnung erfüllt, die ſeit einem Jahrhundert bei den Fran- ken vorherrſchte. Jm Nachfolger Petri ſah er den Regenten der Kirche und Richter der Biſchöfe, deſſen Wort zu gehorchen ihm Pflicht war. Und doch iſt gerade er dazu geführt worden, nach wiederholter Beugung unter den Willen eines herrſchluſtigen Papſtes, ſchließlich auf das Recht des Widerſtands gegen unbegründete Anſprüche ſich zu beſinnen, und gegenüber Verſuchen, die Verfaſſung der Kirche gemäß der neuen Lehre von der Allgewalt Petri und ſeiner Nachfolger umzuwälzen, hat er die alte Ordnung und das geltende Recht mit Nachdruck und Erfolg ver- teidigt, der erſte, der die Verehrung für die päpſtliche Würde mit Selb- ſtändigkeit der Biſchöfe in den Grenzen ihres Amtes zu vereinigen ſuchte. Seiner Erhebung auf den Stuhl von Reims waren Kämpfe voraus- gegangen, unter deren Nachwirkung er durch länger als zwei Jahrzehnte hat leiden müſſen. Sie hingen zuſammen mit den Bürgerkriegen, die zwiſchen 833 und 843 das fränkiſche Reich erſchüttert hatten. An dem Sturz und der Selbſtdemütigung Ludwigs I. (833) hatte Erzbiſchof Ebo von Reims mit wenigen anderen Biſchöfen in hervorragender Weiſe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/56
Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 47. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/56>, abgerufen am 12.12.2019.