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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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König und Bischöfe
Dem entsprach die Übung. Was seit Bonifaz durch Gewohnheit hinzu-
gekommen war, beschränkte sich auf das, was wir soeben kennengelernt
haben: Palliumverleihung, Neuordnung von Kirchenbezirken und --
wohl das wichtigste, aber, wie wir im Falle Drogos von Metz sahen,
nicht unbestritten -- Bestellung von bevollmächtigten Vertretern.

Soweit das Recht. Man sieht, wie sehr es hinter dem zurückblieb,
was aus den religiösen Vorstellungen sich ergab, mit denen seit der
Wirksamkeit des Bonifatius der Nachfolger des heiligen Petrus um-
kleidet war. Da zeigt sich, wie fremd der alten Kirche diese Vorstellungen
gewesen waren, wie wenig der neue Glaube dem alten Recht entsprach.
Der Widerspruch mußte empfunden werden, sobald der Versuch ge-
macht wurde, die Macht des Papstes im Sinne der herrschenden Vor-
stellungen zu besonderen Zwecken innerhalb des Rechtes und der Ver-
waltung der Kirche zu benutzen. Das ist geschehen und hat zu den merk-
würdigsten Folgen geführt; es gab den Anstoß zu dem Wagnis, das
geltende, auf alte Gewohnheit und schriftliche Satzung gegründete Recht
zu verdrängen durch Erfindung einer noch älteren Gewohnheit und noch
älterer schriftlicher Satzungen.

Angesehen und einflußreich wie nirgends sonst war der Stand der
Bischöfe im Reiche Karls des Kahlen. Anfangs hatte die Wage noch
geschwankt zwischen ihnen und den Laienfürsten. Bald aber begriff der
junge König, wo seine festere Stütze sei, und schloß den Bund mit den
Bischöfen, der den Bedürfnissen beider Teile entsprach. Wohl opferte
die Kirche dabei ihre Freiheit, da der König die Besetzung der Bistümer
beherrschte, sich manchen Eingriff in das Kirchengut erlaubte und den
Verkehr mit der Außenwelt streng überwachte, so daß man die Bischöfe
ebensogut für Staatsdiener wie für Diener der Kirche halten konnte.
Aber sie gewannen dafür, was ihnen vor allem wichtig war, Schutz
gegen die Laienfürsten, von denen sie noch gründlicher beherrscht und aus-
genutzt und ihrer Besitzungen beraubt worden wären. Gegenüber dieser
Gefahr war Anschluß an die Krone und Unterwerfung unter sie das Ge-
gebene. Dem Laienadel hätten die Bischöfe dienen müssen ohne Entgelt,
im Dienst des Königs hatten sie Anteil an der Regierung des Staates,
zumal wenn der Herrscher ihnen durch persönliche Teilnahme am geistigen
Leben, an Wissenschaft und Schrifttum so nahe stand wie Karl der
Kahle, wenigstens in diesem einen Zuge an den Großvater erinnernd.

König und Biſchöfe
Dem entſprach die Übung. Was ſeit Bonifaz durch Gewohnheit hinzu-
gekommen war, beſchränkte ſich auf das, was wir ſoeben kennengelernt
haben: Palliumverleihung, Neuordnung von Kirchenbezirken und —
wohl das wichtigſte, aber, wie wir im Falle Drogos von Metz ſahen,
nicht unbeſtritten — Beſtellung von bevollmächtigten Vertretern.

Soweit das Recht. Man ſieht, wie ſehr es hinter dem zurückblieb,
was aus den religiöſen Vorſtellungen ſich ergab, mit denen ſeit der
Wirkſamkeit des Bonifatius der Nachfolger des heiligen Petrus um-
kleidet war. Da zeigt ſich, wie fremd der alten Kirche dieſe Vorſtellungen
geweſen waren, wie wenig der neue Glaube dem alten Recht entſprach.
Der Widerſpruch mußte empfunden werden, ſobald der Verſuch ge-
macht wurde, die Macht des Papſtes im Sinne der herrſchenden Vor-
ſtellungen zu beſonderen Zwecken innerhalb des Rechtes und der Ver-
waltung der Kirche zu benutzen. Das iſt geſchehen und hat zu den merk-
würdigſten Folgen geführt; es gab den Anſtoß zu dem Wagnis, das
geltende, auf alte Gewohnheit und ſchriftliche Satzung gegründete Recht
zu verdrängen durch Erfindung einer noch älteren Gewohnheit und noch
älterer ſchriftlicher Satzungen.

Angeſehen und einflußreich wie nirgends ſonſt war der Stand der
Biſchöfe im Reiche Karls des Kahlen. Anfangs hatte die Wage noch
geſchwankt zwiſchen ihnen und den Laienfürſten. Bald aber begriff der
junge König, wo ſeine feſtere Stütze ſei, und ſchloß den Bund mit den
Biſchöfen, der den Bedürfniſſen beider Teile entſprach. Wohl opferte
die Kirche dabei ihre Freiheit, da der König die Beſetzung der Bistümer
beherrſchte, ſich manchen Eingriff in das Kirchengut erlaubte und den
Verkehr mit der Außenwelt ſtreng überwachte, ſo daß man die Biſchöfe
ebenſogut für Staatsdiener wie für Diener der Kirche halten konnte.
Aber ſie gewannen dafür, was ihnen vor allem wichtig war, Schutz
gegen die Laienfürſten, von denen ſie noch gründlicher beherrſcht und aus-
genutzt und ihrer Beſitzungen beraubt worden wären. Gegenüber dieſer
Gefahr war Anſchluß an die Krone und Unterwerfung unter ſie das Ge-
gebene. Dem Laienadel hätten die Biſchöfe dienen müſſen ohne Entgelt,
im Dienſt des Königs hatten ſie Anteil an der Regierung des Staates,
zumal wenn der Herrſcher ihnen durch perſönliche Teilnahme am geiſtigen
Leben, an Wiſſenſchaft und Schrifttum ſo nahe ſtand wie Karl der
Kahle, wenigſtens in dieſem einen Zuge an den Großvater erinnernd.

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[46/0055] König und Biſchöfe Dem entſprach die Übung. Was ſeit Bonifaz durch Gewohnheit hinzu- gekommen war, beſchränkte ſich auf das, was wir ſoeben kennengelernt haben: Palliumverleihung, Neuordnung von Kirchenbezirken und — wohl das wichtigſte, aber, wie wir im Falle Drogos von Metz ſahen, nicht unbeſtritten — Beſtellung von bevollmächtigten Vertretern. Soweit das Recht. Man ſieht, wie ſehr es hinter dem zurückblieb, was aus den religiöſen Vorſtellungen ſich ergab, mit denen ſeit der Wirkſamkeit des Bonifatius der Nachfolger des heiligen Petrus um- kleidet war. Da zeigt ſich, wie fremd der alten Kirche dieſe Vorſtellungen geweſen waren, wie wenig der neue Glaube dem alten Recht entſprach. Der Widerſpruch mußte empfunden werden, ſobald der Verſuch ge- macht wurde, die Macht des Papſtes im Sinne der herrſchenden Vor- ſtellungen zu beſonderen Zwecken innerhalb des Rechtes und der Ver- waltung der Kirche zu benutzen. Das iſt geſchehen und hat zu den merk- würdigſten Folgen geführt; es gab den Anſtoß zu dem Wagnis, das geltende, auf alte Gewohnheit und ſchriftliche Satzung gegründete Recht zu verdrängen durch Erfindung einer noch älteren Gewohnheit und noch älterer ſchriftlicher Satzungen. Angeſehen und einflußreich wie nirgends ſonſt war der Stand der Biſchöfe im Reiche Karls des Kahlen. Anfangs hatte die Wage noch geſchwankt zwiſchen ihnen und den Laienfürſten. Bald aber begriff der junge König, wo ſeine feſtere Stütze ſei, und ſchloß den Bund mit den Biſchöfen, der den Bedürfniſſen beider Teile entſprach. Wohl opferte die Kirche dabei ihre Freiheit, da der König die Beſetzung der Bistümer beherrſchte, ſich manchen Eingriff in das Kirchengut erlaubte und den Verkehr mit der Außenwelt ſtreng überwachte, ſo daß man die Biſchöfe ebenſogut für Staatsdiener wie für Diener der Kirche halten konnte. Aber ſie gewannen dafür, was ihnen vor allem wichtig war, Schutz gegen die Laienfürſten, von denen ſie noch gründlicher beherrſcht und aus- genutzt und ihrer Beſitzungen beraubt worden wären. Gegenüber dieſer Gefahr war Anſchluß an die Krone und Unterwerfung unter ſie das Ge- gebene. Dem Laienadel hätten die Biſchöfe dienen müſſen ohne Entgelt, im Dienſt des Königs hatten ſie Anteil an der Regierung des Staates, zumal wenn der Herrſcher ihnen durch perſönliche Teilnahme am geiſtigen Leben, an Wiſſenſchaft und Schrifttum ſo nahe ſtand wie Karl der Kahle, wenigſtens in dieſem einen Zuge an den Großvater erinnernd.

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 46. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/55>, abgerufen am 06.12.2019.