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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Papst und Kirchenverfassung
gesinnte Patriarch von Grado vertrieben worden. Auf Karls Antrag
verfügte Leo III., er dürfe bis zu seiner Zurückführung das Bistum
Pola verwalten. Die Beispiele zeigen, daß dem Papst ein oberstes Recht
der Verwaltung über alle Kirchen zugestanden wurde. Aber doch nur
ein oberstes, kein unmittelbares. Wer ein solches in Anspruch genommen
hätte, würde sich in Widerspruch gesetzt haben mit eingelebter Gewohn-
heit. Und nicht nur dies. Seit Karl die Gesetzsammlung des Dionysius
von Hadrian I. erbeten und erhalten hatte, besaß die fränkische Kirche
ein geschriebenes Recht, ein altehrwürdiges Recht, das in der römischen
Kirche von jeher galt. Danach war ihre Verfassung neu geordnet wor-
den, danach verwaltete sie sich. Organe ihrer Selbstverwaltung waren
wie im Altertum seit Nikäa die Synoden, des Bischofs mit den Geist-
lichen der Diözese, des Metropoliten, nunmehr Erzbischof genannt, mit
den Bischöfen der Provinz. Nach Bedarf traten auch mehrere Pro-
vinzen zu einer allgemeinen Synode, einem Concilium generale zusam-
men, das dann als kirchliche Vertretung des Reiches galt. Als Führer
und Regenten erscheinen die Erzbischöfe; sie setzen die Bischöfe ein, be-
rufen und leiten die Synoden, an deren Mitwirkung sie gebunden sind.
Wieweit sie ihre Provinz beherrschen, hängt von persönlichen Eigen-
schaften ab. Unbestimmt ist demgegenüber die Stellung des Papstes.
Wichtige Angelegenheiten (causae maiores) sind ihm vorzulegen; so
las man in einem Schreiben Jnnozenz' I. Aber was "wichtig" sei, war
nirgends gesagt. Nach der Auffassung früherer Zeiten durfte man dar-
unter solche Dinge verstehen, die für die ganze Kirche, sei es unmittelbar
oder mittelbar, von Bedeutung waren, nicht mehr. Durch die Beschlüsse
der Synode von Serdika (342) war dem verurteilten Bischof die Be-
rufung an den Papst freigestellt, der dann ein neues Verfahren anordnen
und dazu nach Belieben seine Vertreter entsenden konnte. Jm übrigen
erschien seine Stellung an der Spitze der Kirchen vorzugsweise als die
eines Beraters in schwierigen Fragen, eines Hüters echter Überlieferung
in Glauben, Recht und Sitte. Allzuoft ist er nicht in die Lage gekommen,
diese Rolle zu spielen. Wir kennen aus den zwei Menschenaltern seit
dem Tode Hadrians I. kaum ein halbes Dutzend solcher Responsa, in
denen der Papst, wie in alter Zeit, auf Anfrage Auskunft erteilt. Die
kaiserlichen Erlasse des vierten und fünften Jahrhunderts, die ihm
weitergehende Befugnisse verliehen, kannte man nicht, sie standen nicht
im Gesetzbuch des Dionysius und waren längst in Vergessenheit geraten.

Papſt und Kirchenverfaſſung
geſinnte Patriarch von Grado vertrieben worden. Auf Karls Antrag
verfügte Leo III., er dürfe bis zu ſeiner Zurückführung das Bistum
Pola verwalten. Die Beiſpiele zeigen, daß dem Papſt ein oberſtes Recht
der Verwaltung über alle Kirchen zugeſtanden wurde. Aber doch nur
ein oberſtes, kein unmittelbares. Wer ein ſolches in Anſpruch genommen
hätte, würde ſich in Widerſpruch geſetzt haben mit eingelebter Gewohn-
heit. Und nicht nur dies. Seit Karl die Geſetzſammlung des Dionyſius
von Hadrian I. erbeten und erhalten hatte, beſaß die fränkiſche Kirche
ein geſchriebenes Recht, ein altehrwürdiges Recht, das in der römiſchen
Kirche von jeher galt. Danach war ihre Verfaſſung neu geordnet wor-
den, danach verwaltete ſie ſich. Organe ihrer Selbſtverwaltung waren
wie im Altertum ſeit Nikäa die Synoden, des Biſchofs mit den Geiſt-
lichen der Diözeſe, des Metropoliten, nunmehr Erzbiſchof genannt, mit
den Biſchöfen der Provinz. Nach Bedarf traten auch mehrere Pro-
vinzen zu einer allgemeinen Synode, einem Concilium generale zuſam-
men, das dann als kirchliche Vertretung des Reiches galt. Als Führer
und Regenten erſcheinen die Erzbiſchöfe; ſie ſetzen die Biſchöfe ein, be-
rufen und leiten die Synoden, an deren Mitwirkung ſie gebunden ſind.
Wieweit ſie ihre Provinz beherrſchen, hängt von perſönlichen Eigen-
ſchaften ab. Unbeſtimmt iſt demgegenüber die Stellung des Papſtes.
Wichtige Angelegenheiten (causae maiores) ſind ihm vorzulegen; ſo
las man in einem Schreiben Jnnozenz' I. Aber was „wichtig“ ſei, war
nirgends geſagt. Nach der Auffaſſung früherer Zeiten durfte man dar-
unter ſolche Dinge verſtehen, die für die ganze Kirche, ſei es unmittelbar
oder mittelbar, von Bedeutung waren, nicht mehr. Durch die Beſchlüſſe
der Synode von Serdika (342) war dem verurteilten Biſchof die Be-
rufung an den Papſt freigeſtellt, der dann ein neues Verfahren anordnen
und dazu nach Belieben ſeine Vertreter entſenden konnte. Jm übrigen
erſchien ſeine Stellung an der Spitze der Kirchen vorzugsweiſe als die
eines Beraters in ſchwierigen Fragen, eines Hüters echter Überlieferung
in Glauben, Recht und Sitte. Allzuoft iſt er nicht in die Lage gekommen,
dieſe Rolle zu ſpielen. Wir kennen aus den zwei Menſchenaltern ſeit
dem Tode Hadrians I. kaum ein halbes Dutzend ſolcher Responsa, in
denen der Papſt, wie in alter Zeit, auf Anfrage Auskunft erteilt. Die
kaiſerlichen Erlaſſe des vierten und fünften Jahrhunderts, die ihm
weitergehende Befugniſſe verliehen, kannte man nicht, ſie ſtanden nicht
im Geſetzbuch des Dionyſius und waren längſt in Vergeſſenheit geraten.

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[45/0054] Papſt und Kirchenverfaſſung geſinnte Patriarch von Grado vertrieben worden. Auf Karls Antrag verfügte Leo III., er dürfe bis zu ſeiner Zurückführung das Bistum Pola verwalten. Die Beiſpiele zeigen, daß dem Papſt ein oberſtes Recht der Verwaltung über alle Kirchen zugeſtanden wurde. Aber doch nur ein oberſtes, kein unmittelbares. Wer ein ſolches in Anſpruch genommen hätte, würde ſich in Widerſpruch geſetzt haben mit eingelebter Gewohn- heit. Und nicht nur dies. Seit Karl die Geſetzſammlung des Dionyſius von Hadrian I. erbeten und erhalten hatte, beſaß die fränkiſche Kirche ein geſchriebenes Recht, ein altehrwürdiges Recht, das in der römiſchen Kirche von jeher galt. Danach war ihre Verfaſſung neu geordnet wor- den, danach verwaltete ſie ſich. Organe ihrer Selbſtverwaltung waren wie im Altertum ſeit Nikäa die Synoden, des Biſchofs mit den Geiſt- lichen der Diözeſe, des Metropoliten, nunmehr Erzbiſchof genannt, mit den Biſchöfen der Provinz. Nach Bedarf traten auch mehrere Pro- vinzen zu einer allgemeinen Synode, einem Concilium generale zuſam- men, das dann als kirchliche Vertretung des Reiches galt. Als Führer und Regenten erſcheinen die Erzbiſchöfe; ſie ſetzen die Biſchöfe ein, be- rufen und leiten die Synoden, an deren Mitwirkung ſie gebunden ſind. Wieweit ſie ihre Provinz beherrſchen, hängt von perſönlichen Eigen- ſchaften ab. Unbeſtimmt iſt demgegenüber die Stellung des Papſtes. Wichtige Angelegenheiten (causae maiores) ſind ihm vorzulegen; ſo las man in einem Schreiben Jnnozenz' I. Aber was „wichtig“ ſei, war nirgends geſagt. Nach der Auffaſſung früherer Zeiten durfte man dar- unter ſolche Dinge verſtehen, die für die ganze Kirche, ſei es unmittelbar oder mittelbar, von Bedeutung waren, nicht mehr. Durch die Beſchlüſſe der Synode von Serdika (342) war dem verurteilten Biſchof die Be- rufung an den Papſt freigeſtellt, der dann ein neues Verfahren anordnen und dazu nach Belieben ſeine Vertreter entſenden konnte. Jm übrigen erſchien ſeine Stellung an der Spitze der Kirchen vorzugsweiſe als die eines Beraters in ſchwierigen Fragen, eines Hüters echter Überlieferung in Glauben, Recht und Sitte. Allzuoft iſt er nicht in die Lage gekommen, dieſe Rolle zu ſpielen. Wir kennen aus den zwei Menſchenaltern ſeit dem Tode Hadrians I. kaum ein halbes Dutzend ſolcher Responsa, in denen der Papſt, wie in alter Zeit, auf Anfrage Auskunft erteilt. Die kaiſerlichen Erlaſſe des vierten und fünften Jahrhunderts, die ihm weitergehende Befugniſſe verliehen, kannte man nicht, ſie ſtanden nicht im Geſetzbuch des Dionyſius und waren längſt in Vergeſſenheit geraten.

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 45. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/54>, abgerufen am 13.12.2019.