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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Papst und Kirchenverfassung
pen des alten Kaisers bewogen wurden, zu den Söhnen überzugehen?
Das Ergebnis, Gefangennahme und Entthronung Ludwigs durch Lothar,
soll gar nicht nach seinem Sinn gewesen sein und er die Heimreise an-
getreten haben, bereuend, daß er gekommen war. Er war wohl selbst
von denen, die ihn benutzten, hintergangen worden. Erfolg hatte er nicht
gehabt, da der sogleich einsetzende Streit der Kaisersöhne die Reichs-
einheit noch gründlicher zerstörte, als die Maßregeln Ludwigs es getan
hätten; und Ehre hatte ihm seine Einmischung bei den Franken erst recht
nicht gebracht.

Die Frage, vor die der fränkische hohe Klerus bei diesem Anlaß ge-
stellt war, ist eine von denen, die nie entschieden worden sind: Wieweit
steht dem Papst kraft seiner von Petrus ererbten religiösen Amtsgewalt
ein Recht zu, in Angelegenheiten des Staates zu befehlen? Darauf
haben alle Jahrhunderte verschiedene Antworten gehört, kein Wunder
also, daß sie auch damals widersprechend lauteten. Aber wußte man denn,
wie innerhalb der Kirche selbst die Befugnisse des Papstes gegen die der
Landesbischöfe sich abgrenzten? Gab es da überhaupt eine Grenze?
Wenn man ihm zuerkannte, daß in ihm die Vollmacht Petri, zu binden
und zu lösen, fortwirkte, und wenn man diese Vollmacht so verstand, wie
Bonifatius und die Angelsachsen gelehrt hatten, daß sein Wort jedem
einzelnen den Himmel öffnete und schloß, gab es dann ihm gegenüber noch
ein selbständiges Recht in der Kirche? War nicht die unvermeidliche
Folgerung die, daß die Befehle Roms widerspruchslosen Gehorsam ver-
langten, gleichviel wem sie galten und was sie enthielten? Mit andern
Worten, daß der Papst unumschränkter Herr und Gebieter über Bischöfe
und Geistliche jeden Ranges sei? Diese Folgerung ist bis zur Mitte
des Jahrhunderts nicht gezogen worden, weder in der Lehre noch im
Leben. Daß die Erzbischöfe, um ihr Amt ausüben zu können, das Pal-
lium von Rom zu empfangen hatten, war seit der Wiederherstellung des
Provinzialverbandes gewohnheitsmäßig anerkannter Rechtssatz. Daß
neue Kirchenbezirke durch päpstliche Verfügung geschaffen werden müß-
ten, war es nicht weniger. Als Erzbischof Ebo von Reims, dem Beispiel
des Bonifatius folgend, als Missionar zu den heidnischen Dänen und
Schweden zog (822), ließ er sich Auftrag und Vollmacht am Grabe
Sankt Peters erteilen, und durch päpstliche Verordnung wurde in seinem
Wirkungsfeld das Erzbistum Hamburg geschaffen. Während des Krie-
ges gegen die Griechen im Anfang des Jahrhunderts war der fränkisch

Papſt und Kirchenverfaſſung
pen des alten Kaiſers bewogen wurden, zu den Söhnen überzugehen?
Das Ergebnis, Gefangennahme und Entthronung Ludwigs durch Lothar,
ſoll gar nicht nach ſeinem Sinn geweſen ſein und er die Heimreiſe an-
getreten haben, bereuend, daß er gekommen war. Er war wohl ſelbſt
von denen, die ihn benutzten, hintergangen worden. Erfolg hatte er nicht
gehabt, da der ſogleich einſetzende Streit der Kaiſerſöhne die Reichs-
einheit noch gründlicher zerſtörte, als die Maßregeln Ludwigs es getan
hätten; und Ehre hatte ihm ſeine Einmiſchung bei den Franken erſt recht
nicht gebracht.

Die Frage, vor die der fränkiſche hohe Klerus bei dieſem Anlaß ge-
ſtellt war, iſt eine von denen, die nie entſchieden worden ſind: Wieweit
ſteht dem Papſt kraft ſeiner von Petrus ererbten religiöſen Amtsgewalt
ein Recht zu, in Angelegenheiten des Staates zu befehlen? Darauf
haben alle Jahrhunderte verſchiedene Antworten gehört, kein Wunder
alſo, daß ſie auch damals widerſprechend lauteten. Aber wußte man denn,
wie innerhalb der Kirche ſelbſt die Befugniſſe des Papſtes gegen die der
Landesbiſchöfe ſich abgrenzten? Gab es da überhaupt eine Grenze?
Wenn man ihm zuerkannte, daß in ihm die Vollmacht Petri, zu binden
und zu löſen, fortwirkte, und wenn man dieſe Vollmacht ſo verſtand, wie
Bonifatius und die Angelſachſen gelehrt hatten, daß ſein Wort jedem
einzelnen den Himmel öffnete und ſchloß, gab es dann ihm gegenüber noch
ein ſelbſtändiges Recht in der Kirche? War nicht die unvermeidliche
Folgerung die, daß die Befehle Roms widerſpruchsloſen Gehorſam ver-
langten, gleichviel wem ſie galten und was ſie enthielten? Mit andern
Worten, daß der Papſt unumſchränkter Herr und Gebieter über Biſchöfe
und Geiſtliche jeden Ranges ſei? Dieſe Folgerung iſt bis zur Mitte
des Jahrhunderts nicht gezogen worden, weder in der Lehre noch im
Leben. Daß die Erzbiſchöfe, um ihr Amt ausüben zu können, das Pal-
lium von Rom zu empfangen hatten, war ſeit der Wiederherſtellung des
Provinzialverbandes gewohnheitsmäßig anerkannter Rechtsſatz. Daß
neue Kirchenbezirke durch päpſtliche Verfügung geſchaffen werden müß-
ten, war es nicht weniger. Als Erzbiſchof Ebo von Reims, dem Beiſpiel
des Bonifatius folgend, als Miſſionar zu den heidniſchen Dänen und
Schweden zog (822), ließ er ſich Auftrag und Vollmacht am Grabe
Sankt Peters erteilen, und durch päpſtliche Verordnung wurde in ſeinem
Wirkungsfeld das Erzbistum Hamburg geſchaffen. Während des Krie-
ges gegen die Griechen im Anfang des Jahrhunderts war der fränkiſch

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[44/0053] Papſt und Kirchenverfaſſung pen des alten Kaiſers bewogen wurden, zu den Söhnen überzugehen? Das Ergebnis, Gefangennahme und Entthronung Ludwigs durch Lothar, ſoll gar nicht nach ſeinem Sinn geweſen ſein und er die Heimreiſe an- getreten haben, bereuend, daß er gekommen war. Er war wohl ſelbſt von denen, die ihn benutzten, hintergangen worden. Erfolg hatte er nicht gehabt, da der ſogleich einſetzende Streit der Kaiſerſöhne die Reichs- einheit noch gründlicher zerſtörte, als die Maßregeln Ludwigs es getan hätten; und Ehre hatte ihm ſeine Einmiſchung bei den Franken erſt recht nicht gebracht. Die Frage, vor die der fränkiſche hohe Klerus bei dieſem Anlaß ge- ſtellt war, iſt eine von denen, die nie entſchieden worden ſind: Wieweit ſteht dem Papſt kraft ſeiner von Petrus ererbten religiöſen Amtsgewalt ein Recht zu, in Angelegenheiten des Staates zu befehlen? Darauf haben alle Jahrhunderte verſchiedene Antworten gehört, kein Wunder alſo, daß ſie auch damals widerſprechend lauteten. Aber wußte man denn, wie innerhalb der Kirche ſelbſt die Befugniſſe des Papſtes gegen die der Landesbiſchöfe ſich abgrenzten? Gab es da überhaupt eine Grenze? Wenn man ihm zuerkannte, daß in ihm die Vollmacht Petri, zu binden und zu löſen, fortwirkte, und wenn man dieſe Vollmacht ſo verſtand, wie Bonifatius und die Angelſachſen gelehrt hatten, daß ſein Wort jedem einzelnen den Himmel öffnete und ſchloß, gab es dann ihm gegenüber noch ein ſelbſtändiges Recht in der Kirche? War nicht die unvermeidliche Folgerung die, daß die Befehle Roms widerſpruchsloſen Gehorſam ver- langten, gleichviel wem ſie galten und was ſie enthielten? Mit andern Worten, daß der Papſt unumſchränkter Herr und Gebieter über Biſchöfe und Geiſtliche jeden Ranges ſei? Dieſe Folgerung iſt bis zur Mitte des Jahrhunderts nicht gezogen worden, weder in der Lehre noch im Leben. Daß die Erzbiſchöfe, um ihr Amt ausüben zu können, das Pal- lium von Rom zu empfangen hatten, war ſeit der Wiederherſtellung des Provinzialverbandes gewohnheitsmäßig anerkannter Rechtsſatz. Daß neue Kirchenbezirke durch päpſtliche Verfügung geſchaffen werden müß- ten, war es nicht weniger. Als Erzbiſchof Ebo von Reims, dem Beiſpiel des Bonifatius folgend, als Miſſionar zu den heidniſchen Dänen und Schweden zog (822), ließ er ſich Auftrag und Vollmacht am Grabe Sankt Peters erteilen, und durch päpſtliche Verordnung wurde in ſeinem Wirkungsfeld das Erzbistum Hamburg geſchaffen. Während des Krie- ges gegen die Griechen im Anfang des Jahrhunderts war der fränkiſch

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 44. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/53>, abgerufen am 13.12.2019.