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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Spanischer Einfluß
vermaßen. Daß ein Priester, der in päpstlichem Auftrag reiste, von
einem Bischof in fernem Land gefangengenommen und von Unbekannten
erschlagen wurde, wird mit der Wildheit eines neubekehrten Volkes --
es scheint im Norden geschehen -- zu erklären sein. Wie aber wäre das
Selbstgefühl, wie wäre der schroffe, ja geringschätzige Ton, mit dem in
der Bilderfrage und im Streit um die Glaubensformel die fränkische
Kirche der römischen widersprach, wie wären sie möglich gewesen, wenn
alle Welt die bedingungslose Unterwerfung unter römische Entschei-
dungen, die Bonifatius einst bekannt und gelehrt hatte, für religiöse
Pflicht gehalten hätte?

Neben dem angelsächsischen Einfluß wirkte im fränkischen Klerus
seit der Jahrhundertwende ein anderer, der spanische. Die spanische
Kirche hatte bei hoher Geistesbildung ihre Unabhängigkeit von Rom
immer gewahrt. Seit dem Ende des achten Jahrhunderts hatte sie so-
gar in der Glaubenslehre eigene Wege zu gehen versucht. Der Erzbischof
Elipand von Toledo, unter arabischer Herrschaft lebend, hatte den Satz
aufgestellt, Jesus als Mensch sei von Gott Vater zum Sohne ange-
nommen. Mit dieser Lehre hatte er weithin Anklang gefunden, auch
in dem von Karl eroberten Gebiet, wo der Bischof Felix von Urgel
sie vertrat. Daß der Papst sie verurteilte, hatte keine erkennbare Wir-
kung, ihm billigte man so wenig ein Vorzugsrecht der Entscheidung zu,
daß der Erzbischof von Toledo es schlechtweg für ketzerisch erklären
konnte, wenn jemand die angeblichen Herrenworte bei Matthäus vom
Felsen der Kirche und den Himmelsschlüsseln nur auf Rom bezog, da sie
doch der ganzen Kirche und allen Bischöfen gälten. Die "adoptianische"
Lehre ist in Spanien erst allmählich ausgestorben, nachdem Felix in
Rom (788) und Frankfurt (794) verurteilt, in die Verbannung abge-
führt und zum Widerruf bewogen war.

Zwischen der spanischen Kirche und der fränkischen hatten sich, seit
ein Teil Spaniens dem Reiche Karls einverleibt war, enge Beziehungen
gebildet. Spanier waren ins Frankenland eingewandert und hatten hohe
kirchliche Stellungen erreicht. So die Bischöfe Prudentius von Troyes,
Theodulf von Orleans, Agobard von Lyon und Claudius von Turin,
bedeutende und selbständige Theologen. Was die drei letzten eint --
von Prudentius ist es nicht bekannt -- ist ihre Gegnerschaft gegen die
Bilderverehrung. Wenn Theodulf, wie man vermutet hat, der Ver-
fasser von Karls Denkschrift über diese Frage war, würde deren freie

Spaniſcher Einfluß
vermaßen. Daß ein Prieſter, der in päpſtlichem Auftrag reiſte, von
einem Biſchof in fernem Land gefangengenommen und von Unbekannten
erſchlagen wurde, wird mit der Wildheit eines neubekehrten Volkes —
es ſcheint im Norden geſchehen — zu erklären ſein. Wie aber wäre das
Selbſtgefühl, wie wäre der ſchroffe, ja geringſchätzige Ton, mit dem in
der Bilderfrage und im Streit um die Glaubensformel die fränkiſche
Kirche der römiſchen widerſprach, wie wären ſie möglich geweſen, wenn
alle Welt die bedingungsloſe Unterwerfung unter römiſche Entſchei-
dungen, die Bonifatius einſt bekannt und gelehrt hatte, für religiöſe
Pflicht gehalten hätte?

Neben dem angelſächſiſchen Einfluß wirkte im fränkiſchen Klerus
ſeit der Jahrhundertwende ein anderer, der ſpaniſche. Die ſpaniſche
Kirche hatte bei hoher Geiſtesbildung ihre Unabhängigkeit von Rom
immer gewahrt. Seit dem Ende des achten Jahrhunderts hatte ſie ſo-
gar in der Glaubenslehre eigene Wege zu gehen verſucht. Der Erzbiſchof
Elipand von Toledo, unter arabiſcher Herrſchaft lebend, hatte den Satz
aufgeſtellt, Jeſus als Menſch ſei von Gott Vater zum Sohne ange-
nommen. Mit dieſer Lehre hatte er weithin Anklang gefunden, auch
in dem von Karl eroberten Gebiet, wo der Biſchof Felix von Urgel
ſie vertrat. Daß der Papſt ſie verurteilte, hatte keine erkennbare Wir-
kung, ihm billigte man ſo wenig ein Vorzugsrecht der Entſcheidung zu,
daß der Erzbiſchof von Toledo es ſchlechtweg für ketzeriſch erklären
konnte, wenn jemand die angeblichen Herrenworte bei Matthäus vom
Felſen der Kirche und den Himmelsſchlüſſeln nur auf Rom bezog, da ſie
doch der ganzen Kirche und allen Biſchöfen gälten. Die „adoptianiſche“
Lehre iſt in Spanien erſt allmählich ausgeſtorben, nachdem Felix in
Rom (788) und Frankfurt (794) verurteilt, in die Verbannung abge-
führt und zum Widerruf bewogen war.

Zwiſchen der ſpaniſchen Kirche und der fränkiſchen hatten ſich, ſeit
ein Teil Spaniens dem Reiche Karls einverleibt war, enge Beziehungen
gebildet. Spanier waren ins Frankenland eingewandert und hatten hohe
kirchliche Stellungen erreicht. So die Biſchöfe Prudentius von Troyes,
Theodulf von Orleans, Agobard von Lyon und Claudius von Turin,
bedeutende und ſelbſtändige Theologen. Was die drei letzten eint —
von Prudentius iſt es nicht bekannt — iſt ihre Gegnerſchaft gegen die
Bilderverehrung. Wenn Theodulf, wie man vermutet hat, der Ver-
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[42/0051] Spaniſcher Einfluß vermaßen. Daß ein Prieſter, der in päpſtlichem Auftrag reiſte, von einem Biſchof in fernem Land gefangengenommen und von Unbekannten erſchlagen wurde, wird mit der Wildheit eines neubekehrten Volkes — es ſcheint im Norden geſchehen — zu erklären ſein. Wie aber wäre das Selbſtgefühl, wie wäre der ſchroffe, ja geringſchätzige Ton, mit dem in der Bilderfrage und im Streit um die Glaubensformel die fränkiſche Kirche der römiſchen widerſprach, wie wären ſie möglich geweſen, wenn alle Welt die bedingungsloſe Unterwerfung unter römiſche Entſchei- dungen, die Bonifatius einſt bekannt und gelehrt hatte, für religiöſe Pflicht gehalten hätte? Neben dem angelſächſiſchen Einfluß wirkte im fränkiſchen Klerus ſeit der Jahrhundertwende ein anderer, der ſpaniſche. Die ſpaniſche Kirche hatte bei hoher Geiſtesbildung ihre Unabhängigkeit von Rom immer gewahrt. Seit dem Ende des achten Jahrhunderts hatte ſie ſo- gar in der Glaubenslehre eigene Wege zu gehen verſucht. Der Erzbiſchof Elipand von Toledo, unter arabiſcher Herrſchaft lebend, hatte den Satz aufgeſtellt, Jeſus als Menſch ſei von Gott Vater zum Sohne ange- nommen. Mit dieſer Lehre hatte er weithin Anklang gefunden, auch in dem von Karl eroberten Gebiet, wo der Biſchof Felix von Urgel ſie vertrat. Daß der Papſt ſie verurteilte, hatte keine erkennbare Wir- kung, ihm billigte man ſo wenig ein Vorzugsrecht der Entſcheidung zu, daß der Erzbiſchof von Toledo es ſchlechtweg für ketzeriſch erklären konnte, wenn jemand die angeblichen Herrenworte bei Matthäus vom Felſen der Kirche und den Himmelsſchlüſſeln nur auf Rom bezog, da ſie doch der ganzen Kirche und allen Biſchöfen gälten. Die „adoptianiſche“ Lehre iſt in Spanien erſt allmählich ausgeſtorben, nachdem Felix in Rom (788) und Frankfurt (794) verurteilt, in die Verbannung abge- führt und zum Widerruf bewogen war. Zwiſchen der ſpaniſchen Kirche und der fränkiſchen hatten ſich, ſeit ein Teil Spaniens dem Reiche Karls einverleibt war, enge Beziehungen gebildet. Spanier waren ins Frankenland eingewandert und hatten hohe kirchliche Stellungen erreicht. So die Biſchöfe Prudentius von Troyes, Theodulf von Orleans, Agobard von Lyon und Claudius von Turin, bedeutende und ſelbſtändige Theologen. Was die drei letzten eint — von Prudentius iſt es nicht bekannt — iſt ihre Gegnerſchaft gegen die Bilderverehrung. Wenn Theodulf, wie man vermutet hat, der Ver- faſſer von Karls Denkſchrift über dieſe Frage war, würde deren freie

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 42. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/51>, abgerufen am 10.12.2019.