Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

Bild:
<< vorherige Seite

Rückblick und Ausblick
sollen wir uns einreden, der Wunsch, möglichst viele Plätze an der
Tafel der kirchlichen Einkünfte freizumachen, sei dabei nicht beteiligt
gewesen? Was wir als unvermeidliche Begleiterscheinung aller Revo-
lutionen kennen, wird gewiß auch hier nicht ausgeblieben sein.

Das alles braucht man weder zu leugnen noch zu bemänteln, und wird
doch festhalten müssen, daß die stärkste Waffe, deren die Päpste sich
bedienen konnten, der Glaube gewesen ist. Hätten sich nicht Männer
und Frauen gefunden, zuerst wenige, dann immer mehr, die von der
gottgegebenen Macht des heiligen Petrus und seiner Amtserben tief
durchdrungen waren, so hätten weder die Lanzen der Normannen noch
das Geld der römischen Neuchristen noch alle diplomatischen Künste und
politischen Ränke den Sieg des Papstes herbeigeführt. Was ihn trium-
phieren ließ, war in letzter Linie doch die Jdee, die er vertrat: daß ihm
zustehe, den Himmel zu öffnen und zu verschließen. Sie gab ihm die
geheimnisvolle Kraft, auf die die Anhänger blind vertrauten, vor der
auch Widerstrebende immer wieder zusammenbrachen und sich beugten.
Wer das leugnete, könnte ebensogut behaupten, es seien die Räder,
die den Kraftwagen treiben. Der Sieg des Papsttums war der Sieg
einer Jdee. Daß die Gegner über keine gleich starke, gleich mächtige
verfügten, hat ihre Niederlage entschieden.

Jdeen gleichen den Pflanzen: sie brauchen Zeit, um zu wachsen, sie
bedürfen geeigneter Umgebung, um sich voll zu entfalten. Die Vor-
stellung von Petrus dem Türhüter des Paradieses im buchstäblichen
Sinn war in der Wurzel alt, aber zu ihrer ganzen Größe erwachsen
und aufgeblüht ist sie erst im Zeitalter der Kirchenreform, des Jnvestitur-
streits und der Kreuzzüge. Damals konnte sie mit allem, was sich aus ihr
entwickeln ließ, Gemeingut werden, damals hat ein religiöses Genie aus
ihr die letzte, kühnste Folgerung gezogen: daß dem, der über den Himmel
verfüge, von Rechts wegen auch die Erde gehöre. Ein gewaltiger Ge-
danke! Vielleicht hat der Menschengeist nie einen größeren hervorge-
bracht: die irdische Welt unter der Herrschaft eines Einzigen zusammen-
gefaßt, der sie kraft göttlicher Sendung regiert und durch die Vollmacht,
die ihm verliehen ist, ihren Zusammenhang mit dem Jenseits herstellt.
Die Zeitgenossen scheint das erschreckt zu haben, sie haben es sich nicht
zu eigen gemacht. Aber offen zurückgewiesen ist der Gedanke ebenso-
wenig. Er bildet das Vermächtnis, das der Kirche vom Märtyrer ihres
Rechts und ihrer Freiheit hinterlassen ist. Sie wird sich mit dieser Jdee

Rückblick und Ausblick
ſollen wir uns einreden, der Wunſch, möglichſt viele Plätze an der
Tafel der kirchlichen Einkünfte freizumachen, ſei dabei nicht beteiligt
geweſen? Was wir als unvermeidliche Begleiterſcheinung aller Revo-
lutionen kennen, wird gewiß auch hier nicht ausgeblieben ſein.

Das alles braucht man weder zu leugnen noch zu bemänteln, und wird
doch feſthalten müſſen, daß die ſtärkſte Waffe, deren die Päpſte ſich
bedienen konnten, der Glaube geweſen iſt. Hätten ſich nicht Männer
und Frauen gefunden, zuerſt wenige, dann immer mehr, die von der
gottgegebenen Macht des heiligen Petrus und ſeiner Amtserben tief
durchdrungen waren, ſo hätten weder die Lanzen der Normannen noch
das Geld der römiſchen Neuchriſten noch alle diplomatiſchen Künſte und
politiſchen Ränke den Sieg des Papſtes herbeigeführt. Was ihn trium-
phieren ließ, war in letzter Linie doch die Jdee, die er vertrat: daß ihm
zuſtehe, den Himmel zu öffnen und zu verſchließen. Sie gab ihm die
geheimnisvolle Kraft, auf die die Anhänger blind vertrauten, vor der
auch Widerſtrebende immer wieder zuſammenbrachen und ſich beugten.
Wer das leugnete, könnte ebenſogut behaupten, es ſeien die Räder,
die den Kraftwagen treiben. Der Sieg des Papſttums war der Sieg
einer Jdee. Daß die Gegner über keine gleich ſtarke, gleich mächtige
verfügten, hat ihre Niederlage entſchieden.

Jdeen gleichen den Pflanzen: ſie brauchen Zeit, um zu wachſen, ſie
bedürfen geeigneter Umgebung, um ſich voll zu entfalten. Die Vor-
ſtellung von Petrus dem Türhüter des Paradieſes im buchſtäblichen
Sinn war in der Wurzel alt, aber zu ihrer ganzen Größe erwachſen
und aufgeblüht iſt ſie erſt im Zeitalter der Kirchenreform, des Jnveſtitur-
ſtreits und der Kreuzzüge. Damals konnte ſie mit allem, was ſich aus ihr
entwickeln ließ, Gemeingut werden, damals hat ein religiöſes Genie aus
ihr die letzte, kühnſte Folgerung gezogen: daß dem, der über den Himmel
verfüge, von Rechts wegen auch die Erde gehöre. Ein gewaltiger Ge-
danke! Vielleicht hat der Menſchengeiſt nie einen größeren hervorge-
bracht: die irdiſche Welt unter der Herrſchaft eines Einzigen zuſammen-
gefaßt, der ſie kraft göttlicher Sendung regiert und durch die Vollmacht,
die ihm verliehen iſt, ihren Zuſammenhang mit dem Jenſeits herſtellt.
Die Zeitgenoſſen ſcheint das erſchreckt zu haben, ſie haben es ſich nicht
zu eigen gemacht. Aber offen zurückgewieſen iſt der Gedanke ebenſo-
wenig. Er bildet das Vermächtnis, das der Kirche vom Märtyrer ihres
Rechts und ihrer Freiheit hinterlaſſen iſt. Sie wird ſich mit dieſer Jdee

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0492" n="484"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#g">Rückblick und Ausblick</hi></fw><lb/>
&#x017F;ollen wir uns einreden, der Wun&#x017F;ch, möglich&#x017F;t viele Plätze an der<lb/>
Tafel der kirchlichen Einkünfte freizumachen, &#x017F;ei dabei nicht beteiligt<lb/>
gewe&#x017F;en? Was wir als unvermeidliche Begleiter&#x017F;cheinung aller Revo-<lb/>
lutionen kennen, wird gewiß auch hier nicht ausgeblieben &#x017F;ein.</p><lb/>
          <p>Das alles braucht man weder zu leugnen noch zu bemänteln, und wird<lb/>
doch fe&#x017F;thalten mü&#x017F;&#x017F;en, daß die &#x017F;tärk&#x017F;te Waffe, deren die Päp&#x017F;te &#x017F;ich<lb/>
bedienen konnten, der Glaube gewe&#x017F;en i&#x017F;t. Hätten &#x017F;ich nicht Männer<lb/>
und Frauen gefunden, zuer&#x017F;t wenige, dann immer mehr, die von der<lb/>
gottgegebenen Macht des heiligen Petrus und &#x017F;einer Amtserben tief<lb/>
durchdrungen waren, &#x017F;o hätten weder die Lanzen der Normannen noch<lb/>
das Geld der römi&#x017F;chen Neuchri&#x017F;ten noch alle diplomati&#x017F;chen Kün&#x017F;te und<lb/>
politi&#x017F;chen Ränke den Sieg des Pap&#x017F;tes herbeigeführt. Was ihn trium-<lb/>
phieren ließ, war in letzter Linie doch die Jdee, die er vertrat: daß ihm<lb/>
zu&#x017F;tehe, den Himmel zu öffnen und zu ver&#x017F;chließen. Sie gab ihm die<lb/>
geheimnisvolle Kraft, auf die die Anhänger blind vertrauten, vor der<lb/>
auch Wider&#x017F;trebende immer wieder zu&#x017F;ammenbrachen und &#x017F;ich beugten.<lb/>
Wer das leugnete, könnte eben&#x017F;ogut behaupten, es &#x017F;eien die Räder,<lb/>
die den Kraftwagen treiben. Der Sieg des Pap&#x017F;ttums war der Sieg<lb/>
einer Jdee. Daß die Gegner über keine gleich &#x017F;tarke, gleich mächtige<lb/>
verfügten, hat ihre Niederlage ent&#x017F;chieden.</p><lb/>
          <p>Jdeen gleichen den Pflanzen: &#x017F;ie brauchen Zeit, um zu wach&#x017F;en, &#x017F;ie<lb/>
bedürfen geeigneter Umgebung, um &#x017F;ich voll zu entfalten. Die Vor-<lb/>
&#x017F;tellung von Petrus dem Türhüter des Paradie&#x017F;es im buch&#x017F;täblichen<lb/>
Sinn war in der Wurzel alt, aber zu ihrer ganzen Größe erwach&#x017F;en<lb/>
und aufgeblüht i&#x017F;t &#x017F;ie er&#x017F;t im Zeitalter der Kirchenreform, des Jnve&#x017F;titur-<lb/>
&#x017F;treits und der Kreuzzüge. Damals konnte &#x017F;ie mit allem, was &#x017F;ich aus ihr<lb/>
entwickeln ließ, Gemeingut werden, damals hat ein religiö&#x017F;es Genie aus<lb/>
ihr die letzte, kühn&#x017F;te Folgerung gezogen: daß dem, der über den Himmel<lb/>
verfüge, von Rechts wegen auch die Erde gehöre. Ein gewaltiger Ge-<lb/>
danke! Vielleicht hat der Men&#x017F;chengei&#x017F;t nie einen größeren hervorge-<lb/>
bracht: die irdi&#x017F;che Welt unter der Herr&#x017F;chaft eines Einzigen zu&#x017F;ammen-<lb/>
gefaßt, der &#x017F;ie kraft göttlicher Sendung regiert und durch die Vollmacht,<lb/>
die ihm verliehen i&#x017F;t, ihren Zu&#x017F;ammenhang mit dem Jen&#x017F;eits her&#x017F;tellt.<lb/>
Die Zeitgeno&#x017F;&#x017F;en &#x017F;cheint das er&#x017F;chreckt zu haben, &#x017F;ie haben es &#x017F;ich nicht<lb/>
zu eigen gemacht. Aber offen zurückgewie&#x017F;en i&#x017F;t der Gedanke eben&#x017F;o-<lb/>
wenig. Er bildet das Vermächtnis, das der Kirche vom Märtyrer ihres<lb/>
Rechts und ihrer Freiheit hinterla&#x017F;&#x017F;en i&#x017F;t. Sie wird &#x017F;ich mit die&#x017F;er Jdee<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[484/0492] Rückblick und Ausblick ſollen wir uns einreden, der Wunſch, möglichſt viele Plätze an der Tafel der kirchlichen Einkünfte freizumachen, ſei dabei nicht beteiligt geweſen? Was wir als unvermeidliche Begleiterſcheinung aller Revo- lutionen kennen, wird gewiß auch hier nicht ausgeblieben ſein. Das alles braucht man weder zu leugnen noch zu bemänteln, und wird doch feſthalten müſſen, daß die ſtärkſte Waffe, deren die Päpſte ſich bedienen konnten, der Glaube geweſen iſt. Hätten ſich nicht Männer und Frauen gefunden, zuerſt wenige, dann immer mehr, die von der gottgegebenen Macht des heiligen Petrus und ſeiner Amtserben tief durchdrungen waren, ſo hätten weder die Lanzen der Normannen noch das Geld der römiſchen Neuchriſten noch alle diplomatiſchen Künſte und politiſchen Ränke den Sieg des Papſtes herbeigeführt. Was ihn trium- phieren ließ, war in letzter Linie doch die Jdee, die er vertrat: daß ihm zuſtehe, den Himmel zu öffnen und zu verſchließen. Sie gab ihm die geheimnisvolle Kraft, auf die die Anhänger blind vertrauten, vor der auch Widerſtrebende immer wieder zuſammenbrachen und ſich beugten. Wer das leugnete, könnte ebenſogut behaupten, es ſeien die Räder, die den Kraftwagen treiben. Der Sieg des Papſttums war der Sieg einer Jdee. Daß die Gegner über keine gleich ſtarke, gleich mächtige verfügten, hat ihre Niederlage entſchieden. Jdeen gleichen den Pflanzen: ſie brauchen Zeit, um zu wachſen, ſie bedürfen geeigneter Umgebung, um ſich voll zu entfalten. Die Vor- ſtellung von Petrus dem Türhüter des Paradieſes im buchſtäblichen Sinn war in der Wurzel alt, aber zu ihrer ganzen Größe erwachſen und aufgeblüht iſt ſie erſt im Zeitalter der Kirchenreform, des Jnveſtitur- ſtreits und der Kreuzzüge. Damals konnte ſie mit allem, was ſich aus ihr entwickeln ließ, Gemeingut werden, damals hat ein religiöſes Genie aus ihr die letzte, kühnſte Folgerung gezogen: daß dem, der über den Himmel verfüge, von Rechts wegen auch die Erde gehöre. Ein gewaltiger Ge- danke! Vielleicht hat der Menſchengeiſt nie einen größeren hervorge- bracht: die irdiſche Welt unter der Herrſchaft eines Einzigen zuſammen- gefaßt, der ſie kraft göttlicher Sendung regiert und durch die Vollmacht, die ihm verliehen iſt, ihren Zuſammenhang mit dem Jenſeits herſtellt. Die Zeitgenoſſen ſcheint das erſchreckt zu haben, ſie haben es ſich nicht zu eigen gemacht. Aber offen zurückgewieſen iſt der Gedanke ebenſo- wenig. Er bildet das Vermächtnis, das der Kirche vom Märtyrer ihres Rechts und ihrer Freiheit hinterlaſſen iſt. Sie wird ſich mit dieſer Jdee

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/492
Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 484. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/492>, abgerufen am 09.08.2020.