Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

Bild:
<< vorherige Seite


Rückblick
der Gedanke, dem es entsprang, so die Kräfte, denen es den Sieg ver-
dankte.

Von dem gewaltigen Kampf, den das gekostet hat, haben diese Blätter
erzählt, auch von den Waffen, mit denen er geführt wurde. Sie waren
nicht alle blank. Die Entscheidung haben Schwert und Lanze gebracht,
Geld und Gut, Treulosigkeit und Verrat haben mitgeholfen. Die Trup-
pen Mathildens und die Reiter der Normannen sind für den Erfolg
des Papsttums ebenso unentbehrlich gewesen wie der Abfall der Söhne
Heinrichs IV. Was ihm Anhänger zuführte, waren oft genug nicht die
saubersten Beweggründe. Fürstliche Habgier und niederen Klassenhaß
hat es vor seinen Wagen gespannt und Gegensätze profanster Jnteressen
auszunutzen nicht verschmäht. Was hat zu der unnatürlichen welfischen
Heirat geführt, wenn nicht die Rechnung auf eine fette Erbschaft, was der
römischen Sache größere Dienste geleistet als der mordende und plün-
dernde Pöbel der Pataria? Mit kirchlichen Dingen hatte der Aufstand
der Sachsen gegen Heinrich IV. so wenig zu tun wie die Fürstenerhebung
gegen Heinrich V., die den Jnvestiturstreit in Deutschland wieder ent-
fachte. Adalbert von Mainz ist vom Kaiser abgefallen und Vorkämpfer
des Papstes geworden aus rein persönlichen, bestenfalls landesfürstlichen
Gründen, und sein Vorgänger, von Heinrich IV. erhoben, lief zum
Papst über, weil der Kaiser seine Verwandten zur Rechenschaft zog,
die sich in einem Judengemetzel bereichert hatten. So und ähnlich ist es
an hundert Stellen gewesen, wo die Überlieferung uns einen Blick in die
Hintergründe tun läßt. Die Fürsten, die aus innerer Überzeugung der
kirchlichen Fahne folgen, bilden die Ausnahme. Man darf es getrost
aussprechen: ohne die Aufstände, die sich aus anderen Ursachen gegen die
Könige erhoben, hätte der Papst in Deutschland nicht viel erreicht. Wo
ihm ein einiges Reich unter einem willensstarken Herrscher gegenüber-
stand wie England unter Wilhelm I., prallten seine Bemühungen ab
wie Erbsen von der Wand. Erst die Unsicherheit, in der Heinrich I. mit
seinem zweifelhaften Erbrecht sich fühlte, hat ihm dort die Tür geöffnet.

Wie stand es endlich innerhalb der Reformpartei in der Kirche selbst?
Waren da die Beweggründe immer ganz rein, waren die Geistlichen,
die so stürmisch auf Beseitigung simonistischer und beweibter Priester
drängten, von jeder selbstischen Berechnung frei? Wenn wir sie immer
wieder darauf bestehen sehen, daß die neuen Grundsätze mit unerbitt-
licher Strenge und rückwirkender Kraft überall angewendet würden,


Rückblick
der Gedanke, dem es entſprang, ſo die Kräfte, denen es den Sieg ver-
dankte.

Von dem gewaltigen Kampf, den das gekoſtet hat, haben dieſe Blätter
erzählt, auch von den Waffen, mit denen er geführt wurde. Sie waren
nicht alle blank. Die Entſcheidung haben Schwert und Lanze gebracht,
Geld und Gut, Treuloſigkeit und Verrat haben mitgeholfen. Die Trup-
pen Mathildens und die Reiter der Normannen ſind für den Erfolg
des Papſttums ebenſo unentbehrlich geweſen wie der Abfall der Söhne
Heinrichs IV. Was ihm Anhänger zuführte, waren oft genug nicht die
ſauberſten Beweggründe. Fürſtliche Habgier und niederen Klaſſenhaß
hat es vor ſeinen Wagen geſpannt und Gegenſätze profanſter Jntereſſen
auszunutzen nicht verſchmäht. Was hat zu der unnatürlichen welfiſchen
Heirat geführt, wenn nicht die Rechnung auf eine fette Erbſchaft, was der
römiſchen Sache größere Dienſte geleiſtet als der mordende und plün-
dernde Pöbel der Pataria? Mit kirchlichen Dingen hatte der Aufſtand
der Sachſen gegen Heinrich IV. ſo wenig zu tun wie die Fürſtenerhebung
gegen Heinrich V., die den Jnveſtiturſtreit in Deutſchland wieder ent-
fachte. Adalbert von Mainz iſt vom Kaiſer abgefallen und Vorkämpfer
des Papſtes geworden aus rein perſönlichen, beſtenfalls landesfürſtlichen
Gründen, und ſein Vorgänger, von Heinrich IV. erhoben, lief zum
Papſt über, weil der Kaiſer ſeine Verwandten zur Rechenſchaft zog,
die ſich in einem Judengemetzel bereichert hatten. So und ähnlich iſt es
an hundert Stellen geweſen, wo die Überlieferung uns einen Blick in die
Hintergründe tun läßt. Die Fürſten, die aus innerer Überzeugung der
kirchlichen Fahne folgen, bilden die Ausnahme. Man darf es getroſt
ausſprechen: ohne die Aufſtände, die ſich aus anderen Urſachen gegen die
Könige erhoben, hätte der Papſt in Deutſchland nicht viel erreicht. Wo
ihm ein einiges Reich unter einem willensſtarken Herrſcher gegenüber-
ſtand wie England unter Wilhelm I., prallten ſeine Bemühungen ab
wie Erbſen von der Wand. Erſt die Unſicherheit, in der Heinrich I. mit
ſeinem zweifelhaften Erbrecht ſich fühlte, hat ihm dort die Tür geöffnet.

Wie ſtand es endlich innerhalb der Reformpartei in der Kirche ſelbſt?
Waren da die Beweggründe immer ganz rein, waren die Geiſtlichen,
die ſo ſtürmiſch auf Beſeitigung ſimoniſtiſcher und beweibter Prieſter
drängten, von jeder ſelbſtiſchen Berechnung frei? Wenn wir ſie immer
wieder darauf beſtehen ſehen, daß die neuen Grundſätze mit unerbitt-
licher Strenge und rückwirkender Kraft überall angewendet würden,

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0491" n="483"/><lb/>
<fw place="top" type="header"><hi rendition="#g">Rückblick</hi></fw><lb/>
der Gedanke, dem es ent&#x017F;prang, &#x017F;o die Kräfte, denen es den Sieg ver-<lb/>
dankte.</p><lb/>
          <p>Von dem gewaltigen Kampf, den das geko&#x017F;tet hat, haben die&#x017F;e Blätter<lb/>
erzählt, auch von den Waffen, mit denen er geführt wurde. Sie waren<lb/>
nicht alle blank. Die Ent&#x017F;cheidung haben Schwert und Lanze gebracht,<lb/>
Geld und Gut, Treulo&#x017F;igkeit und Verrat haben mitgeholfen. Die Trup-<lb/>
pen Mathildens und die Reiter der Normannen &#x017F;ind für den Erfolg<lb/>
des Pap&#x017F;ttums eben&#x017F;o unentbehrlich gewe&#x017F;en wie der Abfall der Söhne<lb/>
Heinrichs <hi rendition="#aq">IV</hi>. Was ihm Anhänger zuführte, waren oft genug nicht die<lb/>
&#x017F;auber&#x017F;ten Beweggründe. Für&#x017F;tliche Habgier und niederen Kla&#x017F;&#x017F;enhaß<lb/>
hat es vor &#x017F;einen Wagen ge&#x017F;pannt und Gegen&#x017F;ätze profan&#x017F;ter Jntere&#x017F;&#x017F;en<lb/>
auszunutzen nicht ver&#x017F;chmäht. Was hat zu der unnatürlichen welfi&#x017F;chen<lb/>
Heirat geführt, wenn nicht die Rechnung auf eine fette Erb&#x017F;chaft, was der<lb/>
römi&#x017F;chen Sache größere Dien&#x017F;te gelei&#x017F;tet als der mordende und plün-<lb/>
dernde Pöbel der Pataria? Mit kirchlichen Dingen hatte der Auf&#x017F;tand<lb/>
der Sach&#x017F;en gegen Heinrich <hi rendition="#aq">IV</hi>. &#x017F;o wenig zu tun wie die Für&#x017F;tenerhebung<lb/>
gegen Heinrich <hi rendition="#aq">V</hi>., die den Jnve&#x017F;titur&#x017F;treit in Deut&#x017F;chland wieder ent-<lb/>
fachte. Adalbert von Mainz i&#x017F;t vom Kai&#x017F;er abgefallen und Vorkämpfer<lb/>
des Pap&#x017F;tes geworden aus rein per&#x017F;önlichen, be&#x017F;tenfalls landesfür&#x017F;tlichen<lb/>
Gründen, und &#x017F;ein Vorgänger, von Heinrich <hi rendition="#aq">IV</hi>. erhoben, lief zum<lb/>
Pap&#x017F;t über, weil der Kai&#x017F;er &#x017F;eine Verwandten zur Rechen&#x017F;chaft zog,<lb/>
die &#x017F;ich in einem Judengemetzel bereichert hatten. So und ähnlich i&#x017F;t es<lb/>
an hundert Stellen gewe&#x017F;en, wo die Überlieferung uns einen Blick in die<lb/>
Hintergründe tun läßt. Die Für&#x017F;ten, die aus innerer Überzeugung der<lb/>
kirchlichen Fahne folgen, bilden die Ausnahme. Man darf es getro&#x017F;t<lb/>
aus&#x017F;prechen: ohne die Auf&#x017F;tände, die &#x017F;ich aus anderen Ur&#x017F;achen gegen die<lb/>
Könige erhoben, hätte der Pap&#x017F;t in Deut&#x017F;chland nicht viel erreicht. Wo<lb/>
ihm ein einiges Reich unter einem willens&#x017F;tarken Herr&#x017F;cher gegenüber-<lb/>
&#x017F;tand wie England unter Wilhelm <hi rendition="#aq">I</hi>., prallten &#x017F;eine Bemühungen ab<lb/>
wie Erb&#x017F;en von der Wand. Er&#x017F;t die Un&#x017F;icherheit, in der Heinrich <hi rendition="#aq">I</hi>. mit<lb/>
&#x017F;einem zweifelhaften Erbrecht &#x017F;ich fühlte, hat ihm dort die Tür geöffnet.</p><lb/>
          <p>Wie &#x017F;tand es endlich innerhalb der Reformpartei in der Kirche &#x017F;elb&#x017F;t?<lb/>
Waren da die Beweggründe immer ganz rein, waren die Gei&#x017F;tlichen,<lb/>
die &#x017F;o &#x017F;türmi&#x017F;ch auf Be&#x017F;eitigung &#x017F;imoni&#x017F;ti&#x017F;cher und beweibter Prie&#x017F;ter<lb/>
drängten, von jeder &#x017F;elb&#x017F;ti&#x017F;chen Berechnung frei? Wenn wir &#x017F;ie immer<lb/>
wieder darauf be&#x017F;tehen &#x017F;ehen, daß die neuen Grund&#x017F;ätze mit unerbitt-<lb/>
licher Strenge und rückwirkender Kraft überall angewendet würden,<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[483/0491] Rückblick der Gedanke, dem es entſprang, ſo die Kräfte, denen es den Sieg ver- dankte. Von dem gewaltigen Kampf, den das gekoſtet hat, haben dieſe Blätter erzählt, auch von den Waffen, mit denen er geführt wurde. Sie waren nicht alle blank. Die Entſcheidung haben Schwert und Lanze gebracht, Geld und Gut, Treuloſigkeit und Verrat haben mitgeholfen. Die Trup- pen Mathildens und die Reiter der Normannen ſind für den Erfolg des Papſttums ebenſo unentbehrlich geweſen wie der Abfall der Söhne Heinrichs IV. Was ihm Anhänger zuführte, waren oft genug nicht die ſauberſten Beweggründe. Fürſtliche Habgier und niederen Klaſſenhaß hat es vor ſeinen Wagen geſpannt und Gegenſätze profanſter Jntereſſen auszunutzen nicht verſchmäht. Was hat zu der unnatürlichen welfiſchen Heirat geführt, wenn nicht die Rechnung auf eine fette Erbſchaft, was der römiſchen Sache größere Dienſte geleiſtet als der mordende und plün- dernde Pöbel der Pataria? Mit kirchlichen Dingen hatte der Aufſtand der Sachſen gegen Heinrich IV. ſo wenig zu tun wie die Fürſtenerhebung gegen Heinrich V., die den Jnveſtiturſtreit in Deutſchland wieder ent- fachte. Adalbert von Mainz iſt vom Kaiſer abgefallen und Vorkämpfer des Papſtes geworden aus rein perſönlichen, beſtenfalls landesfürſtlichen Gründen, und ſein Vorgänger, von Heinrich IV. erhoben, lief zum Papſt über, weil der Kaiſer ſeine Verwandten zur Rechenſchaft zog, die ſich in einem Judengemetzel bereichert hatten. So und ähnlich iſt es an hundert Stellen geweſen, wo die Überlieferung uns einen Blick in die Hintergründe tun läßt. Die Fürſten, die aus innerer Überzeugung der kirchlichen Fahne folgen, bilden die Ausnahme. Man darf es getroſt ausſprechen: ohne die Aufſtände, die ſich aus anderen Urſachen gegen die Könige erhoben, hätte der Papſt in Deutſchland nicht viel erreicht. Wo ihm ein einiges Reich unter einem willensſtarken Herrſcher gegenüber- ſtand wie England unter Wilhelm I., prallten ſeine Bemühungen ab wie Erbſen von der Wand. Erſt die Unſicherheit, in der Heinrich I. mit ſeinem zweifelhaften Erbrecht ſich fühlte, hat ihm dort die Tür geöffnet. Wie ſtand es endlich innerhalb der Reformpartei in der Kirche ſelbſt? Waren da die Beweggründe immer ganz rein, waren die Geiſtlichen, die ſo ſtürmiſch auf Beſeitigung ſimoniſtiſcher und beweibter Prieſter drängten, von jeder ſelbſtiſchen Berechnung frei? Wenn wir ſie immer wieder darauf beſtehen ſehen, daß die neuen Grundſätze mit unerbitt- licher Strenge und rückwirkender Kraft überall angewendet würden,

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/491
Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 483. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/491>, abgerufen am 13.07.2020.