Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

Bild:
<< vorherige Seite

Rückblick
wollten, ist etwas Neues. Ein Anlauf dazu war im neunten Jahr-
hundert genommen worden und vor dem einmütigen Widerstand der
fränkischen Bischöfe steckengeblieben. Dann ist 200 Jahre lang Ähn-
liches nicht mehr versucht worden. Jetzt war es eingebürgert, wider-
spruchslos hingenommen. Die Phantasien Pseudoisidors, von ihrer Zeit
abgelehnt, hatten Gesetzeskraft erlangt, die alte, die ursprüngliche Ver-
fassung der Kirche, ihre abgestufte Ordnung in Diözesen und Provinzen,
war aufgelöst, die Rechte der Bischöfe und Metropoliten galten nur
noch, soweit der Papst sie duldete, und kein Hinkmar, kein Gerbert
hatte seine Stimme dagegen erhoben. Als Herr und Gebieter der Kirchen
und Geistlichen, nicht minder denn als Führer der Staaten und Völker
stand der eine Bischof von Rom an der Spitze des Abendlands.

Das Papsttum, das als Sieger aus dem Jnvestiturstreit hervorging,
war eine Neuschöpfung. Erinnern wir uns nur an die Verfassung, in
der Heinrich III. es vorfand, in der es vorher anderthalb Jahrhunderte
und länger bestanden hatte, so ist der Unterschied größer kaum zu denken.
Aber auch frühere Zeiten hatten Ähnliches nicht gekannt. Es war kein
Zurückgreifen auf ursprüngliche, einstmals wirkliche, dann abgekommene
Verhältnisse und ehedem lebendige, nur inzwischen vergessene Rechte,
was in der Erneuerung zum Durchbruch kam. Die Revolutionäre, die
sich auf die Vergangenheit beriefen und aus ihr die Richtschnur ihres
Strebens herzuleiten behaupteten, täuschten sich, wie alle, die ihr Jdeal
in der Vorzeit suchen, sich zu allen Zeiten getäuscht haben: was sie
wollten, hatte es nie gegeben. Kein römischer Gedanke, keine örtliche
Überlieferung kam darin zum Ausdruck, ganz im Gegenteil. Die Rolle,
die das Papsttum seit Heinrich III. und Leo IX. zu spielen begann, ist
ihm von Fremden diktiert worden im Gegensatz zu den einheimischen
Kräften, denen es bis dahin gehorcht hatte. Gregor VII., der einzige
Römer unter den Päpsten dieser Zeit, ist darin ein echter Prophet im
Vaterland, daß er, um sein Werk nur beginnen zu können, die eigene
Stadt erobern, ihre bisherigen Herren verdrängen und gewaltsam nieder-
ringen mußte. So sehr war dieses neue Papsttum dem Römertum fremd,
daß es noch zu einer Zeit, da es draußen in der Welt schon anerkannt
war, an seinem Sitz mit Widerständen um sein Dasein zu kämpfen
hatte, die es nur mit auswärtiger Hilfe besiegen konnte. Aus der ger-
manischen Welt des Nordens, aus Frankreich vor allem, kamen, wie

Rückblick
wollten, iſt etwas Neues. Ein Anlauf dazu war im neunten Jahr-
hundert genommen worden und vor dem einmütigen Widerſtand der
fränkiſchen Biſchöfe ſteckengeblieben. Dann iſt 200 Jahre lang Ähn-
liches nicht mehr verſucht worden. Jetzt war es eingebürgert, wider-
ſpruchslos hingenommen. Die Phantaſien Pſeudoiſidors, von ihrer Zeit
abgelehnt, hatten Geſetzeskraft erlangt, die alte, die urſprüngliche Ver-
faſſung der Kirche, ihre abgeſtufte Ordnung in Diözeſen und Provinzen,
war aufgelöſt, die Rechte der Biſchöfe und Metropoliten galten nur
noch, ſoweit der Papſt ſie duldete, und kein Hinkmar, kein Gerbert
hatte ſeine Stimme dagegen erhoben. Als Herr und Gebieter der Kirchen
und Geiſtlichen, nicht minder denn als Führer der Staaten und Völker
ſtand der eine Biſchof von Rom an der Spitze des Abendlands.

Das Papſttum, das als Sieger aus dem Jnveſtiturſtreit hervorging,
war eine Neuſchöpfung. Erinnern wir uns nur an die Verfaſſung, in
der Heinrich III. es vorfand, in der es vorher anderthalb Jahrhunderte
und länger beſtanden hatte, ſo iſt der Unterſchied größer kaum zu denken.
Aber auch frühere Zeiten hatten Ähnliches nicht gekannt. Es war kein
Zurückgreifen auf urſprüngliche, einſtmals wirkliche, dann abgekommene
Verhältniſſe und ehedem lebendige, nur inzwiſchen vergeſſene Rechte,
was in der Erneuerung zum Durchbruch kam. Die Revolutionäre, die
ſich auf die Vergangenheit beriefen und aus ihr die Richtſchnur ihres
Strebens herzuleiten behaupteten, täuſchten ſich, wie alle, die ihr Jdeal
in der Vorzeit ſuchen, ſich zu allen Zeiten getäuſcht haben: was ſie
wollten, hatte es nie gegeben. Kein römiſcher Gedanke, keine örtliche
Überlieferung kam darin zum Ausdruck, ganz im Gegenteil. Die Rolle,
die das Papſttum ſeit Heinrich III. und Leo IX. zu ſpielen begann, iſt
ihm von Fremden diktiert worden im Gegenſatz zu den einheimiſchen
Kräften, denen es bis dahin gehorcht hatte. Gregor VII., der einzige
Römer unter den Päpſten dieſer Zeit, iſt darin ein echter Prophet im
Vaterland, daß er, um ſein Werk nur beginnen zu können, die eigene
Stadt erobern, ihre bisherigen Herren verdrängen und gewaltſam nieder-
ringen mußte. So ſehr war dieſes neue Papſttum dem Römertum fremd,
daß es noch zu einer Zeit, da es draußen in der Welt ſchon anerkannt
war, an ſeinem Sitz mit Widerſtänden um ſein Daſein zu kämpfen
hatte, die es nur mit auswärtiger Hilfe beſiegen konnte. Aus der ger-
maniſchen Welt des Nordens, aus Frankreich vor allem, kamen, wie

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0490" n="482"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#g">Rückblick</hi></fw><lb/>
wollten, i&#x017F;t etwas Neues. Ein Anlauf dazu war im neunten Jahr-<lb/>
hundert genommen worden und vor dem einmütigen Wider&#x017F;tand der<lb/>
fränki&#x017F;chen Bi&#x017F;chöfe &#x017F;teckengeblieben. Dann i&#x017F;t 200 Jahre lang Ähn-<lb/>
liches nicht mehr ver&#x017F;ucht worden. Jetzt war es eingebürgert, wider-<lb/>
&#x017F;pruchslos hingenommen. Die Phanta&#x017F;ien P&#x017F;eudoi&#x017F;idors, von ihrer Zeit<lb/>
abgelehnt, hatten Ge&#x017F;etzeskraft erlangt, die alte, die ur&#x017F;prüngliche Ver-<lb/>
fa&#x017F;&#x017F;ung der Kirche, ihre abge&#x017F;tufte Ordnung in Diöze&#x017F;en und Provinzen,<lb/>
war aufgelö&#x017F;t, die Rechte der Bi&#x017F;chöfe und Metropoliten galten nur<lb/>
noch, &#x017F;oweit der Pap&#x017F;t &#x017F;ie duldete, und kein Hinkmar, kein Gerbert<lb/>
hatte &#x017F;eine Stimme dagegen erhoben. Als Herr und Gebieter der Kirchen<lb/>
und Gei&#x017F;tlichen, nicht minder denn als Führer der Staaten und Völker<lb/>
&#x017F;tand der eine Bi&#x017F;chof von Rom an der Spitze des Abendlands.</p><lb/>
          <p>Das Pap&#x017F;ttum, das als Sieger aus dem Jnve&#x017F;titur&#x017F;treit hervorging,<lb/>
war eine Neu&#x017F;chöpfung. Erinnern wir uns nur an die Verfa&#x017F;&#x017F;ung, in<lb/>
der Heinrich <hi rendition="#aq">III</hi>. es vorfand, in der es vorher anderthalb Jahrhunderte<lb/>
und länger be&#x017F;tanden hatte, &#x017F;o i&#x017F;t der Unter&#x017F;chied größer kaum zu denken.<lb/>
Aber auch frühere Zeiten hatten Ähnliches nicht gekannt. Es war kein<lb/>
Zurückgreifen auf ur&#x017F;prüngliche, ein&#x017F;tmals wirkliche, dann abgekommene<lb/>
Verhältni&#x017F;&#x017F;e und ehedem lebendige, nur inzwi&#x017F;chen verge&#x017F;&#x017F;ene Rechte,<lb/>
was in der Erneuerung zum Durchbruch kam. Die Revolutionäre, die<lb/>
&#x017F;ich auf die Vergangenheit beriefen und aus ihr die Richt&#x017F;chnur ihres<lb/>
Strebens herzuleiten behaupteten, täu&#x017F;chten &#x017F;ich, wie alle, die ihr Jdeal<lb/>
in der Vorzeit &#x017F;uchen, &#x017F;ich zu allen Zeiten getäu&#x017F;cht haben: was &#x017F;ie<lb/>
wollten, hatte es nie gegeben. Kein römi&#x017F;cher Gedanke, keine örtliche<lb/>
Überlieferung kam darin zum Ausdruck, ganz im Gegenteil. Die Rolle,<lb/>
die das Pap&#x017F;ttum &#x017F;eit Heinrich <hi rendition="#aq">III</hi>. und Leo <hi rendition="#aq">IX</hi>. zu &#x017F;pielen begann, i&#x017F;t<lb/>
ihm von Fremden diktiert worden im Gegen&#x017F;atz zu den einheimi&#x017F;chen<lb/>
Kräften, denen es bis dahin gehorcht hatte. Gregor <hi rendition="#aq">VII</hi>., der einzige<lb/>
Römer unter den Päp&#x017F;ten die&#x017F;er Zeit, i&#x017F;t darin ein echter Prophet im<lb/>
Vaterland, daß er, um &#x017F;ein Werk nur beginnen zu können, die eigene<lb/>
Stadt erobern, ihre bisherigen Herren verdrängen und gewalt&#x017F;am nieder-<lb/>
ringen mußte. So &#x017F;ehr war die&#x017F;es neue Pap&#x017F;ttum dem Römertum fremd,<lb/>
daß es noch zu einer Zeit, da es draußen in der Welt &#x017F;chon anerkannt<lb/>
war, an &#x017F;einem Sitz mit Wider&#x017F;tänden um &#x017F;ein Da&#x017F;ein zu kämpfen<lb/>
hatte, die es nur mit auswärtiger Hilfe be&#x017F;iegen konnte. Aus der ger-<lb/>
mani&#x017F;chen Welt des Nordens, aus Frankreich vor allem, kamen, wie<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[482/0490] Rückblick wollten, iſt etwas Neues. Ein Anlauf dazu war im neunten Jahr- hundert genommen worden und vor dem einmütigen Widerſtand der fränkiſchen Biſchöfe ſteckengeblieben. Dann iſt 200 Jahre lang Ähn- liches nicht mehr verſucht worden. Jetzt war es eingebürgert, wider- ſpruchslos hingenommen. Die Phantaſien Pſeudoiſidors, von ihrer Zeit abgelehnt, hatten Geſetzeskraft erlangt, die alte, die urſprüngliche Ver- faſſung der Kirche, ihre abgeſtufte Ordnung in Diözeſen und Provinzen, war aufgelöſt, die Rechte der Biſchöfe und Metropoliten galten nur noch, ſoweit der Papſt ſie duldete, und kein Hinkmar, kein Gerbert hatte ſeine Stimme dagegen erhoben. Als Herr und Gebieter der Kirchen und Geiſtlichen, nicht minder denn als Führer der Staaten und Völker ſtand der eine Biſchof von Rom an der Spitze des Abendlands. Das Papſttum, das als Sieger aus dem Jnveſtiturſtreit hervorging, war eine Neuſchöpfung. Erinnern wir uns nur an die Verfaſſung, in der Heinrich III. es vorfand, in der es vorher anderthalb Jahrhunderte und länger beſtanden hatte, ſo iſt der Unterſchied größer kaum zu denken. Aber auch frühere Zeiten hatten Ähnliches nicht gekannt. Es war kein Zurückgreifen auf urſprüngliche, einſtmals wirkliche, dann abgekommene Verhältniſſe und ehedem lebendige, nur inzwiſchen vergeſſene Rechte, was in der Erneuerung zum Durchbruch kam. Die Revolutionäre, die ſich auf die Vergangenheit beriefen und aus ihr die Richtſchnur ihres Strebens herzuleiten behaupteten, täuſchten ſich, wie alle, die ihr Jdeal in der Vorzeit ſuchen, ſich zu allen Zeiten getäuſcht haben: was ſie wollten, hatte es nie gegeben. Kein römiſcher Gedanke, keine örtliche Überlieferung kam darin zum Ausdruck, ganz im Gegenteil. Die Rolle, die das Papſttum ſeit Heinrich III. und Leo IX. zu ſpielen begann, iſt ihm von Fremden diktiert worden im Gegenſatz zu den einheimiſchen Kräften, denen es bis dahin gehorcht hatte. Gregor VII., der einzige Römer unter den Päpſten dieſer Zeit, iſt darin ein echter Prophet im Vaterland, daß er, um ſein Werk nur beginnen zu können, die eigene Stadt erobern, ihre bisherigen Herren verdrängen und gewaltſam nieder- ringen mußte. So ſehr war dieſes neue Papſttum dem Römertum fremd, daß es noch zu einer Zeit, da es draußen in der Welt ſchon anerkannt war, an ſeinem Sitz mit Widerſtänden um ſein Daſein zu kämpfen hatte, die es nur mit auswärtiger Hilfe beſiegen konnte. Aus der ger- maniſchen Welt des Nordens, aus Frankreich vor allem, kamen, wie

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/490
Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 482. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/490>, abgerufen am 13.08.2020.