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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Formen, aber in der Sache nicht minder, und im deutschen Reich behielt
der Herrscher auch nach 1125 noch das Recht, von der Kirche und ihren
Häuptern Dienste zu fordern. War also der ganze Kampf nicht im
Grunde umsonst geführt worden? Zwar die Jnvestitur mit Ring und
Stab war überall gefallen, die Sinnbilder des geistlichen Amtes waren
der Kirche zurückgegeben, und das Verbot der Laieninvestitur, bis dahin
ein stehender Punkt auf der Tagesordnung der Konzilien, verschwand
seit der Lateransynode von 1123 für immer aus ihren Akten. Von Jn-
vestitur sprach man nicht mehr, das Schlagwort geriet in Vergessenheit.
Sonst aber, im praktischen Leben, was hatte sich geändert? Dauerte
nicht der alte Zustand in neuen Formen fort?

Wer die Frage richtig beantworten will, hat sich zu erinnern, nicht
wogegen die Kirche, sondern wofür die Herrscher im Jnvestiturstreit
kämpften. Sie verteidigten etwas, das sie für ihr gutes, altes Recht hiel-
ten, geltendes Recht seit Menschengedenken. Dieses Recht hatten sie
preisgegeben. Das geschichtliche Gewohnheitsrecht des Staates war dem
idealen Recht der Kirche geopfert worden. Damit war stillschweigend
zugegeben, daß das Recht der Kirche höher stehe und der Staat es anzu-
erkennen und sich nach ihm zu richten habe. Unausgesprochen lag dieses
Bekenntnis den Abmachungen zugrunde, die in England und Deutschland
schriftlich und vertragsweise, in Frankreich kraft stiller Übereinkunft zwi-
schen Kirche und Staat getroffen waren. Die Rechte, die den Herrschern
verblieben, so bedeutend sie tatsächlich sein mochten, sie waren ihnen von
der Kirche einstweilen gelassen und konnten ihnen genommen werden.
Ob, wann und wie das geschehen würde, wie lange die Kirche die einst-
weilen zugestandene Duldung gewähren wollte, lag bei ihr und war eine
Frage der Macht und Gelegenheit. Jn Deutschland hatte man darauf
schon nach drei Jahren die Probe gemacht. Das ist der große und wesent-
liche Ertrag des Jnvestiturstreits: die Laienwelt, Staaten, Könige und
Fürsten, bekannten mit der Tat, daß die Kirche nicht bloß als Verwal-
terin der Sakramente, sondern als Rechtsanstalt über ihnen stehe, daß
das Recht der Kirche das bessere sei. Die Kirche aber -- dies ist das
andere Ergebnis -- war der Papst.

Frühere Zeiten haben weder vom einen noch vom andern etwas
gewußt. Die Art, in der die Päpste seit Leo IX. die Kirchen des Abend-
lands regierten, als unmittelbare Vorgesetzte und Richter jedes Bischofs,
jedes Geistlichen, jedes Bistums, jedes Klosters, wenn und sooft sie nur

Haller, Das Papsttum II1 31

Ergebniſſe
Formen, aber in der Sache nicht minder, und im deutſchen Reich behielt
der Herrſcher auch nach 1125 noch das Recht, von der Kirche und ihren
Häuptern Dienſte zu fordern. War alſo der ganze Kampf nicht im
Grunde umſonſt geführt worden? Zwar die Jnveſtitur mit Ring und
Stab war überall gefallen, die Sinnbilder des geiſtlichen Amtes waren
der Kirche zurückgegeben, und das Verbot der Laieninveſtitur, bis dahin
ein ſtehender Punkt auf der Tagesordnung der Konzilien, verſchwand
ſeit der Lateranſynode von 1123 für immer aus ihren Akten. Von Jn-
veſtitur ſprach man nicht mehr, das Schlagwort geriet in Vergeſſenheit.
Sonſt aber, im praktiſchen Leben, was hatte ſich geändert? Dauerte
nicht der alte Zuſtand in neuen Formen fort?

Wer die Frage richtig beantworten will, hat ſich zu erinnern, nicht
wogegen die Kirche, ſondern wofür die Herrſcher im Jnveſtiturſtreit
kämpften. Sie verteidigten etwas, das ſie für ihr gutes, altes Recht hiel-
ten, geltendes Recht ſeit Menſchengedenken. Dieſes Recht hatten ſie
preisgegeben. Das geſchichtliche Gewohnheitsrecht des Staates war dem
idealen Recht der Kirche geopfert worden. Damit war ſtillſchweigend
zugegeben, daß das Recht der Kirche höher ſtehe und der Staat es anzu-
erkennen und ſich nach ihm zu richten habe. Unausgeſprochen lag dieſes
Bekenntnis den Abmachungen zugrunde, die in England und Deutſchland
ſchriftlich und vertragsweiſe, in Frankreich kraft ſtiller Übereinkunft zwi-
ſchen Kirche und Staat getroffen waren. Die Rechte, die den Herrſchern
verblieben, ſo bedeutend ſie tatſächlich ſein mochten, ſie waren ihnen von
der Kirche einſtweilen gelaſſen und konnten ihnen genommen werden.
Ob, wann und wie das geſchehen würde, wie lange die Kirche die einſt-
weilen zugeſtandene Duldung gewähren wollte, lag bei ihr und war eine
Frage der Macht und Gelegenheit. Jn Deutſchland hatte man darauf
ſchon nach drei Jahren die Probe gemacht. Das iſt der große und weſent-
liche Ertrag des Jnveſtiturſtreits: die Laienwelt, Staaten, Könige und
Fürſten, bekannten mit der Tat, daß die Kirche nicht bloß als Verwal-
terin der Sakramente, ſondern als Rechtsanſtalt über ihnen ſtehe, daß
das Recht der Kirche das beſſere ſei. Die Kirche aber — dies iſt das
andere Ergebnis — war der Papſt.

Frühere Zeiten haben weder vom einen noch vom andern etwas
gewußt. Die Art, in der die Päpſte ſeit Leo IX. die Kirchen des Abend-
lands regierten, als unmittelbare Vorgeſetzte und Richter jedes Biſchofs,
jedes Geiſtlichen, jedes Bistums, jedes Kloſters, wenn und ſooft ſie nur

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[481/0489] Ergebniſſe Formen, aber in der Sache nicht minder, und im deutſchen Reich behielt der Herrſcher auch nach 1125 noch das Recht, von der Kirche und ihren Häuptern Dienſte zu fordern. War alſo der ganze Kampf nicht im Grunde umſonſt geführt worden? Zwar die Jnveſtitur mit Ring und Stab war überall gefallen, die Sinnbilder des geiſtlichen Amtes waren der Kirche zurückgegeben, und das Verbot der Laieninveſtitur, bis dahin ein ſtehender Punkt auf der Tagesordnung der Konzilien, verſchwand ſeit der Lateranſynode von 1123 für immer aus ihren Akten. Von Jn- veſtitur ſprach man nicht mehr, das Schlagwort geriet in Vergeſſenheit. Sonſt aber, im praktiſchen Leben, was hatte ſich geändert? Dauerte nicht der alte Zuſtand in neuen Formen fort? Wer die Frage richtig beantworten will, hat ſich zu erinnern, nicht wogegen die Kirche, ſondern wofür die Herrſcher im Jnveſtiturſtreit kämpften. Sie verteidigten etwas, das ſie für ihr gutes, altes Recht hiel- ten, geltendes Recht ſeit Menſchengedenken. Dieſes Recht hatten ſie preisgegeben. Das geſchichtliche Gewohnheitsrecht des Staates war dem idealen Recht der Kirche geopfert worden. Damit war ſtillſchweigend zugegeben, daß das Recht der Kirche höher ſtehe und der Staat es anzu- erkennen und ſich nach ihm zu richten habe. Unausgeſprochen lag dieſes Bekenntnis den Abmachungen zugrunde, die in England und Deutſchland ſchriftlich und vertragsweiſe, in Frankreich kraft ſtiller Übereinkunft zwi- ſchen Kirche und Staat getroffen waren. Die Rechte, die den Herrſchern verblieben, ſo bedeutend ſie tatſächlich ſein mochten, ſie waren ihnen von der Kirche einſtweilen gelaſſen und konnten ihnen genommen werden. Ob, wann und wie das geſchehen würde, wie lange die Kirche die einſt- weilen zugeſtandene Duldung gewähren wollte, lag bei ihr und war eine Frage der Macht und Gelegenheit. Jn Deutſchland hatte man darauf ſchon nach drei Jahren die Probe gemacht. Das iſt der große und weſent- liche Ertrag des Jnveſtiturſtreits: die Laienwelt, Staaten, Könige und Fürſten, bekannten mit der Tat, daß die Kirche nicht bloß als Verwal- terin der Sakramente, ſondern als Rechtsanſtalt über ihnen ſtehe, daß das Recht der Kirche das beſſere ſei. Die Kirche aber — dies iſt das andere Ergebnis — war der Papſt. Frühere Zeiten haben weder vom einen noch vom andern etwas gewußt. Die Art, in der die Päpſte ſeit Leo IX. die Kirchen des Abend- lands regierten, als unmittelbare Vorgeſetzte und Richter jedes Biſchofs, jedes Geiſtlichen, jedes Bistums, jedes Kloſters, wenn und ſooft ſie nur Haller, Das Papſttum II1 31

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 481. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/489>, abgerufen am 19.01.2020.