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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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einem Wandgemälde im Lateran verewigen ließ. Da sah man Hein-
rich V. dem Papst die Urkunde des Verzichts überreichen, deren vollen
Wortlaut der Beschauer lesen konnte.

So endete der Jnvestiturstreit in Deutschland. Er brachte dem
Papst einen wesentlich günstigeren Abschluß als in andern Ländern. Mit
Recht durfte er sich den Sieg zuschreiben.

Der volle, endgültige Sieg war es freilich weder dort noch anderswo,
die letzten Forderungen der Kirche waren nicht erfüllt. Daß das in
streng kirchlichen Kreisen empfunden wurde, wüßten wir, auch wenn es
nicht bezeugt wäre. Aus Deutschland hören wir bald die Klage, noch
sei die Bundeslade im Lande der Philister, da Bischöfe, Äbte und
Äbtissinnen genötigt würden, zu Hofe zu gehen, sich die Regalien geben
zu lassen und Huldigungs- oder Treueide zu schwören. Die Klage war
berechtigt, wenn man sich erinnert, worauf ursprünglich die Forderung
der Kirche gezielt hatte. Befreiung von weltlicher Herrschaft hatte
Humbert von Moyenmoutiers gefordert, Freiheit der Kirche war die
Losung gewesen, mit der Gregor VII. seine Anhänger zum Kampf auf-
rief, und seine verführerische Macht hatte das Schlagwort auch dieses
Mal bewährt. Die Freiheit aber war gewiß nicht erreicht, wenn allent-
halben die Häupter der Kirche genötigt waren, einem Laien sich zu
Dienst zu verpflichten, seine "Mannen" zu werden, indem sie vor ihm
niederknieten und ihm die gefalteten Hände reichten. Schweren Anstoß
nahm kirchliches Empfinden daran, daß -- wie ein oft wiederholtes
geflügeltes Wort lautete -- der Geistliche seine geweihten Hände, die
am Altar den Leib des Herrn berührten, in die blutbefleckten Hände eines
Kriegers legen mußte. Wäre es noch bei dieser äußeren Handlung ge-
blieben! Sie hatte dauernde Folgen gewichtigster Art. Sie zwang
Bischöfe und Äbte, dem König als Vassallen mit Tat und Rat zu dienen,
mit ihm zu Felde zu ziehen, seinen Hof zu besuchen, sooft er sie entbot.
Darin hatte man die Hauptwurzel der Übel gesehen, unter denen die
Kirche litt, daß "die Diener des Altars Diener des Hofes geworden"
waren. Sie waren es noch und sollten es bleiben. Nein, die Kirche war
noch nicht frei.

Was hatte sie eigentlich gewonnen? Jn England beherrschte der
König offen und unverkürzt die Bistümer und Abteien, in Frankreich
taten es die Landesherren, König und Fürsten, zwar in weniger deutlichen

Ergebniſſe
einem Wandgemälde im Lateran verewigen ließ. Da ſah man Hein-
rich V. dem Papſt die Urkunde des Verzichts überreichen, deren vollen
Wortlaut der Beſchauer leſen konnte.

So endete der Jnveſtiturſtreit in Deutſchland. Er brachte dem
Papſt einen weſentlich günſtigeren Abſchluß als in andern Ländern. Mit
Recht durfte er ſich den Sieg zuſchreiben.

Der volle, endgültige Sieg war es freilich weder dort noch anderswo,
die letzten Forderungen der Kirche waren nicht erfüllt. Daß das in
ſtreng kirchlichen Kreiſen empfunden wurde, wüßten wir, auch wenn es
nicht bezeugt wäre. Aus Deutſchland hören wir bald die Klage, noch
ſei die Bundeslade im Lande der Philiſter, da Biſchöfe, Äbte und
Äbtiſſinnen genötigt würden, zu Hofe zu gehen, ſich die Regalien geben
zu laſſen und Huldigungs- oder Treueide zu ſchwören. Die Klage war
berechtigt, wenn man ſich erinnert, worauf urſprünglich die Forderung
der Kirche gezielt hatte. Befreiung von weltlicher Herrſchaft hatte
Humbert von Moyenmoutiers gefordert, Freiheit der Kirche war die
Loſung geweſen, mit der Gregor VII. ſeine Anhänger zum Kampf auf-
rief, und ſeine verführeriſche Macht hatte das Schlagwort auch dieſes
Mal bewährt. Die Freiheit aber war gewiß nicht erreicht, wenn allent-
halben die Häupter der Kirche genötigt waren, einem Laien ſich zu
Dienſt zu verpflichten, ſeine „Mannen“ zu werden, indem ſie vor ihm
niederknieten und ihm die gefalteten Hände reichten. Schweren Anſtoß
nahm kirchliches Empfinden daran, daß — wie ein oft wiederholtes
geflügeltes Wort lautete — der Geiſtliche ſeine geweihten Hände, die
am Altar den Leib des Herrn berührten, in die blutbefleckten Hände eines
Kriegers legen mußte. Wäre es noch bei dieſer äußeren Handlung ge-
blieben! Sie hatte dauernde Folgen gewichtigſter Art. Sie zwang
Biſchöfe und Äbte, dem König als Vaſſallen mit Tat und Rat zu dienen,
mit ihm zu Felde zu ziehen, ſeinen Hof zu beſuchen, ſooft er ſie entbot.
Darin hatte man die Hauptwurzel der Übel geſehen, unter denen die
Kirche litt, daß „die Diener des Altars Diener des Hofes geworden“
waren. Sie waren es noch und ſollten es bleiben. Nein, die Kirche war
noch nicht frei.

Was hatte ſie eigentlich gewonnen? Jn England beherrſchte der
König offen und unverkürzt die Bistümer und Abteien, in Frankreich
taten es die Landesherren, König und Fürſten, zwar in weniger deutlichen

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[480/0488] Ergebniſſe einem Wandgemälde im Lateran verewigen ließ. Da ſah man Hein- rich V. dem Papſt die Urkunde des Verzichts überreichen, deren vollen Wortlaut der Beſchauer leſen konnte. So endete der Jnveſtiturſtreit in Deutſchland. Er brachte dem Papſt einen weſentlich günſtigeren Abſchluß als in andern Ländern. Mit Recht durfte er ſich den Sieg zuſchreiben. Der volle, endgültige Sieg war es freilich weder dort noch anderswo, die letzten Forderungen der Kirche waren nicht erfüllt. Daß das in ſtreng kirchlichen Kreiſen empfunden wurde, wüßten wir, auch wenn es nicht bezeugt wäre. Aus Deutſchland hören wir bald die Klage, noch ſei die Bundeslade im Lande der Philiſter, da Biſchöfe, Äbte und Äbtiſſinnen genötigt würden, zu Hofe zu gehen, ſich die Regalien geben zu laſſen und Huldigungs- oder Treueide zu ſchwören. Die Klage war berechtigt, wenn man ſich erinnert, worauf urſprünglich die Forderung der Kirche gezielt hatte. Befreiung von weltlicher Herrſchaft hatte Humbert von Moyenmoutiers gefordert, Freiheit der Kirche war die Loſung geweſen, mit der Gregor VII. ſeine Anhänger zum Kampf auf- rief, und ſeine verführeriſche Macht hatte das Schlagwort auch dieſes Mal bewährt. Die Freiheit aber war gewiß nicht erreicht, wenn allent- halben die Häupter der Kirche genötigt waren, einem Laien ſich zu Dienſt zu verpflichten, ſeine „Mannen“ zu werden, indem ſie vor ihm niederknieten und ihm die gefalteten Hände reichten. Schweren Anſtoß nahm kirchliches Empfinden daran, daß — wie ein oft wiederholtes geflügeltes Wort lautete — der Geiſtliche ſeine geweihten Hände, die am Altar den Leib des Herrn berührten, in die blutbefleckten Hände eines Kriegers legen mußte. Wäre es noch bei dieſer äußeren Handlung ge- blieben! Sie hatte dauernde Folgen gewichtigſter Art. Sie zwang Biſchöfe und Äbte, dem König als Vaſſallen mit Tat und Rat zu dienen, mit ihm zu Felde zu ziehen, ſeinen Hof zu beſuchen, ſooft er ſie entbot. Darin hatte man die Hauptwurzel der Übel geſehen, unter denen die Kirche litt, daß „die Diener des Altars Diener des Hofes geworden“ waren. Sie waren es noch und ſollten es bleiben. Nein, die Kirche war noch nicht frei. Was hatte ſie eigentlich gewonnen? Jn England beherrſchte der König offen und unverkürzt die Bistümer und Abteien, in Frankreich taten es die Landesherren, König und Fürſten, zwar in weniger deutlichen

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 480. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/488>, abgerufen am 13.08.2020.