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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Heinrichs V. Tod. Neuregelung
getreten sind, wissen wir nicht, aber um die Jahreswende 1124/1125
war bei ihm der Krebs festgestellt. Am 23. Mai 1125 endete sein
Leben. Mit seinem Tode erlosch alles, was die Kirche ihm als Ent-
schädigung für den Verzicht auf die Jnvestitur mit Ring und Stab
eingeräumt hatte: Wahl in Gegenwart des Königs, Belehnung und
Huldigung des Gewählten. Bestehen blieb der Verzicht des Königs,
Gott und den heiligen Petrus und Paulus geleistet und von den Fürsten
des Reichs beglaubigt, mithin für immer gültig. Die Gegenleistungen
der Kirche fielen dahin, der Nachfolger fand nichts vor. Ansprüche zu
erheben hatte er kein formales Recht; wieviel man ihm zugestehen würde,
ob überhaupt etwas, war eine offene Frage.

Der neue König, Herzog Lothar von Sachsen, wurde unter kirch-
lichem Einfluß im August 1125 erhoben. Leiter der Wahl war Adalbert
von Mainz, der Reichskanzler von 1111, längst Vertreter römisch-
kirchlicher Forderungen, weil Gegner der Königsmacht. Zwei Kardinäle
standen ihm als Legaten hilfreich zur Seite. Unmittelbar nach der Wahl
schritt man dazu, die Lücke auszufüllen, die durch das Erlöschen der
Wormser Zugeständnisse entstanden war. Dabei vertraten die Fürsten
das Recht des Reichs; was dagegen der König verlangen mußte, blieb
unvertreten. Lothar, der seine Erhebung der Kirche verdankte, konnte
an sie keine Forderungen stellen. Dem entsprach der Beschluß. Das
Eigentum des Reichs an den "Regalien" der Prälaten wurde aufrecht-
erhalten, dementsprechend auch ihre Belehnung und Huldigung; das
verlangten die Fürsten. Was Heinrich V. persönlich durchgesetzt hatte,
Wahl in seiner Gegenwart und unmittelbar anschließende Belehnung
und Huldigung, fiel hinweg. Künftig sollte die Wahl von jedem Einfluß
des Königs frei sein und der Gewählte die Weihe vor der Belehnung
empfangen. Daß damit Bistümer und Abteien auch in Deutschland,
ebenso wie früher schon in Jtalien, der Hand des Königs tatsächlich
entglitten, ist nicht zu leugnen.

Ein großer Erfolg für den Papst! Wieviel unabhängiger wurde er
vom König und Kaiser, wenn dieser weder in Deutschland noch in
Jtalien mit Sicherheit auf den Gehorsam der geistlichen Fürsten zählen
konnte, die als Bischöfe und Äbte dem Papst unterstanden! So warf das
Schicksal ihm noch nachträglich einen Vorteil zu, auf den er ohne den
unerwartet frühen Tod des Kaisers nicht hätte rechnen dürfen. Es ist
begreiflich, daß Rom sich als Sieger fühlte und seinen Triumph in

Heinrichs V. Tod. Neuregelung
getreten ſind, wiſſen wir nicht, aber um die Jahreswende 1124/1125
war bei ihm der Krebs feſtgeſtellt. Am 23. Mai 1125 endete ſein
Leben. Mit ſeinem Tode erloſch alles, was die Kirche ihm als Ent-
ſchädigung für den Verzicht auf die Jnveſtitur mit Ring und Stab
eingeräumt hatte: Wahl in Gegenwart des Königs, Belehnung und
Huldigung des Gewählten. Beſtehen blieb der Verzicht des Königs,
Gott und den heiligen Petrus und Paulus geleiſtet und von den Fürſten
des Reichs beglaubigt, mithin für immer gültig. Die Gegenleiſtungen
der Kirche fielen dahin, der Nachfolger fand nichts vor. Anſprüche zu
erheben hatte er kein formales Recht; wieviel man ihm zugeſtehen würde,
ob überhaupt etwas, war eine offene Frage.

Der neue König, Herzog Lothar von Sachſen, wurde unter kirch-
lichem Einfluß im Auguſt 1125 erhoben. Leiter der Wahl war Adalbert
von Mainz, der Reichskanzler von 1111, längſt Vertreter römiſch-
kirchlicher Forderungen, weil Gegner der Königsmacht. Zwei Kardinäle
ſtanden ihm als Legaten hilfreich zur Seite. Unmittelbar nach der Wahl
ſchritt man dazu, die Lücke auszufüllen, die durch das Erlöſchen der
Wormſer Zugeſtändniſſe entſtanden war. Dabei vertraten die Fürſten
das Recht des Reichs; was dagegen der König verlangen mußte, blieb
unvertreten. Lothar, der ſeine Erhebung der Kirche verdankte, konnte
an ſie keine Forderungen ſtellen. Dem entſprach der Beſchluß. Das
Eigentum des Reichs an den „Regalien“ der Prälaten wurde aufrecht-
erhalten, dementſprechend auch ihre Belehnung und Huldigung; das
verlangten die Fürſten. Was Heinrich V. perſönlich durchgeſetzt hatte,
Wahl in ſeiner Gegenwart und unmittelbar anſchließende Belehnung
und Huldigung, fiel hinweg. Künftig ſollte die Wahl von jedem Einfluß
des Königs frei ſein und der Gewählte die Weihe vor der Belehnung
empfangen. Daß damit Bistümer und Abteien auch in Deutſchland,
ebenſo wie früher ſchon in Jtalien, der Hand des Königs tatſächlich
entglitten, iſt nicht zu leugnen.

Ein großer Erfolg für den Papſt! Wieviel unabhängiger wurde er
vom König und Kaiſer, wenn dieſer weder in Deutſchland noch in
Jtalien mit Sicherheit auf den Gehorſam der geiſtlichen Fürſten zählen
konnte, die als Biſchöfe und Äbte dem Papſt unterſtanden! So warf das
Schickſal ihm noch nachträglich einen Vorteil zu, auf den er ohne den
unerwartet frühen Tod des Kaiſers nicht hätte rechnen dürfen. Es iſt
begreiflich, daß Rom ſich als Sieger fühlte und ſeinen Triumph in

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[479/0487] Heinrichs V. Tod. Neuregelung getreten ſind, wiſſen wir nicht, aber um die Jahreswende 1124/1125 war bei ihm der Krebs feſtgeſtellt. Am 23. Mai 1125 endete ſein Leben. Mit ſeinem Tode erloſch alles, was die Kirche ihm als Ent- ſchädigung für den Verzicht auf die Jnveſtitur mit Ring und Stab eingeräumt hatte: Wahl in Gegenwart des Königs, Belehnung und Huldigung des Gewählten. Beſtehen blieb der Verzicht des Königs, Gott und den heiligen Petrus und Paulus geleiſtet und von den Fürſten des Reichs beglaubigt, mithin für immer gültig. Die Gegenleiſtungen der Kirche fielen dahin, der Nachfolger fand nichts vor. Anſprüche zu erheben hatte er kein formales Recht; wieviel man ihm zugeſtehen würde, ob überhaupt etwas, war eine offene Frage. Der neue König, Herzog Lothar von Sachſen, wurde unter kirch- lichem Einfluß im Auguſt 1125 erhoben. Leiter der Wahl war Adalbert von Mainz, der Reichskanzler von 1111, längſt Vertreter römiſch- kirchlicher Forderungen, weil Gegner der Königsmacht. Zwei Kardinäle ſtanden ihm als Legaten hilfreich zur Seite. Unmittelbar nach der Wahl ſchritt man dazu, die Lücke auszufüllen, die durch das Erlöſchen der Wormſer Zugeſtändniſſe entſtanden war. Dabei vertraten die Fürſten das Recht des Reichs; was dagegen der König verlangen mußte, blieb unvertreten. Lothar, der ſeine Erhebung der Kirche verdankte, konnte an ſie keine Forderungen ſtellen. Dem entſprach der Beſchluß. Das Eigentum des Reichs an den „Regalien“ der Prälaten wurde aufrecht- erhalten, dementſprechend auch ihre Belehnung und Huldigung; das verlangten die Fürſten. Was Heinrich V. perſönlich durchgeſetzt hatte, Wahl in ſeiner Gegenwart und unmittelbar anſchließende Belehnung und Huldigung, fiel hinweg. Künftig ſollte die Wahl von jedem Einfluß des Königs frei ſein und der Gewählte die Weihe vor der Belehnung empfangen. Daß damit Bistümer und Abteien auch in Deutſchland, ebenſo wie früher ſchon in Jtalien, der Hand des Königs tatſächlich entglitten, iſt nicht zu leugnen. Ein großer Erfolg für den Papſt! Wieviel unabhängiger wurde er vom König und Kaiſer, wenn dieſer weder in Deutſchland noch in Jtalien mit Sicherheit auf den Gehorſam der geiſtlichen Fürſten zählen konnte, die als Biſchöfe und Äbte dem Papſt unterſtanden! So warf das Schickſal ihm noch nachträglich einen Vorteil zu, auf den er ohne den unerwartet frühen Tod des Kaiſers nicht hätte rechnen dürfen. Es iſt begreiflich, daß Rom ſich als Sieger fühlte und ſeinen Triumph in

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 479. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/487>, abgerufen am 18.01.2020.