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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Vertrag von Worms
uns, daß Paschalis II. den von Anselm getroffenen Verabredungen nur
zugestimmt hatte in der Erwartung, der König werde eines Tages auf
Belehnung und Huldigung der Bischöfe verzichten. Von Heinrich V. hat
Calixt II. das nicht erwartet, aber er hat in anderer Weise dafür gesorgt,
daß das, was er einräumte, nicht für alle Zeiten bindend blieb. Seine
Urkunde begann mit den Worten: "Jch, Calixt, gewähre Dir, Heinrich."
Sie galt also nur Heinrich persönlich, nicht seinen Nachfolgern. Sie
verpflichtete strenggenommen auch nur den, der sie ausstellte, Calixt II.
Ob nicht schon ein anderer Papst würde zurücknehmen dürfen, was sein
Vorgänger bewilligt hatte, mochte dahingestellt bleiben, die Dauer der
von der Kirche gemachten Zugeständnisse war unter allen Umständen
auf die Lebenszeit Heinrichs V. beschränkt. Wir wären also berechtigt,
von einem Wormser Jnterim statt von einem Konkordat zu sprechen.

Heinrich V. war durch Erfahrung darüber belehrt, daß auf Wort und
Brief eines Papstes nicht in allen Fällen sicherer Verlaß sei. Über dem
Papst, mochte man seine Befugnisse grundsätzlich noch so hoch in den
Himmel erheben, stand unter Umständen immer noch die Kirche. Daß
die Kirche ausdrücklich anerkenne, was der Papst ihm zusagte, wird der
Kaiser gefordert haben. Jm März 1123 trat im Lateran die Synode
zusammen, der diese Aufgabe gestellt war. Sie soll sehr zahlreich besucht,
Jtalien nahezu vollzählig vertreten gewesen sein. Übertreibend wird von
300 und mehr anwesenden Bischöfen berichtet. Da schien es nun, als
sollte die Einigung noch im letzten Augenblick scheitern. Der Verzicht
des Kaisers wurde verlesen und mit lebhaftem Beifall zur Kenntnis
genommen, die Urkunde des Papstes dagegen von vielen Seiten mit
lautem Widerspruch abgelehnt, der sich erst legte, als Calixt die Ver-
sicherung abgab, die Zugeständnisse sollten "nicht gebilligt, sondern um
des Friedens willen geduldet" werden. Damit beruhigte man sich: nicht
Friede für alle Zukunft, nur Waffenstillstand auf absehbare Zeit.

Vielleicht hat man damals in Rom zu wissen geglaubt, daß der Zeit-
raum, für den die Abmachungen gelten sollten, schon seinem Ende ent-
gegenging. Heinrich V. stand im besten Mannesalter, zweiundvierzig
Jahre alt. Als er in Worms mit der Kirche einen Vertrag für seine
Lebenszeit schloß, durfte er nach menschlichem Ermessen damit rechnen,
daß das, was er für sich persönlich errang, im Lauf einer längeren Re-
gierung sich einbürgern und zum bleibenden Recht des Reiches werden
würde. Er irrte sich. Wann die Anzeichen tödlicher Krankheit zuerst auf-

Vertrag von Worms
uns, daß Paſchalis II. den von Anſelm getroffenen Verabredungen nur
zugeſtimmt hatte in der Erwartung, der König werde eines Tages auf
Belehnung und Huldigung der Biſchöfe verzichten. Von Heinrich V. hat
Calixt II. das nicht erwartet, aber er hat in anderer Weiſe dafür geſorgt,
daß das, was er einräumte, nicht für alle Zeiten bindend blieb. Seine
Urkunde begann mit den Worten: „Jch, Calixt, gewähre Dir, Heinrich.“
Sie galt alſo nur Heinrich perſönlich, nicht ſeinen Nachfolgern. Sie
verpflichtete ſtrenggenommen auch nur den, der ſie ausſtellte, Calixt II.
Ob nicht ſchon ein anderer Papſt würde zurücknehmen dürfen, was ſein
Vorgänger bewilligt hatte, mochte dahingeſtellt bleiben, die Dauer der
von der Kirche gemachten Zugeſtändniſſe war unter allen Umſtänden
auf die Lebenszeit Heinrichs V. beſchränkt. Wir wären alſo berechtigt,
von einem Wormſer Jnterim ſtatt von einem Konkordat zu ſprechen.

Heinrich V. war durch Erfahrung darüber belehrt, daß auf Wort und
Brief eines Papſtes nicht in allen Fällen ſicherer Verlaß ſei. Über dem
Papſt, mochte man ſeine Befugniſſe grundſätzlich noch ſo hoch in den
Himmel erheben, ſtand unter Umſtänden immer noch die Kirche. Daß
die Kirche ausdrücklich anerkenne, was der Papſt ihm zuſagte, wird der
Kaiſer gefordert haben. Jm März 1123 trat im Lateran die Synode
zuſammen, der dieſe Aufgabe geſtellt war. Sie ſoll ſehr zahlreich beſucht,
Jtalien nahezu vollzählig vertreten geweſen ſein. Übertreibend wird von
300 und mehr anweſenden Biſchöfen berichtet. Da ſchien es nun, als
ſollte die Einigung noch im letzten Augenblick ſcheitern. Der Verzicht
des Kaiſers wurde verleſen und mit lebhaftem Beifall zur Kenntnis
genommen, die Urkunde des Papſtes dagegen von vielen Seiten mit
lautem Widerſpruch abgelehnt, der ſich erſt legte, als Calixt die Ver-
ſicherung abgab, die Zugeſtändniſſe ſollten „nicht gebilligt, ſondern um
des Friedens willen geduldet“ werden. Damit beruhigte man ſich: nicht
Friede für alle Zukunft, nur Waffenſtillſtand auf abſehbare Zeit.

Vielleicht hat man damals in Rom zu wiſſen geglaubt, daß der Zeit-
raum, für den die Abmachungen gelten ſollten, ſchon ſeinem Ende ent-
gegenging. Heinrich V. ſtand im beſten Mannesalter, zweiundvierzig
Jahre alt. Als er in Worms mit der Kirche einen Vertrag für ſeine
Lebenszeit ſchloß, durfte er nach menſchlichem Ermeſſen damit rechnen,
daß das, was er für ſich perſönlich errang, im Lauf einer längeren Re-
gierung ſich einbürgern und zum bleibenden Recht des Reiches werden
würde. Er irrte ſich. Wann die Anzeichen tödlicher Krankheit zuerſt auf-

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[478/0486] Vertrag von Worms uns, daß Paſchalis II. den von Anſelm getroffenen Verabredungen nur zugeſtimmt hatte in der Erwartung, der König werde eines Tages auf Belehnung und Huldigung der Biſchöfe verzichten. Von Heinrich V. hat Calixt II. das nicht erwartet, aber er hat in anderer Weiſe dafür geſorgt, daß das, was er einräumte, nicht für alle Zeiten bindend blieb. Seine Urkunde begann mit den Worten: „Jch, Calixt, gewähre Dir, Heinrich.“ Sie galt alſo nur Heinrich perſönlich, nicht ſeinen Nachfolgern. Sie verpflichtete ſtrenggenommen auch nur den, der ſie ausſtellte, Calixt II. Ob nicht ſchon ein anderer Papſt würde zurücknehmen dürfen, was ſein Vorgänger bewilligt hatte, mochte dahingeſtellt bleiben, die Dauer der von der Kirche gemachten Zugeſtändniſſe war unter allen Umſtänden auf die Lebenszeit Heinrichs V. beſchränkt. Wir wären alſo berechtigt, von einem Wormſer Jnterim ſtatt von einem Konkordat zu ſprechen. Heinrich V. war durch Erfahrung darüber belehrt, daß auf Wort und Brief eines Papſtes nicht in allen Fällen ſicherer Verlaß ſei. Über dem Papſt, mochte man ſeine Befugniſſe grundſätzlich noch ſo hoch in den Himmel erheben, ſtand unter Umſtänden immer noch die Kirche. Daß die Kirche ausdrücklich anerkenne, was der Papſt ihm zuſagte, wird der Kaiſer gefordert haben. Jm März 1123 trat im Lateran die Synode zuſammen, der dieſe Aufgabe geſtellt war. Sie ſoll ſehr zahlreich beſucht, Jtalien nahezu vollzählig vertreten geweſen ſein. Übertreibend wird von 300 und mehr anweſenden Biſchöfen berichtet. Da ſchien es nun, als ſollte die Einigung noch im letzten Augenblick ſcheitern. Der Verzicht des Kaiſers wurde verleſen und mit lebhaftem Beifall zur Kenntnis genommen, die Urkunde des Papſtes dagegen von vielen Seiten mit lautem Widerſpruch abgelehnt, der ſich erſt legte, als Calixt die Ver- ſicherung abgab, die Zugeſtändniſſe ſollten „nicht gebilligt, ſondern um des Friedens willen geduldet“ werden. Damit beruhigte man ſich: nicht Friede für alle Zukunft, nur Waffenſtillſtand auf abſehbare Zeit. Vielleicht hat man damals in Rom zu wiſſen geglaubt, daß der Zeit- raum, für den die Abmachungen gelten ſollten, ſchon ſeinem Ende ent- gegenging. Heinrich V. ſtand im beſten Mannesalter, zweiundvierzig Jahre alt. Als er in Worms mit der Kirche einen Vertrag für ſeine Lebenszeit ſchloß, durfte er nach menſchlichem Ermeſſen damit rechnen, daß das, was er für ſich perſönlich errang, im Lauf einer längeren Re- gierung ſich einbürgern und zum bleibenden Recht des Reiches werden würde. Er irrte ſich. Wann die Anzeichen tödlicher Krankheit zuerſt auf-

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 478. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/486>, abgerufen am 19.01.2020.